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10. Oktober 2008 5 10 /10 /Oktober /2008 20:10

In den letzten Tagen wird ja viel zum Thema Kindererziehung, was Kindern heute fehlt, was sie nicht mehr kennen usw. in den Medien berichtet. Da war z.B. eine Meldung, dass Kinder es nicht mehr kennen, am Tisch zu sitzen, um ihre Mahlzeit einzunehmen! Der Kindergarten muss immer mehr die Rolle der Erziehung übernehmen. Ist schon erschreckend! Was den Eltern da alles entgeht! Dabei, wenn ich daran denke, was sich bei uns am Tisch alles abgespielt hat!
 
Den ersten Tisch haben wir uns selber gebaut! Unsere Wohnung hatte ein Wohnzimmer, da lagen ein paar Matratzen drin mit Sitzkissen und mein Mann hatte dazu einen kleinen Tisch gewerkelt. Ja, man konnte eher von „basteln“ sprechen. Der Küchentisch kam dann vom Sperrmüll! Wäre heute undenkbar! Die meisten jungen Paare in meinem Umfeld fangen sofort mit einer Einrichtung an. Kaufen sich Möbel auf Kredite. Alles muss gleich perfekt sein. Der Sperrmülltisch hat allerdings nur zwei Jahre gehalten, dann ist ein Bein abgebrochen.
 
Als wir dann heirateten, kauften wir uns vom geschenkten Geld einen wunderschönen alten, englischen antiken Tisch, der heute noch in unserer Küche steht. Man kann ihn ausziehen und er hat Platz für sechs Personen. Ach was waren das herrliche Abende, an denen wir mit Freunden gekocht haben und den Tisch schön gedeckt hatten. Das war mir immer wichtig und ist es auch heute noch, ein kleines Blümchen, eine Kerze in der Mitte, der Treffpunkt soll einladend sein. Ach ja, und an wie vielen Abenden saßen wir zusammen und spielten Monopoly über den ganzen Tisch verteilt.
 
Als unsere Kinder dann geboren wurden, kamen andere Dinge auf den Tisch. Ich erinnere mich, wenn ich das Essen vorbereitete, saßen die Kinder immer mit dabei, bekamen das erste Mal ein Messer in die Hand, um mit zu helfen. Spielten mit den Kartoffelschalen, bauten mit ihren Holzbausteinen kleine Türme, die dann wieder umgestoßen wurden, malten ihre ersten Bilder, formen mit Ton kleine Figürchen und bastelten so manche kleine erste Geschenke für Mama und Papa. Unsere Tochter turnte mal im Alter von drei Jahren auf dem Stuhl rum und rutschte weg, dabei schlug sie sich an der Tischkante ein Stück ihres Vorderzahnes weg. Die Kerbe sieht man heute noch und manchmal, wenn ich sie anschaue, streichle ich zärtlich mit der Hand drüber. Und dann haben die Kinder Höhlen unter dem Tisch gebaut und ganze Nachmittage darin verbracht.
 
Später haben wir angefangen, jedes Jahr im Advent ein Bild von den Kindern vor dem Adventskranz auf dem Tisch zu machen. Auch eine schöne Erinnerung.
 
Als wir in eine größere Wohnung umzogen, hatten wir das erste Mal ein Esszimmer und brauchten natürlich nun auch einen großen Tisch. Wir haben lange überlegt, wie er aussehen sollte. Ich hätte lieber einen runden Tisch gehabt, wo man die Beine darunterstellen konnte, ohne irgendwelche Querstreben, die sie daran hinderten, ihren Platz zu finden. Nun trug es sich zu, dass mein Mann eines Tages, ohne es mit mir abzusprechen, mit einem großen viereckigen Tisch nach Hause kam. Die Kinder waren begeistert, nur ich war ziemlich wütend, wollte mir das aber nicht anmerken lassen. Aber Kinder haben ja den so genannten „siebten Sinn“, sie spüren, wenn was nicht in Ordnung ist, auch unausgesprochen. Als sie im Bett lagen, bekamen mein Mann und ich uns riesig in die Haare. Wieso hast du, ohne mich zu fragen?. usw.usw. So was muss doch zusammen abgestimmt werden! Das viele Geld! Ist doch ein Möbelstück für die Zukunft, sagte ich! Ich wurde so laut, dass die Kinder aus dem Bett kamen und weinten. Noch heute erzählen sie diese Geschichte. Nur müssen wir heute darüber lachen, denn sie sagen immer:“ Wisst Ihr noch, damals, da wolltet Ihr Euch wegen dieses Tisches scheiden lassen“! Ja, sie hatten tatsächlich so ihre Ängste.
 
So hat dieser Tisch schon manche Tränen des Ärgernisses, der Wut, aber auch der Trauer in sich aufgesaugt und auch das hegt in mir viele zärtliche Gefühle für ihn.
Ich glaube, der Tisch ist so ziemlich das einzige Möbelstück, von dem ich mich schwer trennen könnte, weil er so viel gelebtes Leben gesehen hat und mich immer daran erinnert.
 
Tische sind das wichtigste Möbelstück in einer Wohnung. Dort findet das Familienleben statt, dort wird gegessen, gestritten, sich versöhnt, geweint, gelacht, gerätselt, gebastelt und vieles andere mehr. Ich kann mich auch noch an den Spruch meines Vaters erinnern:“So lange Du die Beine unter meinen Tisch stellst, hast Du zu tun, was ich Dir sage“! Gott sei Dank, das gibt es heute nicht mehr, oder doch?
 
An Tischen wird aber auch über unser aller Schicksal entschieden. Große politische Entscheidungen werden daran getroffen, Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Verhandlungen daran geführt, es gibt so genannte „runde Tische“, an denen über aktuelle Ereignisse diskutiert wird, Geschäftsverhandlungen zum Abschluss gebracht. Und in manch dunkler „Kaschemme“ wird so mancher Betrug oder Schlimmeres daran ausgeheckt!
 
Tische sind Orte, an denen sich Entscheidendes abspielt und haben Sie mal in einer großen Runde gesessen, wo er nicht Mittelpunkt war. Ist immer ein merkwürdiges Gefühl. Man kann sich nicht so gut verstecken und hat auch nichts zum Festhalten!
 
Ach ja, und manchmal kann man auch herrlich die Füße drauf legen!
 
Es gibt Esstische, Klapptische, Operationstische, Gartentische, Campingtische, Holztische, Alutische, Billardtische, Messetische, Nichtrauchertische, Wohnzimmertische, Stehtische und sicher noch viele andere, die mir jetzt nicht einfallen. Man kann sie decken, abräumen, etwas „auf den Tisch“ bringen oder sie ganz einfach reservieren. Oder auf dem Tisch tanzen, auch so eine Redensart! Oder den kennt sicher auch jeder: “Du isst, was auf den Tisch kommt“! Man kann mit der Faust auf den Tisch hauen, um sich Gehör zu verschaffen und man kann den Anderen über den Tisch ziehen!
 
Für mich ist ein Tisch schon fast ein heiliger Ort!

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Kommentare

Wachstuch Petra 04/13/2011 10:34


Das ist eine schöne Geschichte und ich könnte mich dann auch von den Tisch nicht trennen wenn dieser eine Geschichte hat.