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7. Februar 2017 2 07 /02 /Februar /2017 17:11

Einen 863 Seiten langen Roman in die Hand zu nehmen, dazu gehört schon fast Mut, dachte ich jedenfalls, als ich auf Nathan Hill und seinen Roman *Geister* stieß. Ich ermutigte mich und sagte mir ok, wenns langweilig wird, kannste ja quer lesen und paar Seiten überschlagen,-)
 
Meine Befürchtungen jedoch lösten sich schon beim Lesen der ersten 30 Seiten auf. Ich traf auf eine unfassbar grossartige Erzählkunst, die mich sofort in die Geschehnisse bzw. die Leben der Protagonisten hineinzog.
 
Es ist ein Roman der über das Scheitern des Lebens erzählt. Es sind die Geister der Vergangenheit, die, wenn sie nicht bezwungen und zurückverwiesen werden an den Ort, wo sie hingehören, das Leben und die Bewegungsfähigkeit behindern können. Das geht so lange, bis an einen Punkt gekommen wird, wo man gezwungen wird, sich diesen Geistern zu stellen, sie aufzuspüren um ihnen endlich den  Garaus zu machen. So jedenfalls habe ich es empfunden am Ende des Buches.
 
Und sicher kann Niemand aus seinem eigenen Leben nicht auf irgendwelche Geister der Vergangenheit zurückgreifen, die ihm heute hin- und wieder immer noch das Leben schwer machen. Ich jedenfalls nicht.
 
Die Geschichte beginnt mit einem recht harmlosen Attentatversuch auf einen rechtspopulistischen Gouverneur aus Wyoming. Unfassbar beim Lesen dieses Ereignisses und den folgenden, wie prophetisch Hill gewesen ist, als hätte er schon vorab vom Wahlsieg Trumps gewusst.  Eine ältere Frau wirft diesem Gouverneur namens Packer, eine Handvoll Kieselsteine während einer Wahlveranstaltung ins Gesicht.
 
Diese Frau ist die Mutter Samuels, einem Englischlehrer und gescheiterten Schriftsteller, die ihn als 11jährigen Jungen aus heiterem Himmel verlassen hat. Er hatte nie wieder Kontakt zu ihr. Nun erfährt er, dass diese Attentäterin des Gouverneurs seine Mutter ist. Aufgefordert von ihrem Anwalt, er solle einen Brief an den Richter schreiben, der zugunsten ihrerseits ausfallen soll, damit das Strafmaß gemildert wird, besucht er sie nach langer Zeit. Im Grunde steht für ihn aber fest, einen Brief will er nicht schreiben und schon gar keinen positiven. Er hat es nie verwunden, das Alleingelassen worden sein von seiner Mutter. Ja, Rache ist sein Motiv. Endlich will er ihr es heimzahlen, für den Schaden, den sie in ihm und somit seinem Leben zugefügt hat.
 
Aber es kommt ganz ganz anders. Samuel beginnt die Vergangenheit seiner Mutter zu entdecken, ihre Lebensgeschichte. Es treten weitere Figuren auf, die im Leben seiner Mutter, aber auch in seinem Leben eine wichtige Rolle gespielt haben. Und Kapitel für Kapitel webt sich alles zusammen. Ich will da nicht so viel verraten. Aber jede Geschichte der einzelnen Figuren ist so phantasiereich erzählt, dass aus jeder Figur und ihrem Leben ein Anteil am eigenen Leben entdeckt werden kann. Riesige Spannungsbögen, fast wie ein Krimi, so hab ich es empfunden, hat Hill meisterlich geschaffen.
 
Hills Roman ist zugleich ein Erzählen amerikanischer Geschichte, ihrer Politik, der Hippiebewegung in den 60ern und den Protesten am damaligen Vietnamkrieg sowie dem gesellschaftlichen Mief in den Kleinstädten und die Weiterentwicklung der amerikanischen Gesellschaft.

Hill zu jedem Themenbereich sehr gut recherchiert und es kann viel wissenswertes mitgenommen werden. So z.B. was mit Menschen passiert, die einer Spielsucht verfallen sind.  Samuel selber verbringt in seiner aussichtslosen Lebenslage mehrere Stunden pro Tag mit einem Videospiel zu, dass er zwar selber als völlig blödsinnig erkennt, dennoch nicht herausfindet. Er selber ist nicht so stark von den Auswirkungen betroffen, da er ja noch im Berufsleben steht, aber eine Nebenfigur, von der Hill erzählt, geht an dieser Sucht fast zugrunde. Dazu bedient Hill sich geradezu eines umfangreichen Fachwissens, das er sich wohl während des Schreibens des Romans angeeignet hat.
 
Ein wunderbarer Roman, der nun zu meinen Lieblingsbüchern zählt!
 
Nathan Hill
Geister
Piper Verlag
 
ISBN: 978-3-492-05737-0

25,00 Euro

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