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27. Mai 2020 3 27 /05 /Mai /2020 18:19

Und da hat sie wieder eins geschrieben meine Patti. Im Jahr des Affen der Buchtitel. Sie schreibt über ihr erlebtes Jahr 2016, dass im chinesischen Horoskop als das Jahr des Affen bezeichnet ist.

 
Und sie schreibt genauso, wie sie es immer getan hat. Sie lässt sie fließen, ihre Gedanken, Eindrücke von Orten, durch die sie ziellos streift, immer einem kurzen Impuls folgend, Träume und Visionen der Zukunft und von ihrer Traurigkeit, die ständig in ihr webt über den Verlust der Menschen, die ihr etwas bedeuteten und ihrer Angst vor Krankenhäusern aber auch über das Älterwerden, ohne Angst und  in Sentimentalität zu verfallen. Sie steht vor ihrem 70.ten Geburtstag. 
 
Der Spiegel bezeichnet sie in einer Rezension ihres neues Buch als eine *Heilige* des Internationalen Kulturbetriebes, die überall wo sie erscheint die Aura einer mit Zorn und Weisheit gesegneten verströmt. Mit dem Wort *heilig* kann ich mich nicht so recht anfreunden, dennoch stimme ich dem zu, was ihre Aura betrifft, die auch mich, seitdem ich ihr musikalisch, lyrisch und sonst schreibend folge, nur zustimmen kann. Meine Verbundenheit ihr gegenüber hat sich gehalten über die Jahre. Wenn man sie nicht persönlich kennt, kennt man sie dennoch, weil sie unendlich viel durch ihre  Musik und das Schreiben über sich erzählt und man darf sich sicher sein, dass alles, was sie hervorgebracht hat und noch bringen wird, authentisch ist.
 
Das Jahr 2016 war für sie ein sich Treiben lassen zu Reisen an die Westküste der USA, nach Portugal und nach Belgien. Sie erzählt von dem, was sie unterwegs erlebt, ihren Begegnungen mit Menschen, Dingen, die sie merkwürdig berühren und sie nachhaltig verfolgen, wie etwa der Strand in Santa Cruz, der am Neujahrsmorgen über und über mit kleinen leeren Bonbonhüllen überfüllt war. Immer wieder kehren ihre Gedanken dahin,  welche Bewandtnis das wohl hatte. Oder einfach das Schild des Hotels, in dem sie sich dort aufgehalten hat mit dem Namen *Dream in* , mit dem sie sich imaginär unterhält. Vielleicht denkt der ein oder andere, befremdlich mit Dingen zu kommunizieren. 
 
Ist es aber nicht so, dass es so unendlich viele Dinge im Leben eines Menschen gibt, die sogar etwas wie ein Trost erscheinen können und mit denen dann gesprochen wird. Die Dinge erzählen oder erinnern einen an etwas und plötzlich hat man einen Dialog, der Vergangenheit oder auch auf etwas Hinweisendes für die Zukunft. Mir ergeht es manchmal ähnlich. 
 
Zwei für sie wichtige Menschen in ihrem Leben liegen im Sterben. Sandy Pearlman, dem US-amerikanischen Musikproduzenten und Songschreiber , der nach einem gemeinsamen Auftritt plötzlich einen Schlaganfall erlitt und danach im Koma lag. Er starb am 26. Juli 2016 an einer Lungenentzündung.
 
Sam Shepard, dem US_amerikanischen Dramatiker und Schauspieler, der einer ihrer engsten Vertrauten aus den wilden 70er Jahren war. Er starb  einen Tag später, am 27. Juli 2017 an den Komplikationen und Folgen seiner ALS-Erkrankung. Sie stand ihm noch zur Seite in seinen Letzten Tagen, an dem er sein letztes Buch vollendete. 
 
Der Verlust lebensbegleitender alter Freunde, den kann man nie verwinden, so habe ich es selber im letzten Jahr erfahren. Und wer mir etwas anderes sagt oder gar ist vorbei, Leben geht weiter (was natürlich stimmt, aber anders) an dem zweifele ich an der Gefühlswelt. Mir ist es schleierhaft wie man Gefühle der Freude ausdrückt, aber Gefühle der Traurigkeit über den Verlust von liebgewordenen Menschen negiert. Ich bin jedoch kein Psychologe, der das deuten kann und will. 
 
Ihre Reisen in diesem Jahr waren eher spontane Ausflüge, Sie hat sich treiben lassen. Ist es nicht etwas Wunderbares, wenn man, weil man die finanziellen Mittel dazu hat, sich  einfach so seinen spontanen Ideen und Einfällen überlassen kann und durch die Welt herumstreunen kann? 
 
Ich muss gestehen, wenn es so etwas wie *Neid* in meinem Leben geben könnte, dann würde er sich darauf abzielen. Es ist einfach wunderbar, ohne einen Druck der Aufgabenpflicht einmal eine Zeit haben zu können, in dem einem das möglich ist. Manchmal genügen ja schon 1, 2 Tage um aus dem alltäglichen Pflichtprogramm sich herauszuwinden. Habe das früher immer mal gemacht und es war eine Erfahrung des Loslassens und manchmal auch das Gefühl wie das eines kleinen Urlaubes. Jetzt hab ich selber ja auch die Zeit und kann mich oft so durch den Alltag treiben lassen und einfach spontan das tun, was ich gerade möchte. 
 
In diesem Jahr exerzierte sie das regelrecht, das sich dem Überlassen des Impulsiven, welches sie dann auch an die Ziele der Reisen brachte, die sie in diesem Jahr machte. Und auch die Zeiten, die sie an den Orten verbrachte waren oft ein zielloses Herumstreifen durch die Strassen, das Sitzen in Cafes, langen Spaziergängen an Stränden, auch in der Nacht und unverhofften Gesprächen mit Fremden, die ihr manchmal vertrauter vorkamen als jene, die sie länger kannte. 
 
Sie hat ihr kleines Notizbuch immer dabei, ansonsten reist sie mit wenig und trotz ihrer finanziellen Unabhängigkeit wählt sie oft einfache Möglichkeiten des Weiterkommens, wie etwa Mitfahrgelegenheiten, bei denen sie sich einfach am Benzingeld beteiligt. Gepäck hat sie so gut wie keines. Sie braucht nicht viel. Das Geld hat keinen anderen Menschen aus ihr gemacht, wie man es oft bei Anderen erleben kann. Sie kennt auch Armut in der Vergangenheit, das von der Hand in den Mund leben. 
 
Das kleine Notizbuch beinhaltet all das, was ihr wichtig erscheint, festzuhalten, um es später zu reflektieren oder einfach für das Schreiben ihrer Gedichte und biografischen Erzählungen, auch ihre Träume, die sie nicht nur nachts erlebt, sondern auch ihre Tagträume, die sie manchmal einfach so von jetzt auf gleich hinwegziehen aus der Realität. *Unsere Träume sind ein zweites Leben, der erste Satz in Gerard de Nervals Buch *Aurelia*, dass sie spontan in einem kleinen Secondhandladen ersteht. 
 
Das Lesen ist auch  im Unterwegssein für sie unerlässlich. Im Hotel, auf einer Bank oder einem Cafe, in dem sie zum Frühstück Spiegeleier mit Bohnen speist, ihre kulinarischen Genüsse beschreibt sie immer ausführlich und sie erscheinen mir genauso eigenbröderlisch wie sie eben auch selbst ist, sitzt sie lesend bei Martin Becks Krimi *Und die Großen lässt man laufen* Ihre Leidenschaft für Kaffee und Krimis, seien es Bücher oder Filme, ist bekannt. 
 
Ihre Zukunftsvisionen beziehen sich nicht nur auf ihr eigenes Leben im Älterwerden, sondern auch auf die Gesellschaft. 2016 befinden wir uns im Wahljahr Trumps. Und mit Zorn schreibt sie über die vielen Gelder, die während dieses Walhkampfes verschleudert werden, mit dem man so viel Vernünftiges tun könnte, wie die Krankenhäuser besser auszustatten, die medizinische Versorgung für alle gewährleisten könnte oder einfach für das Überleben der Obdachlosen sorgen können. Und dann diese Tatsachen. Sie schreibt:
 
*Es war der letzte Tag im Jahr des Affen, und der goldene Hahn krähte, denn der unerträgliche gelbhaarige Hochstapler war vereidigt worden, und das auch noch auf eine Bibel - Moses, Jesus, Buddha, Mohammed waren offenbar woanders*
 
Man könnte das kleine Zitat am Anfang ihres Buches darauf beziehen: Eine tödliche Torheit kommt über die Welt -. Antonin Artaud - 
 
Ihre eigene Niedergeschlagenheit über die Wahl Trumps  beschreibt sie folgend:
 
*Am Wahlabend schloss ich mich einem Treffen mit guten Freunden an, und wir sahen uns die schreckliche Seifenoper namens amerikanische Wahl auf einem Großbildfernseher an. Im Morgengrauen stolperten wir einer nach dem anderen von dannen. Der Grobian pöbelte. Schweigen regierte. Ich konnte nicht schlafen und machte einen Spaziergang nach Hells Kitchen*
 
Wie wahr und wohl die einzige Möglichkeit nach Ereignissen des Unfassbaren, Unerklärlichem und Furchtbaren in Schweigen zu verfallen. Was anderes bleibt einem auch nicht übrig. Alles Lamentieren und Zerreden bringt nichts. Sie ist wohl auch eine große Stoikerin. *Wir sprachen nicht über die Amtseinführung, aber wir hatten die gleichen Ängste, sie hingen schwer in der Luft.*
 
Es ist doch nie anders gewesen, dass während sich unsere Welt in ihrer verlässlichen Dummheit weiterdreht. 
 
Die Bilanz des Jahres 2016 war für sie: Es passierte viel Schlimmes, aus dem noch Schrecklicheres entstand!
 
Und wenn wir die Welt um uns herum mit all den aktuellen Ereignissen betrachten, kann dem nur zugestimmt werden. Und wir sitzen da und betrachten die Katastrophen, Kriege,Unmenschlichkeiten im Fernseher oder auf unseren Smarthphones, ohne scheinbar etwas zu lernen, als wenn das, was passiert, nichts mit uns zu tun hat. 
 
Es gibt viel zu entdecken in ihrem kleinen Büchlein, von dem ich hier nicht erzählt habe. Es würde den Rahmen sprengen. 
 
Für Patti Smith Liebhaber ein Muss, für die anderen ein Kennenlernen und sich Beschäftigten mit ihr.
 
Viel Vergnügen
 
Patti Smith
Im Jahr des Affen
Kiepenheuer & Witsch
20,00 Euro
Isbn: 978-3-462-o5384-5
 
 
 
 
 

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