Ich hatte schon mit den Füßen gescharrt, wie man so schön sagt, also darauf gewartet, den seit langem angekündigten und nun auch mit einem Oskar gekrönten Film "Der Vorleser" sehen zu können.
Vor einigen Jahren hatte ich das Buch gelesen, fasziniert und hineingesogen in die einfachen Worte Schlinks, die dennoch, vielleicht gerade deshalb so genau herauskristallisieren und ansprechen
konnte, worum es ging und geht, immer, in der Geschichte der Menschheit im allgemeinen, in diesem Falle jedoch um die Bewältigung des Geschehens im Nationalsozialismusses, aber auch, wie geht man
mit Schuld um, was macht sie mit einem, kann man sie sich eingestehen, nimmt man sie überhaupt wahr und wie beeinflußt sie das Leben des einzelnen.
Wenn man ein Buch gelesen hat, dass verfilmt wird, hat man immer einen gewissen Anspruch, man will nicht enttäuscht werden, will sich die Verzauberung, die das Buch einem geschenkt hat, nicht durch
den Film nehmen lassen. Das gelingt nicht oft. Aber der Film "Der Vorleser" ist in der Tat ein literarischer Film. Er hält sich bis ins Detail an die Vorgaben des Buches, ja, man kann sagen, es ist
das gesehene Buch. Also in diesem Falle muß man das Buch nicht unbedingt vorher gelesen haben, um alles genauestens zu verstehen, aber es empfiehlt sich an, es im Nachhinein doch noch zu lesen,
damit man weiter vertiefen kann.
Eine kleine Kurzbeschreibung der Handlung möchte ich aber doch geben, ich denke, das wird demjenigen nichts nehmen, der sich den Film anschauen möchte. Michael, der 15 Jahre alte Protagonist,
aufgewachsen in einer gehobenen Schicht der Gesellschaft, Gefühle werden auf Distanz gehalten innerhalb des Familienlebens, jeder hat seine Rolle zu erfüllen, der Vater mischt sich nur am Rande
ein, gibt dennoch den Patriarchen, dem sich alles unterzuordnen hat, nimmt eine Beziehung zu Hanna, die doppelt so alt ist wie er, auf, die er auf dem Nachhauseweg kennenlernt und die ihm zur Hilfe
eilt. Nach einer dreimonatigen Rekonvaleszenz will er sich bedanken und eilt in ihre Wohnung. Dort beobachtet er sie beim Ankleiden und er wird scheinbar zum ersten Mal mit seiner Sexualität
konfrontiert, er läuft weg, aber kommt schon nach einiger Zeit wieder. Es kommt wie es kommen muß, zwischen den Beiden entwickelt sich eine erotische, sexuelle Beziehung.
Schon dieser Handlungsstrang stellt die Frage auf, was macht eine solche Beziehung mit einem jungen Mann, wie wirkt sie sich auf sein weiteres Leben aus. Ich bin sicher, dass in vielen einzelnen
Lebensbiographieren Menschen von diesen Erfahrungen berichten können. Ohne Abscheu zu empfinden, das Geschehene mit Mißbrauch zu vergleichen, habe ich die Szenen im Film als durchaus ästhetisch und
nicht verabscheuenswürdig empfunden. Man könnte sich die Frage stellen, hätte sich das Geschehen auch negativ ausgewirkt im Leben des jungen Mannes, wenn alles andere nicht passiert wäre.
Hanna verschwindet plötzlich aus seinem Leben. Er trifft sie wieder, als junger Jurastudent im Gerichtssaal. Sie ist mit weiteren Frauen angeklagt, verantwortlich und schuldig geworden zu sein für
den Tod 3oo Juden, die eingeschlossen in einer Kirche, die nach einem Bombenanschlag in Brand gerät, qualvoll und grausam sterben. Nur zwei menschen, Mutter und Tochter, überleben und sind als
zeugen in dem Prozeß anwesend.
Der Schock für Michael ist groß, Hanna in den Angeklagten wiederzuerkennen. Das Prozeßgeschehen und die dazwischengeschalteten Vorleseseminare, in denen Michael unterrichtet wird, sind
beeindruckend. Der Professor, gespielt von wieder einem herausragenden Bruno Gans, den ich als Schauspieler unglaublich schätze, stellt klar und deutlich in den Raum, alle Emotionen außen
vorlassen, wie das war, damals, im dritten Reich, mit den Verantwortlichen für das Unfaßbare.
Denn.....viele waren verantwortlich, haben es aber nicht gemerkt, durchschaut. So versucht er den Zuhörern klar zu machen. Es herrschten andere Gesetze damals. Die Gesetzes eines Landes verändern
sich je nach politischer Richtung. Und der Mensch, der in einem System lebt, ist, nein, wird angehalten, diese Gesetze zu achten und ihnen zu folgen. Ergo, was hätten Hundertausende von Menschen
machen sollen, die sich dem Gesetz widersetzt hätten. Sie hätten nichts anderes gemacht, als sich gegen ein Gesetz gewehrt und wären somit von diesem Gesetz selber hingerichtet worden. Nein, das
bringt er klar und deutlich zum Ausdruck, das ist keine Entschuldigung, es ist nur eine Erklärung, um zu verstehen. Ujnd, welche Auswirkung hat ein persönliches, individuelles Schicksal auf das
große Ganze.
So hört man auch Hanna fassungslos zu, als sie auf die Fragen des Richters antwortet. Warum sie nicht eingegriffen habe, warum sie die Türe der Kirche nicht geöffnet hätte, um die Menschen zu
befreien. Man kann nicht umhin in tiefes Schweigen zu verfallen, bei der Antwort. Was hätte sie tun sollen. Hätte sie die Gefangenen befreit, wäre es zu einem Chaos ausgeartet. Sie habe nur ihre
Pflicht als Wachdienstlerin getan. Dafür gesorgt, dass die Gefangenen bleiben, wo sie hingehören, nicht entkommen konnten und sie somit nicht verantowrtlich gewesen wäre, für eine Flucht. So
einfach ist das. Sie hat nur ihre Pflicht, das getan, was man von ihr in ihrem Beruf erwartete. Sie empfindet keine Schuld, keine Reue.
Hanna wird verurteilt, überführt, nein, eigentlich nicht überführt, denn sie nimmt nur die Schuld auf sich, die Hauptverantwortlichkeit für das Geschehen, obwohl es ihr nicht zusteht. Denn...sie
kann es nicht gewesen sein.....
Und somit kommt der Film zu einem anderen Thema, dem des Analphabetismus. Hanna kann nicht schreiben und nicht lesen. So, wie Michael ihr in ihren gemeinsamen Stunden vorlesen mußte, ließ sie sich
von den Gefangenen vorlesen. Analphabetismus, auch immer noch ein Thema in unserer heutigen Welt, stellt den menschen an den Rand der Gesellschaft. Der Film zeigt in beeindruckender Weise, was es
mit einem Menschen macht, wie er ihn in die Einsamkeit drängt.
Der Film zeigt, dass die Scham über die eigene Schwäche, dem Analphabetismus größer ist, als die Scham darüber, was man Hunderten von Menschen angetan hat. Sie geht soweit, dass man alles auf
sich nimmt, um nur ja zu verschweigen. Der Egoismus, das eigene Ich ist größer, wichtiger als das, was man anderen angetan hat.
Michael, der zuschauen muß, wie Hanna zu lebenslang verurteilt wird, lädt in diesem Moment ebenfalls Schuld auf sich, eine ganz persönliche Schuld.
So zeigt der Film in unglaublicher Weise was Schuld mit dem Menschen macht, wie es dazu kommen kann, Schuld für Hunderte von Menschen auf sich zu laden.
Es ist ein stiller Film, mit ruhigen Bildern, der genug Zeit läßt, zwischendurch den gestellten Fragen nachzugehen. Gesten und Mimiken zeigen deutlich, was in den Protagonisten vorgeht, was sie
erspüren, erahnen, aber noch nicht bestätigt sehen. Besonders ist mir aufgefallen, dass das Element Wasser, eine starke Präsenz hat, nicht nur im Film, auch im Buch ist mir das schon aufgefallen.
Ich habe mich gefragt, was Schlink damit ausdrücken wollte. War es ein Hinweis auf die christliche Tradition bzw. das Sakrament der Taufe, die ja nichts anderes bedeutet als das Reinwaschen von
Schuld und Sünde? Wasser als reinigende Kraft? Es könnte eine Möglichkeit sein.
Aber schaut ihn Euch selber an, macht Euch Eure eigenen Gedanken und ihr werdet wieder einmal konfrontiert mit den Fragen nach Schuld, Sünde und Reue und der völlig nüchternen Betrachtungsweise,
dass Schuld auf sich geladen zu haben, auch bedeutet, dass es immer eine Vorgeschichte gibt, die zwar nicht entschuldigt, aber dennoch besser verstehen läßt. Der Mensch agiert nicht einfach, es hat
seine Bedeutung, warum er wie und wo agiert.
Das hilft gerade auch in diesem Geschehen die Emotionen außen vor zu lassen, nicht mit dem Zeigefinger auf Andere zu zeigen, sondern Betroffenheit zu empfinden, für alle Beteiligten. Denn auch das
zeigt der Film in deutlicher Weise, die erhobenen, moralistischen, verurteilenden Gesichter. Die, die im Nachhinein immer wissen, dass sie, wenn sie in dieser Zeit gelebt hätten, es besser gemacht
hätten. Wissen wir wirklich, ob es heute anders wäre. Ob wir, die wir zurückschauen auf die Geschichte andere Menschen gewesen wären? ICh bin mir bewußt, dass dieser Gedanke ungeheuerlich ist, aber
hätte jeder von uns, der den Film sieht, der mit Schrecken auf die Vergangenheit schaut, wirklich anders gehandelt. Ich glaube jedenfalls, dass es auch heute nur Ausnahmen wären.