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18. November 2008 2 18 /11 /November /2008 11:07

Ich weiß nicht, ob es der November mit sich bringt, der Dunst, der Schleier, das Erstarren der Natur, dass sich mehr wie sonst ein Schleier der Erinnerungen in mich hineinwebt. Und die Erinnerungen kommen dann, wenn ich denke, ich hätte vergessen. Wie schnell das alles geht, mit dem Vergessen, ging es mir durch den Kopf, heute Morgen, so unerwartet, unter der Dusche. Unter der Dusche kommen mir immer die merkwürdigsten Gedanken. Wenn das Wasser über den Körper fließt, mal heiß, mal kalt, einer Erfrischung gleich, die ich nicht missen möchte, ein Gefühl wie neugeboren, wach geworden, wenn es zu Ende ist. So das Wasser läuft, meine Gedanken sich ebenfalls in einem Fluß befinden. Merkwürdig, oder?

Ich erinnerte mich an das Geschehen des jungen Mannes, der mir nahesteht, und an seine verlorene Liebe. Drei Jahre hat sie gehalten, drei Jahre, in denen man dachte, sie werden zusammen alt. Unzertrennbar, Tag für Tag, keinen Freiraum dem Anderen lassend, waren sie verschworen, ja, schon fast einer Symbiose ähnlich. Und dann! Schmerzvoller Abschied, heiße Tränen, starke Liebesschwüre, es sollte ja nur für zwei Monate sein. Dann kam das Aus. Unverhofft, ganz plötzlich! Einsturz, Einbruch, Chaos aller Gefühle bei ihm, dem jungen Mann, Sturz ins Bodenlose, kein Halt, nirgendwo und doch in der tiefsten Tiefe des Seins wieder aufgesprungen auf den fahrenden Zug des Lebens. Erinnert, analysiert, Wunden gepflegt, vielleicht auch verdrängt, vieles, aber wieder Halt gefunden. Das Leben begann von neuem.Und schon so schnell vergessen, verliebt in eine andere. Nettes Mädchen. Neue Liebe neues Glück! Von außen beobachte ich, wie schnell vergessen, ein Mensch, den man glaubte geliebt zu haben. Keine Erinnerung mehr, sagt er, keine Wehmut, kein noch so kleinster Stich, wenn er sie sah, eher nun, es ist gut, wie es gekommen ist. Aber die Bilder, was gewesen ist, was doch schön war, dass muß doch eigentlich bleiben, das kann man doch nicht einfach vergessen, oder. Na ja, ich weiß ja nicht, was so in ihm vorgeht, wenn er allein ist, wenn er seinen Gedanken nachgeht, seinen Gefühlen.

Wie schnell ist jemand vergessen. Und bei all diesem Gedankenfluß, der wie Wasser, durch meinen Kopf strömt, sticht sie mich auch, die Erinnerung, an sie, die Mutter. Nein, ich hab sie nicht vergessen. Es ist merkwürdig mit dem Gefühl und dem Gedanken an einen Menschen! Obwohl sie doch Zeit meines Lebens nie für mich da war, erst am Ende hat sie mich als Tochter wahrgenommen, durften wir das Geschenk des Bandes, das zwischen Mutter und Tochter besteht, erfahren. Voll Dankbarkeit blicke ich darauf zurück, dennoch all die Bilder, die Geschehnisse unseres gemeinsamen Lebens sind auch immer noch da, zwar verarbeitet, aber sie stehen so, wie sie waren, im Raum, ich kann sie betrachten. Und ohne wenn und aber, was ja zweifellos eigentlich unverständlich ist, ich vermisse sogar, dass sie mich nie vermisst hat. Komischer Gedanke, oder? Ich meine, selbst dass ein Mensch an den anderen "nicht" denkt, kann man vermisssen. Ich vermisse die Telefongespräche, mit denen ich hin und wieder Kontakt zu ihr aufgenommen hatte, um, ja, weil ich dachte, ich könnte sie aus ihrer Einsamkeit herausholen, die, wie ich später erkannte, freiwillig, selbstgewählt und nicht bedrückend für sie war. Ich vermisse ihre abweisende Körperhaltung, wenn sie im Türrahmen stand, damals, früher, als ich unerwartet hinfuhr und sie sich sofort umdrehte und mit dem Rücken zu mir gewandt sagte, komm doch rein. Wie wir dann da saßen, sprachlos, keiner wußte, wie er den anderen erreichen sollte. Ich vermisse den Kampf, sie erreichen zu wollen, damals, früher, und es nicht schaffte, nur manchmal, für einen kleinen Augenblick. Ich vermisse all ihre Erzählungen, bei denen ich so oft meinen Kopf innerlich weggedreht hatte, wie die körperliche Befindlichkeit war, das Essen, die Verdauung, das ganze Procedere halt, um das sich ihr Leben drehte, auch als sie noch ganz gesund war. Ja, kann das denn sein, dass man vermißt, was man nie gehabt hat, was meistens nicht schön, nicht erfüllend, nicht ersehnt, erträumt und erhofft, war.

Jedenfalls bei mir ist es so, sie ist einfach nicht mehr da, egal wie sie war, sie, meine Mutter, aber auch sie, all die anderen, die nicht mehr da sind. Die Freundin, die ich so lange kannt und ständig ist sie bei mir und ich denke in den merkwürdigsten Situationen an sie, wenn mal wieder eine urkomische Situation in meinem Leben eingetreten ist, mensch, wenn sie jetzt da wäre, was würden wir lachen, nie hab ich mit einem anderen Menschen so lachen können, über Nichts und Alles. Ja, ich vermisse ihr Lachen. So könnte ich immer weiter erzählen von all dem, was ich vermisse, von all den Menschen, von Konrad, der gegangen ist, so schnell. Immer wenn ich das Bild anschaue, wo wir beide so fröhlich zusammensaßen, uns über Gott und die Welt unterhielten, wo Begegnung noch wirklich Begegnung von Mensch zu Mensch war, seine Erzählungen, die so lebensfroh und bunt waren, über seine Reisen durch die Welt, seine Augen, sein liebes Lachen, seine unverändert positive Ausstrahlung und das Ja zum Leben.

Wieso sind alle gegangen, die ich jetzt so schmerzlich vermisse. Am Ende bleibt man allein, wenn man selber nicht geht. Sagte mir neulich eine ältere Dame von über 8o Jahren. Alle Freunde waren gegangen, sie war übrig geblieben.  Es ist schwer, wenn man nicht ständig dafür sorgt, neue Menschen kennenzulernen und dafür zu sorgen, dass der Freundes- und Bekanntenkreis wächst, man offen bleibt, sich nicht begnügt, mit dem was man hat. Es sei denn, es macht einem nichts aus, ständig und immer allein zu sein. Aber die Erinnerungen, sagte auch sie, die Erinnerungen verblaßen nie. Und manchmal, so sagt sie, hat sie das Gefühl in der Vergangenheit zu leben, mit all den Bildern von Gestern, dann hört sie die Stimmen, dann sieht sie das zusammen Erlebte, aber das sei schön. Im Alter, sagt sie, lebt man meistens nur noch aus den Erinnerungen, weil es soviel Zukunft möglicherweise nicht mehr gibt, die man noch planen könnte.

So bin ich etwas irritiert über das schnelle Vergessen der Menschen manchmal um mich herum. Aber vielleicht sagen auch nicht alle wirklich, wie es in ihrem Inneren zugeht, wann und wie die Erinnerungen sie plötzlich überfallen.

November, ja, ich glaube, es hat mit dem November zu tun, dass mich die Erinnerungen so stark befallen. All die Tage, die darauf hinweisen, dass das Leben vergänglich ist, Allerheiligen, Totensonntag. Volkstrauertag. Nein, keine Sorge, ich hab nicht den Blues. Es sind nur Gedanken und Gefühle, die Erinnerung schaffen, trotz aller positiven Lebenseinstellung, trotz der heiteren Gelassenheit, die mich meistens umgibt, die sich einen Raum suchen, um mir zu zeigen, was war, was ich gehabt und was ich nicht gehabt habe. Ich kann sie nicht steuern, sie kommen einfach so, unvermittelt, überraschend, aber dann sind sie ganz präsent, wie heute Morgen unter der Dusche, während das Wasser über meinen Körper rinnt und ich mich begleitend mit diesen Gedanken ganz ruhig, in mich versunken, trockne anziehe und weitergehe, in die Zukunft. Zur Tagesordnung übergehe, spüle, aufräume, einkaufe. Und während ich all dies tue, nehme ich sie alle mit, die Erinnerungen.

Wer gegangen ist, ist nicht vergessen, jedenfalls bei mir nicht. Aber manchmal ist es vielleicht für den ein oder anderen besser, zu vergessen, sich nicht mehr erinnern zu müssen. Wie sagte mir neulich eine Frau meines Alters, die sich hat scheiden lassen und ihr Verflossener dann doch noch Weihnachten mit ihr verbringen wollte und sie das ablehnte und mir gegenüber den Satz sagte:" Bloß nicht, ich bin ja froh, dass er endlich weg ist!". Ist denn all das Gute, was man zusammen erlebt nicht mehr sichtbar, auch wenn es schwer war und es keine Möglichkeit mehr gab, zusammen zu bleiben.  Überwiegt am Ende nur das, was negativ war?

Als ich ihn sah, den Mann, dessen Frau vor kurzem verstorben war und ich um die Geschichte ihres Lebens weiß, da sagte er mir:" Du, Röschen, ich erinnere mich nur an die schönen Dinge, die wir miteinander gehabt haben!" Das fand ich schön.

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Kommentare

Erika 11/20/2008 19:26

Hallo Andreas,

das ist aber lieb! Ja, so soll es sein. Familie ist immer noch das wichtigste Glied in der Kette der Gesellschaft!

Viele liebe Grüße

Erika

A n d r e a s 11/20/2008 18:56

Die Geschichte über den jungen Mann kam mir ein wenig bekannt vor, was mich beeindruckt hat ,das es für den jungen Mann helfende Hände gegeben hat als er sie am nötigsten gebraucht hat. Das ist heute leider allzu selten der Fall.
Männlichkeit zeichnet sich nämlich nicht dadurch aus, das man seine Gefühle nicht zeigt, das genaue Gegenteil ist der Fall. Bei allem Schmerz für den jungen Mann, weis ich aber das er eine sehr wertvolle Erfahrung machen konnte und die hat er auch nur durch die Kraft der Liebe machen können.
Es gibt schon Menschen zu richtigen Zeit am richtigen Ort, oder auch die Liebe Gottes zu den Menschen

Erika 11/19/2008 11:07

Hallo Journey,

ja, die Wucht der Erinnerung kann einen schon überfallen, wahrscheinlich weil man sich sonst vorher keine zeit genommen hat. Überhaupt, in unserer schnellebigen zeit geht man von einem zum Nächsten, wo bleibt dann noch Zeit für Muße, wo sich die gedanken ihren Weg suchen können. Und Erinnerungen, Nicht-Vergessen machen ja auch Sinn, manchmal auch, um es im Heute besser zu machen, auch in den Beziehungen miteinander.

Vielen Dank für Dein Feedback und Gruß
Erika

Journey 11/19/2008 09:15

Hallo Erika!
Ich denke, es ist wirklich schön sich ab und zu an vergangene Dinge zu erinnern und sie entweder zu missen oder einfach dankbar darüber zu sein, dass man sie erleben durfte - mit wem auch immer. Und es ist auch schön an die Zukunft zu denken, zu träumen. Aber man darf nicht vergessen im Hier und Jetzt zu leben und damit genauso zufrieden zu sein.
Es gibt da einen schönen Spruch, dass man am Ende des Lebens nicht das bereut, was man getan hat, sondern eher das, was man nicht getan hat.
Das gibt inem doch den Anlass dazu, das zu wagen, was noch nie gewagt wurde. Und wer weiß, vielleicht denkt man eines schönen Tages im November daran zurück und wird froh sein, dass man damals etwas gewagt hat.

Das mit dem Erinnern, bzw. der Wucht der Erinnerung, kenne ich auch nur zu gut. Und ich weiß dann nie ob ich vor Freude zittern und lachen oder vor Taruer über das Vergangene weinen soll. Manchmal entscheide ich mich auch für beides...
Manchmal lese ich mir dazu durch, was ich damals so für Texte geschreiben habe und bin froh, dass ich sie geschrieben habe.
Liebe Grüße, Journey

Erika 11/18/2008 22:59

Hallo Regina,

dankeschön. Es ist ja auch normal, es sind die Tage, die immer kürzer werden, die Dunkelheit die nun schon am frühen Nachmittag einsetzt, man ist gewzungen, sich zurückzuziehen. Ich möchte das auch eigentlich, nicht umtriebig sein, klar, ganz verzichten auf Kulturelles kann ich eh nie, aber es wird ruhiger, die Leichtigkeit der Sommerfrische ist dahin und so, ich denke die Natur hat das so eingerichtet, fällt man mehr auf sich selber und das Innenleben zurück. Und das ist gut so. Ja, so ist es, man sollte sich nur an die schönen Dinge erinnern, bei mir überwiegt das auch, die letzten Wochen mit meiner Mutter, die ich in ihrem Krebstod begleitet und gepflegt habe, werden mir unvergessen bleiben. Gerade diese Zeiten sind es, die mir die Erinnerung oft so schwer machen, weil wir so nah beieinander waren, ach herjeh, wie hätte ich mir das früher gewünscht. Aber Danbarkeit, dass es überhaupt noch passiert ist und dass es eine Gnade war, die ist da.

Lieben Gruß zurück und eine Gute Nacht bzw. einen guten Start in den neuen Tag!

herzlichst

Erika