Overblog
Edit post Folge diesem Blog Administration + Create my blog
10. Oktober 2008 5 10 /10 /Oktober /2008 20:16

Heute bin ich über den Bericht im KSTA ins Grübeln gekommen, in dem es darum geht, dass der Kardinal öffentlich angeklagt haben soll, dass Herr Seehofer nicht die nötige Ehemoral an den Tag legt. Der Erzbischof hat sich über die außerehelichen Beziehungen desselben geäußert. Und zwar mit moralischem Zeigefinger! Unser Kardinal fällt ja immer wieder in den Medien wegen seines Anprangerns "unchristlicher" Verhaltensweisen auf. Oftmals wird er daran dann auch gemessen. Natürlich frage ich mich jedesmal, ist das denn wirklich so gewesen, wie das da beschrieben wird? So auch hier in diesem Falle, wenn ja, wo ist denn da der christliche Grundsatz zu finden:" Wenn du etwas gegen deinen Nächsten hast, gehe hin zu ihm und sage es ihm unter vier Augen, wenn das nicht hilft, nimm einen Zeugen mit". Jedenfalls meine ich, das einmal in der Apostelgeschichte gelesen zu haben. Ich lass mich da gerne belehren! Die Frage ist also, warum tut er das so, öffentlich? Wäre ein Gespräch unter vier Augen da nicht hilfreicher gewesen? Das ist die eine Seite!
 
Die andere ist, hab ich da vielleicht etwas falsch verstanden vom Christentum! Ich meine, mich daran erinnern zu können, in der Bibel nirgendwo gelesen zu haben, dass Jesus irgendeinen einzelnen Menschen öffentlich angeprangert hat. Er hat seinen Standpunkt vertreten, aber niemanden gezwungen, zu glauben, was er sagt. Aber vor allem, war er in erster Linie für alle da, für die Sünder, die Pharisäer und für die Ungläubigen. Er hatte für alle ein gutes Wort und hat sie nicht geurteilt. Das hat mich immer fasziniert. Aber genauso bin ich von der buddhistischen Denkweise berührt und lass mich immer wieder gerne davon inspirieren. Die Frage ist also für mich nach wie vor, sollte ein Geistlicher, sei er Pfarrer, Mönch oder Kardinal nicht in erster Linie Seelsorger sein? Ist es nicht seine Aufgabe die Menschen mit ihren Sorgen und Nöten in ihrem Leben zu sehen, und wenn sie das möchten, ihnen eine Hilfe zu geben und nicht Dogmen aufstellen, die niemand mehr nachvollziehen und leben kann und will!
 
Ich kann mich da an eine Geschichte in unserer Pfarrei erinnern, da ging es um den Anruf einer Frau, deren Ehemann verstorben war und die Bitte ihrerseits, dass der Pfarrer ihren verstorbenen Ehemann beerdigen solle. Der Pfarrer hörte sich ihr Anliegen an und nachdem sie geendet hat, fragte er sie, ob ihr verstorbener Ehemann denn in die Kirche gegangen sei? Als sie dies verneinte, lehnte er die Beerdigung ab. Genauso wie er Taufen junger Eltern ablehnte, die nach seinem Ermessen nicht den richtigen Glauben vorwiesen! Ich war selber Zeuge dieses Vorfalls und war ehrlich gesagt platt! Dieser Pfarrer sagte mir, als er von meiner Krebserkrankung erfuhr wortwörtlich:"Krankheit ist immer eine Folge von Sünde"! Ich könnte viele solcher Geschichten erzählen, leider kaum Geschichten, wo ich ihn als Seelsorger erlebt hätte.
 
Ist christliches Verhalten, wie es die Kirche verlangt nicht etwas anderes, als darüber zu urteilen, ob jemand ohne Trauschein lebt oder ob er geschieden ist oder warum er eine außereheliche Beziehung eingegangen ist? Wer hat denn das Recht dazu, Menschen zu beurteilen oder gar zu verurteilen, wenn sie eine Entscheidung in ihrem Leben revidieren. Ehrlich gesagt, ich wäre dankbar gewesen, wenn meine Mutter sich von meinem Vater getrennt hätte, dann wäre mir einiges erspart geblieben. Und manchmal sehe ich Ehen, die dreißig, vierzig Jahre oder länger bestehen, aber ehrlich gesagt, in einer solchen Ehe würde ich nicht gerne leben wollen. Ich glaube, dass viele noch unter dem moralischen Druck der Kirche sich nicht trauen, aus Angst, die von der Kirche geschürt wird. Jedenfalls aus den älteren Generationen. Ich will damit nicht zum Ausdruck bringen, dass man leichtfertig und übereilt etwas tun solle. Man muß auch mal manche Stürme aushalten. Aber es gibt Situationen, da ist es angebracht nicht an irgendeinem Treueschwur festzuhalten! Und das müssen nicht unbedingt furchtbare Dinge sein. In einer Katechese in unserer Gemeinde wurde einmal gesagt, wenn ein Mann trinkt oder seine Frau schlägt, ist das noch lange kein Grund ihn zu verlassen. Man solle auf das Kreuz schauen, er habe am Kreuz gezeigt, was Leiden heißt und dass es zum Heil führt! Sie glauben das nicht! Aber es ist die Wahrheit und nichts als die Wahrheit.
 
Vor einigen Monaten ist in unserer Gemeinde ein neuer Pfarrer tätig geworden. Er war nur kurze Zeit in seinem Amt. Wor einigen Wochen hat er öffentlich zugegeben, dass er seinen Dienst nicht mehr ausüben könne, weil es eine Frau in seinem Leben gäbe! Er habe versucht diese Liebe aus seinem Leben zu verdrängen, in dem er diese neue Stelle angenommen hat. Leider hat er es nicht geschafft. Er hat es nicht verheimlicht. Jetzt kann er seine Berufung nicht mehr leben. Er war einfach zu ehrlich und hat es zugegeben. Andere müssen heimlich "Mann" oder "Vater" sein, weil die Kirche am Dogma festhält!
 
Sollen Religionen nicht grundsätzlich Wegweiser auf unserem Leben sein? Wir sind alle die gleichen Menschen, und tragen sowohl das Gute als auch das Böse in uns! Wir tuen Dinge, die wir bereuen, aber wir können sie revidieren oder auch nicht, auch das ist menschlich! Brauchen wir moralische Zeigefinger und Religionen, die Anspruch auf Allgemeingültigkeit verlangen. Ich wünsche mir zumindest eine Kirche, in der jeder willkommen ist. Jesus war immer bei den "Sündern" (ich setze das bewußt in Anführungszeichen, weil es ein abendfüllendes Thema ist), weil er gesehen hat, das sie suchend waren. Es ist schade, dass die Kirche leider den Eindruck vermittelt, man kann nur glücklich leben, wenn man den Glauben so lebt, wie sie es vorschreibt und wenn man sich an die Dogmen hält. In meiner langjähigen Arbeit habe ich zwar sehr viele pflichtbewußte Katholiken gesehen, aber wenig wirklich zufriedene und glückliche Menschen! Es fehlte oftmals der Respekt vor dem Anderen. Jeder Mensch hat seine eigene Geschichte, die ihn zu dem gemacht hat, was er ist und wie er lebt. Wenn die Achtung und der Respekt fehlen, kommt der Moralismus zum Vorschein und die Selbstarroganz zu wissen, was richtig oder falsch ist. Dies hat zur Folge, dass man beurteilt, verurteilt und zu guter letzt aburteilt. Diese Folgen wiederum kann man in der vergangenen Geschichte bis zum heutigen Tage verfolgen. Diese Folgen kann aber auch jeder in seinem Umfeld erkennen. Das schreckt die Menschen ab und zieht sie nicht an.
 
Also ich kenne Herrn Seehofer nicht, aber was und wie er sein Leben als Privatmensch lebt, hat von Niemandem be- oder verurteilt zu werden. Er hat seine Gründe, warum er so handelt. Da kann man anderer Meinung sein oder andere Werte haben, aber die dürfen nicht zum Maße aller werden.
 
Also ich verurteile ihn nicht, unseren Kardinal, aber ich verstehe ihn ganz einfach nicht!

Diesen Post teilen
Repost0

Kommentare