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10. Oktober 2008 5 10 /10 /Oktober /2008 18:39

Jeder stirbt anders, das ist mir in meiner momentanen Situation mit meiner Mutter wieder sehr bewußt. Das Sterben kann sich lange hinziehen. Ich selber fühle mich, als wenn die Welt um mich herum stillsteht. Das Leben geht ohne einen weiter. Du schaust aus dem Fenster, siehst die Hektik, hörst das Dröhnen der Motoren der Autos, hörst die Sirenen vorbeifahrender Kranken- und Polizeiwagen, liest die Nachrichten in den Zeitungen, ab und zu schaust Du mal in den Fernseher und doch geht irgendwie alles an dir vorbei. Es erreicht Dich nicht mehr. Dazu kommt das eigene Funktionieren, du kannst nicht bei der Arbeit Deinem Schmerz Ausdruck geben und doch gibt es immer wieder den einen oder anderen, der es bemerkt, das man anders ist wie sonst. Du versuchst zu funktionieren, abends dann, fällst du erschöpft ins Bett, spürst deinen Körper nur noch über den eigenen Schmerz und die Erschöpfung.
 
Eines aber ist gewiss, und diese Erfahrung hab ich nun zum wiederholten Male gemacht. Alles, aber auch alles, was im Leben passiert ist, sei es positiv oder negativ, kommt in den letzten Stunden wieder zum Vorschein. Wieder darf ich Zeuge sein, diesmal bei der eigenen Mutter, wie Versöhnung, Aussöhnung und Nähe auch noch im letzten Moment entstehen kann. Dafür bin ich dankbar.
 
Was mir jedoch, wie jedesmal, wieder auffällt, ist das Viele den Umgang mit Sterbenden nicht gewöhnt sind, nicht gelernt haben, nicht erahnen und erspüren, was sie dazu beitragen können, wie sie sich verhalten sollten, um dem Sterbenden die Würde und den nötigen Respekt entgegenzubringen. Ich muß die Mutter oft regelrecht beschützen vor so viel Ungeist, vor soviel sich selber in den Mittelpunkt stellen, vor so viel Drauflosreden, ohne zu überlegen, wie es bei dem Sterbenden ankommt und was es mit ihm macht. Das ist wirklich schlimm und bestürtzt mich außerordentlich. Dabei brauch man bloß still dabei zu sitzen. Der Sterbende möchte einfach nur wissen und spüren, dass Jemand da ist. Auch gibt er Zeichen, wann es ihm genug ist, man muß es nur sensibel wahrnehmen, aber die Meisten haben diese Sensibilität verloren.
 
Als ich vor ein paar Tagen so still bei meiner Mutter saß und in einem Buch las, fielen mir diese Zehn Gebote im Umgang mit Sterbenden in die Hand! Ich schreib sie nun hier einfach nieder, und vielleicht kann es ja der eine oder andere selber einmal gebrauchen!
 
1) Laß nicht zu, dass ich in den letzten Augenblicken entwürdigt werde. Das heißt, laß mich, wenn es irgendwie einzurichten ist, in der vertrauten Umgebung sterben. Das ist schwerer für dich. Aber es wird dich bereichern, Sterbebegleiter zu sein.
 
2) Bleibe bei mir, wenn mich jetzt Zorn, Angst, Traurigkeit und Verzweiflung heimsuchen. Hilf mir, zum Frieden hindurchzugelangen.
 
3) Denke dann nicht, wenn es soweit ist und du hier ratlos an meinem Bett sitzt, daß ich tot sei. Das Leben dauert länger, als die Ärzte sagen. Der Übergang ist langwieriger, als wir bisher wußten. Ich höre alles, was du sagst, auch wenn ich schweige und meine Augen gebrochen scheinen. Drum sage jetzt nicht irgendwas, sondern das Richtige. Du beleidigst nicht mich, sondern dich selbst, wenn du jetzt mit deinen Freunden belanglosen Trost erörterst und mir zeigst, dass du in Wahrheit nicht mich, sondern dich selbst bedauerst, wenn du nun zu trauern beginnst. So vieles, fast alles ist jetzt nicht mehr wichtig.
 
4) Das Richtige, was du mir jetzt sagen möchtest, wenn ich dich auch nicht mehr darum bitten kann, wäre zum ersten das, was es mir nicht schwer macht, sondern leichter macht, mich zu trennen. Denn das muß ich. Ich wußte es auch längst, bevor du oder der Arzt es mir mit euren verlegenen Worten eröffnet hat. Also sag mir, daß ihr ohne mich fertig werdet. Zeig mir den Mut, der sich abfindet, nicht den haltlosen Schmerz. Mitleid ist nicht angebracht. Jetzt leide ich nicht mehr. Sag mir, daß du das und das mit den Kindern vorhast und wie du dein Leben ohne mich einrichten wirst. Glaub nicht, es sei herzlos, das jetzt zu erörtern. Es macht mich freier.
 
5) Das Richtige, was du mir jetzt sagen möchtest, wenn ich dich auch vielleicht nicht mehr bitten kann, wäre das Wort, aus dem ich gelebt habe. Wenn nichts bleibt vom Leben auf Erden, so sind es doch diese Worte. Und wenn sie nie Wort geworden wären in unserem Leben, so mußt du jetzt versuchen, sie zu finden. Hat sie es nicht gehabt, so hat unsere Liebe doch immer auf ihr Wort gehofft. Vielleicht war es ein einziger Bibelvers, aus dem wir lebten ein Leben lang, ein einziger, der unser Suchen zusammenfaßt, oder irgendein anderer Satz, der mir etwas bedeutet hat. Versuch ihn zu finden und ihn mir ins Ohr zu sagen. Ich höre.
 
6) Ich höre, obwohl ich schweigen muß und nun auch schweigen will. Halte meine Hand. Ich will es mit der Hand sagen. Wisch mir den Schweiß von der Stirn. Streich die Decke glatt. Bleib bei mir. Wir sind miteinander verbunden. Das ist das Sakrament des Sterbestands. Wenn nur noch die Zeichen sprechen können, so laß sie sprechen.
 
7) Dann wird auch das Wort zum Zeichen. Jetzt hättest du mehr von mir zu lernen als ich von Dir. Ich blicke schon durch die Tür. Jetzt, da ich davongehe, wünsche ich, das daß du beten kannst, das heißt, das Gute erkennst, dass uns geschickt wird, für den der glaubt, von unserem Gott. Klage nicht an - es gibt keinen Grund. Sage Dank - ich werde Gott schauen. Und dir wird es auch geschenkt werden.
 
8) Morgen, wenn sie dich nicht mehr allein lassen mit mir, sorge dafür, daß der Ton dieser Stunde zwischen uns nicht verlorengeht. Laß die ehrenden Worte auf der Anzeige, den Aufwand auf dem Friedhof. Das alles erreicht mich nicht mehr.
 
9) Und wenn dir mein Sterben ferner und ferner rückt, die letzten Kondolenzen beantwortet sind und du, wie es jedermann erwartet, in Trauer zurückfallen sollst, so wehre dich mit aller Kraft. Das viele Trauern in der Welt ist nur die andere Seite des Unglaubens, und das schlimmste ist, dass gerade die meisten Christen Ernst und Traurigkeit verwechseln und von der Sonne singen, ohne sie zu leben. Du sollst von mir nur wissen, das ich der Auferstehung näher bin als du selbst.
 
1o) Nimm mit dir mit, was wir zusammen erlebt haben, als ein kostbares Vermächtnis. Laß mein Sterben dein Gewinn sein, wie das Sterben unseres Gottes Gewinn ist. Leb dein Leben fortan ein wenig bewußter als dein Leben vor dem Tod. Es wird schöner, reifer und tiefer, inniger und freudiger sein, als es zuvor war, vor meiner letzten Stunde, die meine erste ist.
 
Mir haben sie sehr gefallen, diese Worte und ich hab mich an vielen Punkten wiedergefunden. Ich kann sie alle bestätigen aus den Situationen und Erfahrungen, die ich im Moment erlebe.
 
Ach ja, gestern sagte meine Mutter zu mir:" Du, Kind, ich stand vor der Türe!"
 
Wir haben uns lachend verabschiedet, wie zu jeder Nachtstunde!

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