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10. Oktober 2008 5 10 /10 /Oktober /2008 20:15

Jetzt wo die Fastenzeit begonnen hat, wird überall viel darüber berichtet, wie man am besten fasten kann. Der WDR startete gestern in seiner Aktuellen Stunde eine Aktion, an der sich jeder beteiligen kann, jeder kann darüber berichten, was er persönlich in dieser Fastenzeit für sich tut. Es ginge aber nicht nur um den Verzicht auf Wein, Süßigkeiten, Zigaretten etc., sondern es sollte schon etwas Außergewöhnliches sein! Dabei bin ich auf die Idee gekommen, dass man die Fastenzeit ja auch unter einem anderen Aspekt sehen kann, z.B. einmal Dinge tut, die man immer vor sich herschiebt. Zum Beispiel etwas für den Körper im sportlichen Sinne tun. Da könnte man endlich einmal anfangen zu joggen, oder endlich mal den Sportkurs belegen, den man schon immer im Auge hatte, oder sich vornehmen, jeden Abend nach dem Essen noch eine Runde spazieren zu gehen. Mein Tipp für die Fastenzeit wäre, probiert es doch mal mit Yoga! Für viele ist Yoga ein großes Geheimnis, wie ich das so in meinem Freundes- und Bekanntenkreis feststelle. Viele denken da immer an irgendwelche merkwürdigen Menschen, die sich komisch verbiegen und irgendwie doch ein bisschen abgedreht sind. Ich muss dann immer lächeln. Warum, na ja, mir ist es ähnlich ergangen, bevor ich damit angefangen habe.
 
Ich praktiziere Yoga jetzt seit drei Jahren. Und zwar habe ich nach meiner Krebserkrankung damit angefangen. Der Grund war eben genau dieser, endlich einmal Zeit für mich haben und etwas für mich tun. Ein paar Straßen weiter war ein Yogazentrum und so habe ich mich damals für einen „Morgen-Yoga-Kurs“ angemeldet. Und wenn ich daran zurückdenke, ist es mir schon ein bisschen eigenartig zumute gewesen. Der Kurs fängt morgens um 07.00 Uhr an. Also habe ich mir den Wecker gestellt, eine Decke geschnappt und los ging?s.
 
Meine Familie hatte mich nicht ernst genommen und sie meinten, das hältst du doch sowieso nicht lange durch. Als ich im Zentrum angekommen war, musste man am Eingang die Schuhe ausziehen. Der Raum war nur wenig beleuchtet und aus einem CD-Player klang tatsächlich eine etwas esoterisch angehauchte Musik. Es waren Melodien, die ich vorher noch nie gehört hatte, entweder indische leise Gesänge oder Instrumente, die man eher aus buddhistischen Klöstern kennt. Also legte ich mich auf die Decke und wartete der Dinge, die da kommen sollten. Der Yogalehrer strahlte eine Ruhe aus und seine Stimme war mir sofort symphatisch.
 
Und dann ging es los! Nach ein paar Übungen stellte ich fest, dass sie gar nicht so verdreht waren, wie ich mir das vorgestellt hatte, sondern ganz leichte einfache Übungen, um die Beweglichkeit der Körperglieder wieder zu aktivieren. Nach ca. einer ¾ Stunde kamen Atemübungen an die Reihe und es war mir ganz seltsam zumute, die Menschen um mich herum mal schnell, mal laut atmen zu hören. Nichts bewegte sich in dem Raum, nur unser Atmen. Dabei fiel mir auf, dass ich immer falsch geatmet habe. Meistens geht der Atem nur bis in die Brust. So lernte ich erstmal bis in den Unterleib, ja sogar bis in alle Körperteile hineinzuatmen. Das war eine ganz neue Erfahrung. Dabei lösten sich auch Blockaden und Verspannungen.
 
Nach den Atemübungen kam dann eine Endentspannung. Man deckte sich mit einer Decke zu und hörte auf die Anweisungen des Yogalehrers. Mir fiel es am Anfang unglaublich schwer abzuschalten. So viele Gedanken bedrängten mich in meinem Inneren, das ich schwer zur Ruhe kam. Aber nach ein paar Mal ging es besser und etwas Merkwürdiges passierte! Während der Entspannung fing ich immer an zu weinen. Und ich war ziemlich erschüttert, das mit meinen Tränen die ganze Traurigkeit hoch kam, weil mir klar wurde, dass ich meinen Körper bisher immer nur benutzt habe. Mein Körper, der mich all die Jahre getragen hat, meine Füße, die Beine, der Kopf, in dem soviel passiert, das Herz, dass mir oft so schwer war von den vielen Verletzungen und der verlorenen Liebesmüh. Ich stellte fest, dass ich es meinem Körper all die Jahre nicht gedankt habe, dass er für mich da war. Das war eine ziemlich heftige Erfahrung und es hörte erst nach ca. einem halben Jahr auf.
 
Mittlerweile hat er sich daran gewöhnt, dass ich ihm Aufmerksamkeit schenke und er ist trotz meines Alters wieder sehr gelenkig und geschmeidig geworden. Außerdem bin ich der Meinung, dass mir die zweimaligen morgigen Yogastunden dazu verholfen haben, dass ich insgesamt viel ruhiger und gelassener geworden bin. Und, ich bin seither nicht mehr richtig erkältungskrank geworden. Und wenn ich im Alltag einmal vor schweren Situationen stehe, dann atme ich ein paar mal richtig durch oder wende eine ganz bestimmte Atemübung an und es ist erstaunlich, was man mit der Atmung bewirken kann. Der Kopf wird sehr schnell frei und man tankt durch den Sauerstoff sehr viel Energie.
 
Meine Familie hat sehr schnell mit dem Lächeln aufgehört und bewundert mich heute, dass ich es tatsächlich schaffe, zweimal die Woche um 6.00 Uhr aufzustehen, um mit meinem Rad durch Wind und Wetter zu fahren, damit ich zum Yoga komme. Ich genieße es, morgens so früh unterwegs zu sein, wenn noch niemand auf der Strasse ist und der Tag noch ganz frisch und neu ist. Und danach geht es mit viel Energie in den Tag.
 
Yoga! Eine Möglichkeit für die Fastenzeit. Fasten braucht nicht nur Verzicht zu sein, sondern kann auch eine Sache sein, endlich was für sich zu tun! Probiert es doch einfach mal aus!

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