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3. April 2017 1 03 /04 /April /2017 09:21

Für Filmegucker, die Action, Crahs und spektakuläre Szenen im Streifen suchen, ist Aki Kaurismäki sicher keine Empfehlung. Wer Kaurismäki mag, liebt mit ihm das Gemütvolle, Altbackene. Kein anderer wie er beherrscht die Kunst so sehr, Details in den Vordergrund zu rücken. Manchmal sind es kleine Dinge, wie z.B. einen Wecker und man denkt vielleicht, was soll das? Wieso wird eine Szene mit einem Wecker so ewig lange gezeigt. Ich verstehe das wohl. Ist doch der Wecker für die meisten ein lebenslang begleitendes und beherrschendes Utensil. Ob ich jetzt mal wieder merkwürdig denke? Nö. Ich seh und empfinde das so. Zudem ist es auch die Ästhetik der Dinge, die Aki zeigt.
 
Oder er zeigt eine Musikbox, altbacken, kennt der eine oder andere noch. Ich erinnere mich genau daran. War noch fast ein Kind. Sonntags immer den Onkel vom Frühshoppen aus der Kneipe holen müssen. Bevor der sich aber endlich mal aufraffte, spendierte er mir immer ein paar Münzen für a) den Erdnussautomaten und b) die Musikbox. Die war immer zuerst mein Ziel. Plattegedrückt meine Nase am Fensterchen und an der Liste der vorhandenen Titel gehangen, durfte ich mir eine Scheibe nach Wahl aussuchen, die dann nur für mich, so dachte ich jedenfalls damals, spielte. Dass die anderen auch hörten, war mir aufgrund des Staunens und Versunkensein im Abspiel- und Hörvorgang absolut aus dem Gedächtnis verbannt.
 
Und so zieht sich ein roter Faden von unendlich langen Kameraeinstellungen durch Akis Filme, die Dinge, die sich in Räumen befinden und die eingefangene Athmosphäre durch die Handlung. Vor allen Dingen aber auch beherrscht er die Kunst Ungesagtes so klar und deutlich aufzuzeigen, wie kein anderer, vielleicht noch Jim Jarmusch. Akis Filme sind nicht dialoglastig. Das gefällt mir gerade in dieser Zeit des müllbeladenen Wortgefechtes überall wo du nur hinschaust. Früher hiess es ja man amüsiert sich zu Tode. Heute könnte vervollständig werden: Man quasselt und amüsiert sich zu Tode. Empfinde ich so.
 
Vor ein paar Tagen hab ich noch eine Doku über die Entstehung des Films *Le Havre*, Akis Film über die Flüchtlingsproblematik aus dem Jahre 2011 gesehen. Ich habe ihn, wie auch andere Filme von ihm, schon mehrmals gesehen. Es war für meine Begriffe der erste Film, wo Aki ein ganz klein wenig abwich von seiner Art des Filmemachens. Der Film erschien bunter, ereignisreicher. Ich hatte mich gewundert. Aber nur ein ganz klein wenig. Es fiel halt auf, wenn die anderen Filme von ihm gekannt wurden.
 
Nun, in seinem neusten Film *Die ander Seite der Hoffnung* kehrt er wieder gänzlich zurück zu seinen Ursprüngen. Auch in diesem Film geht es um die Flüchtlingsproblematik. In der Doku, die ich über Aki sah, war sehr schnell zu erfassen, dass ihm das auf der Seele brennt. Aber was sag ich, Aki brennt alles auf der Seele was an Unmenschlichkeit, Zerstörendes und Erkaltetes in der Welt herrscht. Nicht umsonst lebt er sehr zurückgezogen und macht sein eigenes Ding, hat sich niemals vom Hollywoodmainstream und Glanz und Glimmer verführen und beherrschen lassen. Aber nicht nur deswegen lagen immer einige Jahre zwischen seinen Filmen. Es sit einfach seine Art und entspricht seinem Wesen, etwas langsam zu entwickeln, den Dingen Zeit zu geben, wie man eben auch in seinen Filmen erkennen kann. Es ist ihm sogar wurscht, ob der Film Geld einbringt oder nicht, er will aufzeigen was er sieht in der Welt, was ihn berührt, bewegt, verstört. Selbst die Preise, die er manchmal einheimst, wie jetzt auch für seinen neusten Film für die beste Regie, sind ihm schnuppe. Was sind schon Preise so sagt er in der Doku. Das ganze Etablishment geht ihm am ....vorbei, Ihr wißt schon. Und wenn er tatsächlich mal zu einer Verleihung kommt, dann läßt er sich nicht lumpen und bringt sein ganzes Gefolge mit, alle die, die an dem Film mitgewirkt haben, ob Kameramann, Schauspieler oder Putzfrauen., Sie sind alle dabei. Herrlich. Er macht einfach ein Häufchen auf den ganzen Anerkennungskram.
 
Und wer nur einmal nur einen einzigen Gedanken dergestalt hatte, dass seiner Ansicht nach Das Fremde zuviel wird, der solllte sich den neusten Film von Aki anschauen. Er würde diesen Gedanken vielleicht verwerfen. Sicher, es ist ein märchenhaft anmutender FIlm. Dennoch, Märchen können wahr werden, wenn nur ein einziger Mensch sein Denken und Handeln verändert. Im Alltag. Es geht so einfach, wenn das Herz noch nicht erkaltet ist.
 
Es spielen sich mehrere Dramen ab in seinem Film. Die Reise eines Flüchtlings, der auf Um- und Abwegen in Helsinki landet. Und dessen Geschichte man erfährt, als er im Einwanderungsbüro die Erlebnisse und die Gründe seiner Flucht aus Syrien zu schildern angehalten wird. Die Starrheit der Bürokratie, das Unbwegliche, kalte ohne viel Worte gezeigt. Gesten zeigen oft mehr als Worte. Die Angst eines Menschen, die Suche und die Sehnsucht nach Geborgenheit und Sicherheit. Warum erkennen die, die sich dagegen verwehren das Fremde aufzunehmen, so sehr dagegen? Haben sie niemals erlebt, was es bedeutet in Unsicherheit sich zu befinden? Und bei den Radikalen zeigt sich der Haß in ihnen, der sich gegen das Fremde richtet. Und es nicht abwegig zu denken, dass der Hass nur daher zeugt, dass sie selber keine Liebe in ihrem Leben erfahren haben. Und wie absurd dem syrischen Flüchtling die Einreise verwehrt wird mit dem Argument, nach eingehender Prüfung sei der Asylgrund nicht genug begründet. Die Realität sei doch nicht so schlimm, dass sie nicht ausgehalten werden kann. Und das Absurde sich gerade in diesem Moment zeigt, als der selbe im Einwanderungsübergangsheim im Fernseh die Bilder des Krieges aus Syrien sieht, die Gesichter stumm und schreckenserfahren der anderen Zuschauer im Blickfeld sind.
 
Eigentlich geht es im ganzen Film um die Liebesfähigkeit des Menschen, die sich m.E. ganz richtig von Aki aufgezeigt, nur im Handeln zeigt, nicht im Quaseln von Mitleids- und Mitgefühlsbezeugungen.
 
Aki hat jedoch auch keine Angst oder Sorge deutlich zu machen, dass es oft möglich ist, auf der einen Seite diese Liebesfähigkeit zu besitzen, auf der anderen Seite jedoch wiederum fehlt sie. So in der Geschichte des Vertreters für Herrenhemden, der eines Morgens bevor er zu seiner Arbeit aufbricht, seinen Ehering seiner Frau auf den Tisch legt, die wiederum keine Anstalten macht, sich gross dagegen aufzulehnen, sondern ihn nach Verschwinden des Ehemannes ganz einfach in den Aschenbecher wirft und ihn fast verächtlich mit einer Zigarette ausdrückt. So ist das eben manchmal. Es kann sein, dass es manchmal leichter ist zu lieben in der Distanz zu einem Menschen als im täglichen Umgang mit dem Partner, Freund, Kind, wie auch immer. Denn der selbe Mann, der sich da von seiner Frau trennt, seinen Beruf an den Nagel hängt, mit dem erwirtschafteten Geld schnell noch per Pokerblick gekonnt in einem Kasino die finanziellen Mittel verdoppelt und sich ein etwas heruntergekommenes Restaurant kauft, mit dem er fortan seinen Lebensunterhalt verdienen will, zeigt genau diese Menschlichkeit und Liebesfähigkeit in dem Moment, als ihm der syrische Flüchtling eines Tages begegnet und er sofort erkennt und handelt, was ihm not tut. Nämlich Arbeit, Essen und Unterkunft. Schön dieses Märchen, von dem man hoffen will, ich jedenfalls, dass es tagtäglich immer mal wieder wahr werden kann. Manchmal sind die größten Werke der Liebe ja auch die allerschwersten.
 
Ich weiss nicht, wie es einem potentiellen Besucher des Films gehen wird, ich jedenfalls habe an einigen Stellen mit den Tränen kämpfen müssen, jedoch auch genauso tüchtig schmunzeln, gar lachen müssen. Denn das hat er bei allen Dramen des Lebens drauf, der Aki, niemals darf der Humor vergessen werden, der so viel zu ertragendes Schwere lkeichter nehmen und fallen läßt.
 
Es ist einfach zu köstlich, wie die Angestellten nebst Chef überlegen, wie sie den schlechten Lauf des Restaurants aufbessern können, etwas anbieten können, dass die Umsätze erhöht, so daß das Leben für alle gesichert ist. Wie der Besitzer nach Beratschlagen hingeht, sich die gesamte Auslage in einem Buchladen über die Herstellung von sushi geben läßt und nun alle ihr kulinarisches Angebot, das sich bisher auf Fleischbällchen und Sardinen beschränkte, aufstocken. Zu köstlich wie sie da alle mit der Sushi-Herstellung beschäftigt sind, alle Protagonisten plötzlich in Kimonos durch das Restaurant wuseln, plötzlich jedoch feststellen müssen, dass der Fisch aus ist. Was tun blicken sich alle ratlos an. Und wie herrlich dieser Humor Akis, der sich daran zeigt, was kann einem Gast zugemutet werden. Aber auch hier wieder der unverwüstliche Hinweis auf die Hoffnung, die doch in allen Geschehnissen zu finden ist. Es läßt sich immer ein Weg finden, dem Untergang eines Lebensereignisses entgegenzutreten und wenn er auch noch so absurd und schräg ist. Genau das lieb ich so an Akis Filmen.
 
Und wieder die Musik, die ebenfalls Akis Filme immer behrrscht. Auffällig tatsächlich dieses Mal für mich, dass er sie nicht, wie in gewohnter Weise in ganzer Länge spielen lässt. Dennjoch immer ein gutes Stück mit den Untertiteln der Übersetzung, Dieses mal hat er sich wieder auf alte finnische Weisen besonnen, deren Texte von Kummer, Leid, Liebe aber eben auch Hoffnung erzählen. Ich mag das:) Man kann diese alten finnischen Schlager nicht vergleichen mit atemlos durch die Nacht rennen. Niemals nie:)
 
Und natürlich ist Kati Outinnen, seine Lieblingsdarstellerin, wie in allen Filmen von Aki, wieder mit dabei. Ich mag sie. Sie ist einfach so herrlich authentisch. In der Doku über Aki erzählte sie, wie die finnische Filmindustrie vor Jahren Aki einmal angeraten hat, sich doch eine andere Schauspielerin zu suchen, es gäbe doch nun auch wirklich schönere finnische Frauen. Wunderbar wie sie lächelt bei dieser Erzählung. Sie und Aki sind einfach ein eingeschworenes Team. Und ich fand sie immer schön, in allen Filmen, als sie jünger war oder auch jetzt im Älterwerden. Dieser ganze Perfektionswahn der äusseren Erscheinung geht mir eh auf den Senkel. Nein, das wäre jetzt sogar lapidar ausgedrückt. Ich lehne es ab. Es zeigt sich darin eine Art faschistisches und rassistisches Ausgrenzungsmerkmal. Wer bestimmt, was schön und gut ist und welche Bedeutung haben die noch, die aus diesem Raster fallen. Es ist m.E. ein ganz kleiner sich zeigender Rassismus und die Menschen, die so denken, sind sich dessen gar nicht mal bewusst. Aki zeigt Menschen, keine Plastikmenschen. So ist es!
 
Also, was soll ich noch weiter erzählen. Seht den Film und seht das Leben.  Erkennt, dass Märchen manchmal wahr werden können, dass es niemals ohne Hoffnung gelebt werden darf und dass in allem, was geschieht, die Sichtweise des Humors nie verloren gehen darf.
 
Ich mag ihn, den Aki, als Filmemacher und auch als Mensch. Natürlich bin ich ihm nie persönlich begegnet. Einmal hätte es fast geklappt in Frankfurt im Filmmuseum. Aber leider hat er, wie das schon mal seine Art ist, dann doch kurzfrisitg abgesagt. So ist er eben. Auch ein wenig unberechenbar. Was soll ich sagen, ein Mensch, der immer berechenbar ist, ist doch langweilig, oder? Ich war schon auch ein wenig enttäuscht damals, dennoch auch hier ein Schmunzeln über ihn. 
 
Aki Kaurismäki

Die andere Seite der Hoffnung

 

P.S. Die Doku üpber Aki Kaurismäki ist noch zu finden in der arte-mediathek

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