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7. März 2021 7 07 /03 /März /2021 10:32

In diesem wunderbaren Buch, dass jeder, der die Floyds liebte und immer noch von ihr in den Bann gezogen wird, einfach lesen muss, erzählt Gorkow von seiner Kindheit in den 70ern. Er hatte eine ältere Schwester, Gorkow 9 oder 10 Jahre alt, verehrt sie.

Und die Schwester liebt Pink Floyd. Die Schwester ist krank. Sie hat ein anderes Herz. Das Herz schlägt nicht wie alle Herzen schlagen sollten. Schuld ist Contergan. Die Mutter nahm es in der Schwangerschaft. Sie war so unruhig. Die Ärzte verschrieben es ihr. Sie hatten gesagt, es sei völlig harmlos, keine Nebenwirkungen. Die Mutter nahm es. Und nun hatte die Schwester ein krankes Herz. Die Ärzte sagten, sie werde nicht lange damit leben können. Eigentlich gaben sie ihr nach der Geburt wenig Zeit.  Die Schwester aber war eine Kämpferin. Sie wusste was Kampf bedeutet. Sie kämpfte nicht nur ihren eigenen Lebenskampf, sondern sie kämpfte auch gegen das Establishment.

Und sie hörte Pink Floyd. Weil, die waren auch gegen das Establishment, wie auch die Mothers of Invention oder Sweet oder T-Rex. Von T-Rex wüsste sie genau, dass sie für die Revolution sind. Die Schwester sagt ihm, dass T-Rex-Sänger Mark Bolan  die *bestehenden Verhältnisse* ablehnt. Was sind die *b-bestehenden Verhältnisse?" fragte er sie. Dass immer noch Nazis rumlaufen, wie das alte Schwein neulich im Hofgarten. Dass die Reichen überall fett hocken auf Kosten der Armen, das scheiß Establishment eben.

Das Establishment war in Büderich zu erkennen, einem Stadtteil  von Düsseldorf-Meerbusch. Da gab es Villen mit gepflegten Vorgärten, Mietwohnungen, in denen die, die es sich leisten konnten, wie auch die Eltern von Gorkow, sich Einbauküchen gönnten und dann gab es die Altnazis, die immer noch da waren, überall, in der Politik und versteckt hinter ihren bürgerlichen Fassaden.  Das sind die Schweine, erzählte die Schwester ihrem kleinen Bruder, die Millionen Menschen auf dem Gewissen hatten und immer noch da seien. Das Establishment, das waren all die den Hals nicht voll kriegten.

 

Alexander war ein Träumer...Du musst in die Welt schauen nicht in den Himmel, sagte ihm die Schwester immer. Denn in den Himmel schaute er immer gern, er erwartete dort die Pyramide, die, die auf dem Cover der Floyds von Darkside of the Moon zu sehen ist. Wenn er sie sieht, die Pyramide, dann hat er Kontakt zu Pink Floyd.  Alexander sprach wenig. Er stotterte. Deswegen ging die Mutter mit beiden Kinder ins Krankenhaus. Die Schwester wurde zur Untersuchung in die Kardiologie abgeliefert, der Bruder zu Herrn Waltherspiel, dem Logopäden, der liebte die Dubliners und überhaupt die irische Kultur. Wenn die mal in der Philipshalle spielten, dann müsse er mit kommen, der Junge. Und er sollte das Atmen nicht vergessen. Atmen, sagte sich Alexander immer wieder, wenn die Situationen irgendwie schwierig oder nicht zu verstehen waren, in die er hinein geriet. Atmen. 

In der Schule musste er viel atmen. Und still sein. Es gab den Schläger Richard le Bron, der nicht nur ihn unterdrückte und schlug. Richard immer im Gefolge von Panzerfrank, der aber nichts machte, sondern immer nur Richard Le Bron zustimmte in seinen Aussagen. Richard nahm sich auch oft *Hubi* vor, den kleinen Mongo, der zu ihnen in die Klasse gekommen war. Er sollte sich gewöhnen, die anderen aber auch.  An ihn. Hubi liebte Demis Roussos.  Er hatte ihn live gesehen mit der Mutter. Er sang immer sein Lieblingslied: "Goodbey my Love Goodbye". Einfach so. In der Stunde oder dann, wenn es mulmig wurde. Die Le Brons gehörten zum Establishment, daher konnte er sich viel erlauben.  Herr Le Bron und sein Sohn Richard sowie Panzerfrank wiesen die typischen Merkmale des Establishments auf, Gier, Feigheit und Charakterlosigkeit.  Ganz sicher werde die RAF ihn holen. 

Der Vater war der Chef zu Hause. Im Büro war er auch Chef. Mittags kam er nach Hause. Dann las er die FAZ oder das Buch von Barzel - Gesichtspunkte eines Deutschen. Barzel ist ein Monster, erklärte ihm die Schwester. So ein Monster wie in dem Film  Die Nacht der reitenden Leichen dachte Alexander sich.  Den Film hatte er schon oft gesehen im Ortskino. Die Monster sind überall. Seine Fantasie hatte da keine Grenzen. Manchmal waren sie alle Monster, die Floyds, die Sweets, die Mothers of Invention, die aus den Gräbern des Friedhofs stiegen und nach kleinen Kindern oder Jungfrauen Ausschau hielten.  Dann hatte er Angst. Dennoch liebte er wie seine Schwester die Musik von den Floyds.

Was hören die Kinder denn da, fragte der Vater. Sie hören Pink Floyd sagte die Mutter. Der Vater hörte und sagte, die kommen vom Jazz, ganz klar. Er war Jazzer. Miles Davis.  Nein, das ist Rock sagte die Schwester. 

Abend hörte der Vater die Nachrichten im ZDF mit Herrn Klarner. Auf Herrn Klarner konnte man sich verlassen.  Man durfte ihn nicht stören. Ich schaue die Nachrichten, sagte er dann, jetzt hab ich nicht mitbekommen was Giscard will.  Und wenn Herr Glaner "Guten Abend meine Damen und Herren" sagte, sagte der Vater "Guten Abend Herr Klarner". 

Samstags sprühte der Vater Gift im Garten für die Rosen. Wenn der Vater sprühte lief der Fernseher. Dieter Thomas Heck. Was hören die Kinder denn da, schrie der Vater aus dem Garten ins Haus. Er raucht dabei seine Dunhill. Er raucht immer. Die Mutter auch. Überhaupt, es wird immer und überall geraucht. Jeder raucht. Sie schauen und hören Dieter Thomas Heck ist die Antwort. Heck ist der, der mit Nebelmann Heino gemeinsame Sache macht. Er erscheint erstmalig an diesem Samstag mit seiner fipsigen Stimme ohne Vorwarnung. Dünn, zugleich fleischig, stolziert er durch das Publikum, ein roter Kragen über dem braunen Anzug, oben das helle Gefieder, darunter die eigentliche bleiche Person mit der geschürzten Schnute. Er brüllt. Sie ist das allerschönste Kind, das man in Polen find... Anneliese ruft der Vater aus dem Garten, mach das aus.

Alexander fragt die Schwester ob Heino auch zum Establishment gehört. Natürlich sagte sie, als Nationalsozialist gehört er einwandfrei zum Establishment. Sie erklärt ihm, dass es sich bei Heino um einen Menschen handelt, der Wanderlieder singt und dabei alles abfackelt. Erst vor wenigen Jahren habe seinesgleichen Polen überfallen, ein anderes Land. Dabei habe sich Heino in ein junges Mädchen verguckt, nämlich das allerschönste Kind. Die Menschen in Deutschland haben sich Heino erarbeitet, sagt die Schwester, die Verbrechen der Nazis, Ausrottungen in Lagern, verbrannte Haut, ausgeschossene Augen, all dies ist das Werk Heinos und seiner Freunde. Sie haben endloses Leid über die Welt gebracht, nun laufen sie wieder frei herum. 

Ich würde am liebsten all die drolligsten und humorvollen Dialoge und Erzählungen des Romans auflisten. Ich habe teils so lachen müssen, so herrlich, aber das würde den Rahmen sprengen. Ihr sollt ja selber lesen. Bei all dem Humorigen schwebt aber auch eine gewisse Melancholie über der Erzählung. Die Schwester, die krank ist. Und man nicht weiß, wie lange sie es schafft. Die Ungewissheit, wie es mit Alexander weitergeht in seiner Laufbahn, weil er ja stottert. Zwischendurch kam die Idee auf, empfohlen von Herrn Waltherspiel, er soll auf die Waldorfschule. Waldorf kenne er nur vom Salat, den die Mutter immer für den Vater kauft.  Rudolf Steiner, sagt der Vater, der sich dann mit einem Buch über ihn beschäftigt, ist meschugge. Was soll der Junge tanzen und malen. Das kann er auch zuhause. Er werde sich Herrn Waltherspiel vorknöpfen und auch den Pfarrer, der seinen Sohn geschlagen hat. 

Woanders gibt es Pink Floyd. Und die hören sie. Wieder und wieder. Und nachdem sie ein Jahr lang *Wish you where here* gehört haben, halten sie endlich die Neuerscheinung *Dark side of the Moon* In der Hand. Der Vater legt sie auf den Plattenteller des Thorens. Die Schwester lehnt sich an den Bruder und der Vater wartet auf den Herzschlag, dann auf den Beginn von *Breathe* um die Lautstärke am Marantz zu justieren.  Die Schwester sagt wie immer - zu leise -. Und dann geht der Vater in den Garten und während Gilmour zum ersten Mal *breathe in the air* ruft, sieht man oben das Flugzeug vom nahen Düsseldorf-Lohausen  kommen, aber man hört es nicht, denn Gilmour und der Chor rufen * Listen son, said the man with the gun/There´s room for your inside. 

Am Ende gibt es einen Epilog von Gorkow, der erzählt, wie er Roger Waters dann später mehrmals interviewte. Er lebt jetzt in München. 

Während des Lesens habe ich natürlich alles von Pink Floyd gehört und mich daran erinnert, wie sie mir das Leben gerettet haben mit ihrer Musik. Wie ich sie auf meinem aufklappbaren Plattenspieler wieder und wieder gehört habe, auf dem Sofa liegend, mit meinem Hund neben mir, wenn ich nicht mit ihm nach der Schule irgendwo herumstromerte oder im Drops, einem Szenelokal in Köln damals herumlungerte. Pink Floyd hat mein ganzes Leben begleitet, mit ihnen verbinde ich so Vieles, meine Freunde, die nun fast alle verloren gegangen sind und auf deren Beerdigungen ebenfalls die Floyds spielten. Wish you where here oder Shine on you crazy diamonds bringen mich, egal wo ich sie höre und mit wem ich mich befinde, zum Weinen. So ist es.  Auch auf meiner werden sie spielen. Zum Abschied von dieser Welt. Das habe ich schon festgelegt. Natürlich gab es auch vieles anderes an Bands. Aber Floyds waren und sind für mich immer noch die Größten. 

Alexander Gorko

Die Kinder hören Pink Floyd

Kiepenheuer & Witsch 

ISBN: 978-3-462-05298-5

20,00 Euro

 

https://www.youtube.com/watch?v=B58zGah_yNU

https://www.youtube.com/watch?v=DPL_SV3n7IU

https://www.youtube.com/watch?v=cWGE9Gi0bB0

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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