Samstag, 30. mai 2009 6 30 /05 /2009 11:43
Ja... jetzt sitze ich hier vor dem PC, gerade aus dem Kino kommend und ich hab keine Musik an. Das gab´s noch nie. Warum!
 
Also, ich beginne mal von vorn. Es war ein kurzer spontaner Entschluß heute Abend ins Kino zu gehen, um mir den neusten Jim Jarmusch-Film "Limits of controll" anzusehen. Wer Liebhaber von Jarmusch-Filmen so wie ich ist, hat eine hohe Erwartung. Er ist einfach ein Meister des Lyrik-Films. Jarmusch ist ein Liebhaber der Lyrik und natürlich der Musik. Lyrik, sagt er, kann man anschaun, filtern, Satz für Satz, Zeile für Zeile.. Aber einen Film kann man nicht aufhalten, nicht stoppen in einem Moment, wo es eine Szene gibt, die man festhalten möchte.
 
Damit hat er alles gesagt...wie ich finde...denn genauso ist es mir in dem Film gegangen. Ich hätte ihn Szene für Szene anhalten können, innehalten, nochmal hinhören, nochmal die Farben sehen, nochmal die Perspektive anschaun, mit der er unglaubliche Alltagsszenen beleuchtet. Wie er Geräusche ganz normaler kleinster Dinge zu einem Volumen, ja zu einem Ton, der Musik ist, in den Ohren klingen läßt.
 
Wer sich irgendwann jemals mit Zen oder Meditation beschäftigt hat, wer selber einen ganz anderen Blick bekommt, wenn er durch die Straßen geht, wenn er hört, was unsere Welt erzählt, Dinge, die für den normalen geschäftsumtriebigen Menschen nicht mehr sichtbar oder hörbar sind, der ist in diesem Film genau richtig.
 
Als ich zu Beginn eine Bekannte im Kino traf, die gerade aus dem Film kam, fragte:" Und? Wie war er?" Schaute sie mich nur stumm an und antwortete:" Mach Dir selbst ein Bild!"
 
So was hab ich auch noch nicht erlebt. Aber als ich selber aus dem Film kam, ging es mir genau so. Ich hätte nichts mehr mit Niemandem besprechen können, erstmal... Da wäre nur ein gemeinsamer Spaziergang durch die Nacht noch drin gewesen. Weil...es ging weiter...mit dem Film, bei mir zumindestens. Auch jetzt hab ich das Gefühl, der Film hat sich in mein Leben transportiert.
 
Ich war von der ersten Sekunde an völlig hypnotisiert und mein Blick hat sich nicht eine Sekunde von der Leinwand gewendet. Meine Ohren waren hochsensibilisiert von dem Moment an, wo ich das musikalische Intro hörte, gespielt von Bad Rabbit. Der Oberhammer schlechthin.
 
Es ist einfach unglaublich, was da geschieht... in diesem Film. Schon allein die Perspektive der ersten Szene, wo ein Auftragskiller auf einer Flughafentoilette in seine Rolle schlüpft, sich umzieht und am Ende als er fertig ist, mit einigen Taichi-Übungen seine Konzentration schärft. Wie Jarmusch das wirklich meisterlich hinbekommen hat, diese Szene von Oben herunter zu drehen, ist einfach nur genial. Ich dachte, was will er damit ausdrücken. Nichts anderes, als, wenn Du Deinen Blick aus einer anderen Perspektive auf das Leben wirfst, kannst du eine völlig andere Einstellung bekommen, eine andere Sichtweise. Ach herjeh...allein über diese erste Szene könnte man stundenlang philosophieren.
 
Aber es geht weiter, immer weiter, ein Bild nach dem anderen, das mich gefesselt hat. Ein philosophischer Satz nach dem Anderen. Ich konnte sie mir leider gar nicht alle merken.
 
Der Auftragskiller, einer, von dem man gar nichts, aber auch gar nichts erfährt, wer er ist, macht sich auf den Weg sein Opfer zu finden. In einer Aneinanderreihung von Situationen, in denen er absolut skurile Gestalten trifft, die ihm jedesmal eine kleine Streichholzschachtel überreichen, in der sich der nächste Hinweis befindet, kommt er seinem Ziel und seinem Opfer näher.
 
Bei diesen Übergaben entspinnen sich kurze, kleine Gesprächsfetzen. Da kommt z.B. ein Mann mit einem Geigenkasten. Umspinnt ihn mit einem Gespräch über Musikinstrumente. Ich mußte ein wenig schmunzeln in diesem Moment, weil ich genau da an Gohrisch Beitrag über das Cello denken mußte und an die Frage, was mach ich jetzt mit diesem Instrument, dass ich gar nicht spielen kann. Jetzt steht es da in derEcke. Hat ein Musikinstrument noch einen Sinn, wenn es nicht gespielt wird? Die Antwort war absolut klasse und mir selber sehr vertraut. Jedes Instrument, auf dem gespielt wurde, über Jahre von Menschen behält seinen Klang und man kann ihn, wenn man sensibel genug ist, tatsächlich hören. Einfach sensationell, diese Szene.
 
Oder eine absolut schräg aufgestylte Blondine, mit weißem mantel, schwarzer Sonnenbrille und Cowboyhut, setzt sich zu ihm an den Tisch und erzählt ihm etwas über Filme. Sie schaut gern Filme, andere FIlme und sagt so nebenbei, manchmal sei es ihr gar nicht mehr klar, ob sie die Szene, die sie manchmal vor Augen hat, aus einem FIlm war oder ob es ein Traum ist.
 
Wer kennt nicht solche Situationen, Momente, wo man selber denkt, ist das jetzt Realität, was hier passiert, oder träume ich oder habe ich das irgendwo schon mal gesehen? Das Leben vielleicht nur erträumt? Ausgezeichnet, einfach fantastisch.
 
Die Bilderflut geht weiter, obwohl es eigentlich keine Flut ist, sondern eine sanfte Aneinanderreihung von Farbspielen, Häusermeeren, Flughäfen, Bahnhöfen, Treppenhäusern, Häuserfassaden, Türen, Menschen, die an ihm vorbeigehen oder einfach irgendwo herumsitzen. Absolut nichts Spektakuläres und doch außergewöhnlich. Man muß ein ganz besonderes Auge haben, um genauso die Welt wahrzunehmen, wie Jarmusch sie uns zeigen will.
 
Und immer wieder fällt dieser Satz:" Wer glaubt er sei höher als der Andere, der soll auf den Friedhof gehen, da sieht er, was die Erde ist!"
 
Sofort hatte ich den Gedanken aus dem neutestamentarischen Ausspruch von jesus." Wer sich selber erhöht, der wird erniedrigt werden!". Unglaulich. Aber so ist es. Das sehen wir dann am Ende, aber wie, verrate ich natürlich nicht.
 
Was Meditation bewirken kann, eine Form höchster Aufmerksamkeit für alles was geschieht, aber auch Selbstbeherrschung bis in die größten Versuchungen hinein, zeigt Jarmusch auf bravouriöse Weise. Unglaublich, wie er das geschafft hat. Eine super Szene, wie er in eines der für ihn vorgesehenen Wohnung kommt und dort auf dem bett eine wunderschöne nackte Verführung liegt, von der er sich aber in keinster Weise angezogen fühlt. Nein,,, man sieht nicht einen Muskel zucken. Er bringt es sogar fertig, die Nächte immer wieder neben dieser Verfügung zu liegen, ohne dass es etwas mit ihm macht. Herrlich. "Magst Du keinen Sex?", fragt ihn die Verführung. "Nicht bei der Arbeit!", seine Antwort. Genial!
 
Jarmusch zeigt, was machbar ist, dass man alles abschalten kann in einem moment, was da nicht hingehört, was nur ablenken, stören würde und somit man dann nicht mit seiner ganzen Kraft und Aufmerksamkeit bei den Dingen ist, die wirklich wichtig sind.
 
Oder der Mecikaner, der ihm einen Spiegel hinhält und sagt:" Manchmal ist die Welt wirklicher, wenn du sie ihm Spiegel anschaust!" Unglaublich! Ich erinnerte mich sofort an eine Situation, die ich selber vor ein paar Tagen erlebt hatte. Ich saß vor unserem Küchenfenster, und in der Scheibe spiegelte sich nur die Hälfte des draußen im Garten stehenden großen Buchenbaums. Ich war wie gebannt in diesem Moment, weil mir der Gedanke kam, genauso ist es. Man sieht immer nur die Hälfte der Wahrheit, aber es gibt noch eine andere Wahrheit, eine andere Perspektive. Die gilt es zu erforschen.
 
Der Trick, den Jarmusch eingebaut hat, in dem er den Auftragskiller in dem Cafe, in dem er immer auf seine Mittler wartet, die ihm weitere Instruktionen geben sollen, indem er ihn immer zwei Tassen Espresso bestellen läßt, hab ich sofort, in der ersten Szene durchschaut:-) Dieser Auftragskiller hat zwei Seelen, zwei Leben, ein ganz Normales und das des Killers. Herrlich, wie er das einerseits trennen kann, andererseits aber genau weiß, sich also nicht entfremdet, dass diese zwei in ihm wohnen.
 
Und dann am Ende das Unglaubeliche! Was ist mit der eigenen Vorstellungskraft möglich. Was kann man mit seiner Phantasie, seiner Vorstellungskraft bewegen. Kann ich mich in einen anderen Raum hineinversetzen, ohne das jemand merkt, wie ich hineingekommen bin?
 
Es ist doch manchmal so, dass man durch die Konzentration, die man an den Tag legt, gar nicht mehr merkt, wie man sich bewegt hat, wie man dahingekommen ist, wo man sich befindet und selber denkt...ein Traum muß es wohl gewesen sein. Ich jedenfalls hab solche Gefühle, Erlebnisse sehr oft gehabt. Und auch das, was man erlebt hat, wenn man zurückschauen möchte, erscheint einem manchmal nur wie ein Traum.
 
Ach..was soll ich sagen...schaut Euch diesen absoluten Wahnsinns-Hammer-Film an, laßt Euch ebenso verzaubern, wie es mit mir geschehen ist.
 
Und..ich sag Euch was...es ging tatsächlich weiter danach, wie ich eingangs geschildert habe. So was hab ich nämlich auch noch nie erlebt in der Conenova. Normalerweise ist es so, wenn man um 22.3o Uhr aus einem Film kommt, stehen draußens chon die Schlangen für die nächste Vorstellung. Diesesmal aber, ich bleib ja immer bis zur letzten Minute in meinem Kinosessel versunken, war Niemand da. Niemand! Ich konnte es gar nicht fassen. Ich war total allein. War richtig gespenstisch, wie ich da durch den Gang hinaus in die dunkle Welt hinausging, hier und da von denLichtern und Farben in einer Weise angesprungen wurde, die mir den Eindruck vermittelte, alles erzählt mir eine Geschichte. Und so wanderte ich verträumt zum Parkhaus, hörte jeden Schritt, das Rascheln meiner Hose, wenn die beine aneinandergerieten, hörte das Quitschen meines Lenkrades, das Geräusch beim Anlaßen des Motors, das sich ständig veränderte, den hin- und wieder hörbaren Gesprächsfetzen durch die heruntergedrehte Fensterscheibe, eine Musik, von irgendwoher, aus einem anderen Auto, einem lokal, ein Lachen, ein bremsen eines Fahrrades. Unglaublich, ich könnte jetzt stundenlang geschichten erzählen, von den Geräuschen und Farben, die ich wahrgenommen habe.
 
Aber so geht es mir ja immer im Leben.
 
Jim Jarmusch - Limits of Control - Ein absolut sehenswerter Film. Das ist Kunst, Lyrik, Musik, Philosophie, Traum und Wirklichkeit!
 
Und Hier ein kleines Schmackerl;-))
von Fernweh - veröffentlicht in: filmkritiken - Community: Kino
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