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1. Januar 2020 3 01 /01 /Januar /2020 14:29

Heute beginnt das neue Jahr. Ich möchte über ein Buch schreiben, das ich so gerne gelesen habe. Ich hätte das Buch schon vor ein paar Tagen vorstellen können. Es lag da immer und wartete. Heute erschien es mir jedoch, ist ein guter Tag, es vorzustellen. 


Denn...in diesem Buch geht es um Menschen und um das Leben. Das Leben der Autorin und das der Menschen, die sie in ihrem Büchlein beschreibt. Gerade jetzt, wo das Neue Jahr beginnt und sich die Wünsche, der eigenen für die, die man mag und die, die von den Anderen an einen selber gerichtet wurden, sich doch immer auch um die Gesundheit, das Glück, die Zufriedenheit und die Freuden der kleinen und großen Dinge im Leben des nun neuen bevorstehenden Jahres, durch das wir schreiten werden, drehten.
 
Mit Wünschen meine ich nicht die unendliche Vielzahl von virtuellen unpersönlichen Glückwunschkarten und teils hirnlosen Videos die durch den Whatsapp-Kanal oder andere social-media-Seiten an einen geschickt wurden, sondern die ganz persönlichen, die, die noch eigene Worte gefunden haben, was bei diesem Wunschkartenvideoirrsinn immer mehr zu kurz kommt, als wenn die Menschen keine eigenen Worte mehr hätten. 
 
Jedenfalls, wenn man das Büchlein von Katja Oskamp mit dem Titel *Marzahn Mon Amour ... Geschichten einer Fusspflegerin... liest, denkt man, dass das Wünschen für die Anderen und einen selbst im Grunde sinnlos ist. Denn das Leben macht sowieso was es will, mit einem selber und auch mit den anderen. Natürlich will ich damit nicht sagen, dass nicht gewünscht werden sollte. Das Wünschen gehört zum Leben, es sollte sich aber nicht darauf verlassen werden. Also, auf die Erfüllung dieser. Denn das Leben ist einfach unberechenbar.   Ich selber habe das im vergangenen Jahr schmerzhaft erfahren müssen. Zwei Freunde, die ich über 40 Jahre kannte, sind mir verloren gegangen, Einige andere kämpfen weiter. So wie ich.  Denn das Leben ist doch auch ein Kampf. In den seltesten Fällen geht alles glatt bis zum Ende.
 
Aber nun zum Buch. Katja Oskamp wuchs in Berlin auf. Sie studierte Theaterwissenschaften und arbeitete als Dramaturgin am Volkstheater Rostock. Ein weiteres Studium der Literatur verschlug sie nach Leipzig. Danach kehrte sie wieder zurück nach Berlin. In der Lebensmitte angekommen, der Erfolg als Schriftstellerin konnte sie nicht über Wasser halten, ihr Kind ist mittlerweile aus dem Haus, der Mann schwer krank, überfällt sie eine Lebenskrise, aus der hervorgekommen ist, dass sie sich einem anderen Beruf zuwenden muss, um das Leben und das ihres Mannes weiter finanzieren zu können. 
 
Wie der Titel verrät, widmete sie sich der Ausbildung zur Fußpflegerin. Ein Buch über die Arbeit mit Füßen. Ich hätte mir vorher nicht vorstellen können, ein solches zur Hand zu nehmen. Warum auch? Obwohl. Füße. Füße sind doch die Körperteile, die den Menschen durch das Leben tragen. Und obwohl sie die Schwerstarbeit übernehmen, wird ihnen so oft kaum Bedeutung zugemessen. Geschweige vfon dem Schuhwerk zu reden, dass ihnen oft zugemutet wird.  Erst, wenn mal was mit ihnen nicht mehr stimmt, werden wir auf sie aufmerksam, weil es plötzlich nicht mehr so leicht geht. So leicht. Durch das Leben gehen.  Es heißt auch, dass an der Beschaffenheit der Füße eine ganze Menge über das Wohlbefinden der anderen Körperlichkeit, der Organe und die damit verbundenen Störungen, abgelesen werden kann. In einem  Fuß befinden sich 26 Knochen, was bei beiden zusammengerechnet ungefähr ein Viertel aller Knochen unseres menschlichen Skeletts ausmachen, die mit 206 bis 215 insgesamt auszumachen sind. Aber das könnt ihr ja alles bei wiki nachlesen.
 
Aufmerksam geworden bin ich auf das Büchlein durchs literarische Quartett. Besetzt ist dieses (noch) von Christine Westermann, Volker Weidermann (den ich sehr schätze und der leider in der nächsten Sendung nicht mehr dabei sein wird, warum auch immer)  und Thea Dorn (die ich immer schon doof fand,) und dazu kommt immer ein geladener Gast. In der letzten Sendung war es Matthias Brand, jüngster Sohn Williy Brandts, den ich  gern als Schauspieler sehe, ihn  aber auch ebenfalls als Autor mag.  Sein Büchlein *Raumpatrouille* kann ich bei dieser Gelegenheit nur empfehlen. 
 
Man kann auf die Idee kommen, so ein Buch über die Fußpflege kann ja nur von einer Frau empfohlen werden. Männer lesen so was bestimmt nicht. Irrtum. Gerade Matthias Brandt stellte das Büchlein mit Wohlwollen vor. Die Diskussion ergab, dass um es ein warmherziges, nur zu empfehlendes geht, das Katja Oskamp hier über die Menschen, die sie tagtäglich in ihrem Studio behandelt,  das zwar keine hochgeistige Literatur sei, dennoch auf seine ganz eigene humorige, charmante und wohlwollende Sicht auf die Menschen gern gelesen wurde. So hab ich es mir, wie auch zwei weitere dort empfohlener Büchlein sogleich besorgt.
 
Schon die worte des Anfangs haben mich für das Büchlein eingenommen. Ich zitiere sie hier:
 
"Die mittleren Jahre, in denen du weder jung noch alt bist, sind verschwommene Jahre. Du kannst das Ufer nicht mehr sehen, von dem du einst gestartet bist, und jenes Ufer, auf das du zusteuerst, erkennst du noch nicht deutlich genug. In diesen Jahren strampelst du in der Mitte des großen Sees herum, gerätst außer Puste, erschlaffst ob des Einerleis der Schwimmbewegungen. Ratlos hälst du inne und drehst dich dann um dich selbst, eine Runde, noch eine und noch eine. Die Angst, auf halber Strecke unterzugehen ohne Ton und ohne Grund, meldet sich"
 
Wer diese Zeit schon erlebt hat, weiß und stimmt der Autorin unbedingt zu. So ist es. Selber habe ich das auch so empfunden. Damals. Als die Kinder in die Pubertät kamen. Ich überlegte, was dann, danach, wenn sie dann ganz aus dem Haus sind. Wieder einsteigen wollte ich. Um nicht abhängig zu sein. Mein eigenes Leben wieder auf Schwung bringen. Meinen Beruf als Rechtsanwaltsfachangestellte, ich leitete zuvor als Bürovorsteherin eine kleine Kanzlei, erschien mir nicht mehr wünschenswert, ihn auszuüben. Wollte mehr mit Menschen zu tun haben, als mit Paragraphen. Und vor allen Dingen mit Büchern. Denn die waren meine besten Freunde. Also sattelte ich um, wurde Buchhändlerin...bin glücklich damit geworden. 
 
So auch, wie man am Ende des Büchleins von Katja Oskamp erfährt, sie ebenfalls mit Ihrer Umstrukturierung ihres Erwerbslebens. 
 
So ganz nebenbei erfährt man so einiges über Berlin, insbesondere über Berlin-Marzahn, in dem Katja mit ihrer Chefin und einer weiteren Kollegin in einem Kosmetikstudio arbeitet, in dem sie selber ihre Fußpflegetätigkeit betreibt. Warmherzig beschreibt sie auch das Miteinander dieser drei Frauen, die sich blendend verstehen, die zusammenhalten und alle drei die gleiche wohltuende und wohlgesonnene Sicht auf ihre Kunden inne haben. Es gibt keinen Zickenalarm. Das allein schon ist wohltuend zu lesen. Denn das ist unter Frauen ja recht selten. Wie Marzahn entstanden ist, damals noch zu DDR-Zeiten. Dass Marzahn hundehaltermässig an der Spitze Berlins liegt, gefolgt von Reinickendorf und Spandau. Ganze elftausend Hunde sollen dort registriert seien. Ich bin nun mal Hundefan, daher fand ich es interessant. Oder dass es eine Attraktion zu sehen gibt, den Skywalk, eine Spezialkonstruktion aus Metall, auf die man mit dem Fahrstuhl in den 21. Stock Stock eines Doppelhochhauses gelangt. Er liegt in der Raoul-Wallenberg-Strasse 40/42, steigt weitere Stufen hinauf, verlässt den gewaltigen Turm, um über weitere, nun frei schwebende Gitterstufen in windigen Höhen zu erklimmen, um an den eigenen Füßen vorbei in die Tiefe schauen kann. Auf der Aussichtsplattform dann aus 70 m Höhe hat man einen grandiosen Blick über die Marzahner Promenade, über von Baumkronen durchsäumte Hochhausketten, über die ganze Stadt hinweg bis zum Fernsehturm, bis zum Müggelsee und bis zum Flughafen Schönefeld und den dahinterliegenden Brandenburger Weiten. 
 
In diesem Doppelhochhaus wohnt auch einer ihrer Kunden. Ein Mann. Der Fritz. Der Fritz mit den wunderbaren Füßen, in die sich Katja sofort verliebte. Fritz ist ein schüchterner Mann. Er entschuldige sich beim ersten Mal seines Besuchs bei ihr wegen seiner Füße. Das tat  fast jeder, der zu ihr kam, aus unterschiedlichen Gründen. Nur die, die es besonders nötigt gehabt hätten, taten es nicht. Das kommt ja oft vor auch in anderen Situationen des Lebens. Dass sich Menschen für etwas entschuldigen, was im Grunde Peanuts sind, aber die, die es nötig hätten, kämen nicht mal auf die Idee. Katja schließt bei Neukunden mit ihren Kolleginnen immer Wetten ab: Folgetermin?...Trinkgeld?...Entschuldigung...Bei Entschuldigung tippe sie immer auf *ja*... Ob Polier vom Bau oder eitler Ganzkörpertätowierter, ob Schwangere oder Greisin, ob geistiger Tiefflieger oder Akademiker, wirklich fast jeder entschuldigt sich, wenn er in ihrem Fußpflegeraum zum ersten Mal die Schuhe und Socken abstreift, für seine Füße. Es spielt zumeist auch keine Rolle, in welchem Zustand diese Füße sind. Es ist einfach ungewohnt und neu, fast schon peinlich seine Füße einem anderen zu überlassen.
 
Natürlich erfahren wir mehr über Fritz, aber auch von Frau Guse, die regelmäßig kommt und  ihre Lebensgeschichte immer wiederholt, so dass Katja ihr ihre Beschwerden schon aufzählen kann und dennoch nie genervt ist. 
 
Und von Herrn Paulke, der bei seinem ersten Besuch bei ihr die Frage stellt:" Wissense, wo Se hier sind? Uff de Scheiße von Berlin. Dit warn früher allet Rieselfelder, und denn hamse Hochhäuser hinjeklotzt. Wo de Erde uffjebuddelt is, könnset noch riechen"
 
Da ist Frau Blaumeier, eine ihrer lustigsten Kunden mit richtiger Berliner Schnauze. Sie ist Mitte sechzig, wirkt aber zehn Jahre jünger. Sie wohnt im gleichen Haus, in dem Katja ihr Studio hat. Manchmal, wenn Katja draußen in der Pause eine raucht, sieht Frau Blaumeier sie und winkt ihr zu aus ihrem schnittigen Elektromodell, mit dem sie durch die Gegend düst wie ein Rennfahrer. Bei Frau Blaumeier wurde mit einem Jahr Polio diagnostiziert. Sie kam in die eiserne Lunge, mit vier Jahren wurde sie entlassen. Ihre Eltern sagten zu ihr:" Du hast ein paar Einschränkungen. Aber du bist nicht krank" Und so habe sie auch gelebt. Ein bewegendes tapferes Leben.
 
Eine möcht ich noch erwähnen, neben den vielen anderen folgenden, Frau Frenzel, die schon 70 Jahre auf dem Buckel hat. Und deren Blick auf die Welt voller Verachtung ist und die sich von Nichts und Niemandem die Laune verderben lässt. Frau Frenzel trägt eine Vokuhila-Bürstenschnitt-Frisur. Da musste ich erst mal googeln. Die schaut so aus wie bei Rod Stewart damals. Kennt man doch. Nur den Namen kannte ich nicht. Katja muss immer denken, wenn sie Frau Frenzel sieht, sie lässt sich ihre Frisur in einem Hundesalon machen.
Frau Frenzel weiss alles über A-B und C-Promis. Costa Cordalis z.B.." Der hat sich ausm Hintern Fett ins Jesicht spritzen lassen, erzählt sie. Wennse den küssen, knutschense den sein Arsch!* Oder Julia Roberts, die sich Hämorrhoiden-Salbe ins Gesicht schmiert. Dit soll irjendwie ne straffende Wirkung haben. Und wenn sie so ihre Geschichten über die prominente Welt erzählt, kringeln sich beide immer, sie, Frau Frenzel und Katja. Frau Frenzeln ist sich auch sicher, dass Tiere sprechen können, sie würden nur nich wollen! Einfach so herrlich. 
 
Insgesamt erzählt sie Geschichten von 15 Kunden, deren Leben und ihrer gemeinsamen Unterhaltungen, die sie während der Behandlung ihrer Füße mit ihnen pflegt. Bewegende, berührende, humorige, traurige und liebenswerte Menschengeschichten, wie ich sie selber auch liebe und ebenfalls  damit Erfahrungen mache in meinen Betreuungen alter, gebrechlicher oder behinderter Menschen. Es gibt nichts Schöneres als vom Leben anderer Menschen sich erzählen zu lassen. Man muss jedoch ein guter Zuhörer sein. Viel kann gelernt werden, was einem dann selber auch nützt. Oft auf jeden Fall...Es ist nichts schwer, wenn man es nur leicht nimmt!
 
Katja übt diesen ihren neuen Beruf mit viel Liebe und Gelassenheit aus. Selbst auf dem Weg zur Arbeit gönnt sie sich ihre ganz eigene Ruhe. Manchmal schlendert sie durch den Parkfriedhof morgens um acht Uhr zur Arbeit. Sie nimmt dann auf, wie frisch das Gras in der Früh noch riecht, die Vöglein zwitschern und die Eichhörnchen einander jagen. . Hin- und wieder bleibt sie an Grabstellen stehen und liest die Namen der Verblichenen. Viele Russen sind zu finden. Es ist schön, sagt sie, morgens in der Früh über einen menschenleeren Friedhof zu spazieren. Das ist auch mir nicht fremd. Ich gehe auch gern auf Friedhöfe. So schöne, stille Paradiesgärten oft mitten im Stadtgewimmel. Sitz da manchmal auch mit meinem Buch im Frühling im  Sonnenschein und lese, fühle mich pudelwohl. Es ist schön, wenn sich zur Arbeit nicht abgehetzt werden muss, sondern man noch hie und da etwas von der Welt wahrnehmen kann,  wie sie tickt außer dem Normalwahnsinn.
 
Alles in allem ein sehr hübsches, warmherziges Buch über Menschen und den Umgang mit ihnen, im Alltag und im Berufsleben. Man wird drauf aufmerksam gemacht, dass jeder, der uns begegnet in unserem Leben eine Geschichte hat. Und sie lädt uns dazu ein, vielleicht, wenn die Möglichkeit besteht, mal genauer hin zu hören und zu schauen, um auch mal von sich selber wegzuschauen. 
 
Menschen, die uns allen auch jetzt wieder im Neuen Jahr über den Weg laufen, neue Bekanntschaften, Begegnungen irgendwo, irgendwie, die, die wir schon lange kennen.
 
Viel Freude beim Schmöckern!
 
Katja Oskamp
MARZAHN
MON
AMOUR
GESCHICHTEN
EINER
FUSSPFLEGERIN
Hanser-Verlag
isbn: 9783446264144
16 Euro
 
 
 

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