Overblog
Edit post Folge diesem Blog Administration + Create my blog
12. Oktober 2016 3 12 /10 /Oktober /2016 09:40
Geografie der Zeit


Heute möchte ich auf eine interessante Ausstellung hier in Frankfurt verweisen. Der Titel der Ausstellung lautet: Geografie der Zeit"... Zu sehen ist eine Einzelausstellung von Fiona Tan. Fiona Tan ist Indonesierin, lebt und arbeitet in Amsterdam und Los Angeles. Zu erkunden ist ein Parcours, auf dem sich Videoprojektionen, Audio- und skulpturale Arbeiten reflektierend über das Individuum in einer aus den Fugen geratenen globalisierten Welt zeigen.

Ich bin ein wenig über den Titel der Ausstellung gestolpert. Hm...dachte ich "Geografie der Zeit"? Kann "Zeit" erfaßt werden, so dachte ich. Denn Geografie ist ja nichts anderes als das Erfassen, Beschreiben und Erklären der Erde mit all dem, was an Leben auf ihr geschieht. Viele Denker, Philosophen, Wissenschaftler haben sich mit der Zeit beschäftigt, versucht, sie einzufangen, sie zu erklären. Was ist Zeit? Viona Tan will sich mit ihrer Ausstellung jedoch nicht auf Zeit als Begriff oder Definition beziehen, sondern sie möchte eine Darstellung, Wiedergabe wie das Leben sich in Vergangenheit und Gegengewart auf unserer Erde gestaltet hat und vorangeschritten ist, die Auswirkungen daraus resultierend und sie gibt einen apokalyptischen Ausblick auf die Zukunft, hervorgeholt aus einem überdimensionalen großen Wandteppich aus dem Mittelalter, der heute noch in Frankreich zu bestaunen ist, ganze 5 Meter hoch und über hundert Metern Länge, übrigens die größte noch erhaltene Webarbeit aus dieser Zeit, jedenfalls so haben die Menschen des Mittelalters in ihren Ängsten und Sorgen um das Geschehen auf Erden die Zukunft gesehen. Und wenn diese apokalyptischen Darstellungen betrachtet werden, kann sich des Eindrucks nicht erwehrt werden, wir sind nicht weit davon entfernt.

Ich weiß nicht, wie es manch einem Betrachter von Ausstellungen geht, wenn er sie betritt. Ich jedenfalls muss sofort berührt und gefesselt sein, von dem, was ich erblicke. Es muss mich treffen, und zwar ins Herz. Und genau das ist passiert, als ich die erste Arbeit zu Beginn der Ausstellung sah. Sie trägt den Titel 1 to 87, 2014. Diese Bezeichnung bezieht sich auf den Maßstab 1:87, der auch als Nenngröße HO bezeichnet wird und einer genormten Baugröße für Modelleisenbahnen entspricht.

Und genau das findet man vor. Eine Miniatureisenbahnlandschaft, wie wir sie kennen aus Kindheitstagen oder von plattgedrückten Nasen an weihnachtlich geschmückten Schaufenstern, von denen wir uns nicht lösen konnten und nicht merkten, dass die Hände kalt und steif wurden und die Nase anfing zu laufen, ich jedenfalls. Wenn ich in den Frankfurter Hauptbahnhof gehe, bleibe ich oft an der kleinen hinter Glas in einem Kasten befindlichen Miniatureisenbahn stehen und staune immer noch wie ein Kind.

Auch Tans Landschaft ist ein sichtliches Idyll, eine grünbewaldete, von Bergen und Seen umgebende Gegend, in denen die Menschen ihr tägliches Dasein leben. Ein Paradies auf Erden, so denkt man im oberflächlichen Betrachten. Das Idyll springt einem zuerst in den Blick. Wenn jedoch näher betrachtet wird, entdeckt man, dass das Idyll nicht der Wahrheit entspricht, bzw. ihm die Realität, gekennzeichnet durch Katastrophen, Unfälle und das Aufschreien der Menschen gegen die Ungerechtigkeit, den der Kapitalismus in unserer Gesellschaft anrichtet, die Unschuld nimmt. Da ist die Kleingartenkolonie, in denen Menschen säen und ernten und plötzlich aus heiterem Himmel in ihrem arglosen Treiben ein Zugunglück geschieht. Oder im Autokino sehen sich die Menschen einen Film an, in dem sich apokalyptische Naturszenarien abspielen. Die Demonstration, die wir erblicken, erinnert an die Occupy-Bewegung und somit an den Aufschrei der Wenigen in unserer Welt, die leider nun auch eingeschlafen ist.

Tan zeigt mit dieser Installation, dass die "heile Welt" trügerisch ist. Andererseits dachte ich, wer weiß das denn nicht. Wer sieht denn nicht die Zweideutigkeit, das Nebeneinander in dieser Welt, Schönheit und Unheil. Obwohl, es gibt sicher auch genug Blindheit für die Wirklichkeit, auch der ganz eigenen. Ablenkungen, Konsum und der tägliche Druck in der Arbeitswelt verhindern oft das Sehen. Unsere Medienwelt hält uns schon auf Trab mit der Verdrängung, die verhindert, dass wir ganz anders leben und mit unserem eigenen Leben sorgsamer umgehen.

Die Eisenbahn in der Installation kreist, umkreist immer wiederkehrend das kleine Landschafts- und scheinbare Lebensidyll und mir kam sofort der Gedanke, ein ewiger Kreislauf. Denn es war ja nie anders, nur das immer wieder hervorgebrachte Unglück und Unheil auf dieser Welt hat eine andere Gestalten angenommen.

Vorrangig maßgebend für die Zerstörung unseres Lebens in dieser Welt, die das Leben immer fragwürdiger und bedrohlicher, was die Zukunft betrifft, erscheinen läßt, ist der ständige Fortschrittsgedanke des Menschen. Höher, weiter, schneller soll es gehen. Warum immer Fortschritt? Warum immer weiter expandieren? Welche Folgen und Konsequenzen das bisher schon hatte, zeigt Tan in ihrer Videoinstallation am Beispiel dreier Orte, an denen genau dieser Fortschrittsgedanke an seine Grenzen gekommen ist.

Da ist Detroit, die Stadt, die durch das Wachsen ihrer Autoindustrie eine Vorzeigeexemplar in den USA war. Was geblieben ist von diesem Fortschrittswahnsinn zeigt Tan in ihrer Spurensuche und der Hinterlassenschaft dieses Wahnsinns.
Fukushima und die Nuklearkatastrophe im Jahre 2011 und das Städtchen Cork in Irland, welche mit ihrer finanziellen Bankrotterklärung im Jahre 2013 ihren absoluten Tiefpunkt erreichte, ihre beiden anderen Beispiele. Alle drei dieser Orte sind gekennzeichnet von Zerstörung und Flucht der Menschen, die dort gelebt haben. Die Bilder, die Tan zeigt, wirken melancholisch, aber auch berührend. Und ich fand es sehr schön, dass Tan scheinbar nicht zu den Mut- und Hoffnungslosen gehört, sondern dass sie in ihrer Darstellung auch nach Spuren der Wiederbelebung gesucht hat. Manchmal hatte ich den Eindruck, dieses oder jenes Bild, das ich sah, wirkt so, als wenn die/der Bewohner im nächsten Moment wieder zurück kommt und wieder von vorn beginnt.

Im Grunde geht es mit dem eigenen Leben ja auch nicht anders. Es widerfährt einem ein Unglück, man fällt, steht wieder auf und macht weiter. Wichtig ist, nur anders als wie bisher. Das Lernen aus dem Vergangenen ist die Hoffnung für die Zukunft, so denke ich jedenfalls.

In der Vergangenheit, der Gegenwart und auch in der Zukunft wird es kein Paradies auf Erden geben, oder eine Insel der Seligen, nach der ein irischer Mönch einer altertümlichen Legende nach gesucht haben soll. Diese kleine Legende erzählt Tan uns ebenfalls in ihrer Ausstellung. Still in einem kleinen Raum sitzend, kann man ihr lauschen. Scheinbar soll er sie gefunden haben, angeblich soll er dort aber nicht lang verweilt haben. Vielleicht ist der Mensch nicht geschaffen für das ewige Glück und braucht ständig neue Herausforderungen. Möglicherweise liegt es aber auch an seiner eigenen inneren Unruhe, Zwiespältigkeit, an dem Gut und Böse, das in ihm wohnt, dass es keine Möglichkeit für ein auf Erden geschaffenes Paradies gibt. Ich weiß es nicht. Ich wollte auch nicht darüber nachdenken, sondern dachte eher, es ist halt so und wird immer so sein. Vielleicht ist es schon genug, die Schäden möglichst begrenzt zu halten.

Tan hat nicht nur das Weltgeschehen, sondern auch die Veränderungen des einzelnen Menschen gezeigt in ihren Videoinstallationen. Es wird unter anderem ein Doppelporträt einer jungen und einer alten Frau gezeigt. Beide scheinen in demselben Raum zu leben oder gelebt zu haben, was die Vermutung nahelegt, die alte Frau hat ihr Leben in diesem Raum ge- und durchlebt. Es könnte auch der Gedanke entstehen, die alte Frau erinnert sich an ihr vorangegangenes Leben und die junge Frau blickt vielleicht schon auf ihr zukünftiges. Alles ist möglich. Mir persönlich hat eine Rückschau der älteren Frau auf ihr Leben gefallen. Vielleicht weil ich selber in einem Alter bin, wo Erinnerungen oft wie Blitze an das Vergangene auftauchen. Es braucht nicht viel, eine Musik, ein Bild, ein Ort, schon ist sie da, die Rückschau.

Alles in allem habe ich fast vier Stunden in dieser Ausstellung zugebracht. Ich empfand sie berührend, verstörend, nachdenklich, melancholisch, traurig aber auch hoffnungsvoll. Es lohnt sich, sie anzuschauen, auch wenn man in dem Bewußtsein der Vergänglichkeit des Lebens lebt.

Diesen Post teilen
Repost0

Kommentare