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11. Dezember 2016 7 11 /12 /Dezember /2016 10:13

Die dritte Kerze brennt. Heute habe ich Zeit, sie anzuschauen. Dem flackernden Licht, dass mir verheißt, bald ist es soweit. Weihnachten! Da warten die Menschen auf etwas, worüber sie gar nichts mehr wissen und auch nicht wissen wollen. Es steht so Vieles im Vordergrund. Das gute Essen, was werden wir kochen, was werden wir schenken. So mancher gerät in Not schon allein ob dieser beiden Herausforderungen. Ich sehe es ihnen an der Nasenspitze an, wenn sie vor mir stehen, im Laden, ratlos, nicht mal wissend. was den zu Beschenkenden eigentlich interessiert. Er/Sie liest sagen sie, viel, haben oft jedoch keine Ahnung was eigentlich. Ausnahmen gibt es, ja, aber wenige.

Die dritte Kerze brennt und ich habe den ersten Tag frei nach so vielen durchgearbeiteten. Wie hab ich mich gefreut nach so langer Zeit, endlich mal wieder in meinem schönen Beruf zu arbeiten. Doch, die Freude ist immer noch da, auch wenn ich spüre, sie waren anstrengend die letzten Tage, ungewohnt, das lange Stehen, gehen, zupacken, einpacken, beraten, abraten, suchen und finden. 9 Stunden jeden Tag, an denen ich mich vergesse, wer ich bin, was ich fühle, denke, nur schemenhaft huscht der Gedanke an mir vorbei, so schnell vergessen, weil die Konzentration auf die Dinge, die getan werden müssen, fordert heraus.

Die Zeit, was ist schon Zeit, ist an mir vorübergerauscht. Das ist so mit der Arbeit, dem Broterwerb des Menschen. Er spürt das Leben nur noch bei dem, was er tut. Dabei gibt es so viel mehr dazwischen, darüber und darunter. Jedoch keine Zeit, es zu sehen und zu spüren, zu erleben, nur noch funktionieren.

Plötzlich sehe ich auch Vieles mit anderen Augen in diesem meinem schönen Beruf. Bücher, ja, sie sind nicht nur meine Freude, sondern auch der Schatz unserer Welt. In den Büchern finden wir Geschichten, erdachte und wirklich erlebte der Menschen, über das Leben, über das Zeitgeschehen. Das ist wichtig ja. Geschichten von Gestern helfen uns das Erleben im Heute und auch uns selber zu verstehen. Was wäre die Welt ohne das geschriebene Wort!

Doch fällt mir auf, es gibt, wie auch beim Reden der Menschen, so viel Überflüssiges auf dem Papier. Jahr für Jahr wird der Markt überschwemmt mit einer Flut von Büchern. Allein in Deutschland erscheinen Jahr für Jahr ca. 100.000 neue Bücher. 100.000 mal geschriebenes Wort, seitenlang, gut oder flüchtig überlegt, erfunden oder erdichtet. Zu finden, was einen interessiert ist schwer. Zufall kann es vielleicht geben. Ein Blick auf ein schön gestaltetes Cover eines Buches, den Klappentext lesen und feststellen, ja, das könnte es sein, das spricht mich an. Viele Kunden gehen so vor. Ich sehe das immer wieder. Die Verlage mit ihren Lektoren arbeiten mühselig ein Konzept aus, mit dem sie das geschriebene Wort des jeweiligen Autors vermarkten können. Vermarkten, ja das ist das richtige Wort mittlerweile auch beim Buch. Wenn sie Glück haben, greifen einige der Medien ihre Bücher auf und bewerben sie mit Rezensionen und Empfehlungen. Glück muss da an der Seite des Autors sein.

Und ich stehe nun seit langer Zeit wieder da mittendrin und versuche mich zu recht zu finden in dieser Flut des Wortes und des Bildes. Und bei all dem vielen Begutachten der Bücher wird mir bewusst, es ist einfach zu viel, egal in welchem Bereich, ob es das Schöngeistige ist, das sachliche, geschichtliche, philosophische, gar auch das Kinderbuch. Zu viel, einfach zuviel. Wie soll sich da zurecht gefunden werden, denke ich oft, auch vom Kunden, der sucht. Es ist im Buchhandel auch wie überall mit den Dingen, es ist einfach zu viel von allem da. Und zu wenig, von dem, was wirklich wichtig und nötig ist.

Und auf einmal sind da die Gedanken in mir, ob ich das wirklich weiter machen will. Das arbeiten und leben Tag für Tag mit dieser Flut von Büchern. Merkwürdig, ich habe das nie in Frage gestellt Wieso gerade jetzt?

Die dritte Kerze brennt, ich sitze hier und schreibe, zwischendurch mein Blick auf die Kerzen, sie flackern, wenn ich mich bewege und ein Lufthauch sie erwischt, ansonsten, wenn ich ruhig bin, sind auch sie still und ruhig und spenden ihr Licht kerzengerade und aufrecht. Und beim Schauen ins Kerzenlicht sind da all die Gesichter der Menschen der letzten Jahre, denen ich zur Seite gestanden habe, die mich gebraucht haben, denen ich ein wenig Hilfe  und Unterstützung geben konnte in ihrem Alltag und manchmal auch ein wenig Lebensmut und Heiterkeit, so sagten sie oft zu mir.

Vielleicht ist es trotz meines Alters an der Zeit, Veränderung zu schaffen. Nicht weiter zu machen bei und mit dem, was gewesen ist, sondern einen Neuanfang zu suchen. So wie ich nun auch nicht an den Ort zurückgekehrt bin, wo ich aufgehört habe, sondern einen anderen gewählt habe in der großen Stadt, in der ich lebe, an dem so Vieles anders ist.
Manchmal ist es doch so im Leben, dass alles, was wir bisher getan haben, ein Ende hat. Dass eine Weiterentwicklung nur geschehen kann, wenn wir uns weiter bewegen, nicht nur äusserlich.

In einem Artikel über Boby Dylan habe ich gelesen, dass er ein Mensch war, der nie zu fassen war, der dies und jenes getan hat, aber dass er nie daran fest zu machen war. Immer wenn die Welt meinte, jetzt sei er da, wo er ist mit dem, was er publizierte und vor sich her trug, war er schon wieder auf dem Weg zu neuem Aufbruch. I´m not there, I´m gone ...Ich bin nicht da, ich bin schon lange weg, so heisst es in einem Song von ihm.

Ich bin nicht da, ich bin schon lange weg. Und ein wenig ertappe ich mich dabei, dass ich tatsächlich auch schon nicht mehr da bin, da wo ich bin mit dem, was ich jetzt tue, auch wenn es mir Freude bereitet, weil ich spüre, dass eine Zeit gekommen ist, an der etwas anderes wichtiger wäre, es zu tun. Weil ich gemerkt habe, dass, vielleicht auch aufgrund meiner langen Lebenserfahrung, es sich richtiger anfühlen würde, wenn ich bei den Menschen wäre. Ihnen helfen zu können, einfach an ihrer Seite zu sein und mit kleinen Dingen etwas für sie Erleichterndes tun zu können.

Und bei diesem Gedanken wird mir so bewusst, wenn ich auf mein Leben zurückschaue, dass es oft diese Umbrüche gegeben hat, dass ich schon längst nicht mehr da war, wo ich war, sondern schon weit weg, wenn auch nur gedanklich. Es hat ja immer eine Vorbereitung des Weggehens und Verlassens gegeben und oft geschah das ganz schleichend, fast unbemerkt. Und plötzlich war sie da, die Entscheidung, die das ganz Neue hervorbrachte.

Ich weiss auf jeden Fall was Weihnachten für mich bedeutet. Jetzt gerade, wo ich meinen Blick auf die Kerzen gerichtet habe, die dritte schon brennt, es ist nicht mehr weithin. Es wird etwas Neues entstehen in mir und mit mir. Neues Leben wird geboren werden in meinem Alltag. Und ein Mensch, den ich gar nicht kenne, nur seine Worte, ihn aber sehr schätze, sagte einmal vor kurzer Zeit, warte nur, das neue Jahr wird überraschend für dich sein.

Vielleicht ist es der Zeitpunkt in meinem Leben, aus dem Reichtum der Bücherwelt, in die Armut des Menschseins hineinzugehen und dort einfach da sein und geben zu können, was mir möglich ist.

Die Bücher bleiben ja meine Freunde, sie sind ja bei mir, die wichtigen und wertvollen, die mir und meinem Leben Bedeutung gegeben haben und ganz sicher werd ich in der Flut immer wieder ein neues finden, das zu mir gehören wird.

Schön ist es, gerade jetzt in diesem Moment, mir all dessen bewusst zu werden. Advent, dieses Wörtchen bedeutet ja nichts anderes als *Ankunft* Und wo ich noch bedauerte in den letzten Tagen, dass ich nicht so sehr viel vom Advent mitbekomme, stelle ich fest, es kommt nicht auf das *viel* an, sondern auf den Augenblick der Ankunft! Ankunft bei sich selber und bei dem, was erkennbar wichtig geworden ist für mich. Und dieses wird meine Zukunft, die ich noch habe, bestimmen. So soll es sein!

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