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6. Januar 2022 4 06 /01 /Januar /2022 12:52
Heute möchte ich ein wunderschönes Büchlein vorstellen. Schon allein die Aufmachung läßt das Herz warm werden. Es verführt geradezu, es in die Hand zu nehmen.  Dunkelblau mit türkisfarbener Betitelung, das Ganze mit blausilbernglänzenden Leuchtepunkten versehen. Wenn man über den Deckel streicht, fühlt es sich ganz so an, als wenn man alle kleinen Funken in der Hand halten würde. So schön.
 
Das Büchlein ist geschrieben worden von Bernd Brunner und der Titel lautet:
 
Das Buch der Nacht.
 
Bernd Brunner geboren 1964 in Berlin,  studierte Betriebswissenschaft, Amerikanistik und Kulturwissenschaft an der Uni Berlin, sowie der Humbold-Universität und als DAAD-Stipendiat an der University of Washington in Seattle.
 
Brunner verbindet Wissenschaftliches mit Unterhaltung, so daß man es gut lesen kann, ohne in irgendwelche wissenschaftlichen Formulierungen sich zu verlieren.
 
Die Nacht. Wer denkt schon groß über die Nacht nach. Wenn es dunkel wird, spätestens nach ein paar Stunden, legt der Mensch sich schlafen. Fertig aus. Dabei verbindet die Nacht so Vieles, worüber es sich lohnt, einmal drüber nachzudenken oder einfach nur daran zu denken.
 
Wichtig wird die Nacht, gar bedrohlich für den, der Schlaflosigkeit sein Eigen nennt. Dieser müht sich oft um den Schlaf. Oder der Mensch, der im nächtlichen Schlaf von sich wiederholenden Albträumen gequält wird. Diese Beiden empfangen die Nacht wohl mit ängstlichen Gefühlen. Geht das wohl wieder los? Werd ich nicht einschlafen können, werden mich wieder die Träume überfallen und ich angstschweißend erwachen und dann da liegen, in der Dunkelheit, sehnen dass die Schreckensgefühle schwinden und ich schnell begreife, alles nur Traum.
 
Dies  wären nur zwei der negativen Merkmale, die über die Nacht dem Menschen einfallen. Natürlich gibt es viel mehr, wie wir im Buch erfahren.
 
Doch demgegenüber eben auch  viele positiven Eigenheiten der Nacht. Und auch darüber lesen wir.  Diese Wechselspiele positiv/negativ haben Brunner besonders angezogen.
 
Zu nennen wäre z.B. die Muße nächtlicher Lesestunden. Wer das hin- und wieder praktiziert hat weiß, dass das Vergessen der Welt und im Lesen eines  Buches um sich zu verlieren in dieser Stille der Nacht etwas Besonderes und deutlich einfacher ist als am Tag. Die Geborgenheit, die man im Bett liegend fühlt, schafft zudem noch ein ganz eigenes Geschmäckle.  Oder man steht einfach in der Hälfte der Nacht auf, was von mir eine Zeit lang praktiziert wurde, und widmet sich dem Gebet. Ebenfalls eine ganz besondere Erfahrung.
 
Auch sind Träume ja nicht immer Albträume. So können Träume im Schlaf dem Menschen zu großer Kreativität verhelfen, die sie dann tagsüber und in der Zukunft verwirklichen können. Probleme, die noch vor dem Einschlafen einem wie ein Riese erschienen, ganz plötzlich Morgen gelöst werden können.
 
Brunner erzählt dies am Beispiel von Friedrich August Kekule, der sich bekanntlich ja lange mit der komplizierten Molekülarstruktur organischer Verbindungen beschäftigt hatte. Es ging ums Benzol, das aus sechs Kohlenstoff- und weiteren Wasserstoffatomen besteht. Es schien ihm ein Rätsel, wie diese angeordnet wären. Und so träumte Kekule einmal von einer Schlange, die sich in den Schwanz beißt. Er hatte die Eingebung, dass sich die Atome in einer Ringstruktur befinden müssten. Diese Erkenntnis wiederum war dann die Grundlage für die Synthese einer ganzen Reihe künstlicher Fabrstoffe in der zweiten Hälfte des 19.ten Jahrhunderts. Und auch seinem Kolleghen, dem Chemiker Dimitri Mendeljew wird nachgesagt, die Idee für das Periodensystem der Elemente sei ihm ebenfalls in einem Traum erschienen.
 
So begeben wir uns mit ihm in diesem Büchlein auf eine Wanderung durch die Nacht, lauschen hier, erkennen und erfahren dort und dürfen uns an der Poesie über Mond, Nacht und Mythen in kleinen Gedichten und Geschichten erfreuen, aber eben auch über Wissenschaftliches. 
 
Es gibt insgesamt 36 Stationen, die uns über das Wesen und die Geschichte der Nacht einführen, sie uns überraschen, was es alles über die Nacht zu erzählen gibt.
 
Eins ist vorab schon mal klar. Nacht ist dort, wo die Sonne untergeht.
 
Und was sich allein alles abspielt in der Dämmerung ist schon wunderbar, wenn man die Muße hat, hinzuhören und hinzuschauen, aufmerksam, ganz in Ruhe, irgendwo sitzend, am Meer, auf seinem Balkon oder auf einem Feld, wo, so der Himmel wolkenlos ist, man staunend bewundern kann, wie Stern um Stern der Himmel beleuchtet wird. Oder wenn die ersten Fledermäuschen sich auf den Weg machen, sich ihre tägliche Nahrungsration zu erfangen.
 
Manche Menschen sind jedoch auch nachtaktiv oder sie müssen es sein wegen des Berufes, den sie ausüben. Für sie beginnt das Nachtleben.
 
So erfahren wir, dass das Nachtleben der Menschen im 18. Jahrhundert gar unterdrückt wurde. So hat die Polizei in Frankfurt in dieser Zeit die Cafes und Restaurants geschlossen. Wohl als Vorsichtsmaßnahme für dann entstehende vom Menschen ausgehende Gefahren. In der Nacht ist das Böse nicht so schnell zu erblicken, es kann einen überraschen und an jeder Straßenecke überfallen. Daher ist dem Menschen, der sich einmal auf einem Weg in die Nacht hinein verwirrt, das Herz schwer und das Voranschreiten wird ihm unheimlich angesichts der Schwärze der Nacht, wenn nicht mal der Mond scheint und die Sterne sich hinter der Wolkendecke versteckt halten. Der Tag hat Augen, die Nacht Ohren, sagt ein schottisches Sprichwort.
 
Menschen, die in der Stadt leben, wissen darum gar nicht mehr. Einen Weg zu gehen durch völlige Dunkelheit. Wir leben im Zeitalter der Lichtverschmutzung. Was das aus uns und der Natur gemacht hat darauf haben Wissenschaftler schon seit Jahren hingewiesen. Sie hat sich in den letzten 30 Jahren verdoppelt.
 
Selber habe ich das oft erlebt, in meinem kleinen Eifelhäuschen, wo des Nachts um 24.00 Uhr die Strassenlaternen erlöschen. Wenn mann dann durch seine Türe hinaus auf die Strasse tritt, ist da wirklich Nichts, nur Schwärze und es dauert, bis sich das Auge einen Weg gesucht hat, auch in diesem Schwarz noch etwas zu erkennen. Und, obwohl man genau weiß, dass da Nichts und Niemand ist, kriecht die Beklommenheit und eine gewisse Ängstlichkeit in einem hoch. Es könnte doch...Auweia... Es darf mit Fug und Recht gesagt werden, es braucht ein wenig Mut dann seinen Weg fortzusetzen. Habe sehr oft mit meinen Kindern und auch Kindergruppen, die ich betreut habe, Nachtwanderungen unternommen, bei denen ich tröstend und  besänftigend das eine oder andere dann an der Hand führen mußte.
 

Wie immer könnte ich jetzt ewig weitererzählen, was uns Brunner über die Nacht in diesem schönen Büchlein erzählt. Es gibt so Vieles, was uns aufmerken, staunen und überrascht sein läßt. Anmerken möchte ich, dass es immer kurze, prägnante Kapitel sind, die ein besonderes Thema der Nacht aufgreifen, so daß man das Buch nicht wie sonst ein Sachbuch oder einen Roman liest oder lesen muß, sondern es einfach da gemütlich am Tisch neben der Kerze liegen lassen kann und wenn mal wieder die Neugier das Bedürfnis nach einer weiteren Episode gestillt werden möchte, kann man es ergreifen, aufschlagen und gerade das aufschlagen, wonach einem gerade ist.

 
Jedenfalls ist es wohl so, wie Anne Sexton einmal gesagt hat: "Man muss die Nacht gesehen haben, um den Tag zu begreifen"
 
Und ganz sicher werde ich mir auch noch seine Werke von Mond und Mensch, vom Winter und der Erfindung des Nordens zu Gemüte führen. Es macht einfach Spaß ihn zu lesen.
 
Meine Empfehlung möchte ich beenden mit ein paar Zeilen unter dem Kapitel: Was Menschen in der Nacht umtreibt, von Friedrich Nietzsche:
 
"Nacht ist es: nun reden lauter stille springenden Brunnen. Und auch meine Seele ist ein springender Brunnen.
Nacht ist es: nun erst erwachen alle Lieder der Liebenden. Und auch meine Seele ist das Lied eiens Liebenden"
(Friedrich Nietzsche - das Nachtlied - Also sprach Zarathustra
 
Viel Vergnügen
 
Bernd Brunner Das Buch der Nacht
Galiani Verlag, Berlin
192 Seiten
28 Euro
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
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