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21. Mai 2020 4 21 /05 /Mai /2020 12:18

Drei. Merkwürdiger Buchtitel dachte ich, als ich das Buch aus meinem Geburtstagspäckchen auspackte. Dror Mishani heißt der Autor. Kannte ich nicht.  Wieder mal ein Autor, ein Buch, dass ich unter den vielen Neuerscheinungen des Jahres nicht bemerkt hatte. Es sind einfach zu viele. 

 
Mishani, 1975 geboren ist israelischer Schriftsteller. Bekannt durch eine Reihe Kriminalromane um den Ermittler Avi Avraham. Mishani beschreibt seine Krimiwerke eher als literarische Krimiserie. Er lebt in Tel Aviv, arbeitet als Übersetzer und Literaturdozent. Sein Spezialgebiet ist die Geschichte der Kriminalliteratur. Sein Anliegen war und ist es, über das Verbrechen an sich hinauszugehen. Aber das kann ja alles bei wiki: https://de.wikipedia.org/wiki/Dror_Mishani nachgelesen werden. Will mich damit nicht aufhalten. 
 
Drei. Da lag es also vor mir. Auf meine Anfrage an den Schenkenden, warum dieses Buch, bekam ich die Antwort, sorry, ich hab es selber nicht gelesen, aber mich informiert im Netz. Soll sehr gut sein. Und der Buchhändler bei dem er es besorgt hatte meinte, gute Wahl. 
 
Auf dem Klappentext stand: Eine Frau sucht ein wenig Trost, nachdem ihr Mann sie und ihren Sohn verlassen hatte.
Eine zweite Frau sucht nach einem Zuhause und nach einem Zeichen von Gott, dass sie auf dem richtigen Weg ist.
Eine dritte Frau sucht etwas ganz anderes.
 
Sie alle finden denselben Mann. Es gibt vieles, was sie nicht über ihn wissen, denn er sagt ihnen nicht die Wahrheit. Aber auch er weiß nicht alles über sie.
 
So begann ich an einem gemütlichen Nachmittag nach einer schönen Radtour zur Entspannung auf meinem Balkon mit der Lektüre und wurde sogleich hineingesogen in die erste Geschichte einer Frau namens Orna. Orna, die von ihrem Mann zurückgelassenen wurde. Ein neues Leben wollte er. Weit weg, in Nepal mit einer anderen Frau, einer Deutschen, die schon vier Kinder hatte und deren Vater er jetzt wurde und das Vatersein des eigenen Sohnes vergaß. Erstmal. 
 
Mir gefiel wie Mishani das Gefühlsleben von Orna einfühlsam beschrieb, ihre Lage, wie sie damit umging, dass sie nicht akzeptieren konnte, dass sie mit ihrer Wut kämpfte, allein gelassen worden zu sein und wie sie darum kämpfte, dass auch ihr Sohn mit dem Zurückgelassen worden sein vom Vater mit Hilfe eines Psychologen zurecht kam, sie ihren Alltag versuchte zu bewältigen, ihrer Arbeit als Lehrerin an einem Gymnasium.  
 
Wie so oft wird den verlassenen Partnern, egal ob weiblich oder männlich nach einer gewissen Zeit angeraten wieder ins Leben zurückzukehren, nicht allein zu bleiben, sich wieder einem anderen Menschen/Partner zuzuwenden. Kenne das selber auch. Nach drei Jahren sagten meine Kinder mal, meld dich doch mal in einem Singleportal an. Sie würden einige ihrer eigenen Altersklasse kennen, die das täten und das ein oder andere Mal das große Los gezogen hätten. Jösses antwortete ich ihnen, zum einen bin ich ganz zufrieden mit meinem Leben, zum anderen, selbst wenn ich das nicht und auf der Suche wäre, niemals nie würde ich eine solche Fleischbeschauung praktizieren. Und überhaupt, hallo, wer weiß an wen man da geraten würde. Das Lesen von Thrillern über Serienmördern schafft einem da doch wohl auch ein gewisses Unbehagen,-) 
 
Nein Scherz beiseite, so was mag für Einige ein guter Weg sein, für mich nicht. Da fröne ich lieber meinem Alleinsein, bewusst schreibe ich Alleinsein, denn *einsam* fühle ich mich seltenst . 
 
Orna jedoch wählt am Ende dann doch diesen Weg. Sie ist trotz ihrer Traurigkeit über das Scheitern ihrer Ehe lebenshungrig. Sie meldet sich auf einem Portal für Geschiedene an und studiert die Avatare der in Frage kommenden Möglichkeiten. Sucht, schaut und findet Gil, der Anwalt ist und sich im mittleren Lebensalterstadium befindet. 
 
Nähe aufbauen fällt ihr dennoch schwer. Es bleibt eine lange Zeit bei einem Chatkontakt. Gil erweist sich als fürsorglicher Zuhörer, er wirkt nicht aufdringlich und überlässt es ihr, wann es zum ersten realen Treffen kommt. All zu viel wird er nicht von sich preisgeben, und dass was er ihr erzählt ist auf einem Lügenkonzept aufgebaut. Sie wagt jedoch den Schritt und sie treffen sich.
 
Während des Lesens der ersten Begegnung mit Gil gehen meine Gedanken in die Richtung, wie schwer so etwas sein muss. Sich bewusst mit einem Fremden an einen Tisch zu setzen und mit ihm ein Gespräch zu beginnen. Nicht, dass ich nicht kommunizierfähig wäre. Viele spontane Begegnungen mit Menschen erinnern mich daran. Aber mich gewollt mit einem Unbekannten zu treffen würde mir Scheu und Unbehagen bereiten, weil es doch auf ein Ziel hinausgeht. Spontane Begegnungen sind damit nicht verknüpft, da fühle ich mich freier. 
 
Mishani beschreibt treffend die Unsicherheiten und Ängste die Menschen in ihrem Lebensalltag beschleichen in schwierigen Situationen oder des Scheiterns, wenn danach ein neuer Lebensweg gefunden werden will. Das hat mich für ihn eingenommen. 
 
Und ohne nun weiter darauf einzugehen, was sich bei Orna und Gil entwickelt, da ich nichts vorwegnehmen möchte, kann ich aber schon anmerken, dass ich nach fast dem Ende des ersten Teils der Geschichte zwischen den Beiden so etwas wie einen kleinen Schock beim Lesen habe. Doch ein Krimi, denke ich. Oha. Hätte ich nicht gedacht. Weil das Buch im Klappentext auch nicht als *Krimi* oder Thriller* ausgewiesen ist. Auch habe ich zuvor nicht recherchiert. Die Spannung stieg also.
 
Der zweite Teil beschreibt die Begegnung Emilias mit Gil. Emilia stammt aus Lettland und ist über eine Personalvermittlungsagentur als Pflegerin für den kranken Vater Gils, was sie jedoch lange nicht wusste, da er ihr so gut wie nie im Hause begegnet ist. Als der Vater starb musste sie aus dem Zimmer im Hause des Verstorbenen ausziehen und wurde von ihrer Agentur an eine andere alte Dame in einem Seniorenheim vermittelt. Drei Tage die Woche. Was jetzt aber leider nicht zum Unterhalt ihres Lebens ausreichte. Sie war gezwungen sich einen Zusatzjob zu sichern, der sie einigermaßen über die Runden brachte. Und da kam Gil ins Spiel. Emilia ist eine Frau Mitte 40, allein in einem fremden Land, scheu und zurückgezogen von allem. Sie ist einsam. Auch hier sehr einfühlsam der Lebensalltag von Mishani beschrieben und nachvollziehbar. Zumal, wenn man selber mal in einer solchen Situation gelebt hat. Weg von Zuhause, in einer fremden Stadt, einem fremden Land. Drei lange Jahre hatte auch ich das schon erlebt. Und es hat mich so manches mal in einige verzweifelte Stimmungen gebracht, die überwunden werden mussten. Am Ende hat das Starke gesiegt und ein Weg zurück wurde gefunden. Das wird bei Emilia nicht geschehen. Sie ist zwar auf der Suche nach sich selber und dem richtigen Weg, aber Gil wird sich nicht als diese Zuflucht, neue Heimat oder wie immer man das nennen möchte, erweisen. 
 
Dann kommt Ella. Sie trifft Gil in einem Cafe, in dem sie jeden Morgen für einige Stunden an ihrem Laptop arbeitet. Sie kommt mit ihm ins Gespräch während ihrer kleinen Rauchpausen vor der Tür, bei der er sie ebenfalls um eine Zigarette bittet. 
 
Ella ist die dritte Frau dieses Buches. *DREI* und sie ist die große Überraschung. Mehr verrate ich nicht. Spannend bis zum letzten Satz und ja es ist ein Krimi vom Feinsten. Tatsächlich ein literarischer Krimi, in dem das Verbrechen gar nicht unbedingt im Mittelpunkt steht. 
 
Lesen darf man das feinfühlige Eintauchen in das Leben dreier Frauen in ihren unterschiedlichen Lebenssituationen und in der Begegnung mit diesem großen Unbekannten namens Gil, bei dem es dabei bleibt, dass man bis zum Ende wenig über ihn, sein Leben, seine Antriebe *warum* nichts erfahren wird. Es bleibt im Ungewissen, so dass der Leser sich gedanklich selber damit auseinandersetzen kann, warum wieso das alles so geschehen ist in den Beziehungen mit diesen Frauen. Das machte das Buch am Ende so interessant und lesenswert auch. 
 
Was auf jeden Fall bleibt ist das Nachdenken über die eigene Lebenssituation über Vertrauen das selber in Menschen gesetzt wird und vielleicht sogar der Rückblick auf eigene damals scheinbar unüberwindliche Situationen und das Geschaffthaben.
 
Mein Resümee ist, Vertrauen braucht der Mensch um in dieser Welt zu bestehen, jedoch sollte auch ein Misstrauen vorzufinden sein, was auch nicht schwer fällt, mir jedenfalls, wenn man die Heuchelei, das sich Anbiedern, die unter den Seilschaften schwelenden Urteile übereinander beobachtet. Ein gesundes Misstrauen schützt den Menschen vor all zu viel Enttäuschungen. Das Leben ist und bleibt halt ein Menschenzoo, ein Aquarium, in dem sich alles tummelt und es ist gut, das Ziel nie vor den Augen zu verlieren, immer man selber zu bleiben und sich nicht verbiegen zu lassen, auch wenn man alleiner bleibt wie die Anderen. 
 
Viel Vergnügen!
Dror Mishani
Drei
Diogenes Verlag
isbn: 978-3-257-07084-2
24,00 Euro 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

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