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19. Januar 2017 4 19 /01 /Januar /2017 08:17

Mein Freund, es ist so schwer, Dich anzusehen. Dein Leiden macht mir das Herz so schwer. Eine Chemo nach der anderen. Hoffnung und Resignation. Ich teile sie mit Dir, nur anders. Nur zuschauen, abwarten, hoffen und sehnen, dass Dir Dein Leben bleibt, für Dich, doch auch für mich. Ich will Dich nicht verlieren. Alle gehen, am Ende bleib ich allein.

Ja, es stimmt, du kannst das sagen, es ist auch egoistisches Denken dabei. Denn, wenn Du gehst, du weisst ja dann nichts mehr, es ist einfach zu Ende. Doch ich und all die, die noch bleiben, die wir Dich kennen, schon so lange Zeit, wir müssen mit dem Schmerz dann leben, dass Du nicht mehr bei uns bist.

Du hast mir immer viel bedeutet. Auch wenn es Zeiten gab, die uns auseinanderbrachten. Jeder ging für eine Weile seinen ganz eigenen Weg. Doch in Gedanken und im Herzen warst Du doch immer bei mir. Ein Freund bleibt ein Freund. So ist es jedenfalls bei mir.

Manchmal, wenn nach meinem letzten Kontakt Du Dich ewig lange nicht gemeldet hast, dann machte ich mir Sorgen. Ob es Dir gut geht. Wie immer, wenn ein Kontakt ganz einfach unterbrochen wird und ich nicht weiss, was ist mit dem Menschen, dem ich verbunden bin. Da kommt die Sorge, ob alles in Ordnung ist, mit ihm. Aber auch ein leiser Zweifel, der mein Herz beschwert, hab ich etwas falsch gemacht. Mein Freund, ich will nicht, dass Du gehst.

So viele Erinnerungen an die so lange Zeit, die wir uns kennen. So jung waren wir damals, als wir uns kennenlernten. Du warst der Freund meines Freundes. Ich hatte Dich vorher nur gesehen, nie ein Wort mit Dir gesprochen. Dann lernte ich Dich kennen. Damals. Es gibt so viele Bilder in mir von unserem Beisammensein. Jetzt kann ich es ja sagen, was nie ausgesprochen war. Damals ja, damals war ich gar ein ganz klein wenig verliebt in Dich. In Deine sanfte Art, so vorsichtig, wie Du durchs Leben gingst. Ich hatte immer schon gespürt, dass dieses Sanfte und Leise mit etwas zusammenhängt, einem Schwerem, dass in Deinem Leben geschehen ist. Ein kleines Lächeln in meinem Gesicht, jetzt, wo ich das schreibe.

Bilder, die ich einfach nicht vergessen kann. Damals an der Haltestelle, morgens schon ganz früh, Du fuhrst zur Arbeit und ich zu meiner. Doch plötzlich standest Du da. Ganz beklommen und ein wenig verschüchtert sah ich Dich an und die Worte die wir sprachen in diesem kleinen kurzen Moment, kamen mir so schwer. Ich hatte mich gefreut und mich glleichzeitig geschämt, dass dieses kleine Verliebtsein in Dich in mir war.

Doch alles wurde gut. Du warst gut aufgehoben, so wie ich. Wir machten viel zusammen, Du, die Deine, ich und der meine. Wir waren ein eingeschworenes Team. Lauter verrückte Sachen, die wir zusammen erlebten.

Dann zogen wir zusammen in das Haus, damals in der Eifel, wir vier.. Eine gute Zeit war es, mit vielen Besuchen, Lebendigkeit, Lachen und Heiterkeit. Weisst Du noch, wir wir Beide oft die Letzten und die Ersten waren. Am Abend noch zusammen uns mit der Musik, die wir hörten, uns verbanden. Am Morgen dann, du und ich mit einem Kaffee in der Hand und der ersten Zigarette draussen oder in dem kleinen Esszimmer. Manchmal fuhren wir beide schon früh zum einkaufen für uns alle. Wir waren uns in so vieler Weise ein  ähnlich.

Ich war Dir immer dankbar, du hast mich immer verstanden. Auch Dinge gesehen, die nicht ausgesprochen warenm  manchmal mich in Schutz genommen. Du konntest Dich so gut in alles hineinversetzen und hattest Scheu, Urteile zu sprechen. Das mochte ich immer an Dir. Es war so beruhigend, sich bei Dir aufgehoben zu fühlen.

Dann war es plötzlich zu Ende. Das Wohnen in dem gemeinsamen Haus. Zu erschwert die Wege zurück nach Köln an die Orte unserer Arbeit. Es ging nicht mehr. Wir mussten zurück. Und irgendetwas lag in der Luft, unausgesprochen, dass wir nicht mehr zusammen wollten. Von uns beiden ging das nicht aus. Es blieb nicht gesagt, mehr oder weniger. Zurück dann, hatte jeder sein eigenes Heim. Wir verloren uns nicht, doch änderten sich die Dinge. Familie wurde geboren, bei Dir und auch bei mir. Und jeder lebte ein anderes Leben.
Nur hin- und wieder trafen wir uns. Verloren gingen wir uns nie. Später dann, als die Kinder fast alle aus dem Haus waren, wurde es wieder intensiver mit dem Beisammensein. Wir fuhren sogar zusammen in Urlaub oder waren in dem Haus, in der Eifel mit den anderen aus der frühen Jugendzeit. Wir pflegten  das, was war, von Anfang an, als wir noch jung waren und jetzt so viele Jahre dahin waren, die so viel Gelebtes und Erlebtes in uns gesenkt hatten.

Der Urlaub, damals in Spanien am Meer, wo wir alle zusammen waren. Er war schwer. Denn Abschiede lagen in der Luft, Trennung und Schmerz. Eine Freundin war schon gegangen. Eine neue Partnerin ihres Mannes war nun dabei. Und diese lange Zeit mit Deinem Freund und meinem Mann, zwischen mir und ihm, war unweigerlich zu ende, auch wenn wir beide noch zusammen waren. Du hast es gespürt, schon immer, es passte nicht, es war so vieles geschehen, was dazu führte. Das Bild, wie wir Beide spazieren gingen, am Strand entlang, im tiefen und ernsten Gespräch versunken. Dann ins Cafe, wo ich sagen konnte, wie es mir brannte auf der Seele und dem Herzen, Du hast es verstanden. Und alles war gut. Es hatte mir gut getan.

Und dann war ich plötzlich aus der Welt. In einer anderen Stadt und es fiel mir so schwer mit dem Kontakt in der Zeit. Ich hatte immer Angst, dass Urteile da waren. Und auch Du hast Dich nicht gemeldet. Die ersten Schritte kamen von mir, die Briefe, die Anrufe und dann war alles plötzlich wieder da. Die gute Freundschaft, unser Miteinander. Dann kam die Krankheit, Deine Krankheit. Ein Schock, ein nicht wahr haben wollen. Die Zeit bis jetzt so gekämpft, immer wieder. Du bist tapfer gewesen, immer, bis heute. Viel hattest Du nun verstanden, von Dir selbst und dem Leben, dass Du hattest. Vorbei ist jedoch vorbei und es geht um das Heute und die Dankbarkeit, gehabt zu haben, was da war. Deine Kinder, Enkel, Deine Frau und auch wir, die übriggebliebenen Freunde, die immer noch da waren. Und es sah so aus, als wenn alles gut würde. Jedoch immer wieder die Einbrüche, erneute gefundene Zellen, die aggressiv in Dir wüteten, wieder Chemo, wieder hoffen, sehnen und bangen für eine lange Zeit, bis Ruhe war. Ruhe sollte sein, irgendwann, endlich und Du das Leben, dass Dir blieb, geniessen, Dich freuen kannst, an allem, was war und ist.

Und nun erneut. Und wir wissen nicht, wie es ausgeht. Mein Freund, ich will nicht, dass Du gehst. Ich will nicht alle verlieren. Ich will, Dass Du noch Leben hast, für Dich und Deine Lieben, aber auch  für mich. Ich möchte Dich nicht missen. Ich brauche Dich als Freund.

Mein Freund, ich will nicht, dass Du gehst. Ich brauche Dich.

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