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10. Oktober 2008 5 10 /10 /Oktober /2008 20:16

Eben habe ich einen Bericht über Enrico Morricone gesehen. Wer kennt ihn nicht, den Mann, der die Musik zum Film "Spiel mir das Lied vom Tod" komponiert hat, 1968 lief er in den Kinos. Ich habe ihn gesehen, da war ich gerade 16 und er ist mir immer in Erinnerung geblieben, dieser beeindruckende Film, der sehr mit den Blicken der Schauspieler gearbeitet hat und dazu die unglaublich gefühlvolle Musik Morricones. Voriges Jahr ist er 75 Jahre alt geworden. Er war mehrfach für den Oscar nominiert, hat ihn aber nie bekommen. Jetzt soll er den Ehren-Oscar für sein Lebenswerk bekommen. Im Interview sagte er, das ihm die Nominierungen allein genügt haben. Darauf angesprochen, warum er eher immer als zurückhaltend, ja manchmal sogar schlecht gelaunt rüberkäme, gab er zur Antwort, er habe nie einen großen Hehl aus seiner Arbeit gemacht, sondern sie einfach getan. Es wäre eine Passion für ihn gewesen. Er hätte die Arbeit so oder so getan. Weiter sagte er einen Satz, der mich sehr zum Nachdenken gebracht hat und den man, glaube ich, auf alle Lebenslagen anweden kann, nämlich:"Ich habe nie Erwartungen an das Leben gehabt"!
 
Ich höre den Satz und bin wie hypnotisiert. Kann ein Mensch "keine Erwartungen" an das Leben haben?
 
Wenn ich so in meinen Alltag und um mich herumschaue, leben wir doch oftmals nur von den Erwartungen. Viele Beziehungen, sei es zwischen Mann und Frau, Eltern und Kinder, Lehrern und Schülern, Chef und Angestellter, Freunde untereinander, Nachbarn usw. usw. sind doch von diesen Erwartungen geprägt, oder nicht?
 
Beziehungen gehen oft auseinander, weil der andere irgendwann erkennt, dass das Gegenüber seinen Erwartungen nicht genügt. Manchmal sind es Kleinigkeiten in unserem Alltag, die dadurch einen Streit oder eine Verstimmung untereinander auslösen. "Ich hätte erwartet, dass du....! Jeder kann hier die entsprechenden Sätze zu Ende denken, die er selber erlebt hat.
 
Die Erwartungshaltung ist groß an die Politiker, die viel versprochen haben, es aber dann nicht halten können. Die Eltern erwarten einen Dank von ihren Kindern und sind dann enttäuscht, wenn die Kinder anders reagieren!
 
Erwartungen erfüllen zu müssen und zu sollen, machen das Leben oft sehr anstrengend. Ich erlebe oft in meinem Alltag, dass ich Erwartungen nicht mehr erfüllen möchte, weder in der Familie noch sonstwo. Ich möchte einfach so sein, wie ich bin.
 
Manchmal habe ich die Erfahrung gemacht, dass ich nur geliebt werde, wenn ich diese Erwartungen erfülle. Aber was ist das denn für eine Liebe?
 
Zwischen Eltern und Kindern ist die Erwartung oft so groß, dass Kinder daran zerbrechen oder sie versuchen zu erfüllen, sich selber dabei aber dann vergessen. Viele Eltern erwarten oft von ihren Kindern, dass sie das erreichen und schaffen, was sie selber nicht geschafft haben. Ich hätte z.B.als Kind gerne ein Instrument gespielt, aber da konnte gar keine Rede von sein. Daher habe ich alles versucht, dass meine Kinder ein Instrument spielen lernen. Als ich angefangen habe, Druck auszuüben, haben sie sich verweigert! Heute bin ich froh, dass sie nicht um meinetwillen Dinge getan haben, sondern dass sie sich gewehrt haben und ihren eigenen Weg gegangen sind, in jeder Beziehung.
 
Ist also Leben ohne Erwartung überhaupt machbar?
"Ich habe erwartet, dass Du früher nach Hause kommst". "Ich habe erwartet, dass du mir die Wahrheit sagst". "Ich habe erwartet, dass ich auf meine Leistungen hin belohnt werde": "Ich habe erwartet, dass du mir zur Seite stehst, wenn ich Hilfe brauche". "Ich habe erwartet, dass sich Anerkennung einstellt".
 
Jeder von uns könnte sicher Hunderte solcher Sätze sagen und sich erinnern, dass sie an ihn gerichtet worden sind. Wenn die Erwartung nicht erfüllt wird, bleibt am Ende die Enttäuschung.
Auf Enttäuschung folgt oft Rückzug!
 
Enrico Morricone hatte, so wie er sagt, keine Erwartung an sein Leben. Somit hat eine eine innere Freiheit bekommen, die ihn ruhig und gelassen gemacht hat.
 
Ich werde jetzt mal wieder bewußter hinschauen, wo ich Erwartungen an den Anderen habe und mich prüfen, welche Gefühle für den anderen übrig bleiben, wenn er sie nicht erfüllt! Kommt dann vielleicht die Liebe heraus, die wir uns alle wünschen? Dass Liebe etwas ist, was der andere ist und nicht war er für einen tut?

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