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5. September 2020 6 05 /09 /September /2020 20:07
The Great Nowitzki
Für Sport hab ich mich eigentlich immer nur am Rande interessiert. Fußball ging nie an mir vorüber, schon wegen der Männer zu Hause. Radrennen fand ich immer ganz gut, auch hin- und wieder hab ich mal das eine oder andere Sportereignis bestaunt. Aber viel mitreden kann ich bei keiner Sportart groß. Eben auch über Basketball nicht. Ich war in der Jugend mal für eine kurze Zeit in einer Basketball-AG, gar nicht mal so schlecht. Habe es aber auch nicht weiterverfolgt. Wohl dachte ich, dass ich für diese Sportart nicht groß genug bin. Obwohl ich jetzt in einem anderen Buch erfahren habe, dass Basketballspieler zwar überwiegend groß sind, aber dass das kein Muss ist. Es gab mal einen Spieler mit Namen Muggsy Bogues, der nur eine Körpergröße von 1,60 m aufwies. Der kleinste Mensch, der je in dieser Sportart etwas geleistet hat. Belächelt soll man ihn haben. Doch ihm ist es gelungen, seine Körpergröße zu seinem Attribut zu machen, wofür er landesweit berühmt wurde. Wenn man klein ist, hat das auch seine Vorteile. Auf dem Spielfeld kann sich schneller und flinker bewegt werden und man kann ahnungslosen größeren Mitspielern den Ball abluchsen, so dass man leicht unterschätzt wird. Aber ich wollte Euch ja ein Buch mit dem Titel *The Great Nowitzki* unbedingt anempfehlen, auch wenn man von Basketball bisher nicht viel mitbekommen hat. Auf die Biografie vom  Sportjournalisten Thomas Pletzinger, der Nowitzki viele Jahre immer wieder begleitet hat,  bin ich aufmerksam geworden in der Sendung des literarischen Quartetts, in der Volker Weidermann, der jetzt ja auch beim Spiegel nach dem Ausscheiden aus der Sendung, eine Büchervideoshow unter dem Titel  *Spitzentitel* veröffentlicht. Weidermann les ich sehr gern, wie ich schon mal schrieb und als er diese Biografie von Nowitzki empfahl mit dem Hinweis, man muss kein Fan von Basketball sen und auch über keine Ahnung vom Spiel verfügen, um diese zu lesen. Er war sichtlich begeistert über diesen großartigen Spieler und Menschen, dass ich dachte, warum nicht.
Enttäuscht worden bin ich wie immer von seinen Empfehlungen nicht. Ein wirklich großartiges Buch, dass ich schnell durchgelesen habe und nun etwas mehr über den Sport an sich kennengelernt habe, aber vor allen Dingen etwas über den Menschen Dirk Nowitzki, sein Leben, seine Karriere und auch über die Menschen, die ihm auf seinem Weg zu einem der größten Sportler aller Zeiten im Basketball zu werden, allen voran sein Lehrmeister Holger Geschwindner, selbst in jungen Jahren ein hervorragender Spieler, verholfen haben. 
Mit 12 Jahren entschied er sich dann für den Basketball. Verehrt hatte er die Großen in diesem Sport schon immer. In seinem Jugendzimmer klebten Plakate von Scotto Pippen und Michael Jordan. Später standen dort dann auch seine Pokale, die er mit TG Würzburg erkämpft hatte. Da er groß war, schon als achtjähriger war er größer als seine Lehrer in der Schule und hat unter den Hänseleien seiner Mitschüler sehr gelitten, sich zurückgezogen und sich  in den Sommerferien, wenn andere im Schwimmbad waren, draußen im Hof seiner Eltern aufgehalten und stundenlang mit dem Ball auf den Korb geworfen, schien das genau das Richtige für ihn zu sein. Schnell wurde dann auch entdeckt, dass er höchst talentiert war. 
1993 dann hatte Nowitzki seine erste Begegnung mit Holger Geschwendner, der in ihm, so hat er es bezeichnet, einen Rohdiamanten sieht. Geschwendner, über dessen Person natürlich auch viel erzählt wird, ein enfant terrible, aber zutiefst kluger Mensch. Geschwender hat im Leben sehr oft erkannt, was mit den Dingen, die er sieht, einmal sein kann.  Von dieser ersten Begegnung an nimmt er Nowitzki unter seine Fittiche und die beiden sind unzertrennlich. Seine Trainingsmethoden sind außergewöhnlich und sie beinhalten zumeist auch die Zeit, in der nicht sportlich trainiert wird, sondern das Leben gehört ebenfalls dazu. Sie reden viel miteinander, hören Musik, lesen viel. Manchmal lesen sie sich gegenseitig vor, ob es Josef Conrads *Herz der Finsternis* ist oder Aitmantovs *Dshamilja*. Nowitzki hat später in seiner Zeit bei den Mavericks auch einen Lesezirkel gegründet, in denen sich auch einige seiner Sportkameraden befanden. Lustig empfand ich die Anekdote, in der erzählt wurde, dass ihm angeraten wurde das Buch Döblins *Berlin Alexanderplatz* mitzunehmen, als er mit den Mavericks auf ihrer Tour durch Europa in Berlin gegen die Italiener spielen sollten . Sie hatten damals das Spiel verloren und später sagte er zu Geschwendner, scheiß langweilig das Buch, er könne das nicht lesen und habe sich lieber Irvings *Garp und wie er die Welt sah* zugewandt. 
Aber vor allen Dingen war es Geschwendner immer wichtig im Gespräch zu sein, sich mitzuteilen. Er sagte einmal: "Der Mensch, der sich mitteilt, wird sich selber los" 
Lustig fand ich, ein Fan wird es wohl wissen, dass Nowitzki später bei jedem erfolgreichen Wurf immer vor sich hin summte David Hasselhoffs *Looking for Freedom* Musik hat Nowitzki immer begleitet. Z.B. schätzt er auch Mumford & Sons, die ich selber auch ganz gern je nach Stimmung höre. Er spielt im übrigen auch selber Saxophon. 
Geschwendner sagte, Sport und Musik sind das tägliche Ringen um die eigenen physischen und handwerklichen Fähigkeiten und der immer wiederkehrende Versuch, den eigenen Körper nicht immer bewusst wahrzunehmen, sondern ihn machen zu lassen. Er zielt auf die Selbstvergessenheit an und das kennt ja jeder, der Musik liebt. Ich könnte mir einen Alltag ohne Musik auch kaum vorstellen. Wie oft hat mich die Musik vergessen lassen oder mich auch angetrieben. 
Geschwendner,  der Jazzliebhaber ist, vergleicht diesen auch mit dem Sport des Basketballs. Er sagte immer, beim Jazz spielen Aktion und Reaktion eine große Rolle, wie eben beim Basketball oder anderen Sportarten auch. Die Instrumente kommunizieren miteinander, durcheinander und übereinander. Es sei wie ein Wettbewerb, in dem jeder wartet auf sein Solo, in dem er seine besondere Fähigkeit einsetzen kann. Und auch Fehler gehören dazu. Fehler seien das Salz in der Suppe, sie müssen integriert werden, weil sie immer der Anfang neuer Elemente für Unerwartetes,  Neues sind. Miles Davies sagte einmal, der nächste Ton entscheidet darüber, ob ein Fehler überhaupt ein Fehler ist oder einfach nur der Anfang von etwas Großem. 
Ich dachte mir beim Lesen, wenn wir Menschen das auch so sehen könnten im täglichen Leben und im Umgang miteinander, gäbe es keine Urteile oder Ablehnung, wir würden dann erkennen, dass jeder in seiner Individualität mit hineinspielt und alles zusammen ein wunderschöner Tanz ist, sei es in dem, was wir miteinander tun oder worüber wir diskutieren.  Jedenfalls ich betone, dass dieses Buch über Nowitzki keine dröge Biografie ist, sondern voller Lebenserfahrungen und Erkenntnisse der Menschen, die um Nowitzki herum sind, aber auch von ihm selber. Das macht das Buch so spannend. 
Der Leser erfährt, wie Nowitzki sein Ziel erreicht hat, seine beiden Wunschträume sich erfüllt haben. In der NBA zu spielen, bei den Mavericks, die anfangs nicht mal seinen Namen richtig aussprechen konnten. Einmal ist während eines Spiels sein Name irrtümlich mit *Nowitkzi* auf seinem Trikot angebracht worden. Und an der Olympiade teilzunehmen, ausführlich mit allem Drum und Dran wird sein Weg dahin beschrieben. Auch von dem Druck, unter dem er sich immer gefühlt hat. Von seinen vielen Verletzungen, die ihn niemals abgehalten haben, weiter zu machen. Bis hin zu seinem 30.000sten Wurf, den die Fans in der Halle euphorisch gefeiert und bejubelt haben. Auch die Fankultur, das Leben in Dallas, seinem Status, den er dort erreicht hat. Und vom Aufhören, dem Ende seiner sportlichen Karriere, den er immer wieder hinausgezögert hat. 42:21:1 das war sein Leben, alles andere hat hinten angestanden.   Ein Sportler, so habe er einmal gesagt, stirbt zwei Mal, am Ende seiner Karriere und am Ende seines Lebens. Das glaubte ich sofort. 
Dass er aber dennoch, trotz seines riesigen Erfolges immer ganz er selbst geblieben ist, ohne Allüren oder egomanen Verhaltensweisen. Immer hatte er auch das Wohl der/des Anderen im Auge und vor allen Dingen das Gelingen des Spiels seiner ganzen Mannschaft. Pletzinger spricht in diesem Zusammenhang von Lauterkeit. Ein Wort, dass wir im normalen Sprachschatz nur noch selten in Bezug auf einen Menschen sagen hören. Lauterkeit, das bedeutet, aufrichtig, ehrlich zu sich selbst und den Mitmenschen, demütig und auf dem Teppich bleiben. Im Alltag erleben wir zumeist das Gegenteil, auch von uns selber, wenn wir ehrlich mit uns sind, beim einen mehr, beim anderen weniger. Mich hat das sehr berührt muss ich sagen.  
Ich würde am liebsten noch 1000 Dinge aus dem Büchlein erzählen, aber es soll ja gelesen werden. 
Vielleicht ist die Frage interessant,  die Pletzinger sich am Anfang des Buches gestellt hat. Was macht Menschen zu dem, was sie geworden sind. Sie waren ja auch erst einer wie wir, wurden geboren,waren Kinder, wurden groß. Welchen Weg sind sie abgebogen. Ich denke, diese Frage kann sich ja jeder stellen, auch wenn er keine großen Erfolge vorzuweisen hat wie Nowitzki. Was macht uns zu dem, was wir jetzt gerade in diesem Heute sind? Dazu ist es immer notwendig auf die Vergangenheit zurückzublicken, sie zu beleuchten um zu verstehen. Daher ist die Vergangenheit zwar rum, wie manchmal gesagt wird, jedoch gehört sie zu uns und der Rückblick verschafft uns immer wieder das Verstehen, warum wir der sind, der wir sind. 
Ein wunderbares Buch über einen großartigen Menschen und Sportler. Es lohnt sich dann auch seinen Film *Der perfekte Wurf* zu schauen, den ich mir natürlich ebenfalls angeschaut habe und viele Sequenzen und Ausschnitte seiner Spiele mit den Mavericks. Ein wirkliches Lesevergnügen. 
Thomas Pletzinger The Great Nowitzki Kiepenheuer und Witsch ISBN; 978-346-2047329 26,00 Euro

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