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30. Januar 2020 4 30 /01 /Januar /2020 11:44

Noch nie habe ich ein so sperriges Buch gelesen, wie dieses von John Burnside, das ich heute gerne vorstellen möchte. Und obwohl es so sperrig ist, hab ich es in mein Herz geschlossen, mag es unendlich gern und freue mich, dass dieses Buch zu mir gefunden hat. Wie auch die Menschen, die sperrigen, schwer zugänglichen, schrägen und widerspenstigen, die ich im Laufe meines Lebens gefunden und manchmal auch wieder verloren habe. Der Hang zum Sperrigen, Nichtangepassten und Widerspenstigen liegt mir inne, wie mir einmal nachgesagt wurde. Warum? Ich weiß es nicht. Vielleicht weil es auch ein wenig in meiner Natur liegt. 

John Burnside  wurde 1955 in Schottland in eine Arbeiterfamilie hineingeboren. Mir war er bisher nicht bekannt, obwohl er einer der profiliertesten Autoren der europäischen Gegenwartsliteratur ist. Seine Lyriken und Romane wurden vielfach ausgezeichnet u.a. auch mit dem Corinne-Belletristikpreis des Zeit-Verlages, dem Petrarca-Preis und dem Spycher-Literaturpreis. Gefunden hab ich ihn im Literarischen Quartett, in der Matthias Brandt vom tollsten Buch sprach, dass er seit langer Zeit gelesen hätte. War für mich klar. Am anderen Tag lief meine Bestellung.
 
Es ist der dritte Band seiner autobiografischen Erzählung, in der er Fiktion mit der Wirklichkeit seines Lebens in Verbindung bringt.  Fast ein wenig Knausgardisch, dessen Bücher ich alle gelesen habe, jedoch weitaus tiefergehend in seinen philosophischen und gesellschaftskritischen Betrachtungen der Welt, in die er hinein gewachsen ist und diese seine Sichtweisen sich auch nicht im Wesentlichen beim Älterwerden verändert haben. 
 
Es geht um Liebe, Magie, Begehren, Wildheit und Glamourösität, nicht nur bei den Menschen, sondern auch in den Dingen, denen er begegnet, Musik, Filme, Malereien, die ihm etwas bedeuten oder einfach ein Land, in das er sich verliebt hat und ihn magisch anzieht, wie Finnland, das er immer wieder besucht, weil er dort das Gefühl hat, zu Hause anzukommen, um dort seiner Einsamkeit und seinem Alleinsein bei langen Wanderungen, in denen er sich gar einmal im tiefsten Winter verlaufen hatte und in seinem Buch vom großen Glück erzählt, wieder zurückgefunden zu haben. 
 
So erzählt er von seiner ersten Verliebtheit in seine zwanzigjährige Cousine Madeleine, er gerade mal 10 Jahre alt. Die erste Verliebtheit daran erinnert sich der Mensch immer gern. So eine erste Verliebtheit ist mir wohl verloren gegangen, jedenfalls kann ich mich nicht erinnern, in diesem Alter mich an irgendeinen Jungen verloren zu haben. Freundschaft ja, aber Verliebtheit? Aber vielleicht fehlt mir diese Erinnerung ja auch. Oder irgendwann ist sie einfach da, unerwartet, wie oft Erinnerungen an das Vergangene einen ganz plötzlich überfallen können.
 
Diese Madeleine verzaubert nicht nur seinen ersten Blick auf eine Frau, ausgenommen seiner Mutter, von der er sehr anrührend erzählt, sondern auch auf die Musik. Seine Mutter war Radiohörerin. Sie sang zu allen Zeiten die Songs der Radiohits bei ihrer Arbeit. Er nahm das zwar zur Notiz, aber diese Songs machten auch nicht viel mit ihm.  Bis Madeleine eines Tages mit einer Schallplatte zu Besuch kam, sie auflegte und er vom ersten Augenblick wie erstarrt war. So etwas hatte er noch nicht gehört bisher. Und dieser Song, der da im Raum erklang, gesungen von Nina Simone *I put a Spell on you war das Schönste, was er je gehört hatte. Die gesamte versammelte Familie verstummte, um zuzuhören und als es vorbei war, saßen sie sprachlos am Tisch, bis sie ein zweites Mal abgespielt wurde.
 
Wie Burnside erst später entdeckt, hat Nina Simone den Titel nur übernommen. Wie so viele andere Künstler dann, CCR, The Who, Joe Cocker, Annie Lennox u.a.. Das Original stammt von Sreamin Jay Hawkins, über dessen schräges Leben, ein Unikum und Magier mit Wildheit ausgestattet, man dann erfahren kann. 
 
Alle  Kapitel des Buches sind mit dem Titel eines Songs einer Band verknüpft und es macht Spaß sich den alten Songs und Bands zuzuwenden und begleitend zum Buch die Titel zu hören. Habe da auch ein uraltes Schmankerl, dass in wilden Zeiten gehört wurde, wie Pere Ubu, wieder entdeckt, was jetzt nicht so nebenher zu hören ist und sich bisserl Zeit genommen werden muss um sich in diese schräge Band und ihre Musik hineinzuhören. Lohnt sich aber. 
 
Aber vor allen Dingen lesen wir, wie er aufgewachsen ist, was ihn bewegt hat, wie er über Menschen und das Leben in der Gesellschaft, in der wir leben, denkt. Ich habe mir während des Lesens immer mal wieder sein Antlitz auf dem Buchdeckel angeschaut, das sich im übrigen, wie ich dann auf der Rezensionsseite des Deutschlandfunkes gesehen habe, sehr verändert hat, nicht nur sein Antlitz sondern auch seine ganze Gestalt. Dabei hab ich das Gefühl gehabt, dass die Dinge, über die er schreibt, die ihn selber betreffen oder wie er denkt, authentisch sind. Man kann ihm seine Störrig- und Widerspenstigkeit, seine Zweifel und Zerrissenheit einfach ablesen. Für eine Zeit hat ihn das sogar in eine psychiatrische Anstalt gebracht. Lange Zeit hat er sich dem Alkohol und den Drogen zugewendet, was wohl damit zusammengehangen hat.
 
Dabei ist ihm klar geworden, dass die vermeintlich Verrückten doch die richtigen Menschen sind. Richtig in dem Sinne, dass sie weder angepasst sind und den Mut haben, zu sagen, was sie denken. So schreibt Burnside, dass das offensichtliche Charakteristikum von Geisteskranken ihre völlige Missachtung dessen, was andere Leuten wichtig ist oder notwendig finden, während Außenstehenden ihr Gespür für das, was Geisteskranke wichtig finden - das Foto auf der Rückseite einer Müslischachtel, der reale oder nur eingebildete Moment eines fernen Sommermorgens, eine Redewendung aus einem Radiobericht, die sich wie ein Virus ins Gehirn drängt, um sich dort auszubreiten, bis kaum mehr Platz für irgendetwas anderes ist-, völlig rätselhaft bleibt. 
 
Wie denkt er also über die Möglichkeit der Liebe zwischen zwei Menschen, die in so vielen Songs wildromantisch besungen und sehnsüchtig gewünscht wird. Das erfahren wir in dem Buch. Gibt es sie, die Möglichkeit der romantischen Liebe, von der die meisten Menschen träumen und kann sie wirklich ein Leben lang halten. Oder ist es so, falls wir sie finden, dass sie zu dem wird, was Ambrose Briece, amerikanischer Journalist und Schriftsteller einmal sagte:" Liebe - ein vorübergehender, durch die Ehe heilbarer Wahn"? Ist das, was der Mensch als Liebe empfindet oft nur ein kurzzeitiges sexuelles Verlangen, welches schnell erlischt, wenn die Gewohnheit eintritt. Oder müssen wir sie gar, wenn wir sie gefunden haben, loslassen, damit sie auf ewig Liebe bleiben kann? 
 
Sollte dem Menschen eine ewig währende Liebe nicht vergönnt sein, so sei es doch wichtig, dass er nicht gänzlich allein durchs Leben geht. Denn um wirklich allein sein zu können, braucht es eine wahre Gemeinschaft, der man vertrauen kann. Ohne die bist du nicht wirklich allein, du versteckst dich nur. Das konnte ich für mich nur bestätigen. Es braucht ein paar Menschen, denen du dich nahe fühlst, auch wenn du immer ein Stück reserviert bleibst. Letzten Endes kann Niemand den anderen gänzlich verstehen.
 
Es ist wirklich ein tolles (Matthias Brandt)  Buch, mit dem sich eingehender beschäftigt werden muss, weil es so vielschichtig ist, über das es nachzudenken sich lohnt.
 
Zum Vergleich der Song von Nina Simone und Sreamin Jay Hawkins 
 
 
John Burnside
Über Liebe und Magie - I Put A SPELL ON YOU
Penguin Verlag
ISBN:978-3328600893
20,00 Euro
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

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