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2. Januar 2022 7 02 /01 /Januar /2022 12:59
Edgar Selge, Schauspieler hat ein Buch geschrieben. Das steht sogar auf der Spiegel-Bestsellerliste. Auf dem 8. Platz. Für mich gehörte es auf den 1. Platz, auf jeden Fall vor diesem komischen Fitzek. Jedenfalls eines der Besten, dass ich in den letzten Wochen gelesen habe.
 
Schön kann man es nicht beschreiben, denn Selge erzählt von seiner Kindheit aus seiner Familie in den Nachkriegsjahren und den späteren 6oern. Und die war nicht schön, obwohl er Vieles auch mit einer gewissen Komik beschreibt, denen einige Geschehnisse innewohnen und unglaublich berührend. Wie er immer mal die Wangen zusammenkneifen muß, wenn er in Situationen gerät, an denen auf keinen Fall gelacht werden darf.  Für mich nochmal mehr, da auch meine Kindheitsgeschichte sehr viele Ähnlichkeiten aufweist.
 
Als Schauspieler ist er neben Matthias Brandt einer meiner Lieblingsdarsteller. In starken Charakteren seiner Rollen hab ich ihn bewundert. Nun zeigt er, dass er auch fesselnd zu erzählen weiß, einmal aus der Sicht des kleinen Jungen, der er war, dann wieder aus der Perspektive des nun älteren Mannes.
 
Edgar hatte 5 Brüder, mit 4 wächst er auf. Ein Bruder ist schon früh ums Leben gekommen durch die Explosion einer Handgranate. Seine Eltern sind nie darüber hinweggekommen. Auch seinen jüngsten Bruder verliert er später durch eine schwere Krankheit.
 
Edgars Vater ist Gefängnisdirektor und Musiker zugleich. Er spielt Klavier und gibt Hauskonzerte für die Gefängnisinsassen. An solchen Tagen wird das Haus der Selges umgebaut zu einem Konzertsaal, in dem am Vormittag die Inhaftierten sitzen, dann gibt es eine Pause und am Abend dann die Freunde der Familie geladen sind. Edgars Mutter spielt Geige, leider nicht gut, sie hätte gern mehr gewollt. Und ja, sie ist nicht gern verheiratet mit diesem Mann, obwohl 5 Söhne aus der Ehe hervorgegangen sind.
 
Das Schicksal der Frauen in dieser Zeit hat es nicht gut gemeint mit ihnen. Was hatten sie oft für eine Wahl. Jedenfalls weiß ich das von der eigenen Geschichte meiner Mutter. Edgar und auch seine Brüder sind ebenfalls alle talentierte Musiker.
 
Der Muff der vorangegangenen Geschichte Deutschlands hängt über der Familie. Der Nationalsozialismus hat geprägt. Viele Nazis haben sich durchgeschlichen und besitzen wieder Posten. Geprägt wird Edgars Familie auch von der Moral der Eltern, voll behangen mit Tugenden, wie Fleiß, Pflichtbewußtsein, Treue, Gehorsam, Diszipliertheit, Ordnung, Pünktlichkeit etc.. all das, was man selbst, in dieser Zeit geboren, mitbekommen hat. An manchen Tagen beim Essen am Tisch müssen sich Vater und Mutter von den beiden älteren Brüdern Edgars gefallen lassen, wie diese mit diesem Muff abrechnen.
 
All das wiederum im Widerspruch zu dem, was dann tatsächlich von den Eltern vorgelebt wird. So auch in Edgars Familie. Der Vater ist gewalttätig, schlägt Edgar wieder und wieder, wenn er nicht pariert in den Lateinstunden mit dem Vater, oder wenn er seine kleine Lügengeschichten erzählt, Lügengeschichten, die ihm dienen, um zu überleben. Aber nicht nur die Gewalttätigkeit des Vaters schafft ihm ein Trauma, sondern auch Szenen des sexuellen Übergriffs.
 
Auch eine überaus starke Phantasie verhelfen Edgar dazu, Kindheit und Jugend auszuhalten und zu überstehen. Immer wieder sucht er den Ort an der Mauer zwischen Gefängnis und der naheliegenden Schokoladenfabrik auf, um dort allein zu sein, von Niemandem gesehen, sich in seine Traumwelten zu flüchten. Beim Lesen war ich da ganz bei ihm, denn auch mir wohnte diese Gewohnheit inne, mich davon zu stehlen, bei mir waren es die Kohleberge in Duisburg, neben denen ich aufgewachsen bin, über die ich wanderte, mich dort versteckte und von einer Zukunft träumte, in der es mir einmal besser gehen sollte.
 
Es kann sich kein Mensch vorstellen, wer nicht ähnliche Szenarien in seiner Kindheit und Jugend erlebte oder andere Traumata, was es bedeutet Tag für Tag Mittel zu suchen, Wege zu finden,  die einem helfen, das zu überleben. Widerstandskraft oder auch Resilizens genannt ist das, was man braucht, sonst geht man unter.
 
Edgar liebte Bücher und das Kino. Immer wieder stahl er Geld, um sich dann abends nach dem Zubettgehen, aus seinem Fenster zu schleichen, um in eine Kinovorstellung zu gehen. Was sind denn Bücher und Filme? Sie können helfen, die Realitäten einmal zu vergessen, in andere Welten einzutauchen. Sie verhelfen dazu, die Welt und sich selber besser zu verstehen. Die Schönheit von Musik, Büchern und Kunst trägt einen Menschen, läßt aushalten und weitermachen.
 
Respekt hatte ich beim Lesen vor der Aussage Selges, dass er, um das Schreiben um die Erinnerungen fließen zu lassen, in eine Körpererinnerung fallen musste. Dem nochmal nachzuspüren, was das Damals in den furchtbaren Situationen gefühlsmässig mit ihm gemacht hat. Auch das kenne ich, und selbst wenn man es nicht bewußt macht, solche Gefühle tauchen immer wieder im Laufe des Lebens in einem auf, wenn man mit etwas konfrontiert wird, dass an solche Geschehnisse erinnert. Worte, Dinge, Orte oder Menschen. Dann sackt der Schrecken in die Glieder und alles ist auf einmal wieder da.
 
Immer wieder dann tauchen seine Eltern dann später in seinen Träumen wieder auf. Dadurch hat er auch diesen Buchtitel gewählt. *Hast Du uns endlich gefunden" Das will man nicht, aber Träume lassen sich nicht aufhalten, sie nehmen keine Rücksicht darauf, was man will.
 
Und dann kommt diese Stelle im Buch:
 
" „Die Klarheit dieses Tageslichts fragt mich durch die Fensterscheiben: Warum schämst du dich? Die Pandemie hält die Zeit an, damit ich ausspreche, was mir so schwer auf die Zunge will. (…) Mensch, Edgar, sag, was los ist! Meine Liebe zu meinem Vater. Das ist es, was los ist. (…) Ich will nicht einer sein, der den liebt, der ihn schlägt.“
 
Und genau das will man nicht....Jemanden, den Vater, die Mutter oder andere Menschen, lieben, die einem etwas so Schreckliches angetan haben, das einen das ganze Leben begleitet, das immer wiederkehrt und so Vieles beeinflusst hat, was man heute ist, ja genau das ist, was einen zu dem gemacht hat, der man heute ist. Und ja, man schämt sich.
 
Es ist ein großartiges Buch, eine starke Erzählung aus dem Leben eines Menschen, die vor nichts halt macht, ausspricht, was gewesen ist und die Jedem, der es liest, auch wenn er eine gute Kindheit und Jugend hatte, eben zeigt, wie das Leben anderer Menschen sein kann, was einem erklärt, was Menschsein bedeutet, was Lüge und Wahrheit ist und der sich glücklich nennen darf, wenn er dies nur aus Büchern, Filmen oder dem Leben anderer Menschen lernt und es nicht am eigenen Leib zu erfahren.
 
 
 
 
 
 
 
Edgar Selge
Hast Du uns endlich gefunden
Rowohlt Verlag
isbn: 978-3498001223
24.oo Euro
 
 
 
 
 
 
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