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16. November 2020 1 16 /11 /November /2020 14:52

Mein Lebensgefühl der Welt gegenüber ist überwiegend unaufgeregt. Ein Stoiker bin ich wohl noch nicht, jedoch ist es mein Ziel allumfassend mein  stoisches Gemüt den Dingen gegenüber zu haben, die mir so vor die Füße fallen, zu vervollkommen. 

 
Seit einiger Zeit pflege ich Tag für Tag in einem Jahrbüchlein *Der tägliche Stoiker* meine Morgenmeditationen zu verrichten. Oft stelle ich fest, dass die Betrachtungsweise auf die Welt und deren Geschehnisse, die die Philosophen dort empfehlen, in Verbindung mit einer kleinen Auslegung des Verfassers dieses Büchlein, auch ganz in meinem Sinne, will sagen in meinem Denken und Handeln vorhanden zu sein scheint. Bewusst bin ich mir selbstverständlich, dass das auch tagesformabhängig ist. Es gibt natürlich auch immer wieder neue Herausforderungen die einen auf die Probe stellen. Das ist mal klar.
 
Jedenfalls, ich bin schon ein ganz schönes Stück meinem Ziel im Laufe meines Lebens und fortgeschrittenem Alters näher gekommen. Denke ich jedenfalls.
 
Wissen tu ich aber auch, wo und wann ich aber nun wirklich nicht stoisch reagiere, sondern, wenn auch nicht direkt hysterisch, aber doch recht aufgeregt auf Geschehnisse reagiere. 
 
Diese Geschehnisse stehen in Verbindung mit Krabbel- und Flugtierchen. Nicht alle, Fliegen z.b. sind mir so was von egal und die hübschen,  wie z.B. die Marienkäfer oder Glühwürmchen, gar Schmetterlinge, denen kann ich gelassen zuschauen und mich an ihrer Art erfreuen.
 
Meine Contenance verliere ich  leicht bei Spinnen, die plötzlich in meiner Behausung auftauchen. Und zwar richtige Spinnen, so dicke, schwarze gruselige. Obwohl ich wissend bin, dass sie mir ja auch helfen, in dem sie anderes unliebsames Getier einfach wegfressen.
 
 Dennoch, wenn ich da schon mal eine erblicke und mir vorstelle, die könnte des nachts auch mal auf mir herumkrabbeln, dann läuft mir ein Schauer über den Rücken und mein ganzes Körpergefühl steht auf Alarm, nur allein schon bei dem Gedanken. Bewusst bin ich mir gerade bei den Spinnen, dass diese Abscheu ganz sicher mit unliebsamen Erfahrungen in meiner Kindheit zu tun haben, worauf ich nun aber nicht näher eingehen möchte. Nur kurz gesagt, sie waren wirklich nicht schön, gar quälend.
 
Immerhin kommt es nur selten vor, dass sich eine Spinne in meiner Wohnung ansiedelt. Und wenn, dann fange ich sie zumeist in einem Einweckglas und verfrachte sie dahin wohin sie gehört, raus in die Natur. Davon gibt es viel vor meiner Haustür. 
 
Eine neue Art von Plagegeistern, die ich in all den Jahren nicht wahrgenommen habe bzw. sie mir auch nicht über den Weg gelaufen sind, ist die Stinkwanze, auch Stinkkäfer, Marmorierte Baumwanze oder Halyomorpha halys genannt.  Lt. meiner Recherche treten sie tatsächlich erst seit dem Jahre 2017 in größeren Massen in unseren heimischen Gefilden auf. Sie kommt eigentlich aus China, hat sich jedoch als blinder Passagier in der Schweiz angesiedelt und von dort aus explosionsartig in ganz Europa ausgebreitet. 
 
Eben auch hier bei mir. In meinem Zuhause. Auf meinem Balkon. Kurz vor Herbstbeginn mit abnehmender Wärme habe ich sie Tag für Tag von meinem Balkon verscheuchen müssen. Von dort aus nämlich hatten sie ihr Ziel vor Augen. Nämlich meine hübsche, kleine wohlig warme Innenbehausung. Denn vorzugsweise verbringen diese Viecher den Winter gern an trockenen und warmen Orten. Sie fressen sich übrigens auch gern durch Birnen , Äpfel und anderes Obst. Sie sind also nicht bloß so Viecher, die mir persönlich eklig erscheinen, sondern echte Plagegeister, die in Massen auftretend, den heimischen Obstbaum heftig schädigen können und somit die Ernte gefährden. 
 
Die Entsorgung hab ich in unterschiedlicher Art und Weise getätigt. Also der Gedanke, dieses Getier mit bloßen Händen anzufassen, erzeugt in mir schon den reinsten Ekel, so wie ich ihn kaum gegenüber anderen Dingen bisher kennengelernt habe. Das liegt eben auch daran, dass, wenn man sie anfasst, sie ein widerliches stinkendes Sekret absondern. Das wollte ich mir auf jeden Fall ersparen. Es wird auch angeraten, falls man etwas von diesem üblen Sekret abbekommt, sich sofort die Hände waschen sollte, denn die Möglichkeit besteht, dass es sonst lange anhält. Igitt... Einfach nur widerlich. 
 
Hin- und wieder hab ich einer von den Stinkviechern in einem Einweckglas beim Sterben zugesehen. Das Glas stand dann draußen auf meinem Balkon und mehrmals am Tag habe ich geschaut, ob sie noch lebte. Sie halten lange durch.  Manche denken jetzt vielleicht, in mir stecke ein kleiner Sadist. Ich habe das jedoch ganz unschuldig getan. Zum einen ist dieses Viech ein Schädling, zum anderen habe ich ja auch schon oft Menschen beim Sterben zugesehen, wenn ihre Zeit abgelaufen war. Und für mich ist die Zeit einer Stinkwanze eben abgelaufen, wenn sie sich in meinen Gefilden bewegt und sich nach einem ruhigen Überwinterungsplätzchen umsieht. Der Gedanke, die haben sich hier bei mir in meiner Wohnung irgendwo niedergelassen und ich setze, lege oder trete unvorsichtigerweise nichtsahnend drauf, ne, das geht gar nicht. Da mach ich mir auch keine Sorgen um mein Karma, falls es eines geben sollte. Da hätte ich wenn denn dann ganz andere Sorgen. 
 
Manchmal hab ich jetzt beobachtet, sterben sie auch von ganz alleine einfach weg. Weil es in der Nacht zu kalt wurde. Sie werden stocksteif und liegen dann erfroren da. Da brauch ich sie nur mit einer Schippe aufzuschaben und über die Balkonbrüstung werden. 
 
Neulich ist jedoch passiert, dass sich eine solche gemeine, fiese, widerliche Stinkwanze über Nacht in mein Büchlein *Der tägliche Stoiker* in eine Seite hineingeschlichen hatte. Ich verrichte nämlich meine tägliche Stoikermeditation zumeist auf meinem schönen Balkon. Daher liegt das Büchlein manchmal auch nachts, weil ich es vergessen hatte mit in die Wohnung zu nehmen. Und gestern Morgen schlug ich ganz unbedachte die für den Tag passende Seite auf und da, da lag sie. Die Stinkwanze. Tot. Auf meiner Buchseite. Erfroren. 
 
Muss ja wohl. Obwohl... Ich weiß es nicht recht. Vielleicht hatte sie auch versucht aus der Buchseite herauszukommen und ist dabei zu Tode gekommen. Allerdings scheint es mir ein Rätsel zu sein, wie sie dabei hatte dem Tod erliegen können.  Denn beide Seiten waren verschmutzt mit ihrem dunkelbraunen stinkigen Sekret. Mit zwei Fingern hab ich ganz vorsichtig das Buch über die Balkonbrüstung gehalten, damit der sterbliche Überrest des Getiers hinunterfällt. Habe tüchtig geschüttelt. Ging gar nicht so ohne weiteres. Sie war da richtig angeklebt. Letztendlich hat es dann geklappt. Mit einem Tüchlein habe ich so gut wie es ging, die stinkige Spur abzuwischen versucht. Geklappt hat es nicht ganz. Mit der Nase ganz dicht ran stellte ich aber fest...es stank nicht. Gut. 
 
Aber ganz ehrlich, ich muss mich jetzt erstmal dran gewöhnen, dass sie da saß, diese Stinkwanze. In meinem Büchlein. Dass nun verschmutzt ist. Weil sie da gestorben ist. Wie auch immer. Vielleicht ist sie ja ganz stoisch, gelassen in der Nacht von dannen gegangen aus dieser Welt. Immerhin. Dies wird nun nicht jeder Stinkwanze zuteil und vergönnt, bei den großen Philosophen unserer Zeit (hoffentlich) stoisch das Zeitliche zu segnen. Ein ganz klein bisschen musste ich dann auch drüber lachen. Ein guter Tod war es jedenfalls. Besser als im Einweckglas so langsam... Ihr wisst schon... 
 
Und ja...es scheint so...Ihre Zeit ist nun vorbei. Seitdem hab ich keine einzige mehr gesehen. Hier bei mir. Auf meinem Balkon. 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

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