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30. März 2021 2 30 /03 /März /2021 14:07

Wer sich über die freien Ostertage noch mit Lesestoff versorgen will, dazu Schach- und Literaturliebhaber ist, dem empfehle ich wärmsten Herzens dieses 123 Seiten lange kleine Büchlein von Vincente Valero *Schach Novellen*

Ich hatte bisher noch nichts von ihm gelesen, genauer gesagt, kannte ich diesen 1966 auf Ibiza geborenen spanischen Autor überhaupt nicht.  Als ich ein wenig im Netz nach ihm geschaut hatte, entdeckte ich kaum etwas, nur soviel wie dass er Gedichtbände, Essays und erzählende Prosa veröffentlicht hat. Das wird sich sicher ändern. 

Valeros Onkel, Alberto, war einst ein guter Freund von Miguel Najdorf, mit dem er in Argentinien natürlich auch einige Partien gespielt hatte. Von Alberto über seinen Vater hat Valero dann auch ein kleines Reiseschach vererbt bekommen, welches er auf seinen Reisen immer bei sich trug. 

Valero lebt grundsätzlich abgeschieden von der Welt, nach der Devise: Je mehr sich einer begrenzt, um so mehr ist er andererseits dem Unendlichen nahe.  Doch immer mal wieder überkommt ihn ein Gefühl des "aufbrechen müssens" oder ein *ich muss weg von hier*. Dazu kommen hin- und wieder natürlich auch berufliche Reisen zu Lesungen.

In seinem Büchlein nimmt Valero uns mit an vier verschiedene Orte, Italien, Dänemark, Zürich und Augsburg. Innerhalb dieser Orte wiederum führt der Zufall Regie und er macht kleinere Abstecher an andere  interessante Orte. 

Manchmal besucht er einen Freund, das ihn nach Dänemark führt, ein anderes Mal  überlässt er es dem Zufall und in in einigen Fällen  steht ein Ereignis an, zu dem es ihn hinzieht oder er aus beruflichen Gründen dazu aufgefordert ist.

Und wie sich schon erahnen lässt geht es auf seinen Reisen um Schach und Literatur. Schach, weil er selber ein leidenschaftlicher Spieler ist, Literatur, weil er bei seinen Reisen immer wieder auf Orte trifft, wo einige der großen Schriftsteller und Philosophen gelebt oder zumindest für eine Zeit lang dort gelebt haben, wie Brecht, Walter Benjamin, Friedrich Nietzsche, Franz Kafka und Rainer Maria Rilke, deren Spuren er detektivisch nachsucht und er feststellt, dass alle Wege dieser vier großen Dichter, Denker und Philosophen sich immer wieder gekreuzt haben.

Valero spricht vom Wesen des königlichen Spiels, was es für ihn und für Menschen, die diesem nachgehen, bedeutet, erwähnt Eröffnungen und nimmt immer mal wieder Bezug auf die Größen des Schachs und ihren besonders hervorzuhebenden Partien. 

Natürlich spielt er auch selber Schach auf diesen Reisen, mal mit Freunden, mal mit Menschen, die er ganz unverhofft im Cafe oder an anderen Orten kennen lernt. Ja, er trifft dort Menschen, die ihm zu Freunden werden. 

Da ist sein Freund in Dänemark, mit dem er sich die Stunden des tosenden Orkans *Xaver*, der bei seiner Reise gerade in Nordeuropa sein Unwesen trieb, bis in die Nächte hinein vertreibt.  Dann wieder ist es ein altes Ehepaar in Turin, dass er zufällig bei einem Frühstück in einem Cafe bei ihrem morgendlichen Schachspiel kennenlernt. Sie sind Rentner und hatten es sich zur Angewohnheit gemacht, Morgen für Morgen in dieses Cafe zum Frühstück zu gehn, dort Zeitungen zu lesen und eben Schach zu spielen. Valero kommt zu der Erkenntnis, dass die Ehe zweier schachspielender Partner wohl Zeit eines Leben halten müsse. 

Dann wiederum, auf den Spuren von Rilke trifft er auf einen Kellner in einem Restaurant, der zwar selber kein großes Interesse für Schach oder Literatur hegt, dafür um so mehr für Wein und der ihm seine Lebensgeschichte erzählt und Valero von diesem erfährt, dass dessen Großvater jedoch begeisteter Schachspieler war und Alexandrowitsch Aljechin gekannt habe, den größten Spieler aller Zeiten, der sogar ein Foto der Beiden besitzt, wo sie in einem Moskauer Cafe bei einer Partie Schach sich vergnügen. 

Valero befand sich bei dieser Gelegenheit auf einem Abstecher von Zürich. Er hatte diese Reise gerade fünzigjährig angetreten und wollte sich einmal im Leben das Privileg herausnehmen, an dem außergewöhnlichen Schachereignis, der Zürich Chess Challenge, teiltzunehmen. Er besorgte sich eine Presseakkreditierung um nicht nur beim Turnier dabei zu sein, sondern sich auch im großen luxuriösen Hotel Savoy, in dem die Spieler untergebracht waren, diese aus nächster Nähe zu nähern. Die Teilnehmer waren keine anderen wie Visvanathan Anand, Fabiano Caruana, Boris Gelfand und Waldimir Kramnik sowie der Mäzene des Turniers, dem russischen Milliadär Oleg Skworzow und den Präsidenten der sage und schreibe 1809 gegründeten Schachgesellschaft Zürichs und der somit der älteste Schachclub der Welt ist.  Wirklich herrlich wie er die Schachstreiter an ihren Brettern beschreibt, herausgeputzt mit ihren Wollkrawatten, saßen sie da steif und lächelten wie Musterknaben und ihr Anblick gar nicht an den unglückseligen Lushin aus Nabokows Schachroman *Lushins Verteidigung* erinnerte. Und wie die Geräusche ab Beginn des Spiels der Teilnehmer von jetzt auf gleich versiegten und sich geradezu eine heilige Stille in dem Saal verbreitete. 

Valero erzählt wunderbar über die Menschen, die er an diesen Orten trifft, über die großen Literaten und Philosophen und teilt uns seine eigenen Befindlichkeiten und Gedanken mit, die er dabei hegt. Einmal wird er sogar an eine Grenze gestoßen. Als er eine Lesung in Augsburg halten soll, um seine Gedichte vorzutragen, wird er am Ende von einem älteren Besucher mit einer überraschenden Frage konfrontiert:" Haben Sie schon einmal ein Gedicht über den Holocaust geschrieben?" Er konnte nur mit einem *Nein* antworten, worauf der Fragende mit einer grandiosen Rede ansetzte, die am Ende zu einem Tadel auch an ihm selber endete. Ihm fiel dazu plötzlich Adornos bekanntes Verdikt ein: demzufolge *nach Ausschwitz ein Gedicht zu schreiben barbarisch sei*, er aber auch meinte festzustellen, dass der Fragende offenbar geradezu der Ansicht war, nach Ausschwitz müssten alle Dichter der Welt wenigstens ein Gedicht über den Holocaust schreiben. 

Den Fragenden, dessen Namen Detlef war, wie er dann später herausfand, weil er ihn in einem Cafe zufälligerweise wieder traf. Und womit beschäftigte sich dieser wohl? Natürlich mit dem Schachspiel. Und so kam es auch zwischen den beiden zu einigen Partien und Valero wird Zeuge der erzählenden Lebensgeschichte dieses interessanten Menschen.

Das Büchlein ist kurzweilig, interessant und mitreißend. Ich habe es durch Zufall bei den neuerscheinungen in unserem Laden entdeckt und es mir natürlich sofort erstanden. 

Ich hoffe, ich kann den Einen oder Anderen dafür ebenfalls begeistern, denn es hat es verdient, gelesen zu werden. 

Und wie sagt Valero immer wieder:

Es ist und bleibt ein Geheimnis, wohin eine Partie einen führen kann!

So ist es wohl auch mit dem Leben!

 

Viel Vergnügen

Vicente Valero

Schach-Novellen

Berenberg Verlag

Isbn: 978-3-946334-89-7

22,00 Euro 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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