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12. Februar 2021 5 12 /02 /Februar /2021 12:07

Lebensfeuer oder Wärmetod?

 

Die Zeitung von Heute! Brandaktuell und druckfrisch, begehrt und viel beachtet. Im Vergleich dazu gelten ältere Ausgaben derselben Zeitung als Altpapier. Trotzdem habe ich ein kleines Experiment veranstaltet und mir ein altes Exemplar der *Zeit* vorgeknöpft. Nicht die Zeitung von gestern, sondern eine Ausgabe vom August 2008. Und siehe da, gänzlich verloschen war die Glut der Texte doch nicht. Ich habe etwa 1 Stunde genüsslich in der alten Zeitung geschmökert und hatte nur selten das Gefühl , dass ich mir olle Kamellen zu Gemüte führe, nach denen kein Hahn mehr kräht. 

 

Begierig stürzt sich der Blogger auf jeden neuen Beitrag. Lauern auf die Bombe, die da möglicherweise gerade im Begriff ist, hoch zu gehen. Er gibt seine Kommentare dazu, ereifert sich gelegentlich. Nach sieben Tage verschwindet der Beitrag aus den aktuellen Listen, wird dann zum Privatblog. Und prompt versiegt der Strom der Zugriffe, das Thema gilt als abgehakt, die Karawane der Blogger zieht weiter und wendet sich anderen Artikeln zu. 

 

Stößt man nach einiger Zeit auf das Inhaltsverzeichnis eines Bloggers, so werden Erinnerungen wach, man klickt mal da und dort. Und stellt fest, dass viele Beiträge keineswegs an einen bestimmten Zeitpunkt gebunden sind und auch unabhängig vom öffentlichen Disput einen Reiz in sich tragen. 

 

Die meisten Kinos schmücken sich mit der Bezeichnung *Erstaufführungstheater*. Ein Film *kommt in die Kinos*, wird dann heftig beworben und innerhalb von einigen Wochen verwertet. Es scheint wie ein Adelsprädikat zu sein, dass es sich um eine nagelneue Produktion handelt. Anschließend verschwinden die Filme in der Versenkung, wenn man Glück hat, kann man sie nach einigen Jahren mal wieder in einem Programmkino sehen. Wenn das Fernsehen ältere Filme bringt, wird dies gern abschätzig als *Wiederholung* bezeichnet. Tatsache ist aber, dass zu jeder Zeit viele Filme produziert werden und dass man nur die wenigsten davon kennen lernt. 

 

Manchmal bin ich dankbar, dass ich kein professioneller Journalist bin. Diese ewige Tagesaktualität würde mich fertig machen. Themenwechsel im Stundentakt. Die neue sozialdemokratische Troika (die SPD wählt ihre neue Führung), Flexibel in alle Richtungen (die Krise trifft den Arbeitsmarkt), Gefahr im Salat (auch ohne Pestizide kann das Grünzeug tückisch sein), ist das deutsche Fernsehen Blödsinn (von Dieter Bohlen lernt man darin genauso viel wie von Marcel Reich-Ranicki), usw.usw.. 

 

Millionen von Themen, und der Journalist ist für alle zuständig. Im Banne der drei M - Moment, Meinung, Mode - muss er auf jeden Zug aufspringen und kann nirgends längere Zeit verharren. Der Ofen der Aktualität wird tüchtig angeheizt, und das eine oder andere Strohfeuer kommt da gerade recht. Glücklich der Blogger, der seine Themen frei wählt und der auch selbst bestimmt, wie viel er schreibt und wie lange er bei einer Sache verweilt. 

 

Was ist das *Aktualität* Die Wortherkunft ist wohl das lateinische *actus* für Handlung. Sicherlich spielt die Gleichzeitigkeit und das Unabgeschlossene eines Geschehens in den Begriff mit hinein. Fast noch wichtiger aber scheint mir die Anteilnahme zu sein, die Tatsache, dass sich viele Leute zur selben Zeit über ein Thema aufregen. Man hat es wohl mit einer unauflöslichen Verquickung von Objekt- und Beziehungsebene zu tun. Während die Sache an sich nur wenige vom Hocker haut, gewinnt sie oft gewaltig Bedeutung, wenn sie als Vehikel für Kommunikation, Diskussion und Beziehungspflege dient. 

 

Zwischen diesen beiden Polen bewegen wir uns ständig, zwischen dem Gegenstand der Diskussion und dem weiten Feld der menschlichen Beziehungen. Jedes Sachthema verödet sehr schnell, wenn man bei der Beschäftigung mit ihm die menschliche Realität aus dem Blickfeld verliert. Umgekehrt ist jeder Beziehungsprozeß in Gefahr, oberflächlich, impulsiv und chaotisch zu werden, wenn er nicht mehr in der Zeit verwurzelt ist, wenn keine ernsthafte Auseinandersetzung  mit Sachthemen stattfindet. Geistesleben, Sprache und Handlungen, die sich letztendlich doch immer in der Gegenwart und im Spannungsfeld der lebendigen Sache entfaltet. 

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