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18. Januar 2017 3 18 /01 /Januar /2017 09:02

Man kann über Andre Heller ja denken, was man möchte, er sei selbstverliebt, arrogant oder beherrschend gewesen. Jedenfalls konnte man solche Vorwürfe im Laufe seines Lebens immer mal wieder in einigen Blättchen lesen. Mir war das egal. Ich geb auf solche Äusserungen nichts. Ich kann es ja auch nicht beurteilen, ich kenn ihn ja nicht persönlich. Aber viele seiner geschaffenen Werke, die für mich  ein kleines Wunderwerk an Kreativität, Einfällen und Sternenblitze in den tristen Alltag der Kulturwelt waren. Nur mal an die grossartige Erschaffung des Circus Roncalli, der aus seiner Idee hervorgebracht wurde, gedacht. Ich erinnere mich noch genau an die ersten Vorstellungen damals in Köln. Verzauberung und Magie pur, die den Menschen für Stunden den Alltag vergessen liessen und ihn in eine Welt der Phantasie und
des Zaubers mitgenommen haben. Für mich war das jedenfalls so. Oder an die grossartigen Feuerwerke, z.B. in Lissabon 1983, der Sturz der Träume vor dem Berliner Reichstag 1984, die ich leider natürlich nur im Fernsehen sehen konnte, aber dennoch das Wunder erfahr- und erfühlbar für mich war oder an seine Kristallskulpturen, die einen haben staunen lassen. Diese grossen Werke haben möglicherweise immer auch ein  wenig verdeckt, dass er in Wahrheit ein grosser Poet war und ist, wie man in vielen seiner, teils auch autobiografischen Erzählungen, entdecken konnte.,

Nun hat Heller einen wunderbaren Roman geschrieben
*Das Buch vom Süden *
 
Er erzählt die Geschichte des Protagonisten Julian Passauer, der kurz nach dem zweiten Weltkrieg in Wien, geboren wird. Eine Familiengeschichte wie man sie sich selber wünscht gehabt zu haben. Sein Vater Zoologe und Botaniker bekleidet das Amt des Vizedirektors des Naturhistorischen Museums. Das heimische Domizil der Familie liegt in einem Trakt des alten Schlosses Schönbrunn in Wien. Dort wächst Julian auf. Und Julian hört und sieht immer wieder, wie sein Herr Papa niemals vergisst und ja daran leidet, dass das alte Österreich von1918 die südlichen Regionen an der Adriaküste verloren hat. Nur dort sei für Julians Papa das Leben möglich gewesen, unter den Zypressen, dem Licht und der Wärme der Sonne des Südens und der Leichtigkeit der Menschen, die dort in bunter Vielfalt miteinander und beieinander lebten. Julian erfährt eine ausgedehnte Bildung im Hause seiner Familie, in denen auch ständig imposante und vom Aussterben bedrohte Originale der Menschheit aus einer andere Welt, ein - und ausgehen und Julian Einblicke in eine Welt voller Wissen, Farben und Weisheiten geben. So z.B. Graf Eltz, der einmal in der Runde einer kleinen Familienfeier sagt, so ein Exemplar Mensch wie er sei, würde nicht mehr erzeugt werden und Ersatzteile gäbe es leider auch nicht mehr. Immerhin wird er, wie beim Lesen des Buches erfahren wird, dieser wunderbare Graf Eltz fast 100 Jahre alt, bevor er sich selber aus dem Leben davon stiehlt, weil er der Auffassung war, alles erlebt und gesehen zu haben und es einfach genug sei. Immer wieder wirft Graf Eltz einen Spruch oder Satz über das Leben an Julian, der für ihn nachdenkenswert, selbst in seinen noch kindlichen Jahren bewahrt wird und an die er sich in seinem Leben immer wieder erinnern wird.
 
Seine Kindheit ist trotz der Melancholie seines Vaters ob der verlorenen Rettung des Lebens im Süden jedenfalls eine Kindheit, wie man sie sich nur wünschen könnte. Behütet, umsorgt, verständnisvoll und vor allen Dingen fördernd in seiner Entwicklung zu einem ganz eigenständigen, freien Menschen. Mich hat schon ein wenig ein kleiner Seufzer hie und da erwischt. Schnell kam mir der Gedanke, was hätte aus Menschen alles werden können, wenn sie eine solche Kindheit gehabt hätten. Aber letzten Endes soll sich der Mensch ja nicht daran aufhängen, an solchen Gedanken, wichtig ist, dass er das geworden ist, was er ist und dass dieses Sein für ihn stimmig ist und er sich ein Freund seiner selbst sein kann.
 
Julian jedenfalls entwickelte Kreativität nicht nur im praktischern sondern auch in seinem späteren Lebensstil. So hat er sich mit 9 Jahren schon einen eigenen Privatweltatlas geschaffen mit 127 Ländern und 31 Kontinenten , dazu Flaggen und Wappen erschaffen und sogar Nationalhymnen erfunden, die er abends vor dem Einschlafen immer wieder sang, bis sein Vater ihm den Mund mit einer Pfingstrose stopfen musste,-)

So gehen wir mit Julian durch seine Kindheit spazieren, erleben mit seine erste Freundschaft, die wohl auch die einzige wirkliche Freundschaft seines Lebens bleiben wird. Für mich nicht verwunderlich, denn wirkliche echte Freunde findet der Mensch nicht oft. Vor allen Dingen hat er es schwerer, wenn sein Leben eine gewisse Eigenbrödelei aufzeigt und er nicht dem allgemeinen Lebensstil- und Auffassung der Menschen in seinem Umfeld entspricht.
 
Und genauso zu so einem Eigenbrödler entwickelt sich Julian trotz der wunderbaren Kindheit und der Liebe seiner Eltern zu ihm im Laufe seiner Lebensjahre. Auf der Suche nach sich selbst, dem Sinn des Lebens und vor allen Dingen auf der Suche nach der Erkenntnis aller Dinge dieser Welt, die geschehen sind und die zwischen den Menschen weben, bleibt er mehr oder weniger für sich, stets nie unzufrieden, aber auch nicht voll überbordender Dankbarkeit, wie ihm in späten Lebensjahren einmal seine Hausangestellte, eine kleine weise junge Frau aus Äthiopien sagen wird, was ihm dann sehr zu schaffen macht. Es sei ihm alles zugefallen, sagt er, er habe sich nie anstrengen müssen. Vielleicht ist das der Grund, so denkt er, dass diese tiefe Dankbarkeit an ein augenscheinlich zumindestens auch äusserlich geglücktes Leben nicht in ihm wohnt.
 
Ich dachte jedenfalls so, denn wenn der Start ins Leben mit viel Dunkelheiten und Schwerem belastet ist und sich ein Weg ständig erkämpft werden muss, wenn es nichts gibt, worauf der Mensch zurückgreifen kann, sich alles neu erdenken, erschaffen, suche muss, dann ist die Dankbarkeit für das, was gefunden wird, ein Riesenschatz.
 
Julians finanzielle Unabhängigkeit jedenfalls resultiert aus einem lange Jahre anhaltenden Beruf als Profipokerspieler. Nie hätte ich beim Lesen des ersten Drittel des Buches gedacht, dass aus diesem so interessierten und schlauen Kerlchen Julian im Alter eines jungen Mannes ein Pokerspieler wird,-) Und so erfahren wir natürlich auch etwas über die Weisheiten des Pokerspiels, die Julian von einem Meister seines Faches beigebracht wird und ihn dazu bringen, dass sein Leben durch den Verdienst im Spiel bis auf sein Ende hin immer finanziell sorglos bleiben wird.
 
Nun...ich will wie immer nicht den ganzen Roman erzählen, jedenfalls ist das Leben Julians äusserlich und innerlich voller Reichtum und es fällt leicht, sich in ihn hineinzuversetzen, in sein Denken und Fühlen für diejenigen, die in ähnlicher Weise durchs Leben gehen,-)
 
Und wie sonst auch bin ich beim Lesen dieses Buches immer sehr aufmerksam darauf bedacht gewesen, Sätze zu finden, die mich zum Nachdenken bringen über das Geschriebene und die mir eine Sichtweise auf Dinge geben, die ich selber vielleicht noch nicht entdeckt habe.
 
Hier einige dieser kleinen Sätze und Lebensweisheiten als Vorgeschmäckle:
 
*Einem begabten Kind, darf man jede Wahrheit zumuten, aber keine einzige Lüge *
*Ich glaube für einen Menschen genügt es völlig, wenn er wirklich liebt*
*Schwindel erfasst dich immer, wenn du dich selber beschwindelst*
*Es gibt Millionen von Wundern auf dieser Welt, an die wir uns gewöhnt haben, so dass wir sie für Normalität halten*
*Der Krieg bringt in jedem Menschen das Äusserste heraus*
*Abseits von allen Weltkriegen, ist zu denken an die Stammeskriege, und blutigen Revolutionen, die Eifersuchtskriege, die Ehekriege, die Geschäftskriege, die Kriege im eigenen Körper, Wissenschaftskriege, Neidkriege und weiss der Teufel noch, welche Kriege alle*
*Ich mag alle Menschen, die etwas ganz eigenes wollen, die meisten wollen ja immer das gleiche*
*Alles ist schön, wenn man es nur mit interessierten Augen betrachtet und den Einfallsreichtum im Bereich der Formen vergnügt bewundert*
*Man ist gut beraten, wenn man sich in beinahe jeden Menschen zu erkennen und wenn möglich zu respektieren weiß*
*Man lebt am besten, wo sich´s am besten leben lässt und selten ist das dort, wo man geboren wird*
*erkenne dich im anderen. In jeder fremden Person, auf die man stößt, gilt es, eine Übereinstimmung mit der eigenen Person zu finden*
*Nicht ich habe eine Traurigkeit, sondern die Traurigkeit hat mich*
 
So, jetzt höre ich auf, aber verweise, es gibt vieler dieser schönen Sätze zu finden. Und ja, vielleicht kommt der Gedanke beim Lesen auf, dieser Julian Passauer ist fast schon ein Heiliger. Aber nein, heilig wollte Julian nie werden, denn schon früh hat er erkannt, dass der schnellste Weg zumindestens in die katholische Heiligkeit das Hinnehmen von Qualen jeglicher Art war, von der Vierteilung, der Verbrennung auf dem Scheiterhaufen und dem aufs Rad Gespanntwerden bis zur Abwehr der süssestens und sinnlichsten Versuchungen, vom publikumsumjubelten Tod als Löwenfutter im römischen Kollosseum bis zum Blutschwitzen und Erleiden dfer Wundmale Crhsti am eigenen Leib. So war für Julian klar, nein, heilig wollte er auf keinen Fall werden,-)
 
Ein wunderbares Buch, einer Familiengeschichte, einer Zeitepoche, einer Homage an die Stadt Wien und die Region des Südens, voller Humor, selbst über die schrecklichsten Geschehnisse dieser Zeitepoche und der Menschen, die sie entfacht haben.
 
Als Andre Heller sein fertiggeschriebenes Buch seiner Mutter an ihrem 101.ten Geburtstag vorlegte, sagte diese: "Ich hoffe, du hast all dies ursprünglich mit einer Füllfeder geschrieben. Die Buchstaben lieben nämlich Füllfeder" :) Schön, nicht wahr:)
 
Viel Vergnügen allen, die dieses Buch zur Hand nehmen:)
 
*Das Buch vom Süden *
Andre Helller
Zsolnay Verlag
- 978-3-552-05775-3

24,90 Euro

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