Thursday, 20. may 2010 4 20 /05 /Mai /2010 08:02

Ich kenne sie jetzt fast alle, die Obdachlosen, Junkies, Punker und sonstigen Rumlungerer am Frankfurter Hauptbahnhof. Berührungsängste hab ich keine, nie gehabt. Immer, wenn ich mein Zigarettenpäuschen mache, treff ich sie ja, da ist es normal, wenn man mal in ein Gespräch kommt. Außerdem...ja außerdem halten sie immer die Tür auf, jedenfalls zwei von denen, nein, nicht nur mir, sondern allen, die da ein- und ausgehen. Tag für Tag.
 
Hatte ich gleich bemerkt, von Anfang an. Merkwürdig dachte ich, warum tun die das? Ich meine, stehen da rum von morgens bis Abends und halten den Leuten die Tür auf.
 
Hm...dachte ich, muß ich mal fragen. "Sag mal, warum machst Du das eigentlich, das, mit dem Türaufhalten?", fragte ich also.
 
Die Antwort kam schnell, ohne lange zu überlegen. "Man muß ja eine Aufgabe haben", wurde mir entgegnet.
 
Aha...verdutzt vor mich hinguckend, da hab ich nix mehr zu sagen können. Was für eine Antwort. Hätt ich nicht gedacht, dass eine solche kam.
 
Klar folgte darauf noch die ganze Geschichte des Lebens, warum, wieso, weshalb, man da steht, Verlust des Arbeitsplatzes, Frau weg, Hütte abgebrannt, Märchen? Keine Ahnung. Kann sein, kann aber auch stimmen.
 
Der Mensch kann schnell fallen und ob er aufstehen kann, ist eben nicht immer gewiß. Manche schaffen es, manche bleiben.
 
Oft sind die Geschichten wahr. So wie von Mo, der Obdachlose, der in Sachsenhausen schon seit einigen Jahren auf der Straße lebt, in einem Häusereingang, direkt neben Woolworth. Auch er hat natürlich eine Geschichte, wie es dazu kam. Er hatte einen Unfall, vor Jahren, mit seiner Frau. Schlimm....er mußte zusehen, wie seine Frau verbrannte. Jung war er, jung ist er. Nicht mal 3o Jahre alt. Ist er nicht drüber weggekommen. Hat seine Arbeit verloren, dann fing er an zu trinken, wurde abhängig und landete auf der Straße. Das Frankfurter Jorunal hat ihm einen Artikel gewidmet.
 
Geht man an dem Hauseinagng vorbei, sieht man seine Matratze, seine paar Habseligkeiten, dort lebt er, Sommer wie Winter. Man, dachte ich beim ersten Mal, es war noch Winter, lausig kalt, wie kann man das überleben? Aber er überlebt. Also, runtergekommen sieht er nicht aus. Die Menschen um ihn herum haben Anteil genommen in all den Jahren. In dem Artikel im Journal sagte er, das habe ihm am meisten geholfen, die Gespräche mit den Menschen. Das hat ihn wieder auf die Beine gebracht. Mittlerweile trinkt er nicht mehr. Arbeit hat er in Aussicht. Ich hoffe für ihn, dass das klappt. Wie er gelebt hat? Also, gebettelt hat er nie. Bei Woolworth hat er sich waschen dürfen und die Toilette benutzen dürfen. Der eine oder andere hat ihm was gegeben, Geld, Nahrungsmitttel, wie auch immer. So hat er überlebt. Aber nix getan, hat er nie.
 
Jeden Tag sorgt er dafür, dass deine Umgebung sauber ist, er fegt die Straße, Tag für Tag und sammelt den Müll ein und hier und da, verrichtet er andere kleine Aufträge, die man ihm gibt. Hartz IV...das wollte er nie in Anspruch nehmen, sagte er. Daher hat er sich eben eine Aufgabe gesucht.
 
Der Mensch muß eine Aufgabe haben.
 
Schwer würd´s ihm fallen, wegzugehen, von der Straße, die er liebgewonnen hat, wo er sich mittlerweile zuhause fühlt, schon wegen der Menschen, die Anteil an ihm genommen haben und wegen der Straße. Ist doch nicht alles so furchtbar, wie man manchmal denkt, denke ich, als ich den Artikel las und wenn ich ihn sehe.
 
Was bleibt, ist die Aussage:" Der Mensch muß eine Aufgabe haben"...Irgendwie stimmt das doch...Aber es ist wohl nciht selbstverständlich, dasss Menschen, die aus dem sozialen Netz herausgefallen sind, sich diese selber suchen, Tag für Tag. Geschichten können die erzählen...
 
Und da sind eben auch die Anderen, die das nicht mehr können, sich eine Aufgabe suchen. Der eine schafft es, der Andere nicht. Es ist wohl alles ein Geheimnis im Leben, verstehen kann ich es nicht, wieso der eine, und der andere nicht. Hätte nicht jeder die Chance.
 
Jedenfalls...lange Rede kurzer Sinn...ich hab Respekt vor denen, wirklich, dass die das tun, ohne zuerwarten, einfach so. Und wenn ich manchmal sehe, wie die Menschen das in Anspruch nehmen, beladen oder mit schweren Koffern hinter sich herziehend...nicht mal danke sagen...als wenn das so normal wäre, für sie, diesen kleinen Dienst in Anspruch zu nehmen...
 
Morgens um o9.oo Uhr beginnen die Beiden, abends um 22.oo Uhr beenden sie ihren Dienst, einfach so....Das ist wohl auch Leben. Ich hoffe mal, nur vorübergehend und sie schaffen es wieder weiter, hinein, in das soziale Netz, Arbeit, Wohnung und vielleicht ein klein wenig Glück. Stille-Kopie-1.jpg

von Fernweh - veröffentlicht in: ansichten - Community: Alltagswahnsinn
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