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9. Dezember 2008 2 09 /12 /Dezember /2008 11:07

Sie sterben langsam aus, die Zeitzeugen unserer Vergangenheit. Die Alten, die Großväter, Großmütter, die mit anderen Lebensumständen klar kommen mußten, die noch mit anderen Werten gelebt haben. Die teilweise Großfamilien hatten, es nicht kannten, sich ständig einer Reizüberflutung ausgesetzt zu fühlen, weil sie gar nicht entscheiden konnten, ob sie ins Kino, Theater oder ins Schauspielhaus gehen konnten. Die einfach damit beschäftigt waren, ihre Familien am Leben zu halten.

Und dann waren da die Kriege. Zwei Weltkriege hat mancher miterleben, als Soldaten ihren Dienst verrichten müssen. Aus dem letzten sind viele nicht zurückgekehrt, viele in Gefangenschaft jahrelang verschollen gewesen. Die, die zurückgekommen sind, haben versucht wieder in ein normales Leben einzusteigen, einigen ist es gelungen, viele sind schon gestorben, bevor sie wirklich gestorben sind. Einige konnten reden, erzählen, von den Bildern, von ihrer Kindheits- und Lebensgeschichte, viele waren verstummt, hatten aufgegeben.

Es gibt jetzt nur noch wenige solcher Menschen, die erzählen könnten. Ich bedauere das sehr. Aber noch mehr bedauere ich, dass es so viele gegeben hat, die "nicht erzählen" konnten, wollten, weil es nötig gewesen wäre, sich in die Erinnerungen fallen zu lassen, in die grausamen und schrecklichen Bilder des Krieges, in dem sie Kinder und Freunde verloren hatten. In dem sie Tag für Tag mit Bildern des Todes konfrontiert waren, mit Kälte, mit Hunger, mit Einsamkeit.

Gestern erst fiel mir ein Bild eines solchen Zeitzeugen in die Hand, den ich gut gekannt hatte. Da saß er auf einem Stuhl in unserem Garten und hatte meine kleine Tochter auf dem Schoß, ein zartes Lächeln auf dem Gesicht, dass etwas weicher erschient, wie die sonst so erstarrten und harten Gesichtszüge. Nur ein solch kleines Kind konnte noch hervorbringen, was einmal war in ihm, Freude, Lebenswillen, Hoffnung. 

Ich überdachte all die Jahre, die ich ihn gekannt hatte, es waren an die zwanzig, in denen ich ihn immer bei Familienfeiern sah und wahrnahm. Seine Frau starb 10 Jahre früher wie er, so daß er die letzten 10 Jahre ganz allein war, auch allein sein wollte, in seiner Wohnung, voll mit alten Erinnerungen, die wir dann später ausgeräumt, verteilt, verschenkt oder einfach auf den Sperrmüll geworfen haben.

Er war in Stalingrad damals, dem Todeskessel. Er hatte den Tod tagtäglich, das elendige Verhungern, das Erfrieren miterlebt, gesehen, wie die Kameraden fielen. Er überlebte. Er kam in Gefangenschaft und in ein russisches Gefangenenlager. Als er zurückkam lebte er und war doch tot. Nicht mehr zu erreichen. Ich habe ihn selten sprechen hören. Er lebte sein Leben überlebte seinen Alltag nur im Gefangensein des Rhytmusses, den der Tag ihm vorzeigte. Aufstehen, frühstücken, Zeitung lesen, vielleicht einen Spaziergang, Mittagessen, Mittagsschlaf, einkaufen, Abendessen, ein bißchen Fernsehen, schlafen, Tag für Tag, Wiederholung um Wiederholung. Hin- und wieder bei den Familienfesten da war er anwesend, aber ich hatte immer das Gefühl, der Körper, es war nur der Körper. Jedenfalls bemerkte ich selten eine Anteilnahme, ein aus sich mal selber Herausgehen, auf den anderen zugehen, mit ihm ins Gespräch kommend. Er saß einfach da und schaute. So kannten wir ihn alle und hatten uns damit abgefunden.

Dabei hätte ich so gerne von ihm erzählt bekommen, aus seinem Erleben. Wie er damit umgegangen ist, mit all dem Schmerz, mit all dem Leid. Aber das war vielleicht sein Umgang damit, zu verdrängen, nicht mehr hochkommen lassen, nicht mehr anschauen müssen. Vielleicht war er noch jemand, der auf diese Weise am besten damit fertig geworden ist. Ich habe von anderen gehört, die in Depression und totale Lebensverweigerung gefallen sind.

So war er all die Jahre bei uns, so haben wir ihn erlebt. Einer der wenigen, die noch hätten erzählen können, die uns mit ihren Schilderungen Warnungen aussprechen können, aufzupassen, dass so etwas nie wieder passiert.

Sein Sohn, der lebt noch, war ja noch jung im zweiten Weltkrieg, der erzählt aber manchmal, von damals, von dem Großwerden in der Großfamilie, vom Krieg, so wie er ihn miterlebt hat. Manchmal verdrehen die Jungen die Augen, sie könnten das nicht mehr hören. Immer diese alten Geschichten! Aber es sind keine alten Geschichten. Es sind die Geschichten von der Menschheit, was war und wieder sein könnte. Es sind die Erlebnisse, unsere Zeitgeschichte, nur erzählt von denen, die es erlebt haben. Und das ist doch was anderes, als es in einem Buch zu lesen, so wie ich neulich, ein uraltes Buch über Stalingrad, dass beim Ausräumen der Wohnung in unsere Hände fiel. Hat mal jemand ein Buch über Stalingrad gelesen, wo Zeitzeugen berichten, was sie gesehen haben. Man verstummt. Und ich kann mir nach der Lektüre dieses Buches vorstellen, dass Er auch verstummt ist.

Ja, die Zeitzeugen gehen und wir werden und sind selber Zeitzeugen. Was werden wir unseren Enkelkindern einmal erzählen können?


 

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Kommentare

Sabine 12/09/2008 14:34

Ich bedaure heute dass ich damals (ich war 16 als mein Opa und 17 als meine Oma gestorben waren) nicht mehr über die Erlebnisse meiner Großeltern gefragt habe. Damals hat mich das nicht interessiert und heute hätte ich so viele Fragen.