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30. Januar 2017 1 30 /01 /Januar /2017 13:30

Der Morgen ist nass und grau. Der Regen fällt in feinen langen Streifen vom Himmel. Es ist nicht der Sonnentag, so wie damals, als du dein Ja gabst. Ein Ja mit Unsicherheit. Heute soll das Ja mit Sicherheit nun nach acht Jahren besiegelt werden. Auf dem Papier. Bürokratie.

Obwohl schon so lange getrennt, ist es plötzlich doch noch einmal ein denkwürdiger mit vielen Gefühlen behafteter Gang. Keine schlechten jedenfalls. Es ist alles richtig und gut wie es gewesen ist. Du hast endlich den Eindruck, dass nun Freiheit da ist. Du selbst bist und sein kannst.

Du schaust zurück nach damals. Kurz vor deinem 17. Geburtstag an dem ersten Weihnachtstag, den du allein verbrachtest, mit deiner Musik, auf dem Boden liegend mit deinem treuen Begleiter, deinem Hund. Damals dachtest du, endlich Freiheit. Niemand mehr da, der dir das Leben schwer macht und du warst glücklich. Doch kam es anders. Du machtest die falschen Schritte und irgendwann konntest und wolltest du nicht mehr nein sagen, zu dem wie es gekommen ist. Es war auch nicht schlecht. Aber es fühlte sich auch nicht richtig an. Daher war das Ja auch kein sicheres Ja, nie gewesen. Und heute, wenn du zurückschaust siehst du, dass du niemals da warst, wo du warst. Du denkst, das ist mein Anteil an allem, dass du nie ganz da warst, wo du warst. Nicht da sein, wo man ist, ist ein Zustand der tragbar sein kann.

Und immer, wenn du zurückschaust auf all die Jahre deines halben Lebens ist es in Ordnung für dich, wie es war. Manchmal denkst du, damals, als die Kinder noch klein waren, als du gehen wolltest, du hättest es tun sollen. Nicht weil du heute denkst, etwas verpaßt zu haben. Nein, wegen dem Schmerz, der um so stärker war, je länger die Jahre der Gemeinsamkeit bestanden. Es fehlte nicht nur der Mut. Es war anders. Du wolltest dass die Kinder Eltern haben, beide Eltern, eine Familie. Sie sollten das bekommen, was du selber nie hattest. Und jetzt, wo du zurückschaust, kannst du dazu stehen. Geben ist ein sich selber vergessen. Das konntest du gut. Es hatte ja einen Sinn.  Deine Kinder. Und es war gut, alles, wie es ging mit allem. Es war eine gute Zeit.

Du hast gesucht und gefunden, verworfen, wieder gesucht und gefunden, wieder verworfen und in all diesen Prozessen hast du dich mehr und mehr gefunden und hast die richtigen Schritte getan, die Entscheidungen getroffen, die nötig waren in vielen Dingen. Es ist euch beiden gut gelungen, das Leben mit den Kindern. Sie waren glücklich und sind es heute und blicken dankbar zurück. Was willst du mehr.

Irgendwann hast du erkannt, dass es nun nicht mehr weiter gehen kann, so wie es war. Die Kinder wurden selbständig, zogen aus und du dachtest, gemeinsam älter werden geht  nicht. Jetzt muss jeder seinen eigenen Weg gehen. Nicht, dass es dir nicht schwer gefallen wäre. Das Leiden des Weggehens war für jeden von euch da, nur anders. Eine schwere Zeit.
Aber ihr hab es geschafft. Ohne Rosenkrieg, ohne Zerwürfnisse und bittere Vorhaltungen. Im Gegenteil, hervorgehoben habt ihr das Gute, das war und die Zeiten, wo auch Glück spürbar.

Die Kinder haben auch gelitten. Es ist nicht so, dass gedacht werden kann, wenn sie selber erwachsen sind, ist das kein Problem. Wer das sagt und denkt, belügt sich selbst. Auch sie haben Schmerz. Doch auch er heilt und heute könnt ihr alle beisammen sein. Eigentlich  ging es schnell mit dem Zusammensein, ihr alle. Ihr könnt fröhlich sein, miteinander lachen, euch begegnen mit all dem, was webt und dürft alles aussprechen. Das ist schön.

Es gehört viel Mut dazu, Gewohnheiten zu verlassen. Nichts ist plötzlich mehr so, wie es war. Die Freunde wissen nicht mit wem. Du selber musst mit den eigenen Schuldvorwürfen kämpfen, auch einer gewissen Scheu und Angst vor den Menschen, wegen den Urteilen. Es kommen die Sätze hoch wie, bis dass der Tod euch scheidet. Und dass sitzt. Die ganze Moral, man muss, man sollte, man darf nicht.
 

Egal, du hast es geschafft und er auch. Du siehst ihn immer noch gern, all die letzten Jahre ist es vertrauter geworden mit euch und ehrlich. Du siehst auch seine Liebe gern. Sie passt zu ihm. Dein Herz wird warm, wenn du sie siehst, weil es dir wichtig war, dass er es gut hat. Auch ihm ist es wichtig geblieben, dass es dir gut geht. Es ist alles gut so.
 
Und heut ist der Tag. Er holt dich ab mit dem Auto. Du bist schon lang nicht mehr Auto gefahren. Du sitzt neben ihm, wie früher. Das Erzählen fällt leicht. Ihr seid fröhlich, trotz ein wenig Beklommenheit. Vor einem Richter stehen. Du weisst nicht wie das geht. Er hat einen Anwalt. Du nicht. Du brauchst keinen Anwalt. Noch nie. Es gibt Menschen, die dich anklagen. Aber es ist dir egal. Du willst dich nicht verteidigen. Du bist wie du bist. Jeder soll vor seiner eigenen Haustüre kehren. Jeder ist dem anderen ein Spiegel. Und meist ist es so, die Kritiker der Elche sind selber welche. Ein doofer Spruch, du weist es schon, aber er stimmt, meistens.
 
Ihr betretet das Gericht. Fremd dir alles. Die Überprüfungen, das Abtasten, Hände hoch. Taschen ausleeren, Gegenstände abgeben. Wie ein Verbrecher. Ihr wollt doch nur amtlich, was schon lange ist, besiegeln lassen. Mehr nicht.
 
Dann vor dem Raum warten. Da stehen andere. Paare, die mal gemeinsam waren. Jetzt auseinandergelebt. Der neben dir schaut verbittert aus. Seine noch- Frau steht ein paar Schritte weiter, mit ihrem Anwalt. Welch ein Blick, den sie ihm zuwirft. Schrecklich, denkst du. Du schaust nach ihm, nach deinem, ihr lächelt euch an und sagt unausgesprochen, gut, dass wir es geschafft haben und uns noch mögen.  An den Wänden hängen Bilder von Landschaften und Örtlichkeiten. Ein genauerer Blick läßt dich entdecken, es sind Bilder aus zusammengesetzten Puzzeln. Die ganze Wand entlang, solche Puzzlebilder. Wo kommen die her, denkst du. Wer macht die hier. Langeweile zwischen den Prozessen an Bürotischen? Merkwürdiger Gedanke. Du denkst, ich frag den nachher mal, den Richter, woher die Bilder kommen. Hast es aber dann doch vergessen.
 
XY gegen YX. Jetzt seid ihr dran. Hoffentlich hast du nichts vergessen, denkst du noch. Es geht alles ganz schnell. Ein paar Fragen an dich, die du mit Ja beantwortest, mit einem guten und sicheren Ja und alles ist vorbei. 4 Wochen bedarf es der Rechtskräftigkeit. Die Richterin ist auch froh, das merkst du. Das kann auch anders gehen, das weiss sie.
 
Draussen hat es aufgehört mit dem Regen. Ihr seid im 11. Stock und hab eine gute Sicht über Köln. Ihr seid zu Fuss gelaufen, den Weg nach oben. Du reist nicht gerne mit dem Aufzug. Die Enge, du magst sie nicht und verschlossene Türen dazu. Der Himmel hat sich aufgeklärt und unter den dahintreibenen grauen Wolken ist sogar ein Stück blau zu sehen.
 
Zurück zum Parkplatz, wo das Auto steht. Ein Labyrinth. Ihr seid etwas irritiert. Wo war das nochmal. Er sagt, er hat einen guten Orientierungssinn. Das habe er in den Bergen gelernt. Aber er geht falsch, du siehst es sofort. Du musst lachen, sagst es ihm auch,-) Es ist wie immer, früher:) Du empfindest eine Zärtlichkeit für ihn in diesem Moment. Und dann zeigst du ihm den Weg. Zum Auto.
 
Dann fahrt ihr zu dir. Ein kleines Frühstück. Ein wenig Musik und gut Worte für ihn und für dich. Das Leben kann weiter gehen. Das Vertrauen ist immer noch da. Zu lange die gemeinsame Zeit, als dass es hätte brechen können.
 
Paß auf Dich auf, sagst du ihm. Und du auf dich, antwortet er. Eine Umarmung. Und dann ist er weg.
 
Und du sitzt nun, wie damals mit 17 in deiner Höhle. Die Musik spielt *Perfect Day...Lou Reed* Zufall? Du glaubst nicht an Zufälle, jedenfalls nicht viel. Aber es paßt tatsächlich gerade. Das Leben ist eher ein Puzzle, in dem sich Stück für Stück passend an- und ineinander fügt. Wie die Bilder an der Wand vor dem Raum vorhin.
 
Dann gehst du auf den Balkon, rauchst eine Zigarette und denkst mit einem Seufzer. Gut ist das Leben, wenn nicht festgehalten wird, was sich nicht gut anfühlt. Gut ist es, wenn du Mut hast, zu tun, was richtig und wichtig ist. Gut ist, sich nicht unterkriegen lassen. Gut ist, zu sich selber zu stehen. Gut ist, auch anzunehmen, dass du Fehler machst und ganz sicher auch weiter Fehler machen wirst. Und Du bist dankbar.
 

Vielleicht ist *perfekt* immer zu hoch gegriffen. Ein guter Tag jedenfalls, das war er. Ein gutes Leben ganz sicher, das war es bisher. Ein gutes Leben in der Zukunft, das wünsch ich mir weiter.

Habt Mut!

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