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19. Juli 2017 3 19 /07 /Juli /2017 10:27
Es ist Sonntagmorgen. Endlich! Seit Wochen freue ich mich auf diesen Tag. Brian Setzer. Niemals hab ich ihn live erleben können, jetzt war es endlich soweit. Sein einzigstes Konzert auf seiner großen Tour in Deutschland. Die Karte schlummertt an meiner Pinwnand schon seit März. Tag für Tag hab ich einen Blick drauf geworfen. Vorfreude pur.
 
Die Tage zuvor hatte ich sehr schöne Begegnungen, die berührend und tief waren. Die Nacht vor diesem heiß ersehnten Tag war daher kurz, auch weil ich mich am Vorabend mal wieder nicht von meinen beiden Leidenschaften, dem Schach und der Musik, lösen konnte. Die Quittung folgt ja bekanntlich auf dem Fuß. Die müden Augen wollen einfach nicht sehen, was ich sehen will. Manchmal kannst halt wollen was du willst, nix geht. Sie finden nur schwerfällig hinein in die Welt. Es geht jedoch auch langsam, dies hab ich dem Himmel sei Dank vor Jahren entdeckt, die Langsamkeit.
 
Duschen, Sachen packen. Entscheide mich für so wenig wie möglich, brauche daher keinen Koffer. Schminkkoffer schon gar nicht. Tasche reicht. Mit wenig Gepäck durchs Leben. Herrlich. Geh raus, die Kirchenglocken läuten am Sonntagmorgen. Ich mag das so. Erinnerung an das, was es noch gibt, woran wir glauben möchten, aber doch immer wieder ein *Thomas*, der Ungläubige, bleiben. Immer müssen Wunder her, die gefühlt, berührt werden möchten, dass wir doch ein wenig glauben.
 
Bei diesem Gedanken sind sie sofort in meinem Herzen und meinem Kopf. All die, die gerade kämpfen ums Überleben. Das ist meine Nähe zu ihnen. Ich bin einfach son Typ, ich trage die Lasten der anderen mit. Ich kann gar nicht anders. Ich will das auch, das Mittragen. Sie, an die ich denke, wissen es. Ich glaube daran, das es hilft, das Mittragen, egal wie es ausgeht.
 
Noch ein wenig Proviant für unterwegs erstanden in den von Sonntagsmorgenbrötchenkaufwilligen in besuchten Bäckerei. Auf gehts Richtung Bahnhof. Wie immer bin ich zu früh. Ich bin son Typ. Brauch einfach Zeit für loslassen des Alltags. Reisezentrum kann spontan erledigt werden für die nächste Unternehmung im August. Prima, geht doch auch alles ohne großen festgelegten Plan. Rauf auf den Bahnsteig. Eng ist es im Kölner Hauptbahnhof. In den Hallen mit den sonntagsmöglichen Einkaufsläden, auf den Bahnsteigen, überall drängt es sich. Eine letzte Zigarette im Raucherbereich, an denen die Ausgeschlossenen stehen. Steh da, rauche, schaue. Da seh ich eine Menschengruppe, die ich ins Visier nehme. Und da seh ich sie. Gibts doch nicht! Zufall? Ich denk nicht lang drüber nach. Sie hat mich auch erspäht. Beide sehen wir uns über die Entfernung an. Mensch Hannelörchen, rufe ich ihr freudig zu. Röschen ruft sie zurück. Und schon haben wir uns in den Armen. Wir Zwei. Das kann doch nicht wahr sein. Wir sagen nicht viel. Ich: Du hast dich gar nicht verändert! Sie: cool schaust du aus wie immer, du kleiner Lachsack! Leidensgenossinnen waren wir damals vor Jahren, als wir uns kennenlernten in der Reha. Geschafft haben wir es bis hier her.  Wohin Du, frag ich sie. Seminar erzählt sie. Und du, fragt sie zurück: Leipzig, Brian Setzer-Konzert am morgigen Montag. Klasse, sagt sie, das alte Roeschen geblieben. Telefonnummern werden ausgetauscht, weil die Jahre und die ständig wechselnde neue Technik hatte sie sie uns gestohlen, die Telefonverbindung. Wir sehen uns, bald! Abschied. Mein Zug läuft ein.
 
ICE nach Leipzig. Erfrischend leer. Kaum Reisende. Wer will anscheinend schon in den Osten. Platz gesucht und gefunden. Geht schnell bei mir. Nehme einfach den ersten, direkt am Abteilausgang. Wegen aufgehender Türen beim Stop an nächsten Bahnhöfen, Frischluftzufuhr, die hereinströmt oder in kleinen Fetzen an Kleidung der Einsteigenden hängt und mit hineinweht. Ich spüre so was. Bin da empfindlich. Machs mir gemütlich. Meine drei Lieblingsmagazine, die ich zuvor noch in der Buchhandlung erstanden habe, liegen griffbereit. Aber erstmal Wahrnehmen, das Losfahren, hinter mir lassen. Fühle mich wohlig, trotz des kratzenden Halses und verschnupfter Nase. Die Freude überwiegt einfach alles. 6 Stunden Fahrt. Blicke aus dem Fenster in die Weite der sich darbietenden Landschaft mit abgeernteten Getreidefeldern oder einfach öde Industriegebiete. Zwischendurch leise Stimmen aus den Sitzreihen, keine Gespräche in die Geräte, befinde mich in der Ruhezone. Gut und angenehm! Kinder, die spielen wollen, selbst das ruhig, zwischendurch ein wenig nörgeln, aber auch das ist in Ordnung. Lese, schaue in meine Schachwelt, mall Hallo und Gruß sage, döse, schlafe und plötzlich ist sie vorbei, die Fahrzeit. Reibungslos, angenehm.
 
Leipziger Bahnhof. Wahnsinn! Riesige Flächen, groß, weit, wenig Menschen, weder auf den Bahnsteigen noch in den unteren Etagen, wo alle Sonntagsshoppingwahnsinnigen das finden, wie überall. Doch dieses Ausladende der Geräumigkeit, Großzügigkeit gefällt mir. Gehe zum Ausgang. Erster Blick hinaus, ebenso Weite, einfach alles nicht erdrückend, breite Strassen, wenig Menschen. Was für ein Gegensatz zur Kölner City. Bleibe eine Weile stehen und atme den ersten Eindruck der Stadt ein. Was mir in dieser Zeit hier wohl so alles begegnen wird, ausser Brian natürlich. Keine Lust mich durchzufragen nach Bahnfahrt zur Pension. Nehme ein Taxi. Das geht schon. Geschenke muss man annehmen lernen. Wie immer freundlicher Taxifahrer. Obs weit ist, frag ich ihn. Südliche Vorstadt Leipzig, sagt er. Macht nix. Sage ihm, dass mir der erste Eindruck der Stadt sehr gefällt, diese Leere und Weite. Erfrischend ist das. Noch, antwortet er, noch. Erzhält mir was über das Leben hier, gäbe viele Arbeitslose, aber noch bezahlbaren Wohnraum. Ganze 5,30 Euro bezahlt er für den Quadrathmeter seiner Wohnung. Veränderung sei jedoch spürbar. Noch vor nicht all zu langer Zeit habe er 2,20 Euro pro qm gezahlt. Sensationell sag ich. Ca. 500.000 Einwohner habe die Stadt, sagt er. Es wächst jedoch, Studenten wollen bleiben, Unternehmer siedeln sich an. Hoffnungsschimmer für die Stadt.
 
Wir fahren durch Connewitz, das noch bis 1891 eigenständig war. Wie Mülheim, dem Stadtteil, in dem ich lebe, erzähl ich ihm. Gab viel Randale hier noch vor nicht all zu langer Zeit, erzählt er mir, sei es von rechts oder links. Besetzte Häuser überall gab es damals. Soweit mein Auge reicht, überall graffitybesprühte Häuser. Ich mag das. Werd ich ablichten und mitnehmen, denk ich. Die Fahrt ist kurzweilig durchs Erzählen und schon sind wir an meiner Pension angelangt. Stadtteil Lößnig. Pension Am Stern. Heißt hier alles *Am Stern* Knotenpunkt der Strassen in verschiedene Richtungen, sonst hat das keine Bedeutung. Schade, dachte schon irgendwas Mystisches, Geheimnisvolles. So sind wir Menschen, immer erwarten wir das Besondere. Bisschen verlassen liegt da alles vor mir. Ich klingele an der Pensionshaustüre. Keine Reaktion. Huch und auweia... Wenn die das verpeilt haben. Hatte doch gestern noch ne Mail, aber keine Antwort. Rufe mal an, da unter der Telefonnummer. Bekomme gesagt, Schlüssel hänge im Kasten vor dem Nebeneingang. Gott sei Dank! Dachte schon ich müßte anderweitig suchen. Gegenüber seh ich ein kleines Kirchlein. Gefällt mir. Kann ja nicht schaden, die Nähe zu einem Kirchlein. Gehe 3 Stockwerke hoch zu meinem Zimmer. Alles still und ruhig. Bin wohl alleine hier. Bisserl unbehagliches Gefühl. Tür auf zu meinem Zimmer, ups, das ist klein, sehr klein. Weiß nicht, vielleicht 7 oder 8 qm. Ist aber alles da. Bett, Kommode, Schrank, Fernseher. Auf den kann ich verzichten. Brauch ich nicht. Ich hab ja mich und meine Eindrücke. Alles sauber, ordentlich. Ok, paßt, für die kurze Zeit meines Aufenthaltes. Schließlich schlaf ich hier nur. Leg mich kurz aufs Bett, Beine ausstrecken, dann ziehts mich raus. Tasche, Geld, Kamera, alles da. Mehr brauchts nicht.

 
Hunger meldet sich noch nicht. Ich bin oft von meinen Eindrücken gesättigt. Beginne meinen Fußmarsch zurück durch Connewitz, leere Strassen, kein Mensch zu sehen. Ab und an mal ein Auto. Komme mir vor wie der Protagonist in Thomas Glavinics Roman: Die Arbeit der Nacht, in der sich ein Mann plötzlich über Nacht allein in einer von allen anderen Menschen verlassenen Stadt erfährt. Niemand mehr da, nur er. Trostlos und verlassen alles. Er irrt durch die Strassen, geht in die Läden, versucht zu erkunden, was hier passiert ist. Klasse Buch übrigens. Nun ja, ganz so ist es nicht, aber es mutet ein wenig so an. Ich wandere die Bornaische Strasse entlang. Finde die berühmt berüchtige Stockardstrasse, die einst wegen ihrer autonomen Szene deutschlandweit bekannt war. Der Taxifahrer erzählte mir zuvor, es sei immer noch einer der 80 berüchtigsten Strassen Deutschlands.
 
Bevor ich in die von graffitybemalte Häuserstrassenzeile einbiege, um mir einen eigenen Eindruck zu verschaffen, taucht plötzlich ein Mensch auf. Steht da vor mir, an einer Strassenecke. Ich höre zuerste nur ein merkwürdiges Pfeiffen, dann ein Ziehen, wie nach Luft. Das von mir wahrgenommene Geräusch stellt sich tatsächlich als Luftholen heraus. Ein verhutzelter, kleiner Mann steht da und saugt an einem Röhrchen mit Sauerstoff. Asthma wohl. Luftnot. Er klammert sich an sein Rollwägelchen und inhaliert. Empfinde das fast schon surreal, diese Szene. Mir fällt ein, wie Menschen manchmal sagen: Die Luft ist raus! Auweia, wenn die Luft raus ist, ist Gefahr in Verzug. Der Mensch hat Angst in der Situation, in der er steckt oder an einem Ort, an dem er festsitzt, zu ersticken. Keine Kraft mehr, auszuhalten oder kein Wille. Ich kenne solche Ereignisse aus meinem Leben natürlich auch. Geschehnisse, die mir dieses Gefühl vermittelten, hier gehts nicht mehr weiter. Lügen und Unwahrhaftigkeit, Bosheit und Neid, der einem manchmal entgegenkommt, sind ebenfalls solche Ereignisse, die mir die Luft nehmen. Dieser Mann da, der da steht und saugt, versucht zu überleben, mit einem Hilfsmittel. Und manchmal bleibt dem Menschen wohl nichts anderes übrig, als sich einem solchen zu bedienen, damit er nicht erstickt an unleidlichen, nicht mehr tragbaren Lebenssituationen, um sie auszuhalten. Künstliche Lebensbeatmungsgeräte. Kennen wir ja in dieser Welt. Ich ziehe und zog es immer vor, andere Wege zu gehen, mich zu lösen, damit ich wieder frei atmen konnte. Dazu braucht es jedoch Mut und Gewißheit, dass man vielleicht erstmal allein dasteht und Kraft und Stärke, den vorübergehenden Zustand auszuhalten, sonst kommt man schnell in eine neue Atemnot. So kanns gehen mit der Gedankenwelt, Gedanken kommen mit den Ereignissen, die vor einem geschehen.
 
Ich maschiere in die Stockardstrasse hinein. Schaut alles sehr freakig aus. Aus einem der Häuser erschallt laute Punkmusik. Ich spinxe durch die Haustür, entdecke einen Innenhof wild bepflanzt mit bunten Menschen, alternativ und schräg hocken sie da. Hören Musik, unterhalten sich. Nehme einen inneren Anlauf, überwinde mal wieder meine Scheu und geh einfach hinein. Gucken mich alle an. Hallo rufen sie mir dann doch zu. Willst nen Bier? fragen sie. Gern sag ich. Pflanz mich irgendwo hin und sie erzählen mir ein wenig über die wilden Zeiten, die vorbei sind, damals, als sie noch Häuser besetzt hatten. Die meisten sind ordnungsgemäß mietrechtliche Bewohner nun. Einige haben sich zu Genossenschaften zusammen geschlossen und organisieren sich selbst. Sie sind zwar noch unterwegs in Aktionen, aber es geht geruhsamer, übersichtlicher und geordneter, vor allen dingen gewaltloser zu. Einige haben mittlerweile Kinder, die in der Nähe in Kindergarten und Schule gehen. Letzten Endes siegt doch die Ordnung. Vielleicht hervorgerufen durch die Liebe und Nähe zu einem Menschen. Er scheint mir so nach ihrem Erzählen über ihren Lebensverlauf. Ich will weiter. Verspüre einen kleinen Hunger nun und verabschiede mich. Bedanke mich. Hey, viel Spaß morgen beim Brian, rufen sie mir hinterher. War schön, dass du dich getraut hast reinzukommen, sagen sie. Die meisten hätten immer noch Vorurteile. Ist nicht nötig, denke ich und werd es jedem sagen.
 
Meine Lokalauswahl für ein kleines Abendessen fällt auf ein kleines Bistro, an dem 2 Tische besetzt sind. Mich reizt das Angebot. Veganes Mettbrötchen. Möcht ich gern probieren. Bestelle es, ein Bier dazu und mache es mir gemütlich am Tisch. Versende ein paar Grüße auf meinem kleinen Gerät in die Welt meiner Lieben hinaus, schreibe in mein Tagebuch und spinxe einmal in meine Lieblingsschachseite und dem Kwaselort dort. Wenn du mal raus bist aus dem Alltagstrott, fällt dir sogleich noch stärker auf, dass es immer die selben Mechanismen und Gespräche, wenn man sie so nennen will, sind, die in solchen Forenchats ausgetauscht werden. Ist eigentlich wurscht, welchen Hintergrund diese Foren haben. Egal, ich mag meine Schachseite und ein paar Leutchen dort sehr. Das zählt.
 
An den Nebentischen wird hoch politisiert. Jösses, ab und an fange ich Gesprächsfetzen auf und denke, da will jeder Recht haben und besser wird die Welt dadurch auch nicht. Mich ödet so was zuweilen an. Ich schalte ab, blende aus, verspeise mit Genuß mein veganes Mettbrötchen, genieße mein 2.tes Bierchen seit langem und mach mich dann auf den Rückweg. Es tröpfelt leise vor sich hin.Gott sei Dank nicht in mein Gemüt. Denn es ist immer noch alles wie verlassen vor mir auf dem Weg. Ich fühl mich geradezu richtig wohl in dieser Stille und Einsamkeit. Steige wieder die drei Stockwerke zu meinem Zimmerchen hoch, werfe mich aufs Bett und sage mir: Feierabend für heute Röschen. Ein gutes, gelungenes Ankommen hier. Werfe noch mal einen Blick auf meine laufenden Schachpartien, aber nur die eine oder andere reizt mich zu einem Zug, keinen wirklichen Nerv hier. Sage nochmal Hallo in den Kwaselchat, spüre jedoch negative Energie und lösche mein Licht auf dem Display und auch in meinem Zimmer. Ende im Gelände. Meine Gedanken passieren den Tag revue und im Geiste erzähl ich es dem Menschen, den ich jetzt gern in meiner Nähe hätte. Das geht. Ich kann sowas. Dann fällt mein Blick auf die tanzenden Motten unter der Hausbeleuchtung und ich entschlummere. Schön wars.
 
Das war ja nur die Einstimmung:)

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