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26. Februar 2021 5 26 /02 /Februar /2021 12:21

Wird man schlau geboren  oder wird man im Laufe seines Lebens schlau. Was kann Erziehung dazu beitragen, dass Kinder intelligent oder gar ein Genie werden? 

Mit diesen Fragen, mit denen sich Wissenschaftler immer wieder beschäftigen, wird man konfrontiert, wenn man diesen Debütroman von Klaus Cäsar Zehrer * Das Genie* liest.  Erwiesen haben Wissenschaftler in zahlreichen Untersuchungen, dass Intelligenz nur zu ca. 60% vererbbar ist.  Alles andere ist dann wohl doch Erziehung und Eigeninitiative. 

Ein erster Roman also und was für ein, für mich jedenfalls, Meisterwerk, dass ich verschlungen habe. Wie kommt man dazu, einen Roman über ein Genie zu schreiben. Dieses Genie, von dem hier die Rede sein wird, hat es tatsächlich gegeben. Sein Name ist William James Sidis. Noch nie gehört? Ich auch nicht. Vorher, vor dem Lesen dieses Buches. Zehrer ist eher zufällig auf ihn aufmerksam geworden. Er hatte sich mal im Internet so Listen angeschaut....*Die zehn Besten...die zehn Größten ... oder sonst wie Größten... Dabei bekam er einen Blick auf die Liste der zehn intelligentesten Menschen unserer Zeit. Darunter finden sich keine anderen, wie Einstein, Isaac Newton oder Leonardo da Vinci. Aber... jetzt kommt es. Auf Platz 1 dieser Liste steht kein anderer wie William James Sidis.  Geboren 1898 in New York City, verstorben 1944 in Boston, Sohn eines jüdischen Auswanderers nach den Pogromen in der Ukraine, dessen Lebensgeschichte kurz angerissen wird.   Platz 1.  Wahnsinn und Niemand, den ich gefragt hatte, kannte ihn. Und auch sonst wird er nie in irgendeinem Zusammenhang erwähnt. Wäre mir sicherlich aufgefallen.  Und auch Zehrer hatte nie zuvor von ihm gehört. Sein Intelligenzquotient wurde zwischen 250 und 300 geschätzt. 

Klar, dass er sich dachte, wenn dieser Mensch alle anderen, die den meisten Menschen geläufig und bekannt sind und mit deren Werke sich der ein oder andere schon beschäftigt hat, überflügelt hat, dann muss das eine äußerst interessante Geschichte sein, der er dann nachgegangen ist. In Deutschland gab es kaum etwas an Informationen über Sidis.  Auch in den USA war Sidis eher in Vergessenheit geraten. In den 70er Jahren dann, fast 30 Jahre nach seinem Tod, hatte man begonnen Material über ihn zu finden. Es gab sogar noch Zeitzeugen, wie Sidis jüngere Schwester, die Einiges über ihren Bruder erzählen konnte.  In den 80er Jahren dann wurde in den USA eine glaubwürdige Biografie über William James Sidis veröffentlicht. 

Und so werden wir in diesem Buch Zeuge wie der 1898 in New York City geborene William James Sidis  das Produkt einer Erziehungsmethode seiner Eltern, hauptsächlich initiiert von seinem Vater, dem Psychiater Boris Sidis, der sich nichts sehnlicher wünschte, als dass sein Sohn begabt war und ihn nach einer von ihm ausgearbeiteten Methode, die im Buch schlicht die *Sidis-Lernmethode* heißt, zum Hochbegabten wird. 

Wie das gegangen ist? Und wie ist sein Leben verlaufen? Begonnen hat die Sidis-Erziehungsmethode schon in der Wiege des kleinen Buben. Wenn Boris Sidis auf seinen da in der Wiege liegenden Sohn schaute, dachte er, eigentlich ist es egal, ob man Sohn oder Tochter hat, hauptsache gesund. In seinem Beruf begegnete er so vielen Defekten im menschlichen Sein, von leichten Nervenüberreizungen bis hin zu schwersten Gehirnschäden, so dass er sich nichts weiter wünschte als das größte Glück, ein von Krankheit verschontes, ganz normales Kind zu haben. Bei diesem Gedanken wiederum stutze er. Normal? fragte er sich. Normal, das war Durchschnitt, nicht weniger, aber eben auch nicht mehr. Damit sollten sie sich zufrieden geben? Er dachte weiter, für alle, deren Talent auch nur um ein weniges über das Mindestmaß hinausragte, konnte Normalität nichts Erstrebenswertes sein. Sein Ehrgeiz musste in die andere Richtung gehen. Sie durften nicht nach unten schauen, auf die Masse, sondern hoch zu den Sternen. Ihre Aufgabe war es nicht, nach Normalität zu streben, sondern nach Vollkommenheit.  Vollkommenheit, das war für Boris Sidis ein großes strahlendes Wort. Danach strebte er. Und vollkommen sollte sein Sohn werden. Er sollte das vollkommene Leben führen.  Sein Sohn sollte eine starke und selbständige Persönlichkeit werden, die sich niemals von anderen herumkommandieren lässt, wie die breite Masse, die nur Marionetten sind und immer das tun, was andere von ihnen verlangen. 

Also begann er sein Konzept der Kindererziehung zu manifestieren. Denn Erziehung, so sagte er, ist die Hilfe von Erwachsenen für ihre Kinder, um ihre eigenen geistigen Fähigkeiten zu entwickeln. Und seltsamerweise war seine Beobachtung, dass Kinder zwar körperlich gediehen, wenn man ihnen vernünftige und gute Nahrung zuführte, jedoch um die Ernährung des Gehirns kümmerten sie sich seltsamerweise weniger. Seiner Meinung nach gab es einfach zu viele geistige Krüppel. Und so einen Geisteskrüppel sollte nicht sein Sohn sein. 

Man musste ihm, William, der als Kind nur *Bobby* genannt wurde, z.B. sofort mit korrekten Ausdrucksweisen konfrontieren.  Wie soll ein Kind fehlerfrei Sprache lernen, wenn man ihn anfangs mit Wörtern wie Dutzidutzi und Dingeling und Eiapopeia konfrontierte. Ein Hund heißt Hund und nicht wauwau. Er will auch nicht *Papa* von seinem Sohn genannt werden, sondern *Vater*. 

Boris Sidis, hängte alles Kitschige, Blumenbilder und andere Dekorationen von den Wänden ab und legte sie zusammen mit Vasen, Deckchen und Sträußchen in den Schrank.  Eine neutrale Atmosphäre sei wichtig, so sagte er seiner Frau Sarah. Ihr Sohn solle nicht von Fremdreizen abgelenkt werden. Er benutze Bildtafeln und sprach vor seinem Sohn laut aus, was auf ihnen zu sehen war: ein blaues Dreieck, zwei gelbe Kreise, drei grüne Quadrate usw... Mit einer Decke hängte er das Fenster zu: es ist dunkel, sagte er ihm, er nahm die Decke ab und sagte: es ist hell...Diese Vorgänge wiederholte  er immer und immer wieder. Das Gehör schulte er, nahm ein Glöckchen, läutete und sagte...das Geräusch kommt von links, dann hielt er das Glöckchen über den Wickeltisch und läutete, sagte dann, das Geräusch kommt von oben. Er trug alle Übungen, die er mit seinem Sohn machte, sorgfältig in ein Notizbuch und machte in der Spalte *Reaktionen* jeweils einen Strich.  Seiner Meinung nach war es wichtig, dass Kinder von Anfang an lernten mit Sinneseindrücken richtig umgehen zu lernen, sie unterscheiden zu können. Das Ergebnis sei, dass das Kind dann schneller als andere mit seinen Sinneswahrnehmungen etwas anfangen und sie früher für komplexere Aufgaben nutzen können. Sein Training verschaffe seinem Sohn einen Entwicklungsvorsprung, von dem er sein Leben lang profitieren werde. 

Ich will auch gar nicht alle Trainingsmethoden, Übungen usw... aufzählen, jedoch waren sie unglaublich vielschichtig und zeigten schnell ihre Wirkung.  In einem Alter, in dem Kinder mit Kinderbüchern konfrontiert werden, Kinderlieder gemeinsam mit den Eltern sangen wurden Bobby griechische Sagen vorgelesen. Boris Sidis, achtete immer darauf, dass alles das, was  er mit seinem Sohn und wie er es  tat, absolut spielerisch geschah. Er wollte keinen Druck ausüben. Erzieher oder Lehrer, die einem Kind Wissen mit dem Rohrstock einbläuen wollten, seien in seinen Augen Versager, weil es ihnen nicht gelingt, die Lust am Lernen zu wecken.

Jedoch, wie man dann nach einiger Zeit feststellen kann, litt der kleine Bobby schon früher unter dem Leistungsdruck, der auf ihn ausgeübt wurde. Er wollte natürlich wie alle Kinder seinen Eltern gefallen. Das war sein Antrieb einzig und allein.  Und er entsprach auch den Erwartungen seines Vaters. Für seine Eltern wurde er das Vorzeigeobjekt der Sidis-Lern-Methode, ein Wunderkind.  Wenn es Liebe zwischen ihm und den Eltern gab, bestand die nur darin, den Anforderungen zu genügen. Erfüllte er diese zeigte sich die Liebe im Stolz seiner Eltern, die jedoch, für mich jedenfalls beim Lesen des Buches, sich eher darauf bezog, dass der Vater eher stolz auf sich war, dass seine Lern-Methode den entsprechenden Erfolg zeigte, eher weniger auf den Sohn als Mensch bezogen. 

Bobby las mit 18 Monaten selbständig Zeitungen. Mit gerade mal 4 Jahren liest er Homer und Caesar im Original. Kurze Zeit später spricht er fließend Russisch, Französisch, Deutsch, Hebräisch , Türkisch, Armenisch sowie Vendergood, eine von ihm selbst, ähnlich wie Esperanto, erfundene Kunstsprache.  Zudem schrieb er schon Bücher.  Als er in die Grundschule eingeschult werden sollte, zeigten sich seine Eltern empört und die Lehrer wussten nichts mit diesem Wunderkind anzufangen. Er blieb einsam, ohne Freundschaften und absolvierte die sieben Grundschuljahre in sieben Monaten, die High School nach drei Monaten. Mit acht Jahren hatte er schon die Zugangsberechtigung zum Massachussets  Institut of Technology sowie zum Medizinischen Institut in Harvard in seinen Händen. Aber auch diese in den USA besten Eliteuniversitäten wussten nichts rechtes mit ihm, dem Hochbegabten,  anzufangen. Er wartete drei Jahre lang um endlich studieren zu können. Mit seinen 11 Jahren hielt er an der Harvard University einen Vortrag über die 4. Division, und das vor den seinerzeit hoch renommierten Professoren, die ihren Augen und Ohren nicht trauen wollten. Das machte er mit links wie wir zu sagen pflegen. In seiner Freizeit löste er mal eben so die Theorie von schwarzen Löchern. Wörtlich sagte er:

"Bei der Ausarbeitung meiner Theorien haben die Poleyderwinkel des Dodekaeder, die in zahlreichen Problemstellungen eine Rolle spielen, eine wertvolle Hilfe geleistet. Einige der Dinge, die ich über die vierte Dimension herausgefunden habe, werden zur Lösung vieler Probleme in der Ellipsengeometrie beitragen". 

Es klingt wie ein Märchen und scheinbar wie ein geglücktes Leben, wenn man mit einer solchen Intelligenz  gesegnet ist und einem im Grunde alle Türen offen stehen. Das Erziehungsexperiment seines Vaters, Boris Sidis, dem anerkannten Professor für Psychotherapie, der sich, wie wir auch lesen werden, heftigst dann mit Freuds Theorien befasst und sie nicht nur ablehnt, sondern auch bekämpft, was ihm zum Verhängnis wird in seiner eigenen beruflichen Karriere, ist zwar gelungen...aber...

Was ist aus dem Leben des Menschen William James Sidis geworden. Wie ist er mit all dem umgegangen. All das lesen wir auf 649 Seiten, hochspannend, mitreißend und vor allen Dingen mitfühlend. 

*Ich möchte ein perfektes Leben führen, sagte er. Das perfekte Leben aber lässt sich nur in Abgeschiedenheit führen".  Menschenmengen hat er immer gehasst. Auch die Journalisten, die ihn von jungen Jahren an verfolgen, ihn berühren, anschauen, über ihn schreiben wollen, immer neue Wunder von ihm verlangen, hasst er wie die Pest und muss sich vor ihnen verbergen. Diese Journalisten, die ihm dann am Ende das Leben schwer machen und gegen die er gerichtlich vorgeht, aber den kürzeren zieht. 

Man leidet mit ihm, dem Kind, dem jungen Mann und dann als erwachsenen Mann einfach mit. Denn er erwies sich in allen Bereichen des menschlichen Lebens, wo es auf eine andere Form von Intelligenz ankommt, nämlich der intuitiven, der Menschlichkeit, die er nie hat kennen lernen dürfen, weil ihm Liebe um seiner selbst willen, gefehlt hatte, als lebensunfähig. Welche Torturen er durchlitten hat, wie er damit umgegangen ist und was er tatsächlich aus seinem Leben mit all dem, was er konnte, wusste, wozu er fähig war, gemacht hat, aber das will ich nicht verraten, all das lesen wir und es machte mich sprachlos.

William James Sidis, ein Genie, ein Wunderkind, dessen Intelligenzquotient nie wieder von irgendeinem anderen  Menschen erreicht wurde, starb 1944 an einer Gehirnblutung. 

Worauf kommt es im Leben an? Was ist wirklich wichtig. Wie geht man in der Erziehung seiner Kinder heran, ohne Druck und Leistungszwang auszuüben. Aber vor allen Dingen, wie schafft man es, seine Kinder zu klugen und selbständig denkenden Menschen heranzuziehen, die es schaffen ihren Platz in der Gesellschaft zu finden, ohne sich den Massen gleichzustellen und eigenständig zu bleiben, aber auch ohne einsam zu sein und die für sie richtigen Menschen an ihrer Seite zu haben. Aber auch Fragen über das Bildungssystem kann man stellen, die man nicht ohnehin sich schon immer mal gestellt hat, wenn man dabei zuschauen konnte, was in Schulen und Universitäten so abläuft. 

 

Und ja...je mehr der Mensch kann und weiß, bedeutet nicht immer, glücklicher zu sein. Vieles kann sich mit Wissen oder mit Geld nicht erkauft werden. Liebevolles Miteinander, Empathievermögen , Freundschaften, Tatkräftigkeit und der Freude am eigenen Sein, das sind meines Erachtens die Juwelen für das eigene Leben. 

In Köln pflegen wir ja zu sagen...de Hauptsache is, dat Hätz is jood... da ist was dran... wobei ich eine Mischung aus allem, klug sein und einen freundlichen Blick auf das Leben in der Welt und das Gegenüber als gelungen betrachten würde.

Ich lege dieses Buch wirklich ans Herz all derer, die gerne lesen und dabei viel mitnehmen möchten und Anregung zum eigenen Nachdenken erleben wollen. 

 

Klaus Cäsar Zehrer 

Das Genie

Diogenes Taschenbuch 

ISBN: 978-3-257-24473-1

14,00 Euro 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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