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6. November 2016 7 06 /11 /November /2016 10:16
Poesie des Alltags - Begegnung am Müllcontainer -

Sie war glücklich. Jeden Morgen, wenn sie erwachte. Dann ging sie auf den Balkon, sah dem Wiegen der Pappel im Wind und den Vögeln, die den Winter über nicht in den Süden flogen, bei ihrem täglichen morgendlichen Treiben zu. Sie atmetete tief durch um den Schrecken der vergangenen Jahre abzuschütteln. Wie lange es wohl dauern würde, bis er in Vergessenheit geraten würde.

Sie dachte neuerdings, dass es eine Poesie des Alltags gäbe. Wieso sie darauf kam, wusste sie auch nicht. Vielleicht, weil es so viel Zerstörerisches gab in dieser Welt und es so wichtig war, das Bewegende, Schöne und Gute zu finden, jeden Tag, in ihrem Alltag, dort, wo sie sich bewegte und bei den Menschen, denen sie begegnete.

Die letzten Tage waren voller Arbeit und Mühsal, es hatte sich jedoch gelohnt. Ihr kleines Reich wirkte heimelig, wohlig und fühlte sich nach ewigem Zuhause an.

Schritt für Schritt arbeitete sie die zu erledigenden Tätigkeiten ab, schieben, stellen, ausräumen, einräumen, entsorgen. Sie gönnte sich kleine Pausen zum Luftholen zwischendurch, in denen sie dies und das tat, sich kleinen Leidenschaften, an denen sie hing, widmete. Das gab Kraft für den nächsten Gang.

Heute packte sie einige der Kartons zusammen und maschierte zum Müllcontainer. Sie riss und zerrte, damit sie in kleine Stücke zerfielen, um den Container nicht all zu sehr zu füllen und Platz genug für andere Entsorger bot.
Als sie damit fertig war, wollte sie den schweren Deckel wieder schliessen. Sie schob und zog, aber kurz davor verweigerte er sich und fiel mit ach und krach wieder nach hinten zurück. Mehrere Male wiederholte sie das Procedere, aber zwecklos. Nichts ging mehr. Etwas unschlüssig stand sie eine Weile vor dem Container und überlegte, was sie tun sollte. Verschämt beschloss sie, ihn einfach das Stück, dass sich nicht bis zum Ende schliessen lies, offen zu lassen. Ja, sie war beschämt bei diesem Gedanken, weil, blieb er offen würde es rein regnen und die Nässe den Inhalt noch schwerer machen. Die Müllwagen leerten von alleine, das ging ja alles mechanisch, aber zum Wagen hinrollen, das müssten ja doch immer noch die Menschen machen. Und sie wollte ihnen die Arbeit nicht unbedingt schwerer machen, als sie schon war. Sie hatte mal gelesen, viele der Müllabfuhrarbeiter seien mit knapp 40 Invalide, der Rücken, beschädigt, durch die schwere Arbeit. Wie schrecklich. Niemand denkt drüber nach. Die Müllabfuhr funktioniert in einer Stadt und anderswo. Gott sei Dank. Aber was es kostet, nicht finanziell, daran denkt wohl Niemand. Sie schon. Daher war sie verschämt, als sie jetzt die Tür zum Ausgang der Müllsammelstelle schließen wollte.

Hinter der Tür kam ihr die Nachbarin, die sie beim Einzug schon kennengelernt hatte, entgegen. Sie rief ihr zu, lassen sie offen, ich muss auch etwas wegbringen. Sie begrüßte die alte Dame, aus Polen kam sie, hatte sie erzählt, freundlich, berichtete ihr jedoch sofort von ihrem Ungeschick, dass sie den Deckel des Papiercontainers nicht mehr zu bekam und ihn unbotmässig halb geöffnet gelassen hat. Junge Frau, sagte sie, die Ältere, zeigen sie mal her und ging mit ihr noch einmal hinein. Ach, sagte sie, sie müssen auch die Knöpfe herunterdrücken und dann ziehen, sehen sie, so gehts, bums aus, Deckel zu:) Juchhu, sagte sie zu der alten Dame, ich bin doof, aber...Ich liebe Sie und lachte übers ganze Gesicht... Die alte Dame guckte einen Moment etwas unschlüssig und erstaunt und antwortete: Ich liebe Sie auch:) Das war alles. Aber ihr wurde ganz warm im Herzen und auf der Haut bis in die Zehenspitzen. Sie bedankte sich, wünschte noch einen guten Tag und ging weiter.

Das war schön, dachte sie, als sie wieder in ihre Wohnung kam. So wünschte sie es sich in der Begegnung mit Menschen. Natürlich war ihr klar, dass dieses kleine Liebesbekenntnis nur ein Stückwerk der großen Liebe war, jedoch ein kleines Zeichen und sogar mit Antwort. Und es war ja gar nicht durchdacht, es kam einfach so aus ihrem Herzen. Und genau, da fiel es ihr wohl ein, das war sie, die Poesie des Alltags. Sie würde jetzt beginnen, diese Poesie noch weiter zu suchen und zu finden, denn sie war es, die das Leben täglich schön, bunt und erfüllend machten:)

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