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14. Oktober 2020 3 14 /10 /Oktober /2020 13:14

Nicht, dass ich es nicht schon seit Tagen bemerkt hatte. Eigentlich nicht gemerkt, eher gespürt, da ist was nicht in Ordnung. Irgendwas ist da komisch. Wieso verspüre ich am linken  Oberschenkel rückseits immer einen leichten kühlen Hauch. Jedesmal, wenn ich es bei einem Spaziergang allein oder mit meiner netten Nachbarin bemerkte, dachte ich, komisch, wieso ist es genau und nur da immer so leicht kühl. Unauffällig strich ich mit meiner linken Hand nach hinten über meine Hose um zu fühlen, ob da etwas ist. Merkte jedoch nix. Rein gar nix. Ich ging weiter und dachte, ok, dann ist das eben so. Ich meine, das ist ja wie mit den Dingen im Leben, die einem einfach so plötzlich geschehen, unerwartet, woran du nix aber auch gar nix ändern kannst, du akzeptierst es einfach und gehst weiter. 

 
Glaub das ging ne ganze Woche so. Das Procedere. Spazieren, den kühlen Hauch spüren, wieder fühlen, nichts, weitergehen. Merkwürdigerweise bin ich auch nicht auf die Idee gekommen, wenn ich mit meiner Nachbarin unterwegs war, sie mal zu fragen, sag mal, schau doch mal an mir hinterrücks links hinunter, ist das was? Siehst du etwas? Ich weiß auch nicht warum. 
 
Grundsätzlich sind mir die Fragen nach dem Warum vieler Dinge im Leben nicht fremd. Es stimmt aber auch, dass ich oft, falls es keine Antwort gibt, mir einfach sage, warum nicht? Dann ist das eben so, oder mach es einfach...wirst ja dann sehen, was passiert. 
 
Zu erwähnen ist, dass die Hose, die ich trug, ein Erbstück meiner verstorbenen Freundin ist. Sie wurde also geliebt wie nur etwas. Auch, weil sie ein Relikt aus den guten alten Zeiten ist, aus Samtcord und mit Schlag. Mir doch wurscht, was gerade in oder nicht in ist. Wenns gefällt und ich dran hänge, schrieb ich schon mal, trag ich es, bis es auseinanderfällt. Bin son Typ. 
 
Heute war sie wieder dran. Die schwarze Samtcordhose. Zum Anziehen. Während ich noch einige Dinge im Haushalt erledigte, spürte ich plötzlich das erste Mal auch diesen leicht kühlen Hauch an meinem linken Oberschenkel rückseits in meiner Behausung. Bis dahin noch nie vorgekommen. Unbeobachtet, wie ich mich  daheim fühle, griff ich also mit meiner linken Hand etwas fester an meinen linken Oberschenkel rückseits und da, verdammt noch mal, da erfasste ich es. Es befand sich ein Riss in der Hose. In der schönen Hose. In der von mir geliebten schwarzen Samtcordhose meiner Freundin. Sprachlos wie ich war, brauchte es eine Weile, bis ich es kapierte und akzeptierte. Sie war kaputt. Keine Ahnung wieso. Durchgesessen? Der Stoff dünner und dünner geworden an der Stelle, die Fäden gerissen. Das war´s dann mit der Hose. Der alten geliebten. Dachte ich jedenfalls. 
 
Doch dann kam wieder dieses warum nicht? Dann besorg ich mir nen Lederflicken und näh den drauf. Ist doch wurscht. Ist nun nicht mehr unversehrt, dennoch wie neu, nur anders. Genauso mache ich es.
 
Es ist doch wie mit dem eigenen Leben. Wie viele Risse gehen dadurch und dann ist nichts mehr wie es war. Die Kindheit und Jugend, die keine war, weil es keine Unschuld gab, nur das Erkennen, dass man letztendlich alleine ist in dieser Welt, in der man sich fremd fühlt, wie hineingeworfen, ohne es gewollt zu haben und gezwungen ist, zu ertragen was ertragen werden muss.  Dann heiratet man, bekommt Kinder, die aus dem Haus gehen, ihr eigenes Leben leben, der Partner geht, die Freunde sterben, eine Krankheit ereilt dich und alles ist anders als zuvor.  Wie oft diese Einbrüche, Risse geflickt werden mussten, um dennoch weitergehen zu können. Die Risse versteckt unter dem Mut und dem Willen, so lange weiter zu gehen, wie es einem vergönnt ist und die Trauer des Verlorenen zu überwinden mit dem Guten und Schönem was einem noch begegnet und was tatsächlich auch noch da ist. Bis der Faden des eigenen Lebens reißt. 
 
Risse gehen durch die ganze Welt. Plötzlich ist auch da nichts mehr, wie es vorher war. Kaputtgegangen, das vermeintlich Heile. Eine Pandemie, ein Krieg, eine Hungersnot, ein Klimawandel, ein Börsencrash usw.usw... Es lebt sich besser mit der Gewissheit, dass nichts bleibt, wie es ist, dass Alles der Veränderung unterliegt und es nur die Möglichkeit gibt, sich mit dem Neuen anzufreunden, was nicht bedeutet, dass auch die Trauer über das Gewesene seinen Platz hat im Leben. Denn die Trauer ist eines der wichtigen Dinge im Leben, die nicht verdrängt werden darf, weil nur sie bedeutet, dass verarbeitet wird. 
 
Heute gabs eine andere Hose. Zum Spazierengehen. Auch eine alte, aber nicht so alt. Aber auch mit Schlag. Während ich durch den Park lief, fühlte ich plötzlich einen leichten kühlen Hauch am linken Oberschenkel, rückseits. Da sonst Niemand sichtbar war, fühlte ich mit der Hand nach hinten, suchte und suchte. Ne, da war kein Riss. Wirklich nicht. Merkwürdig, wie lang der Körper sich merkt, was irgendwo mal nicht stimmte. Es kommt sicher aber auch hier mal einer. Irgendwann. Aber bis dahin....
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

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