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18. Oktober 2016 2 18 /10 /Oktober /2016 09:32
Widerfahrnis! Bodo Kirchhoff

Ich geb zu, ich sage oft, dieses oder jenes Buch ist empfehlenswert. Aber dieses heute von mir empfohlene Buch ist mich ein Muß!

Und heute Morgen las ich in den Medien, dass Bodo Kirchhoff, Autor, den Buchpreis für sein Werk "Widerfahrnis" bekommen hat. Ich hab gejuchzt. So was von verdient. Ein unbeschreiblich geniales Buch. Wenn sich in ein Buch verliebt werden kann, dann in dieses. Jedenfalls ich bin es.

Da haben wir Reither, der seinen Verlag nebst anhängendem kleinen Buchladen aufgegeben hat, sich raus aus der Großstadt ins Weissachtal in einen dortigen Wohnkomplex eingekauft hat. Ruhe will er haben nach den Jahren der Hektik des Grosstadtlebens und als Verleger. Genug hat er von diesem Leben. Ausserdem, mittlerweile gibt es mehr Schreiberlinge wie Leser. Es hat alles keinen Sinn mehr. Unter der Vielfalt des geschriebenen Wortes ein wirkliches Kleinod zu finden, ist ihm zu mühsam geworden.

Eines Abends, er lebt noch zwischen seinen Kartons, spürt er, nein hört er ein Rascheln vor seiner Haustür. Da draussen steht Jemand. Es dauert noch eine Weile, bis der Jemand vor der Tür endlich den Mut hat zu klingeln und er, Reither, sich einen Stups gibt und öffnet. Das Räuspern und Rascheln vor seiner Haustür bleibt erst einmal eine kleine Weile eine eigene Welt. Er wollte eigentlich mit einem Glas Wein, seinem friedliches Laster, welches ihn entfernt von der Welt, all ihrem Elend, selbst das, das vor der eigenen Haustür geschieht, einen stillen Abend verbringen.

Aber nun steht sie da, die Palm, vor seiner Tür, mit einem Buch in der Hand. Er hatte sich, bevor er öffnete, noch schnell umgezogen, zog seine alte Lederjacke an, mit der er schon mehr und anderes erlebt hatte, als ungebetenen Besuch am Abend. Und nun Damenbesuch! Manchmal weiß man um etwas, noch bevor es eintritt, durch einen Anflug, eine Schwingung, wie jene Tiere, die vor Erdbeben unruhig werden und schön beim Öffnen der Türe wußte er es wohl auch. Das Leben wird sich urplötzlich ändern, eine Drehung in eine unvorhergesehene Richtung machen.

Die Palm steht da in einem dünnen Sommerkleidchen mitten im Winter, mit libellenhaft anmutenden Sandalen an den Füßen und bittet ihn um ein Gespräch für den morgigen Tag. Die Palm hat auch aufgegeben. Einen Hutladen hatte sie. Aber es gäbe keine Gesichter mehr für Hüte, so erklärt sie ihm, warum sie ihn nicht mehr wollte, den Hutladen.

Und nun beginnt die abenteuerliche Geschichte dieser beiden Menschen, ganz unerwartet oder doch nicht? Noch am selben Abend, nach wortkargen kurzen Sätzen, mit denen die Beiden ein klein wenig ihr Leben austauschen, machen sie sich mit dem Auto auf, um den Sonnenaufgang am Achensee zu bestaunen.

Sie werden dort nicht bleiben, sondern weiterfahren, immer weiter, in den Süden, bis nach Sizilien. Und weiterhin werden sie in sparsamen Sätzen miteinander kommunizieren und sich doch näher kommen, mehr als näher. Wird das Liebe?

Ach es ist so zart, so wunderschön, wie die Beiden sich näher kommen ohne viele Worte. Ich denke ja auch, es sind nicht die Worte, auch natürlich, aber mehr als Worte ist das Erkennen des Anderen, sein Wesen und das können Worte allein gar nicht aussagen. Oft ist es sogar so, dass die Worte schwerfällig daher kommen können, weil gute Worte viel Zeit brauchen, um sie zu sagen und somit das Wahrnehmen des Menschen viel wichtiger ist, der einem gegenübersteht.

Nun denn...das Abenteuer besteht nicht nur in ihrem einfach drauflosfahren in den Süden. Unterwegs werden sie dazu noch mit der Flüchtlingspolitik konfrontiert und haben eine Zeitlang ein junges Mädchen mit auf ihrer Reise genommen.

Mehr will ich aber nun nicht verraten. Nur ein kleiner Einstieg in das Geschehen.

Und ich erzähle jetzt, was mir geschehen ist, als ich die letzte Seite des Buches gelesen habe. Ich lag auf meinem Sofa und klappte das Buch mit einer Wucht zu und sagte laut vor mich hin: Nein!!! Das darf er doch nicht machen, der Kirchhoff. Nicht so! Und mit einem plötzlich ungewollten Schwung stehe ich vom Sofa auf und bums aus...hatte mich ein Hexenschuss erwischt. Widerfahrnis! Plötzlich ohne Vorankündigung. Es hat zwei Tage gebraucht, bis ich wieder vernünftig laufen konnte,-)

So ist das mit den Widerfahrnissen. Welch ein Wort übrigens. Widerfahrnisse sind die Dinge im Leben, die unbemerkt, einfach über einen hereinbrechen, ohne dass sie sich herbeigewünscht wurden. Und dann steht der Mensch da und muss ja was draus machen. Es muss nicht groß von *Schicksal* geredet werden. Widerfahrnisse sind Einbrüche, Begebenheiten, die durch äußere und innere Wandlungen geschehen können. Manchmal haben wir sie unbemerkt eingeleitet, manchmal die anderen, manchmal auch einfach nur die Natur.

Viel Spaß beim Lesen des Buches!

Bodo Kirchhoff
Widerfahrnis
ISBN-13: 978-3627002282
21,00 Euro
Frankfurter Verlangsanstalt

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