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9. Juli 2017 7 09 /07 /Juli /2017 13:35

 

 

Ein sonniger warmer Tag. Ich dachte, Roeschen, du musst mal wieder raus aus deiner Höhle. Ich kann ja, nachdem ich Tage von kleinen Pflichterfüllungen hatte, mich tagelang in der selben verbarrikadieren. Es gibt ja so Vieles, das mir gehört. Ich kann schon allein mit meinem inneren Reichtum sein, auch wenn es manchmal Momente gibt, in denen ich nur einen einzigen Menschen vermisse, der mein *sein* mit mir teilt. Also, um es deutlicher zu sagen, der denkt und fühlt wie ich. Jedoch weiß ich, dass das schwer ist. Daher bleib ich lieber mit und bei mir. Stark musst du sein, wenn du bist, wer du bist, allein. Da ist Niemand, bei dem du dich ausheulen kannst oder einfach eine Zustimmung erfährst. Du musst einfach alles mit dir allein ausmachen. Aber das ist auch deine Stärke. Und ja, es ist alles nicht so schlimm, wie es scheint, wenn ich das so erzähle, ich bin ja gesund und ich kann mich bewegen und ich kann, wie ein Wanderer durch die Welt ziehen und mir alles anschauen. So wie gestern.
 
Plan war dem Käthe Kollwitz-Museum einen Besuch abzustatten. Wir feiern den 150.ten Jahrestag von  Käthe Kollwitz. Viele Ausstellungen an verschiedenen Orten weisen in diesem Jubiläumsjahr auf diese herausragende Künstlerin unserer Zeit hin. Hier in Köln gab es gestern einen Familientag. Der Besuch des Museums war kostenlos. Am Abend dann sollte es eine Aufführung eines biografischen Films über sie geben. Ich habe mich drauf gefreut.
 
Und so machte ich mich mit meinem Rad im Sonnenschein am Rhein entlang auf den Weg um kurz danach am Dom anzukommen. Ich wußte, dass es noch ein Ereignis an diesem Tag in Köln gab. Ein großes sogar. Wir hatten Christopher-Street-Day. Auweia...ich war da noch nie, weder fern noch nah. Ich bin halt kein sensationslüstiger Mensch und Menschenansammlungen in dieser Größenordnung machen mir zumeist ein Unbehagen. Ich stelle das nur klar, weil..ich hab ja nix gegen den Tag. Sollen sie feiern die Leuts, was auch immer, wenn ihnen danach ist.
 
Gestern aber dachte ich, ach Roeschen schaust dir das Schauspiel doch einmal an und spazierst durch die Gassen.
 
Am Alter Markt angekommen, Rad abgestellt und rein ins Gewühl. Entlang den Strassen gab es bunte Stände mit allerei Angeboten, natürlich viel Alkohol. Ein Fest dieser Art ohne Alkohol wie überhaupt auf solchen Festen, gar nicht auszudenken. Aber auch Informationsstände verschiedener Gemeinschaften. Natürlich kannte ich keine einzige davon. Daher wollt ich mal spinxen und wissen, was da so hervorgebracht wird. Ging ich also zielstrebig an einen Informationsstand mit dem Namen * SMart Rhein-Ruhr-e.v*. Stand ich da ne Weile verträumt, schaute mir ihre Auslagen an, wurde von den dahinter stehenden Leutchen beäugt. Hat mir nix ausgemacht. Ich halt da Stand und schau zurück, bis ich den Moment finde und frage...na, was seid Ihr denn, was vertretet ihr hier. Oha..Klare Antwort, wie aus der Pistole geschossen. Sado-Maso-Freunde. Hihi...innerlich musste ich schmunzeln, dennoch hab ich sofort ne Klammer ums Herz gespürt. Auweia, es soll wehtun. Na dann...wegen mir, jedem das seine und mir das meine. Aha, antwortete ich interessant. Ich meine, was soll ich da mit den Leuten diskutieren, nahm ein Informationsblättchen mit und zog weiter meines Weges.
 
Bühnen waren aufgebaut für das musikalische Untermalungsspektakel der Feierlaune der sich eingefundenen Menschen. Ein buntes Treiben, unscheinbare und verrückt verkleidete Leutchen standen in Gruppen oder zu Zweit irgendwo herum. Ich blieb immer mal stehen und ließ das alles auf mich wirken. Und wie so oft machte sich in mir das Gefühl breit..Wer bin ich eigentlich? Ich weiß nicht, ob das der geneigte Leser meiner Impressionen verstehen kann. Weil...ich merke dann immer, ich gehöre zu Niemandem. Keiner Gruppe angehörig, keiner Gemeinschaft. Hab ich alles hinter mir. Brauch ich nicht. Ist sowieso immer nur eine einzige Vereinsmeierei. Und ja..ich bin auch weder ein *ist* noch ein *er* Also, kein Buddhist, Islamist, Christ,Pazifist (weil..ich will schon Frieden unter den Menschen, jedoch manchmal muss der Mensch sich auch wehren, ist so), könnt ja jetzt noch viele dieser *ists* aufzählen. Aber Ihr wißt schon, was ich meine. Bin auch kein Veganer, Vegetarier, von allen *ers* vielleicht ein Radler oder Wegelagerer, der doof in die Welt herumguckt. Aber diese *ers* gefallen mir, das bin ich halt.
 
Jedenfalls, irgendwann hab ich mich anderen Dingen in meiner schönen Stadt zugewendet. Weil, ich fand das dann doch interessanter, als den verrückten Menschenzoo weiter zu begutachten.
 
Auch wenn ich es schon zig Male gesehen hatte, sind bestimmte Dinge immer wieder ein Anziehungspunkt für mich kölsches Mädscher. Z.b. die Stolpersteine, die überall in den Kölner Strassen zu finden sind. So auch auf dem Rathausplatz, direkt vor dem Eingang des Kölner Rathauses. Dort haben 1933 Nazitruppen den damaligen Bürgermeister Konrad Adenauer sein Amt entzogen und den Gauleiter Josef Grohe eingesetzt. Hier gibt es diese kleine Messingtafel, auf der eine Verordnung des damaligen Reichsführer der SS Heinrich Himmler zu finden ist, die auf die Deportationen von Roma und Sintis in das Konzentrationslager Ausschwitz mit Kreide auf dem Pflaster markierte und später dann ob des Erstaunens der Menschen bei dieser Ansicht sich dazu entschlossen hatte, das selbe in einem Messingschild auszuführen. Angebracht wurde sie von Gunter Demnig der 1990, der den Weg der Deportierten von ihrem Versammlungsort in Bickendorf bis zum Bahnhof Deutz aufzeigte. Dieses Messingschild ist ein Beispiel vieler solcher Stolpersteine in Köln. Alle diese Steine, überall zu finden, wenn du achtsam durch die Strassen gehst, weisen auf die unendlich vielen Opfer des Naziregimes hin. Demnigs Anliegen war es, dass diese Menschen nicht in Vergessenheit geraten, da sie keine Grabstätte hatten, keinen Ort, an dem ihrer gedacht werden konnte. Er setzte damit ein Zeichen, dass diese Gräuel niemals in Vergessenheit geraten sollen und der Mensch gut aufpasse, dass sich so etwas niemals mehr wiederholt. Übrigens hatte er den ersten Stolperstein 1966 in Berlin ohne Genehmigung angebracht. Ich mag diese Stolpersteine genau und gerade deswegen. Niemals vergessen, auch wenn es Leuts gibt die sagen, vergangen ist vergangen. Aber die Vergangenheitsgeschichte kann uns bewegen im Heute und wer sich nicht damit beschäftigt, vergißt zu schnell. Zudem schenkt diese Erinenrung eine tiefe Demut für das Leben. Ist so.
 
Es gibt jedoch auch humorige Dinge zu entdecken. Z.b. den *kölschen Kallendresser* Zu finden ist er am Altermarkt am Haus Nr. 24. Da hockt er oben am Dach des Hauses und zeigt den Leuts seinen nackten Hintern. Es gibt zwei Legenden, die die nicht sehr charmante Haltung des Herrn da oben am Dach des Hauses erklären sollen. Zum einen die Geschichte von damaligen Mönchen der in der Nähe sich befindenden Benedektinerabtei Groß St. Martin. Das Haus Nr. 24 am Alter Markt, das damals noch die Nr. *40* trug, hieß damals *Haus zur Sonne* Es wird erzählt, dass die Mönche einen Übeltäter den Behörden zum Gericht übergeben haben, obwohl er bei ihnen um Asyl gebeten hatte. Und was haben die Bürger gemacht ob dieses Verhaltens? Sie haben diese Kallendresserfigur aufs Dach gesetzt, als Ausdruck ihres Unmutes gegenüber der Kirche.
 
Die andere Version ist ganz einfach und ohne großes Einzelgeschehen. Sie soll den Unmut und die Verärgerung der Kölner Bürger gegenüber dem Stadtrat aufzeigen. Ja so ist das mit den Legenden, sie sind letzten Endes nicht die ganze Wahrheit. In den Kallendresser jedoch kann ja letzten Endes jeder der vorbeigeht, selber das hinein interpretieren, was ihm gerade auf dem Herzen liegt. Und ehrlich sind wir es doch mal, wem möchte man nicht mal...sie wissen schon... Und zur Erklärung sei noch angemerkt, die Bezeichnung Kallendresser rührt ganz einfach daher, dass zu mittelalterlichen Zeiten die sanitären Anlagen nicht so ausgestattet waren, wie wir sie kennen. Wer oft mal dringend sein Geschäft erledigen musste und nichts vorfand, der kackte eben in die *Kalle* in den Bürgersteig. Nun bitte nicht ausmalen ob der Gerüche, die zu mittelalterlichen Zeiten durch die Gassen wehten. 1828 soll englische Dichter Samuel Taylor Coleridge über das Fehlen einer Kanalisation in Köln festgestellt haben, in Köln stinke es, und zwar nach mindestens 72 Gerüchen, die alle sehr ausgeprägt sind und furchtbar sind. Auweia..man möchte nicht gelebt haben zu dieser Zeit.
 
Nun ja, ich könnte noch viele meiner Anziehungspunkte aufzählen, die ich an diesem Tag besucht habe. Es ergibt sich jedoch immer mal eine Gelegenheit, wo ich mal wieder auf das eine oder andere hinweise. Zu sagen hab ich dazu eben nur, dass ich dann diesen Dingen einfach dem für mich dann doch nicht nachzuvollziehenden Spaßfaktor der Zusammenrottung von Menschenansammlungen nicht Folge leisten kann und will, vorziehe.  Ist halt so, ohne dass, darauf weise ich immer wieder hin, irgendwelche Urteile gegen die Menschen habe. Sollen sie machen.
 
Jetzt war erst mal Durst angesagt. Also rein in ein schönes schattiges Strassencafe und Apfelschorle bestellt. Kam auch sofort, worauf sich die zwei Damen am Nebentisch pikiert beschwerten, sie säßen nun schon länger hier undf hätten immer noch nix und schauten mich vorwurfsvoll an. Ich machte Unschuldsäuglein, kann ich ja nicht dafür, sagten die, passiert halt mal. Nicht so pingelich sein. Manchmal frißt man den Bären und manchmal frißt er einen. Thats is Life. Sinierte also still vor mich hin, wieder Leute gucken. Immer wieder ein Vergnügen. Lang konnt ich den Tisch leider nicht für mich behalten, denn es näherte sich ein Ehepaar, aus Linz, wie sich dann eine Weile später herausstellte und fragte höflich, ob sie sich zu mir setzen dürften. Da kann ja eigentlich nicht nein gesagt werden. So was mach ich ganz selten, da muss mir schon einer sehr unsympathisch sein. Die Beiden waren es jedenfalls nicht. Er sah vor allen Dingen sehr lustig aus.
 
Und wie es so geht, erzählen die Leuts gleich munter weiter. Ich weiß es auch nicht, manchmal sogar, ohne dass ich frage, natürlich hake ich immer nach bei ihren Erzählungen. Die Beiden waren wirklich drollig. Sie erzählten mir, wie sie sich kenenngelernt hatten vor 40 Jahren auf einer Hochzeit. Sie kam aus Weilerswist und er aus Frechen und beide lebten sie eine zeitlang in Lindenthal, einem gutsaturierten Veedel in Köln und sind dann später ob des Gewusels in der Stadt in das ruhige Städtchen Linz am Rhein gezogen und haben es nicht bereut. Jedoch sei das Leben in dem kleinen Städchen scheinbar vom Aussterben bedroht. Die kleinen Läden, die früher dem Leben ein Geschmäckle eingehaucht haben und wie so oft in solchen kleinen Gemeinden gäbe es nur noch leerstehende Ladenlokale oder Apotheken, Handyläden und Spielhallen. Merkwürdig. Obwohl das Wohnen dort weitaus preiswerter sei als in einer Großstadt, auch was die Mietpreise anbelangt. Sie haben sich dort ein Häuschen vor Jahren erworben, dass sie liebevoll pflegen und sehr originell ausstatten.Die Küche z.B. haben sie an der Decke mit ausländischen Zeitungen tapeziert. Ich stellte mir das nicht nur lustig sondern auch interessant vor. Alle Bekannten und Freunde brachten ihnen immer von ihren Reisezielen die Tagesblätter mit. Jedenfalls, wenn es einem beim Rühren des Mitagsessens langweilig wurde, konnte man dort wohl an die Decke starren und die Tagesereignisse von vielen Jahren nachlesen, die sich ja eh nie verändern. Es ist immer das gleiche Schauspiel auf der Welt. Wir kamen von Hütchen auf Stöckchen, wie immer. Nun wollten sie aber zahlen und die Bedienung rechnete ab und als ich meinen Obulus entrichten wollte, sagte sie, oh, sie habe diesen den Beiden schon angerechnet. Das kommt nicht in Frage sagte ich, ich bin schon groß und kann selber zahlen. Und alle mussten wir lachen. Ich hatte es gesagt und getan. Nun aber wollten die Beiden doch nicht aufbrechen und bestellten eine weitere kleine Runde, dieses Mal aber wollten sie unbedingt meinen Obulus übernehmen. So kanns gehen. Ich hab mich dann auch nicht gewehrt. Geschenke sollten angenommen werden, es ist eine Geste der Höflichkeit. Ich habe auch schon erlebt, dass ein Geschenk, dass ich machte, nicht beachtet und gewürdigt wurde. Das hat mich traurig gemacht. Daher, was du selber erlebst, willst du den anderen nicht angedeihen lassen. Der Mensch lernt auch von kleinen Dingen. Es kann ja immer mal sein, dass ein Geschenk nicht passend ist, aber warum den Menschen vor den Kopf stoßen. Nun denn...irgendwann brachen sie dann doch auf. Die Bedienung kam und wollte abräumen, fragte mich, ob es recht sei, natürlich antwortete ich. Doof war nur, dass sie auch mein Getränk mitnahm, obwohl es noch halbvoll war. Gibts doch net, dachte ich, beschwerte mich aber nicht grossartig, auch, als sie mir ein Neues bringen wollte. Nene, lassen sie mal, ich wollt eh auch weiter jetzt. Und das machte ich dann auch.
 
Die Zeit war vorgerückt. Nun war endlich Käthe Kollwitz dran, mit der ich immer mal wieder in den vergangenen Jahren  beschäftigt habe und wechselnde Ausstellungen hier im Museum besuchte. Dieses Mal waren einige ihrer Werke über den Weberauftsand, Bauernkrieg, den 1. Weltkrieg, Selbstbildnisse und Gustav Seitz Plastik von Käthe sowie seiner Vorarbeiten zu diesem großartigen Werk. Ich kann stundenlang vor ihren Werken verweilen, sie war eine Meisterin des *Seele nach außen* zu tragen. Ich habe Bekannte, die sagen, ne, die Käthe, die kann ich mir nicht antun, zu depressiv. Ich verstehe das. Der Wahrheit ins Gesicht schauen, ist nicht so einfach. Vor dem Leiden schaut der Mensch lieber weg. Das erlebe ich ja jeden Tag in meinem Alltag mit den Menschen, denen ich zur Seite stehe.
 
Dabei war die Käthe auch durchaus ein humoriger Mensch. Sie hatte ein Lachen, das ansteckte. Jedenfalls konnte ich es dann später im ihrem biografischen Film entdecken und Zeitzeugen, die tatsächlich auch an diesem Abend anwesend waren und schon im Film Zeugnis gaben, bestätigten dies. Sie lachte selten, aber wenn so herzlich, dass es alle anderen mitpackte übers ganze Gesicht. So ist das eben, ein Mensch, der das tiefe Leiden in sich und in der Welt furchtlos anschaut, kann sich demgegenüber auch der Freude aus tiefster Dankbarkeit widmen und sie dann auch ausstrahlen. Ihre Bilder zeigen eine ungeheure Spannweite des menschlichen Empfindens. Anfangs waren diese Seelentiefe in ihren Selbstbildnissen zu erblicken, später dann erst widmete sie sich auch anderen Gestalten und Ereignissen. Geboren wurde Käthe 1867 als fünftes Kind in Königsberg. Herrliche, wenn auch kurze Bilder, über Königsberg aus der damaligern Zeit im Film zu erblicken. Das verbindet mich mit ihr, denn mein Vater kam ebenfalls aus Königsberg. Vielleicht hatten sie ja als Kinder gar zusammen gespielt, weiß mans. Ein verführerischer Gedanke.
 
Ihre künstlerische Ausbildung hatte sie ihrem Vater, einem Juristen, zu verdanken, der ihre Begabung recht früh erkannte und dafür sorgte, dass sie eine Kunstschule besuchte. Damals war es undenkbar, dass Frauen einen solchen Weg einschlugen, ganz davon abgesehen die allgemeine Rechtlosigkeit der Frauen zu dieser Zeit. So war sie eine Vorreiterin der Selbstbestimmung und Emanzipation der Frauen, die auch ihren Preis hatte. Wenn ich in diesem Moment daran dachte, was draussen vor der Tür gelebt wurde, die totale Freiheit. Das war zu ihrer Zeit gar nicht möglich und es war ein Eklat, als sie sich auch öffentlich zu ihrer Bisexualität bekannte, in dem sie ungeniert mit ihrer Freundin umging. Überhaupt war sie eine leidenschaftliche Frau, sie verliebte sich ständig in irgend Jemanden, obwohl der- oder diejenige oftmals gar nichts davon wußten. Selbst ihre spätere Ehe stellte sie vor eine Entscheidung, zu bleiben oder zu dem Mann ja zu sagen, den sie unsterblich liebte. Sie blieb letzten Endes. Ihr Leben war nicht leicht, gerade auch als Künstlerin. Unter Kaiser Wilhelm sollte sie für eine Ausstellung eine Goldmedaile erhalten, wogegen der selbe sich vehement verweigerte. Dieser meinte, Frauen hätten in der Kunst gar nichts zu suchen. Es wäre fast eine Schande für den Mann, ihr diese Medaille zu übergeben und dabei blieb es. Sage noch mal einer, wir wollen den alten Kaiser Wilhelm wieder haben. Hehe, Prozeß am Hals. Auch unter dem Naziregime wurde sie aussortiert und musste in dieser Zeit kämpfen, um zu überleben.
 
Der Unterschied zu unserer Zeit besteht auch darin, dass Käthe aufwuchs in der Umgebung des Elends. Die Arbeiter wurden ausgebeutet, die Kinder hungerten, das Leiden war allgegenwärtig. Zwei Kriege hat sie miterleben müssen, ihren Sohn im ersten verloren, den Enkelsohn im zweiten. Den Schmerz darüber hat sie nie verwunden. Nach dem Verlust ihres Sohnes, der gerade mal 18 Jahre in den Krieg zog kam es dann zu ihren ersten öffentlichen Auftritt, in dem sie eine Schrift herausbrachte, von der sie anfänglich nicht gedacht hat, dass sie veröffentlich würde. Doch eine Zeitung druckte ihn. Sie zeichnete ein grosses Schmerzensbild mit einem Text *Nie wieder Krieg*.  Keine Opfer mehr. So unendliche Millionen Menschen in sinnlosen Kriegen, auch heute noch. Nichts hat sich geändert, auch wenn es statistisch gesehen, weniger Kriege gibt auf der Welt, dennoch. Ganz davon abgesehen so viel Armut in der Welt, Hunger und Leiden, verursacht von Menschen an Menschen. Wer kann denn daran vorbeigehen. Es zeichnete sie einfach aus, dass es nicht nur auf und in ihrer Seele brannte, sondern dass sie dieses auch nach außen trug, wie ein Mahnmal, ein Hinweis, hinzuschauen, nicht zu vergessen. Und heute...haben wir zwar die Freiheit, noch können wir an vielem Elend vorbeischauen, gar vorbeigehen, an den Bettlern am Strassenrand, die immer häufiger anzutreffen sind, können die Meldungen überlesen von der statistischen Zahl der Kinderarmut, des Hungers und der Gewalt, noch...aber wie lange noch. Ich kann die Ausstellung  Jedem ans Herz legen. Man begegnet einer Frau und ihren Werken, die nicht nur sah, was aussen war, sondern die ein Vorbild ist, was Selbstreflexion für den Menschen bedeutet. So sagte sie einmal:
 
"Bei aller Arbeit an sich selbst, die mit Selbstreflexion notwendig verbunden ist, ist der Zustand schwer vermeidbar, dass man sich sieht.Alle möglichen Fortentwicklungen können wieder aufgehoben werden durch das ständige Gefühl der Zufriedenheit mit sich selbst"
 
Wie wahr, wer es in sich selber erkannt hat, wird dies bestätigen können.
 
Auch sagte sie:
 
"Mit 50 Jahren ist das Selbstgefühl nicht so ausschweifend und hochmütig wie es mit 30 ist...Man selbst weiß am besten, wo die eigenen Grenzen nach oben und nach unten sind. Das Wort Ruhm berauscht nicht mehr"
 
So ist es. Die Erfahrung allerdings nach Ruhm zu trachten war mir persönlich wohl nicht als Gen in die Wiege gelegt worden, dachte ich bei diesen Worten. Mir ging es immer darum, zu leben, gut zu leben, zu verarbeiten, aufzuarbeiten und niemals zu wiederholen, was mir andere Menschen angetan haben oder noch antun werden. Thats all.
 
Gefallen hat mir auch diese ihrer Aussage:
 
"Auch ich gebe sehr wenig auf Kritik, fast gar nichts. Worauf ich aber viel gebe ist dieses, dass man seine Arbeiten unter anderen hängen sieht, daß man Abstand zu ihnen gewinnt und sie wie Produkte eines Fremden ansehen kann. Das fördert sehr. Und was schadet es denn, wenn man trotzdem seine Mängel kennt, sie den Augen anderer preis gibt? Glauben Sie mir - Mängel bleiben stets"
 
Wie recht sie hat die Käthe. Ich denk ja auch so bei meinem Geschreibsel hier. Lass sie doch reden die Leuts, zu lang, zu langweilig, man könnte dies oder jenes besser machen., Mir doch wurscht. Ich bin wie ich bin und ich schreib wie ich bin und ich stelle das hier auch rein, damit es jeder sehen und lesen kann. Denn...es ist doch viel interessanter und schöner sein Geschreibsel da irgendwo vor sich stehen zu sehen, als es in der Schublade verschwinden zu lassen. Und so mache ich es mit allen Dingen die ich preisgebe, auch mit meiner Gedankenwelt. Macht damit was Ihr wollt. So! Denn...die größten Kritiker der Elche sind zumeist selber welche.
 
Käthe Kollwitz starb wenige Tage 1945 vor Ende des zweiten Weltkrieges. Sie hat den Frieden, den sie so herbeigesehnt hat, nicht mehr erleben können. Aber sie bleibt unvergessen, nicht nur durch ihre Werke, sondern auch durch ihr Leben als Frau mit ihrem ganz eigenwilligen und eigensinnigen Wesen und ihrem Blick auf das Leben der Menschen.
 
Alles in allem war dieser mein Tag ein ereignisreicher und voller mich nachwirkend beinflussenden Gefühlen und Gedanken. Nicht zu vergessen noch zu erwähnen, dass ich vor der Filmvorführung über Kätzhe Kollwitz eine sehr, sehr nette Frau kennenlernte, mit der ich nun Adresse ausgetauscht habe. Ich würde sie gerne wiedersehen. Sie war auch ein wenig anders, wie all das um mich herum. Das hat mir sofort gefallen. Und es wird ja gesagt, dass Menschen, die sich ein wenig ähnlich sind, sich finden. Manchmal sind die Ereignisse, die dazu führen, ein wenig unbeabsichtigt, so wie in diesem Falle. Ich setzte mich auf einen Platz und lehnte mich hinter mir an die Wand, so daß ich meine Füße auf meinen eigenen Sitz legen konnte und die Beine ausstrecken konnte, denn immerhin war ich schon lang unterwegs und schon zweimal die 111 Stufen zum Museum rauf und runter gelaufen und ein drittes Mal erwartete mich noch. Natürlich, ohne den meinigen Sitz zu beschmutzen. Die Füße baumelten drüber hinweg. Nichtsdestotrotz nahm so eine Gruppe merkwürdiger gutsaturierter Frauen neben mir Anstoß daran und beäugten mich argwöhnisch, dazu noch absichtlich darüber redend, wie man nur kann und so. Ich kenne so was. Pah...mir doch wurscht, die doofen Schnattergänse. Denn die schnatterten unaufhaltsam nix Wesentliches, langweiliges Zeug, hauptsache reden. Ich kann das nicht ab. Ich mach auch gern mal Späskes, aber ich kann mich einfach nicht unendlich über nichts unterhalten. Da schweig ich lieber. Kein Urteil, ne, sollen sie machen, aber auch mich bitte in Ruhe lassen und respektieren und meine hochgelegten Beine auch. So! Und die nette Frau neben mir, fand das übrigens eine gute Idee. Das mit den Füßen hochlegen und tat es mir gleich und so kamnen wir ins Gespräch. Und vielleicht ist diese Begegnung für sie ja auch schicksalshaft. Denn sie sucht nach einer schönen und preiswerten Wohnung in einer ruhigen Umgebung. Ich habe ihr sofort die Adresse meines Vermieters gegeben und mal schauen, vielleicht sind wir ja bald näher beieinander, als wir jemals vor diesem Tag gewußt haben. So ist das eben, wer weiß schon morgens, was abends ist.
 
Ich schloß mich nicht mehr der anschließenden Diskussionsrunde an. Ich wollte das was ich fühlte und dachte bei mir behalten. Daher machte ich mich auf den Heimweg. Quer durch die City an den mittlerweile stärker alkoholisierten CSDler, die Partystimmung verbreiteten vorbei und ich war heilfroh, als ich mein Fahrrad nach langem Suchen, irgendwie hatte ich im Gewühl die Orientierung verloren, endlich wieder fand und an meinen geliebten Rhein entlang nach Hause fuhr, wo meine kleine, gemütliche Höhle auf mich wartete. Hier darf ich sein wie ich bin. Niemand da, der was zu quengeln hat,-)
 
Schön wars alles in allem.  Ein gelungener Tag, dessen Eindrücke mich sicherlich und hoffentlich wieder ein Stück weiter zu mir selber bringen.

 

 
 

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