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6. Januar 2020 1 06 /01 /Januar /2020 21:31

Ich werde die Welt nie wiedersehen...so heißt der Titel des von mir gerade ausgelesenen Buches, das mir mein Schwiegersohn zu Weihnachten schenkte. Er weiß genau, was ich mag. 

 
Autor des Buches ist Ahmet Altan, türkischer Journalist und Schriftsteller, einer der größten seines Landes. 
 
Als Journalist arbeitete er bei vielen türkischen Zeitungen, u.a. auch bei Hürriyet. 2007 gründete er seine eigene Zeitung *Taraf*, in der er auch selber Kolumnen schrieb. Das Anliegen seiner Zeitung war es, die größten Tabus zu thematisieren, wie den Völkermord an den Armeniern sowie die Diskriminierung der Kurden. Nach dem gescheiterten Putschversuch im Juli 2016 wurde seine Zeitung von der Regierung eingestellt. Er selbst und sein Bruder Mehmet Altan wurden festgenommen und inhaftiert.  Beiden wurde vorgeworfen, mit Fethullah Gülen, der in den USA im Exil lebt, zusammengearbeitet zu haben. 
 
Am 16. Februar 2018 wurden beide mit 5 anderen Journalisten zu lebenslanger Haft, er selbst mit erschwerten Bedingungen, verurteilt, obwohl sie unschuldig sind.  
 
Im November 2019 wurde er freigelassen, um kurze Zeit danach erneut inhaftiert zu werden wegen Fluchtgefahr. Im ersten Prozess wurde ihm vorgeworfen, dass er am Putschversuch beteiligt gewesen sein sollte. Man wies auf ein von ihm und seinem Bruder gegebenes Fernsehinterview hin, was jedoch völlig aus der Luft gegriffen war. Ahmet Altan war Putschistgegner sowie Gegner jedweder terroristischer Angriffe. Aber genau darauf bezog sich dann das zweite Urteil, Unterstützung einer Terrororganisation. Deutlich erkennt man die Willkür,  die von Erdogans Regime gegen ihn und  gegen so Viele, angewandt wird. Im Buch liest man, wie die Prozesse abgelaufen sind, dass im Grunde die Urteile feststanden, die Richter gelangweilt die Sitzungen leiteten und man  die Anwälte gar nicht anhören wollte. 
 
Ein unglaublicher Einschnitt, völlig willkürlich, im Leben eines Menschen. Natürlich er ist nicht der Einzige, wie wir alle wissen. Und nicht nur in der Türkei geschieht dies. Um so wichtiger ist es, immer wieder, egal wo, auf diese unglaublichen menschenverachtenden Realitäten  aufmerksam zu machen, wie es ja dem Himmel sei Dank auch von Reportern ohne Grenzen und Amnesty international unter Einsatz ihres eigenen Lebens gemacht wird. 
 
Wie geht ein Mensch mit einem solchen Schicksal um? Was kann er dagegen halten in der Vergessenheit und Trostlosigkeit eines Gefängnisses. 
 
Ich werde die Welt nie wiedersehen, war sein Gedanke, als er nach den ersten Tagen wieder zu sich gekommen ist. Den Himmel nicht mehr außerhalb der Gefängnismauern. Meine Liebsten nicht.
 
Ich möchte gar nicht so viel erzählen, nur den Wunsch hervorrufen, dass sein Büchlein von vielen Menschen gelesen wird. Es ist nicht nur ein politisches, sondern ein poetisches, philosophisches und zutiefst berührendes Buch.
 
Nur zwei Dinge, die mich ganz besonders beeindruckt haben. Das eine, dass der Mensch in jedweder aussichtslosen und tragischen Erfahrung seiner Lebensrealität eine andere Realität setzen kann. Er schreibt:
 
"Für alles, was uns in unserem Leben an bedrohlichen Situationen und gefährlichen Realitäten passieren kann, erwartet man von uns bestimmte Kommentare und Verhaltensweisen. Wenn wir uns diesen Schablonen widersetzen und Unerwartetes tun und sagen, sind es genau diese Realitäten, die aus dem Lot geraten und an den aufmüpfigen Wellenbrechern unseres Bewusstseins zerschellen. Und wir erhalten dadurch die Macht und das Vertrauen, uns aus den Trümmern dieser Realität eine neue Wirklichkeit zu schaffen"
 
Es kommt also darauf an, dieses unerwartete Verhalten zu zeigen und Dinge zu sagen, mit denen Niemand rechnet. So antwortete er z.B. in der Situation, als ihm ein Wärter eine Zigarette im Gefängnistransport anbietet: *Ich rauche nur wenn ich nervös bin"
 
Das ist natürlich nur ein kleines Beispiel. Dass er selber von sich sagt, dass er sich keinen einzigen Tag im Gefängnis gesehen hat, sondern dass er durch das Erschaffen anderer Realitäten, durch seine Fantasie, seine Träume durch die ganze  Welt spaziert. Nur so überlebt er jeden Tag. Und natürlich die Literatur die er von anderen Autoren gelesen hat, die ihm in den Sinn kommen, die er auch im Buch benennt und sie teilweise zitiert, haben ihm geholfen. Zu Büchern hatte er kaum Zugriff, es war beschwerlich hin- und wieder eins aus der Gefängnisbibliothek für sich zu gewinnen. Tolstoi z.B. und sein Buch *Die Kosaken* darf er studieren.
 
Des weiteren hat mich stark beeindruckt, weil mir der Gedanke eigentlich noch nie gekommen ist, weil es für uns in Freiheit lebende Menschen so natürlich und selbstverständlich ist, dass das Fehlen eines Spiegels das ganze Selbst in Frage stellen kann. Kein Spiegel, kein Fenster, nichts da, worin du dein eigenes Antlitz entdecken kannst und somit eine tiefe Unsicherheit deiner selbst entstehen kann und man aufpassen muss, nicht den Verstand zu verlieren. Um den Verstand nicht zu verlieren aber kommt wieder das Setzen anderer Realitäten ins Spiel. 
 
Am Ende des Buches sagt er: 
" Ich schreibe diese Zeilen in einer Gefängniszelle.
Aber ich bin nicht gefangen.
Ich bin Schriftsteller.
Ich bin weder dort, wo ich bin, noch dort, wo ich nicht bin.
Ihr könnt mich ins Gefängnis stecken, doch ihr könnt mich dort nicht festhalten.
Weil ich die Zaubermacht besitze, die allen Schriftstellern eigen ist. Ich kann mühelos durch Wände gehen"
 
Beeindruckend oder? 
 
Ich habe für mich darauf geantwortet, Schriftsteller muss ich nicht sein, solang ich selber über Fantasie und Kreativität verfüge, meine, wie auch immer möglicherweise schwere Realität zu ertragen, indem ich mir andere Realitäten, Welten schaffe. Das geht immer, wenn der innere Reichtum groß ist.
 
Ich hoffe und wünsche, dass er so durchhält. Dass eine Zeit kommen wird, die ihn wieder ins Leben wirft. Es darf nicht sein, was ist und geschieht. Dort, wo er jetzt ist in diesem Land und auch überall, wo Menschen in schrecklichen Lebenssituationen leben. Dafür muss gekämpft werden!
 
Ein großartiges Buch!
 
Ahmet Altan
Ich werde die Welt nicht wiedersehen - Texte aus dem Gefängnis - 
S. Fischer Verlag
ISBN: 978-310-397425-6
12 Euro 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

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