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6. Dezember 2008 6 06 /12 /Dezember /2008 23:14

Gestern schrieb mir meine Tochter, Mama, ich hab mir einen Christstern gekauft, jetzt kann es Weihnachten werden. Ich weiß nicht, aber ich hab mich so darüber gefreut. Ich meine, man denkt ja immer, alles, was man früher gemacht hat, mit den Kindern an kleinen  Ritualen  versucht hat, weiterzugeben, geht vielleicht verloren. Ich erinnere mich noch, als sie in der Pubertät waren, da fanden sie immer alles ziemlich öde, schämten sich fast, zumindetens lehnten sie nach außen hin alles als Kitsch und Getue ab. Es war ihnen zuviel. Aber das war ja normal, sie wollten sich abgrenzen.

Ich hab mich eigentlich nie beirren lassen und dann doch tief in ihrem Inneren gesehen, dass sie es liebten, das Weihnachtsfest, genau die Dinge, die sich Jahr um Jahr wiederholten, angefangen vom Adventskranz, den wir selber anfertigten und schmückten. Dann in der ersten Woche wurde die Krippe aufgebaut. Unsere Krippe ist immer sehr groß gewesen, gute 1,20 x 1,50 mit einem hohen blausilbernen Himmel, den wir mit selbstgebastelten Strohsternen verzierten. Dann folgten Woche auf Woche, Pflanzen, also Moose, Blumen, Tiere, Steine, es wurden kleine Brücken gebaut, die Wege mit Sand ausgelegt und am Ende dann Maria und Josef, die sich auf dem Weg befanden. Jeden Adventssonntag habe ich mit einer kleinen Geschichte die Rituale eingeläutet.

Am 3. Adventssonntag fuhren wir dann alle zusammen in den Wald, um einen Baum auszusuchen. Dort, wo wir ihn holten, gab es ein großes Lagerfeuer, man konnte mit dem Trekker tief hineinfahren und dann verschwanden die Kinder zwischen den Tannen und lagen sich jedesmal in den Haaren, weil der eine einen größeren wollte, der andere einen kleineren. Ein lustiges Procedere, manchmal mit Tränen, am Ende waren sie dann aber doch zufrieden, wenn er am Vortrag des Heiligen Abendes in der Stube aufgestellt wurde.

Ja, und dann kam der Heilige Abend. Der hatte sein eigenes Ritual. Mein Mann und die Kinder schmückten den Baum gemeinsam, ich stand in der Küche und bereitete das Essen für den Abend und für den ersten Weihnachtstag vor. An diesem Tag versammelte sich immer die große Familie bei uns zuhause. Schwiegereltern, meine Mutter, mein Bruder, die Geschwister meines Mannes, Großtante, Urgroßvater, Nichten und Neffen. Das war immer ein Gewusel um den Tisch herum. Wenn der Baum geschmückt war, packte ich die kleinen Geschenke für alle meine acht Patenkinder zusammen und dann fuhr ich mit meinem Töchterchen rund und teilte die Pakete aus. Das war jedesmal ein Hallo und eine Freude.

Dann kehrte endlich Ruhe ein. Die Erwartung wurde größer. Die Türe zum Wohnzimmer wurde verschlossen, die Kinder zogen sich in ihre Zimmer zurück, hörten eine Kasette oder schauten sich ein Buch an. Aber immer wieder kam unser Sohnemann aus dem Zimmer gelaufen und ich erwischte ihn, wie er vor der Türe des Wohnzimmers stand und durch das Schlüsselloch spinxte. "Mama", rief er immer aufgeregt, "ich hab ihn gesehen!". "Wen denn?", fragte ich dann. "Na den Engel!"

"Soso", schmunzelte ich dann vor mich hin. "Das ist schön, dass Du Engel sehen kannst!". Wir hatten immer einen kleinen Goldrauschengel vor das Schlüsselloch gehängt. Und wenn ich jetzt daran zurückdenke, huscht ein zärtliches Lächeln über mein Gesicht, weil er noch lange dran geglaubt hat, ja fast daran glauben wollte.

Jeder hat ja auch seine eigene Geschichte, wie er den Kindern erklärt hat, woher denn die Geschenke kamen. Meine Version war immer die, dass die Engel kämen und die Geschenke brachten. Ich liebte das Glänzen in den Augen der Kinder, ich liebte ihre Treue und ihren Willen, daran zu glauben. Kinder brauchen das. Und die Frage, wie willst du ihnen erklären, irgendwann einmal, wenn sie erkennen, dass das so nicht stimmt, ist mir nie gekommen. Aber natürlich kam das Erwachen eines Tages. Aber es kam eigentlich gar keine Frage, kein Vorwurf, im Gegenteil. "Schön war das, Mama, damals" Und es stimmt ja auch, sagten sie dann später, "Ihr ward ja unsere Engel!"

Und das stimmt ja wiederum auch! Denn Menschen eine Freude zu machen, sie zu beschenken, auch wenn es nur wenig ist, Kleinigkeiten, die sie sich aber von Herzen gewünscht haben, dann ist man doch ein Engel, oder?

Jedenfalls, ich hab ihn wieder herausgeholt, den kleinen Rauschegoldengel und ich werde ihn auch dieses Jahr wieder vor die verschlossene Türe hängen.

Und ich freue mich sehr darüber, dass die Kinder, heute erwachsen, sich danach sehnen, nach Hause zu kommen und alles so vorzufinden, wie es schon immer war. Das ist ja nicht selbstverständlich. Vieles kann nicht mehr so sein, weil eigene Pläne verwirklicht werden möchten, man will nicht um der Kinder willen zwangsweise alles so belassen, wie es immer war, aber Weihnachten, ja Weihnachten, da muß es so sein, weil ich auch daran hänge.

Weihnachten kann immer schön sein, wenn alles stimmt, wenn alles ausgesprochen ist, wenn es keine Heuchelei gibt, wenn Frieden untereinander ist. Dafür muß man schon sorgen, sonst kann es ein Desaster werden. Aber auch da bin ich offen. Wenn es mal Streit gibt, soll der auch nicht unter den Teppich gekehrt werden, was raus muß, muß raus. Das ist doch das eigentlich "Heilige", dass man nicht verdrängt, sondern ehrlich zueinandersteht und nicht erwartet, was der andere nicht leisten kann.

Die "Heilige Familie" war auch nicht deswegen heilig, weil alles nach ihren Wünschen verlaufen ist, im Gegenteil, gerade in dem Moment, wo es am schwierigsten war, haben sie zusammengestanden und haben versucht das Beste draus zu machen und sich dennoch aneinander gefreut.

Ach ja, der Rauschegoldengel, ich freue mich jetzt schon, falls das mal eintritt, wenn die Enkelkinder dann kommen und ich ihre leuchtenden Augen sehe, wenn sie durch das Schlüsselloch schauen werden und ihn  sehen!

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