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10. Oktober 2008 5 10 /10 /Oktober /2008 20:17

Vor ein paar Tagen stand ein Artikel auf der 3. Seite im KSTA über das neue Buch von Petra Gerster "Die Reifeprüfung". Sie erzählt in diesem Buch über ihren ganz normalen Alltag, aber auch über ihre Erfahrungen als älter werdende Frau, die sich mit der jünger werdenden Konkurrenz im Mediengeschäft messen lassen muß. Sie macht keinen Hehl daraus, dass sie sich hat "liften lassen", nur so ein bißchen, um die Augen herum usw. usw. Ich klage das nicht an, das steht mir nicht zu.Ich finde es nur traurig, dass Frauen dazu gezwungen werden, das tun zu müssen. Im letzten Jahr war ich bei der lit. cologne bei einer Lesung, an der auch eine bekannte Schauspielerin, die vor einiger Zeit ein Buch über jung bleiben im Alter geschrieben hatte und damit sehr viel Werbung gemacht hat. Mein Mann stupste mich an und wies mich auf sie hin, ich hatte sie nicht erkannt. Das Ergebnis ihrer Operationen hat aus ihr eine Andere gemacht! Sie hatte aufgegeben!
 
Ich glaube aber auch, dass das "älter werden" nicht nur für die Frau ein besonderes Thema ist, aber dass es die Männer nur anders trifft. Männer werden weniger über ihr Aussehen definiert. Sie können schon einen leichten Bauchansatz haben und wenig Haar haben, dass spielt keine Rolle! Aber eine Frau mit Bauchansatz und schütter werdendem Haar?
 
Nun ich bin ja auch auf dem Weg eine "alte Frau" zu werden. Ich kann mich noch genau an den Tag erinnern, als ich morgens in den Spiegel schaute und mich nicht mehr erkannte! Plötzlich war ich eine andere! In der Nacht hatte der "Kleine Tod" genannt Schlaf kleine Furchen in mein Gesicht gemacht. Ich war ratlos, auch Furcht breitete sich in mir aus, weil ich plötzlich die alte Frau sah, die ich einmal werden würde! Auch dachte ich an meine Mutter, ob ich wohl so aussehen werde wie sie? Und auf einmal war alles ganz anders.Ich konnte und wollte nicht fliehen. Fragen entstanden in mir und ich wurde mir plötzlich bewußt, das sehr viel Anerkennung, die man als Frau über das Äußere bekommt, verloren geht. Die Blicke auf der Straße, der kleine Flirt mit dem Kunden oder im Cafe. Sollte das alles nicht mehr sein! Ich bin nie ein oberflächlicher Mensch gewesen und doch erwischte es mich ein bißchen, daran zu denken, dass das irgendwann nicht mehr sein wird. Mir wurde klar, dass egal, ob Mann oder Frau, jetzt eine andere Lebensqualität zu suchen ist.Und woraus ziehe ich meine Bestätigung? Denn die brauchen wir doch alle, oder?
 
Plötzlich achtete ich ein bißchen mehr darauf, wie Frauen in meinem Alter aussahen und wie sie sich gaben, sei es in den Medien, aber auch im Alltag. Ist es wirklich wahr, daß Frauen wegen ihres Aussehens auch in ganz normalen Berufen entweder mehr oder weniger Anerkennung bekommen? Was bin ich wert, wenn ich älter werde? Ich glaube, soweit ich mich jetzt zurückerinnere, gibt es eine Zeit, in der man alterslos ist, so zwischen 30 und 40. Spätestens ab 45 kommt der Tag, an dem man sich mit anderen Fragen, die unausweichlich auf einen zukommen, beschäftigen muß.
 
Was bedeutet es also älter zu werden und wie werde ich als älterer Mensch in unserer Gesellschaft behandelt? Oft liest man wie alte Menschen einsam in ihren Wohnungen verstorben sind, ohne dass jemand Notiz von ihnen genommen hat. Die Jungen verdrängen die Alten in den Berufen! Langjährige Erfahrung und Lebensweisheit, hat das noch seinen Platz? Auch fällt mir auf, dass sich im Gegensatz zu früher etwas geändert hat. In vielen Dingen haben früher die Jungen die Älteren gefragt und man konnte ihnen etwas zeigen im Beruf z.B. Heute ist es oft so, dass die Älteren die Jungen fragen müssen! Aber vielleicht täusche ich mich ja auch!
 
Vor ein paar Wochen hatte ich auf Arte einen interessanten Bericht über einen Stamm in Afrika gesehen, der davon handelte, wie man mit den Älteren umgeht, welchen Platz sie in ihrem Gefüge hatten und wie man mit Ihnen umging. Ich war sehr beeindruckt davon, dass man, um in den Rat der Weisen aufgenommen zu werden, sie einer genauen Prüfung unterzogen worden. So wie es bei den jungen Menschen, die einen Initiationsritus hatten, um in die Welt der Erwachsenen aufgenommen zu werden, so gab es dort einen Initiationsritus um in den Altenkreis aufgenommen zu werden. Es war unglaublich mit wieviel Würde und Respekt die alten Menschen behandelt wurden. Und es war den "Alten" schließlich eine Ehre, endlich dazugehören zu dürfen.
In unserer Gesellschaft sind die Alten allenfalls ein Wirtschaftsfaktor geworden. Ganze Wirtschaftszweige stellen sich darauf ein, Wellness, Reisen etc. etc. Mir fiel auch auf, wie einmal in diesem Blog beanstandet wurde, ob denn nur noch Rentner hier schreiben würden? Haben wir vergessen hinzuschauen, was die "Älteren" uns zu sagen haben?
 
Verkehrte Welt? Ist uns etwas verloren gegangen in unserer schnellebigen auf äußeren Schein bedachten Welt? Werden wir Frauen tatsächlich nur noch an einem faltenfreien Körper gemessen und die Männer an ihrer Leistungsfähigkeit? Wo sind die Gesichter in den Medien zu sehen, die gelebtes Leben erkennen lassen. Furchen und Falten, die zeigen, wie sie gelebt haben, was ihnen wichtig war, was sie erlitten haben? Ich will authentische Menschen sehen, so wie sie wirklich sind und was das Leben aus ihnen gemacht hat! Ich will dem Gegenüber in die Augen schauen, um in seine Seele zu schauen, um zu erkennen, wer er ist!
 
Ich glaube, es gibt vieles zu diesem Thema zu sagen. Das sind nur ein paar Gedanken. Aber eines ist mir bei all dem Hin und Her klar geworden! Ich habe auch im älter werden noch Visionen und Träume. Vor kurzer Zeit habe ich den Satz gelesen, alt ist man, wenn man an der Vergangenheit mehr Freude hat als an der Zukunft! Das hat mich schon erwischt, denn wer kennt das nicht, die Geschichten, wenn man mit Freunden zusammensitzt, weißt du noch damals....
Es gibt viele um mich herum, die das Heute und Morgen vergessen.
 
Morgen wird mein Schwiegervater 80 Jahre. Ich bin sehr berührt davon, dass alle Enkel ihm bestätigt haben, dass sie immer gerne mit ihm zusammen waren, weil er ihnen viel über das Leben erzählen konnte, und dass er bis auf den heutigen Tag ein interessierter Mensch an Politik, Wissenschaft, Sport, Kultur, geblieben ist, mit dem man herrlich diskutieren kann! Das wünsche ich mir auch für mich.
 
Und mit den Worten von Martin Buber höre ich jetzt auf:" Alt sein ist ein herrlich Ding, wenn man nicht verlernt hat, was anfangen heißt"!

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