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30. Mai 2020 6 30 /05 /Mai /2020 15:28

Einem Kind kann man verzeihen, wenn es glaubt, dass da oben irgendwo im Himmel, wie es ihm gesagt wird, einen Gott gibt, der ihm helfen kann, ihn von seinem täglichen Unglück, dass es erleidet, zu befreien, er ihm zur Hilfe zu kommt. Einem Kind kann man das verzeihen. Es weiß noch nichts.

 
Einem Erwachsenen kann man das nicht verzeihen. Eine solch törichte Dummheit. Dass der Mensch von einem Gott, einem höheren Wesen, oder wie auch immer man das nennen möchte, vom Elend, dass er erleidet, sei es einem Elend das ihn durch eine Krankheit oder eine psychische Störung befallen hat, oder durch äußere Einwirkungen, wie Kriege, Epedemien, Hungersnöte etc. befreit wird.  Nein, einem erwachsenen Menschen kann man eine solche Torheit eines unsinnigen Hoffnungsglaubens nicht verzeihen.  Man kann nur Mitgefühl mit ihm haben, ob dem, in dem er sich zu flüchten versucht. Allenfalls kann ein Glaube an einen solchen Gott Ruhe und Gelassenheit schenken, auszuhalten.  Manchmal gibt es Rettung, das kann man dann einfach nur Glück nennen.
 
Diese Gedanken gingen mir immer wieder beim Lesen des Buches, das ich heute vorstellen möchte durch den Kopf. Meine Gedanken waren verbunden mit immer wieder regelrechtem Wütendwerden über den Protagonisten, obwohl der doch auch ein wenig ein guter Mensch war. Jedenfalls hatte er gute Absichten und musste dennoch auch an sich erfahren, dass selbst die guten Absichten oft das böse tun mit einschließt.

Dennoch hab ich dieses Büchlein von Stewart O`Nan, einem US-amerikanischen Schriftsteller, von dem ich zuvor schon einige andere Bücher gelesen hatte, verschlungen. Er ist einfach ein großartiger Erzähler und es ist merkwürdig, dass er es, soviel ich jedenfalls weiß, noch zu keinem Preis eines seiner Werke gebracht hat. 
 
Das Glück der Anderen ist der Titel seines Buches und erzählt die Geschichte über eine kleine amerikanische Stadt, die von einer doppelten Katastrophe heimgesucht wird. Zum einen einer Krankheit, die sich in eine Epedemie ausweitet, zum anderen durch ein Großfeuer, dass sich rasend schnell auf diese kleine Stadt zubewegt. 
 
O´Nan beschreibt dieses Szenario ohne großes Melodrama. Für den Hauptprotagonisten, Jacob Hansen, der in der kleinen Stadt Friendship gleichzeitig Sheriff, Prediger und Leichenbestatter zugleich ist, bedient er sich der zweiten Person Singular, was bedeutet, dass man beim Lesen den Gesprächen mit sich selbst Hansens lauscht. 
 
Jacob Hansen ist von großer Gottesfurcht und einem starken Glauben an einen seinen Gott verfallen, auf den er trotz fortschreitender Katastrophe nicht wagt, seine Hoffnung auf ihn fallen zu lassen. Auch nicht, als er sein eigenes Kind und seine Frau verliert. 
 
Hansen ist ein rechtschaffener Mensch, so beschreibt er sich selber, der vor allem die Sicherheit und das Überleben der wenig verbliebenen Menschen in der kleinen Stadt gewährleisten will. Die goldenen Zeiten der Stadt liegen lange hinter ihr. Diese Rechtschaffenheit, sein Pflichtbewusstsein seinem Dienst als Sheriff gegenüber, seine Stadt zu beschützen, bringt ihn am Ende sogar dazu, seine eigene kleine Familie, um die er sich sonst liebevoll gekümmert hat, im Stich zu lassen und sich der großen Aufgabe zur Rettung der Gemeinschaft ganz hinzugeben. 
 
Immer wieder sagt er sich vor, dass es seine Pflicht ist, dass er in Kauf nehmen muss dabei Opfer bringen zu müssen und immer wieder gerät er in seinem Zwiegespräch über all das in einen inneren Streitdialog mit seinem Gott, vor dem er sich rechtfertigen will,  wo ist das, was er tut, noch Liebe und wo fängt das Böse an. 
 
Er legt ein so überaus großes ich-bin- und will-gut-sein-und bleiben an den Tag, dass es mir stellenweise so erging, es nicht mehr ertragen zu können, davon zu lesen. Natürlich wollen wir das doch alle. Dennoch stoßen wir immer wieder an unsere Grenzen und müssen uns selber eingestehen, dass es das nicht gibt, das absolute Gutsein, das immer Rechtschaffende. Dass wir auch böse sein können. Das einzige was zählt bzw. wenn es uns möglich ist und in unserer Verantwortung liegt, dass das Böse in uns keinen all zu großen Schaden anrichtet. Sollte das passieren, wir nur auf eines hoffen können, nämlich um die Vergebung derer, denen wir etwas angetan haben, so wie wir auch denen vergeben möchten, die uns Schaden angerichtet haben. Und diese Vergebung bezieht sich nicht auf einen Gott, dem wir etwas beweisen wollen, sondern allein auf unsere Menschlichkeit. 
 
Wenn Hansen an einer Stelle sagt, er will keine vorgefertigte Meinung zu anderen Menschen haben, will alle Seiten hören, versuchen sie zu verstehen, kann ich das nachvollziehen,  das kann man versuchen. Aber wenn er weiter ausführt, er will *alle* mögen, dann muss ich passen. Da habe ich meine Grenzen. Ich will den hinter ihrer biederen Bürgerlichkeit versteckten rechten Gesinnungsgenossen, Ausbeutern, Kinderschändern, Gierhälsen und sonstigen Dummköpfen  weder zuhören noch möchte ich sie mögen.
 
Hansen wird dem sich selber Vorgesagten, ewig gut zu sein untreu zu werden. Die Idylle des alltäglichen Lebens in der kleinen Stadt Friendship wird mehr und mehr auseinander brechen, je größer die Anzahl der Toten wird und das Feuer sich rasend schnell auf die Stadt zubewegt. Panik bricht aus. Jeder will sich selbst der Nächste sein. Das Glück der Anderen zählt nicht. Und wenn es gar nicht anders geht, wird das Eigene mit einem Gewehr verteidigt. Die Quarantänebestimmungen durchbrochen und versucht, nachts aus der Stadt zu fliehen, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, dass man möglicherweise die Seuche mitnimmt und sie weitere Kreise zieht in der nächsten und übernächsten Stadt.
 
Und so versucht Hansen das alles in den Griff zu bekommen, wird angefeindet, muss selber seine Waffe benutzen, um das Unmögliche vielleicht noch möglich zu machen, viele Menschen zu retten. 
 
Am Ende steht er vor den Trümmern seiner Rechtschaffenheit aber auch vor einer unerwarteten plötzlich sich vor seinen Augen auftuenden Erkenntnis. Die will ich Euch aber nicht verraten. 
 
O´Nan hat sein Buch  im übrigen durch Anregung eines anderen Buches, nämlich das von von Michael Lesy über einen Tatsachenbericht einer Epidemie in Wisconsin mit dem Titel: Death in Wisconsin* geschrieben. 
 
Wo wir gerade alle selber in einer Situation einer über uns hereingebrochenen Seuche, ausgelöst durch einen Virus, steckten oder immer noch stecken, denn so recht wissen wir noch nicht, ob wir es hier in unseren Gefilden in den Griff bekommen haben und wie es insgesamt auf der Welt damit weitergeht und den Folgen, die damit verbunden sind, zwischenmenschlich, gesellschaftlich und wirtschaftlich, ist das Buch O`Nans hoch aktuell und beim Lesen entdecken wir Mechanismen, die dort in der kleinen Stadt Friendship zwischen den Menschen entstanden sind, die wir nun selber all zu gut kennengelernt haben.
 
Und jeder darf sich glücklich schätzen, wenn er selber und so viel Menschen wie möglich, 
nicht nur die, die einem selber nahe stehen, davon verschont geblieben sind.  
 
Es zählt nicht nur das eigene Glück sondern auch das der Anderen. 
 
Und wenn es, egal wie und was uns heimsucht, hilft auch kein Glaube an eine Rettung von irgendwo da oben im Universum, sondern einzig und allein zählt unsere eigene Verantwortlichkeit und Vernunft im Umgang mit dem, was ist. Wie mit allem im Leben, was einen Glauben jedoch an einen Gott nicht ausschließen muss. 
 
*In Zeiten der Pest gibt es kein Entrinnen. Uns bleibt nur die Wahl, Gott zu hassen oder zu lieben* 
 
Stewart O`Nan 
Das Glück der anderen
Rowohl-Taschenbuch
11,00 Euro
Isbn: 978-3-499-23430-9
 
 
 
 
 
 
 
 

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