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20. November 2016 7 20 /11 /November /2016 12:42
Poesie des Alltags - Herumstromern -

Ich stehe auf meinem Balkon und denke, gestern hab ich alles richtig gemacht. Es stürmt und pfeifft um die Häuser, dass es eine wahre Pracht ist. Selbst die Platane, die sich sonst nur leise in den Ästen wiegt, muss sich heute morgen verbiegen. Die Bucheckern lassen ihre kleinen Hubschrauber durch die Lüfte trudeln und ich erinnere mich an die Freude als Kind, wo wir uns die kleinen Flieger auf die Nase setzten und gejuchzt haben und wer einen kleinen Hubschrauber die längste Zeit auf der Nase behalten konnte, war der Hubschrauberkönig. Ach Kinder haben so herrlich Freude an den kleinen Dingen. Der Himmel ist grau und es schüttet aus allen Wolken und richtig hell wird es wohl heute nicht mehr. Aber das macht mir ja nichts aus, denn ich habs ja gemütlich in meiner Höhle und muckelig warm,-) und überhaupt, gestern hab ich alles richtig gemacht.

Gestern bin ich nämlich gestromert durch mein Veedel, wie es hier in Köln so gesagt wird. Stromern ist ein Vergnügen. Das hab ich schon als Kind immer gern gemacht und so manche Stunde vergessen und bin irgendwo angekommen, wo ich vorher niemals war. Zurückgefunden hab ich aber immer. Stromern heisst für mich, sich treiben zu lassen, keinen festen Plan zu haben. Pläne verhindern oft, dass man nicht sieht was sonst noch so ist, sondern sein Auge stets aufs Ziel gerichtet hat. Im Leben ist das ja auch so. Da guckste nicht nach links und rechts, sondern nur vorwärts marsch. Ich mag das nicht besonders.

Es war zwar lausig kalt gestern, aber ich war ja war eingepackt. Meine Kamera, das war der einzige Plan, den ich hatte, baumelte in Erwartung an meinem Handgelenk und ich maschierte los. Jemand fragt mich noch, welche Motive hast du denn im Auge Röschen. Keine, ich leg mich da nie fest, sondern lass mich vom Moment inspirieren. Und wer stromert, entdeckt eben auch viel.

Es ist Samstagmittag und die Menschen sind alle unterwegs und mit ihren Wochenendeinkäufen beschäftigt. Wie gut, dass ich alles erledigt habe. Ich brauch ja auch nicht viel. Und so biege ich schnell in die kleinen Seitenstrassen ab, um dem Gewimmel zu entfliehen. Still liegen dort die Strassen vor mir, hübsche Häuser, alt und neu nebeneinandergereiht und überall stehen Bäume an den Strassenrändern. Das hatte ich gar nicht erwartet. Früher hiess es immer, Mülheim, der Stadtteil, in dem ich jetzt lebe, sei trist und grau, man möchte da nicht wohnen, ausserdem, die schäl Sick, so wie die Kölner die rechte Seite des Rheins bezeichnen, war insgesamt kein Traum vom schönen Leben können. Ich entdecke nun sehr schnell, dass das falsch gedacht war und ist. Ich finde mich nach drei Wochen hier nämlich sehr gut zu recht und nicht nur das, ich fühle mich hier sauwohl. Es ist ja oft so im Leben dass Menschen ein Urteil fassen und nicht mehr davon abrücken. Selber schuld denke ich dann, sie verpassen was.-)

Nachdem ich so kreuz und quer durch die Strassen laufe, liegt vor mir eine lange Mauer und dahinter liegt ein kleiner Friedhof, wie ich dann entdecke. Ein evangelischer Friedhof. Ich war vorher nie auf einem evangelischen Friedhof. Wahrscheinlich weil ich immer in und an Orten gereist bin oder gelebt habe, die durchweg katholischer Gesinnung waren. Dieser Friedhof, so muss ich erstaunt feststellen, ist sogar einer der ältesten Friedhöfe Kölns, entstanden im 17. Jahrhundert. Er ist denkmalgeschützt. Fast über eine Stunde verbringe ich dort zu bei meinem Rundgang und kreuz und quer durch die überwiegend sehr hübsch und liebevoll gepflegten Gräber. Viele grosse und kleine Engelchen, Bilder von den Verstorbenen oder anderes Kleinod, irgendetwas was die Hinterbliebenen mit dem Verstorbenen verbindet, finden sich auf fast allen Gräbern wieder. So was berührt mich. Ich finde eine kleine Bank, auf die ich mich für eine kleine Weile trotz der Kälte setze und schau über den Friedhof, sehe auch hier viele kleine rote Lämpchen leuchten, Allerheiligen ist ja nicht lange her und morgen haben wir Totensonntag. Auch die Evangelen scheinen diesem Brauch nachzugehen. Ich mag sie auch, diese kleinen roten Lichter. Im Winter hab ich gern auch eins zuhause stehen vor den Bildern der Menschen, die ich schon verloren habe und die ich vermisse. Friedhöfe sind für mich kleine Paradiese, aber das schrieb ich ja schon einmal, Orte der Ruhe, Stille und des Nachdenkens. Auch ich werde hier mehr als sonst im Alltag mit meiner eigenen Sterblichkeit konfrontiert, der ich gar nicht ausweichen will. Es ist nunmal so. Das Leben lieben und leben, mehr kann ich halt nicht tun.

Hinter dem Ausgang des Friedhofs beginnt direkt die über Köln hinaus berühmt gewordene Keupstrasse, leider nicht nur durch ihre vielen türkischen Geschäfte und Lokale, die beim Durchgang der Strasse das Gefühl vermitteln, man würde sich nicht in Köln, sondern auf einer belebten türkischen Basareinkaufsstrasse befinden, sondern auch durch den furchtbaren Bombenanschlag im Jahre 2004, bei dem Menschen schwer verletzt wurden und der einige Jahre später dann lt. Aufklärung einer rechten Terrorgruppe zugeordnet wurde. Ich habe einige der Berichte über dieses Geschehen gelesen und gesehen und so scheint es mir, ist es immer noch nicht ganz klar, wer, wie und was hinter allem dahinter steckt. Aber so ist das ja immer in der Politik.

Heute scheint dieses Unglück sichtbar vergessen. Das ist auch gut so. Jetzt und hier blüht das Leben wieder. Viele türkische Familien mit ihren Kindern spazieren durch die Strasse und in die Geschäfte. Ich fühl mich wohl hier. Ich mag diese Viefalt und Buntheit. Die Menschen sind alle freundlich. Und wie gern lass ich mich von dem herrlichen Angebot aus einer der türkischen Bäckereien verführen und genieße die Süsse bei meinem Weitergang. Und sicher werd ich es mir auch bald einmal in einem der vielen türkischen Restaurants gut gehen lassen und den Genüssen der Küche erliegen,-) Vor einem Geschäft bleibe ich stehen. Dort befinden sich vor der Türe Rollen, auf denen durchscheinende Folien aufgerollt sind und eine Frau sich von dieser Rolle ein meterlanges Stück abschneiden läßt. Was machen sie damit, frage ich sie und den Verkäufer. Sie lacht mich freundlich an und erklärt mir, dass sie die Folie auf ihren Tisch legt, damit er nicht zu Schaden kommt. Wie fürsorglich das ist sage ich ihr. Mein Tisch daheim ist voller Lebensspuren, die mich an das, was an diesem Tisch passiert ist, erinnern. Ich möchte das gar nicht missen. Aber so ist jeder Mensch anders in seinem Umgang mi den Dingen des Lebens.

Mit vielen Bildern auf meiner Kamera lass ich mich weitertreiben durch die Strassen, entdecke hie und da an den Sträuchern sogar noch blühende Rosen, wenn auch vereinzelt, aber immer sind sie noch prächtig anzuschauen. Eine Litfasssäule weckt mein Interesse. Ich mag Litfasssäulen, leider sind sie aus unserem Strassenbild verschwunden und von buntblinkenden Werbetafeln abgelöst worden, die einem überall zudringlich entgegenleuchten, sogar wenn du an einer roten Ampel mit deinem Auto stehst, wirst du von ihnen vergewaltigt. Wie ich das hasse. Eingetrichtert werden soll dem Menschen, was er zu brauchen hat und woran er, wenn er mit der Zeit gehen will, nicht dran vorbeikommt. Ich empfinde diese Art der Werbung als gewalttätig. Werbung hat es ja schon immer gegeben, ohne Werbung keine Wirtschaft. Das ist mir schon klar. Das ist nun mal so. Mich interessiert Werbung zumeist nicht, weil ich eh nur das kaufe, was ich wirklich brauche. Bei Litfasssäulen jedoch bin ich gnädiger. Sie kommen eben unscheinbarer daher und ich kann mich entscheiden, ob ich ihnen mit einem Rundgang Besuch abstatte und mich interessiert den Dingen zuwende, die auf ihnen angebotenen werden. Und ausserdem erinnern sie mich auch wieder an die Kindheit, in der wir damals kleine Rundlauffangenläufe gespielt haben, solange bis wir abgekämpft uns an sie lehnten, aber glücklich waren.

Viele Bilder habe ich nun schon auf meiner Kamera und mittlerweile nagt an mir ein kleines Hungergefühl, auch ein wenig die Sehnsucht nach Aufwärmen und einem kleinen stillen Örtchen, dass jeder irgendwann einmal braucht. Aber es sieht gerae nicht nach einer Stätte aus, wo ich all das finde, vor allen Dingen das Letztere. Nur diese typischen türkischen Lokale, in denen Mänenr sitzen und Tee trinken, babbeln oder irgendeinem Blatt- oder Brettspiel nachgehen. Mir ist das jetzt wurscht, mein Bedürfnis ist groß und ich wage einen Schritt in eines dieser kleinen Lokale. Ich hab keine Angst. Warum auch. Frage den Wirt, ob ich mal benutzen dürfte. Selbstverständlich sagt er und zeigt mir den Weg, ist so freundlich. Ich sage Dank und wünsche allen noch viel Freude bei ihrem Tun und werde selber höchst nett verabschiedet.

An einem Kiosk kaufe ich mir eine Zeitung und nach einer Weile laufe ich auf *Die Mütze* zu, von der ich schon viel gehört habe. Ein Bürgerzentrum für die Menschen hier vor Ort, an dem sie sich treffen und bei kleinen Preisen zu gewissen Zeiten essen und trinken können. Viele Veranstaltungen finden hier ebenfalls statt, Kurse, Bands spielen hier, alles für kleines Geld und manchmal sogar ümmesonst. Auch eine Etage gibt es, wo gebrauchte Möbel und Haushaltswaren angeboten werden. Heute ist dort jedoch geschlossen. Aber ich werd noch mal schauen, denn zu Hause fehlt mir noch ein Kühlschrank. Das ist nicht schlimm, denn draussen ist es ja kalt und ich kann das Wenige, das ich habe, gut auf dem Balkon deponieren. Und die Eichhörnchen sind Vegetarier, da bin ich froh, denn sonst wäre es um meinen Käse vielleicht schon geschehen:)

In der Mütze lass ich mich nieder, wärme mich bei Pfefferminztee und einem Stück Marmorkuchen auf uns lese in der mir vorher gekauften Tageszeitung. Dann geht es nach einer guten Stunde wieder weiter. Eigentlich will ich jetzt langsam den Heimweg antreten.. Für heute reicht es eigentlich. Am Wienerplatz jedoch angekommen werde ich von einer sonderbar anmutenden, ich denke zuerst an eine Demonstration, Veranstaltung überrascht. Aus Lautsprechern klingen mir fremde Gesänge, die Menschen, Muslime, überwiegend in Schwarz gehüllt. Große grüne und rote Fahnen werden geschwenkt und auf manchen ist ein Kopf abgebildet von einem Mann, den ich natürlich nicht kenne. Der Gesang ist sehr eindringlich. Ich spüre sofort, auch wenn der ganze Anblick etwas befremdlich wirkt und ich ja noch überhaupt nicht weiss, worum es hier geht, dass es etwas Spirituelles sein muss. Ich scheue mich nicht und gehe auf die schwarzgekleidete Gesellschaft zu, stehe einfach da mitten drin und schaue und höre und mache hie und da ein Foto. Plötzlich, neben mir die junge Frau, ein schreckliches Weinen. Jösses, das geht mir zu Herzen, echt. Sie hört gar nicht mehr auf. Wer weint hat Schmerz, das Weinen eines Menschen lügt nie. Schrecklich die Eltern, die ihren Kindern manchmal sagen, weine doch nicht, ist nicht so schlimm. Doch es ist schlimm, in diesem Moment. Selbst Erwachsene bekommen das oft zu hören. Wie dumm.

Mich kümmert diese junge Frau und ich gehe auf sie zu und nehme sie einfach in den Arm, auch auf die Gefahr hin, dass das nicht stimmig für sie ist, sie mich erschreckt zurückweist. Aber das tut sie nicht. Im Gegenteil, sie lehnt sich an meine Schulter und weint dort einfach weiter. Ich halte sie fest in meinem Arm und streichel sie sanft über den Rücken. So stehen wir eine Weile da, wie zusammengeschweisst. Zwei Menschen aus anderen Kulturen, mit verschiedenen Lebenssituationen, Lebensgeschichten, aber es verbindet uns etwas in diesem Moment, das stärker ist als all das. Das Menschliche, die Anteilnahne, das den anderen sehen in seiner Not. Irgendwann beruhigt sie sich und ich kann sie fragen, worum es hier überhaupt geht. Ich erfahre dass jedes Jahr ein Trauermarsch gehalten wird von den Mitgliedern der Abess Alschakeri-Gemeinde. Betrauert wird der Tod eines Iman namens Hussain und seinen 72 Anhängern, darunter auch Frauen und Kinder, die gegen die damalige Terrorherrschaft Yazids aufbegehrt haben. In der Schlacht von Karbala vor 1400 Jahren für die Freiheit erlitten sie damals das Märtyrium. Es muss schrecklich gewesen sein. Die Ironie an diesem Geschehen liegt darin, dass die Gegner des Terrors sich ebenfalls als Muslime ausgaben, Und so sieht man, dass sich die Geschichte immer wiederholt. Auch heute wird der Islam von einer Bande fanatischer Terroristen, genannt ISIS, die in den Ländern Irak und Syrien ihr Unwesen treiben missbraucht. Und wir wissen ja, dass das Erschreckende auch ist, dass sich viele Europäer, auch aus Deutschland, diesem Terror anschließen. Und daher ist die Intention dieses Trauermarsches auch zugleich ein Aufruf an alle Menschen, nicht zu vorverurteilen, was den Islam betrifft, sondern gemeinsam gegen Terror und für die Freiheit des Menschen zu kämpfen.

Wir reden noch eine Weile miteinander. Ich lerne die Eltern der jungen Frau und den rest der Familie kennen und sie laden mich zu einem Glas Tee in ihr Zuhause ein, unweit des Wiener Platz gelegen. Ich gehe mit und empfange eine Gastfreundschaft wie lange nicht mehr. Eine Stunde reden wir gemeinsam über die vermeintlichen Unterschiede der Kulturen und Religionen, bis wir am Ende zu dem Schluß kommen, es gibt im Grunde viel mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede. Und ich finde es schön, wie eine andere junge Frau sagt, sie sei zwar Muslimin, habe dennoch genauso viel Respekt vor Jesus, dem die Christen anhängen, verehren und an ihn glauben. Und sie wünschte sich, dass es umgekehrt genau so ist. So, wie es heute zwischen uns in diesem Moment ja auch geht. Als ich gehe, wird mir noch ein Vers aus dem Koran vorgelesen:

*Wer einen Menschen tötet, für den soll es sein, als habe er die ganze Menschheit getötet* (5.32)

In diesem Moment erinnere ich mich an den Spruch aus Schindlers Liste, der aus dem Talmud hervorkommt
*Wer auch nur ein einziges Leben rettet, der rettet die ganze Welt*

Diesen gebe ich Ihnen mit beim Abschied und bedanke mich für das Gespräch, die Gastfreundschaft und all das, was ich mit diesen Menschen für eine kurze Zeit erfahren durfte. Jetzt, wo ich schreibe, ist es immer noch in meinem Herzen, es hat mich sehr berührt, die Umarmung, das Weinen, das Aufeinanderzugehen. Es hat etwas mit mir gemacht.

Beschwert, aber auch erleichtert sowie nachdenklich will ich jetzt aber doch endlich nach Hause. Es ist spät geworden und ich bin schon so lange unterwegs. Dann komme ich jedoch an einem urkölschen Wirtshaus vorbei und vor der Tür stehen mit dem FC-Schal geschmückte bunte kölsche Jungs,-) und Mädels, auch eine Religion,-) und da konnte ich dem Reiz nicht widerstehen, vielleicht auch, weil ich in diesem Moment etwas Abstand brauchte von dem Erlebten, die selbe zu betreten, um mir das Kölnderby anzuschauen. Ein wenig auch wegen der Liebe zu meinem Sohnemann,-) Und das war eine gut Entscheidung, denn auch hier wurde ich an einem Tisch mit netten Leuten gebeten, doch ruhig Platz zu nehmen und mit ihnen das Vergnügen des Spiels zu geniessen. Es gab ein Kölsch und eine lecker Gulaschsupp und am Ende einen Sieg. Na, das war doch ein erlebnisreicher Tag, dachte ich dann, endlich, auf dem Nachhauseweg.

7 Stunden war ich unterwegs. Und die Idee, noch zum Abschluß zu einem Punk-Rock´n Roll-Konzert zu gehen, hab ich dann zuhause schnell abgelegt, all die weil, es so schön gemütlich war dort und es muss ja auch nicht alles sein. Es gibt ja noch so viel Leben, das hoffe ich jedenfalls. Und die Dinge, die mir begegnet sind an diesem Tage brauchen auch eine Zeit, um verarbeitet werden zu können und sie nachklingen zu lassen.

Die Poesie des Alltags war an diesem Tag das Stromern durch meine kleine Veedelswelt mit all dem Erlebtem und Gefühltem und nichts gab es, was einen Schatten geworfen hat. Ich kann nur jedem empfehlen, doch auch einfach mal durch die Strassen, die Orte zu stromern, es gibt viel zu sehen und zu erleben, dazu braucht man nicht in die große weite Ferne,-) Und mittlerweile ist es doch trotz meines Unkens etwas heller und lichter draussen geworden. Das ist schön, denn bald will ich auch wieder fort zu neuen Taten aufbrechen,-)

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