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8. Januar 2019 2 08 /01 /Januar /2019 23:36
Eigentlich wollte ich mit Omma ins Kino gehen. Der Oppa ist nämlich vor Weihnachten verstorben. Die Omma ist tapfer. Sie ist zwei Jahre jünger wie der Oppa. Der Oppa ist 92 Jahre alt geworden. Ein stattliches Alter. Und ein gutes Leben. Er hat nicht leiden müssen. Er ist ganz einfach *mitten aus dem Leben* so sagte die Omma es uns, gegangen.
 
Wir mußten alle schmunzeln bei diesem Satz *mitten aus dem Leben mit 92* Aber sie hat es so empfunden, die Omma. Wir irgendwie auch. Der Oppa war noch bis zum letzten Tag recht mobil, vor allen Dingen im Kopf. Hat sich noch mit tausend Sachen beschäftigt, aber dann kam er ganz einfach so mitten im Leben, der Gevatter Tod und hat ihn geholt. Wir haben alle geweint. Das ist doch klar. Aber dann war es auch gut. Wir haben wieder gelacht und uns gefreut, dass wir ihn gehabt haben, den Oppa. Die Omma ist auch tapfer. Voll tapfer. Sie hätten ja damit gerechnet. Sie Beide. Haben viel darüber gesprochen. Wenn einer zuerst geht. Wie es für den anderen weitergehen soll. Gut weitergehen soll es. Haben sie beschlossen. Es geht mit der Omma auch gut weiter. Sie ist super tapfer. Und wir sind ja alle da. Ihre Kinder, ihre Schwiegerkinder, auch die nicht mehr Schwiegerkinder, die Enkel und das erste Urenkelchen. Das kann zwar noch nicht viel tun. Das machen wir ja. Aber es kann die Freude ins Herz schenken. Das kleine Leben. Und das hat es auch getan. An Weihnachten. Die Omma war glücklich. Ein Urenkel ist da.
 
Aber ich hole wieder weit aus. Mit Omma Kaffeeschnuddelchen wollte ich und dann anschließend ins Kino. Sie wollte auch. Zuerst. Aber dann, beim Kaffetrinken zog das Unwetter auf. Dicke Hagelkörner, wechselnd mit Regenschauer. Und ein Sturm, der sich gewaschen hatte. Lieber nicht. Sagte sie dann. Ein ander Mal. Wir haben dann weiter Kaffee getrunken und erzählt. Von Heute und von Gestern. Vom Morgen nix. Jedenfalls nix Weltbewegendes. Geht ja auch gar nicht. Was soll man schon von Morgen reden, wir haben ja gesehen. Es geht sehr schnell mit dem der Welt verlorengehen.
 
Bin dann allein. Ins Kino. Nur später. Als der Film aus war, dachte ich, schade Omma, dass du nicht dabei warst. Er hätte dir gefallen. Ich hol das mit ihr nach. Schau ich ihn halt noch einmal. Man kann ihn sowie immer wieder gucken. Es wird ganz sicherlich nicht langweilig.
 
Mit Bus und Bahn war ich trotz des Unwetters recht schnell in eines meiner Lieblingskinos. Dem Cinenova in Ehrenfeld. Da läuft er unter anderem. Natürlich viel zu früh. Wie immer. Viel viel zu früh. Über eine Stunde hatte ich noch Zeit. Das war nicht schlimm. Da sitzt ich eben rum, lese in der Zeitung, die ich in der Tasche hatte und als die Lust darauf vergangen war, guckte ich einfach so um mich herum und ließ die Füße baumeln. Später dachte ich, dass mit den Füßen baumeln lassen, paßte auch zum Film. Denn ein ganz klein bisschen bin ich, und nun kommen wir zum Film, auch ein Kind geblieben wie der Hape Kerkeling.
 
Der Junge muß an die frische Luft, dass sagte nämlich der Oppa im Film zum Hans-Peter, der später einfach zum *Hape* wurde, als er dann groß war und auf der großen Bühne der Unterhaltung seinen Platz gefunden hatte. Oscarpreisträgerin Caroline Link *Nirgendwo in Afrika, wohl jedem bekannt, hat Hape Kerkelings Autobiografie *Der Junge muss an die frische Luft* verfilmt, und zwar wunderbar gelungen, wie ich finde.
 
Der kleine Hans-Peter, gespielt von Julius Weckauf sollte nach meinem Ermessen einen Oscar für diese Rolle bekommen. Nicht, dass er sehr genau dem Bild des wirklichen kleinen Hans-Peter in den Kinderjahren ähnlich ausschaut, nein, auch, weil er genau, jedenfalls davon bin ich überzeugt, den Charakter des kleinen Hans-Peter 1:1 wiedergespiegelt hat. Jedenfalls weiß man das, wenn man auch die Erzählung von Kerkeling in seinem Buch selber verfolgt. Ich konnte gar nicht genug von dem kleinen Hans-Peter hören und sehen. Allerliebst. Wie man in dem Jungen das schon sah, was er später geworden ist. Evje an Dampen, Gisela, Günther Warnke, Hannilein, Horst Schlämmer und und und... In so viele Rollen ist er geschlüpft und hat aufgezeigt, wie gut Unterhaltung sein kann.
 
Wild, bunt, harmonisch und verspielt waren die ersten Kinderjahre von Hape. Aufgewachsen zuerst mit Vater, Mutter und dem älteren Bruder  bei Omma Bertha und seinem Oppa in ländlicher Idylle nahe Recklinghausen. Er konnte über Felder und Wiesen streifen. Später mit seinem Pferd, dass ihm Omma Äenne geschenkt hatte. Der Vater, von Beruf Schreiner, verdiente gut, damals in den 70ern und schon bald konnte die Familie in die Stadt in ein eigenes Haus ziehen. Omma Bertha blieb zurück. Aber es sind doch nur 15 Minuten bis zur Stadt sagte der Oppa. Die Omma sollte nicht weinen. Und der kleine Hans-Peter schon gar nicht.
 
Die verrückte Omma Aenne, die das erste traurige Ereignis in seinem Leben war. Denn er mußte Abschied nehmen von ihr, sie verstarb an einer Krebserkrankung. Einen Gemischtwarenladen hatte sie, die Omma Aenne, in den Hans-Peter immer lief und es seine Gewohnheit war, still im Laden stehen zu bleiben um den Gesprächen der Kunden zu lauschen, die er dann später vortrefflich zum besten wiedergab. Herrlich. Und immer hatte er die Lacher auf seiner Seite. Ein wunderbares Kind dieser Hans-Peter. Man muß ihn einfach lieb haben und man muß in diesem Kind auch den Hape Kerkeling lieben, der er später geworden ist.
 
Und das ganze Millieu kommt einem doch all zu bekannt vor, wenn sich in der ungefähren Altersstufe befunden wird. Dieses 60/70er-Jahre-Geschmäckle, Eierlikör, Mettigel, Hausmannskost, Nierensessel und Nachbarn, die aus den Fenstern schauten, weil das Leben draußen noch interessanter war, als im Fernsehen oder auch noch keins da war. Caroline Link hat das alles so authentisch rübergebracht, dass man da saß und meinte alles spären, riechen und anfassen zu können. Der Film ist tatsächlich auch eine kleine Zeitreise. Man kommt nicht dran vorbei, dass eigene Erinnerungen hochkommen.
 
All das, was im Film gezeigt wird, hat man doch selber so erlebt. Die Schlager die tagtäglich gedudelt wurden und die das Leben der Menschen damals so in den Bann gezogen haben. Sie sangen sie mit, auch der kleine Hans-Peter konnte das vortefflich. Du bist nicht allein, denn du träumst von der Liebe...sang Roy Black damals und der kleine Hans-Peter konnte den Text auswendig. Eine unglaublich berührende Szene, wie er am Abend nach der Beerdigung seiner Mutter allein in der Küche steht und das Lied singt und sich dabei bewegt wie Roy Black selber.
 
Es schien, als wenn dieser Freitod seiner Mutter die Leichtigkeit und Unbeschwertheit ihm geraubt hat. Er trauerte. Wie furchtbar für ein kleines Kind, seine Mutter so zu verlieren. Dazu passierte es nicht irgendwo von ihm entfernt, sondern er hat neben ihr gelegen, im elterlichen Schlafzimmer. Die Mutter ist einfach nicht mehr aufgewacht. Hatte sich am Abend davor von ihm verabschiedet. Ich geh schlafen, sagte sie zu ihm, du kannst so lange Fernsehen schauen, wie es dir Spaß macht. Sie hat sich nicht mal umgedreht, als sie ging.
 
Sie hat mir keinen letzten Kuß gegeben, sagte der kleine Hans-Peter am Ende des Films. Verstanden hat er all das erst viel später. Warum! Depressionen. Da war nichts mehr in ihr an Gefühl. Nur noch Leere und Kälte. Weil, so hab ich gedacht, wie kann eine Mutter ein solches Kind einfach allein lassen. Das will man nicht begreifen. Aber da war nichts mehr. Wenn nur noch dieses Nichts im Menschen vorherrscht, dann kommt da entweder nichts mehr, nimmt nicht mehr am Leben teil, auch nicht mehr an den Menschen, die man einst geliebt hat, es ist einfach alles egal. Andere wiederum haben auch diese Leere und Kälte in sich, gehen aber nicht in den Tod, sondern werden aggressiv, verletzen, werden zu Gewalttätern. Es gibt nur diese beiden Möglichkeiten dachte ich.
 
Aber es muß weitergehen. Das war und ist das Lebensmotto vom kleinen Hans-Peter und wohl auch von Hape Kerkeling geblieben. Niemals stehen bleiben. Wer stehen bleibt hat verloren.  Nur das Weitergehen, Weitermachen hilft, denn man weiß nie, was noch kommt. Und auf Einbrüche können auch wieder freudige Dinge hereinscheinen, von denen du in Trauer und Schmerz nichts ahnst. Wenn du nicht mehr weitermachst, wirst du das nie erfahren. Und es muß zusammengehalten werden.  Das hat er kennengelernt, der kleine Hans-Peter. Wie sie alle nach dem Tod seiner Mutter zusammenblieben, sich kümmerten. Die ganze Familie, Omma, Oppa, Tanten, der Bruder, Freunde, Nachbarn. Das war damals noch so. Jedenfalls manchmal. Das hat mit dazu beigetragen, dass er sich weiter entwickeln konnte, der kleine Hans-Peter, dieser Schoß der Familie, die ihn alle liebten.
 
In einem Gespräch mit ihm nach Abschluß der Dreharbeiten las ich, als er danach befragt wurde, ob er sich mit dem Tod seiner Mutter versöhnt habe, er die Antwort *Ja* gab. Ja, da er ein Mensch sei, der zur Versöhnung neigte. Das nehm ich ihm total ab. Es gibt keinen Frieden, wenn der Mensch nicht mit dem, was geschehen ist, sich ausgesöhnt und vergeben hat. Er wird sich ständig in der Opferrolle fühlen und die Welt einfach nur böse sehen. Jede kleinste Mißachtung anderer, unbewußte Verletzungen oder Kränkungen wird er so wichtig nhehmen, dass kaum eine gute Beziehung entstehen kann.
 
Das Buch endet nach ca. 300 Seiten. Hans Peter war da gerade 8 Jahre alt. Eigentlich sollte das Buch die Geschichte seiner Berufsjahre darstellen. Jedoch war es ihm genug. Er wollte ja kein Tolstoi werden. Typisch für Hape, dieser feine, ernste Humor, der die Geschichten der Menschen, wie er sie beobachtet mit einer Gabe, wie kein anderer, aufzeigen konnte. Vielleicht kommt ja doch irgendwann wieder etwas von ihm. Man möchte nicht auf ihn verzichten in dieser öden Unterhaltungswelt.
 
Der Film endet mit Hans-Peters erste Schulaufführung, dem Hans Dampf. Eigentlich sollte er diese Rolle spielen. Aber als er von seiner Lehrerin dafür vorgeschlagen wurde, lehnte er ab. Er war noch zu tief in der Trauer. Doch  tags darauf hatte er sich wieder anders besonnen. Aber da war die Rolle schon vergeben. Und die Lehrerin gab ihm eine kleine Rolle als Hausmeister mit zwei Sätzen, die eigentlich aus dem off nur hätten gesagt werden sollen. Aber Hans-Peter kam auf die Bühne, sprach nicht nur diese beiden Sätze sondern machte seine eigene kleine Geschichte daraus. Und am Ende hörte man, wie alle sagten, der Hausmeister war der Beste. Da wußte man und das hatte ihm seine Omma Aenne noch auf dem Sterbebett gesagt, aus dir wird mal ein ganz Großer. Du sagst Sachen Omma, antworteter er ihr. Bist du jetzt auch verrückt. Aber was hätte er auch sagen sollen. Man weiß doch nie, ob als Kind oder Erwachsener, was Morgen mit einem passiert und wer man dann sein könnte.
 
Dann spricht der große Hape Kerkeling noch ein paar Worte, während die Kamera langsam über die Felder mit Mohnblumen und die Wiesen draussen vor den Toren Recklinghausens zieht und er sagt: Ich bin die Felder, die Wiesen, die Mutter, der Vater, die Ommas, die Oppas, all die Tanten und Onkels, all die lieben Menschen, die Gerüche, die Dinge die geschehen sind, all das bin ich.
 
Ich hab geweint. Wirklich. Ich hab mehrmals geweint, aber auch dann gleich wieder gelacht. Das geht gar nicht anders beim Schauen des Films. Und ist es nicht so. Wir, die da nur zuchauen auf ein anderes Leben eines Menschen, der uns durch seine wunderbaren Auftritte vergnügliche Stunden bereitet hat, wir sind doch auch all das, woher wir kommen, was wir erlebt haben, mit all denen verbunden, die uns durch unsere Lebenszeit begleitet haben. Wir sind nicht nur das, was unser ganz Eigenes ist, nein, wir sind auch das, was all das, was gewesen war mit uns  und uns zu dem gemacht hat, der wir sind.
 
Und wenn es mal wieder im Leben recht schwer wird, ja na dann, dann muß man einfach mal, wie der kleine Hans-Peter mit seinem Oppa an die frische Luft. Tapetenwechsel nennt man so was. Das haben die Beiden auch gemacht, damals, als sich aufzeigte, dass es mit der Mutter nicht gut stand und Hans-Peter nur noch bei ihr weilte, um sie zum Lachen zu bringen, damit es ihr wieder gut ginge.
 
Ein wunderbarer Film für alle Hape-Fans, der selbst in der Schwere nie seine Leichtigkeit verliert und man eigentlich möchte, dass er immer weitergeht und uns noch mehr vom Leben Hape erzählt.
 
 
 
Cinenova
Der Junge muss an die frische Luft
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

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27. Mai 2017 6 27 /05 /Mai /2017 00:10

Den Beuys, den wollt ich sehen, den Film. Natürlich ist er nicht gänzlich an mir vorbeigegangen, der Beuys. Jedoch, wie so oft in der Vergangenheit, das Leben hat mich anders gebraucht und ich mich selber auch. So kam es, dass mir nur bruchstückweise einiges über ihn bekannt war. Klar, er war zu seiner Zeit ja auch ein Revolutionär, ein Herausforderer, ein Anleiter zum Widerstand, zum Achtsam sein, zum selber Denken, zum Willen vom verändern, das konnte ja auch nicht ganz an einem vorbeigehen.
 
Daher war ich natürlich sofort begeistert, als ich las, es gibt einen Film über ihn. Joseph Beuys, Fragmente einer Lebens- und Werkbiografie, hätt ich als Untertitel auf jeden Fall gewählt. Aber *Beuys* ist auch in Ordnung.
 
So machte ich mich am christihimmelvattertachstag nach einem schönen Spätnachmittag weiter mit dem Rad auf dem Weg, um diesen schönen Film im Kino anzuschauen. Ob er schön werden würde, wußte ich natürlich noch nicht. Die Menschen, mit denen ich zuvor noch einen halben Nachmittag auf dem schönen Cafeplatz in meinem ehemaligen Heimatort Köln-Nippes geplaudert, nein, teilweise heiß diskutiert habe, meinten zwar, Roeschen, bei so nem schönen Wetter geht man doch nicht ins Kino. Aber ich mache ja eh immer was ich will und vor allen Dingen, was ich mir in den Kopf gesetzt habe.
 
Immerhin, als ich mein Rad abstellte, hatte ich erstmal Augenkontakt mit einer ebenfalls sehr netten Radlerin und wir stellten unsere beider Räder nebeneinander. Klar fragte ich sie, na, welchen Film schauen sie denn an. Beuys, antwortete sie. Na dann sind wir ja schon zwei: Und so waren es doch tatsächlich vielleicht zwei Hände voll Menschen, die sich ebenfalls an diesem sommerlichen Abend hier in der Cinenova in Köln eingefunden hatten. Ich meine jetzt ist nun endlich Sommer, Sonnenschein und Eiswetter, das ist ja aber am nächsten Tag auch noch. Und ausserdem hatte ich eh einen Sonnenbrand vom langen Sitzen im Cafe, wenn ich auch unterm Schirm saß, aber das schien der Sonne egal gewesen zu sein. Demnächst werd ich, wie auf Anraten eines netten Menschen, einfach mal die Sonne eincremen. Nun ja..scherzkes
 
So saß ich wie immer, dritte Reihe, Mitte, mit meiner Pulle Wasser und wartete der Dinge, die da kamen. Ach herrlich, Kino ist einfach was Feines.
 
Und sofort war ich in den Bann gezogen. Erstens von der Art und Weise, wie der Film gedreht wurde. Ich sagte ja schon vorab, es waren Fragmente, Einblicke aus Beuys Leben. Schwarz-weiß-Fotografien verschiedener Lebenssituationen, in denen sich die Kamera immer eines herauspickte und wir dann kleine Ausschnitte zu sehen bekamen, von seinen Happenings, von Gesprächen, die er mit Jemanden führte, Ausschnitte aus Fernsehsendungen, sein Auftreten in großen Versammlungen, in denen er alle Augen auf sich richtete. Er war einfach ein unfaßbar charismatischer Mensch, dem man am liebsten für ewig hätte gern in die Augen schauen wollen. Ich habe selten solche Augen wie die seinen bei einem Menschen entdeckt. Augen ziehen mich immer an. Es ist zumeist das erste, worauf ich bei einem Menschen, egal ob Mann oder Frau achte.
 
Da teilweise die Fotos auf der Leinwand sehr groß zu sehen war, hatte ich wirklich das Gefühl, er schaut mich an, bis tief in mein Innerstes. Und ich glaube, so wie ich das im Film wahrgenommen habe und auch heute den Tag über, wo ich Stunden im Internet mir alte Videos von ihm angeschaut habe, um mehr und mehr von ihm zu erfahren, so ein Mensch war er auch. Zutiefst sensibel, hinter die Dinge schauend, suchend, fragend, entdeckend, wißbegierig oder verändern wollend. Ach einfach unfaßbar, dass es solche Menschen nicht mehr gibt in dieser Welt. Ich fühlte mich ihm direkt seelenverwandt, auch wenn ich nur eine kleine Lebenskunst- und künstlerin bin, der Niemand groß Beachtung schenkt, aber das, was in ihm war, das seelisch-geistige, da bin ich ihm nah. Nicht, dass das jetzt vermessen klingt, das ist nicht meine Absicht. Aber ich weiß schon genau, bei welchem Menschen ich mich wiederfinde.
 
Schließlich kommt es ja gar nicht darauf an, wieviele erhabene Kunstprodukte aus den eigenen Händen hervorgehen. Nein, so sagte Picasso schon, was wollen wir mit toller Kunst in unseren Wohnzimmern, Kunst habe auf der Strasse stattzufinden. Das hat auch Beuys erkannt und in seinem Leben praktiziert. Nichts anderes wollte er mit seinem berühmten Zitat: *Jeder Mensch ist ein Künstler* zum Ausdruck bringen.
 
Des Menschen ureigene Kraft zum Gestalten, zum Sein in seiner ganz individuellen Art und Weise, seinem Charakter, mit dem er am sozialen Leben teilnimmt und es gestaltet, dass ist die Kunst, die wichtig sei und daß habe er auch mit all seinen Werken den Menschen zeigen und nahe bringen wollen. Immer wieder hat er das in Gesprächen mitteilen wollen. Und ein wenig dachte ich daran, wie schrecklich gleichgeschaltet die Menschen und unsere Welt eigentlich ist und dass sehr selten bunte Vögel zu entdecken sind, die tüchtig mit ihren Farben leuchten und auf das Schöne hinweisen. In der Schönheit, so sagte Beuys liegt das Wahre. Wie recht er hat. Das Häßliche, Schreckliche, das ist von Menschen gemacht, das Schöne birgt sich in der Natur, in der ganzen Schöpfung, in einem kleinen erlebten Moment, natürlich auch in einem Gegenstand, das wollte er nicht von der Hand weisen. Aber wie weit sind wir auch in unserer Gesellschaft mittlerweile entfernt von schönen Materialien, aus denen die Dinge nicht nur des täglichen Lebens, sondern auch zur Schmückung unserer Behausung, hergestellt sind. Materialien, die noch gerne angefaßt und umschmeichelt werden, die Düfte haben, die unsere ganzen Sinne anregen.
 
Wenn ich das jetzt so erzähle, dann denkt vielleicht der eine oder andere geneigte Leser meines kleinen Filmtipps, oha, was ist denn an Fett und Filz so besonders schön. Filz, ja, das könnten wir ja noch annehmen, aber Fett? Igitt... Aber da muss man erstmal hinterschauen, warum Beuys gerade diese Materialien verwendet hat. Die Leuts haben ja einfach nur gedacht, das ist ein Spinner, der Beuys. Das habe ihm aber nie was ausgemacht, hat er in einem Intervieuw gesagt, als er danach gefragt wurde. Das wäre voll in Ordnung, meinte er, er habe sie herausgelockt und jetzt müßten sie sich beschäftigen. Er habe Aufsehen erregt. Ja Aufsehen erregen, darum ging es ihm schlechthin. Wie soll denn einen Menschen etwas erreichen, wenn es kein Aufsehen erregt. Wir brauchen Sensationen, so sagte er in einer Aufnahme, ohne Sensationen gäbe es keine Veränderung.
 
Er habe schon mit 5 Jahren eine spirituelle, innere Erfahrung gemacht, so erzählt er. Er war allein, aufgewachsen in der doch recht einsamen flachen Niederrheinumgebung in der Stadt Kleve, eines Tages mit seinem Blick an dieser Weite hängen geblieben und da hatte er die Vision, er werde vielen Menschen begegnen. Das allein sein der Grund warum er weiterleben solle. Denn, auch dass gehörte zu dieser Erfahrung, er hatte sehr sehr stark den Eindruck, er hätte schon alles von der Welt gesehen und daß mit 5 Jahren. Er könne beruhigt wieder gehen.  Aber dann hatte er diese Vision, der vielen vielen Menschen, denen er etwas zu sagen hat. Ich hab das so gut nachvollziehen können, weil auch ich als Kind ähnliche Erfahrungen gemacht habe, anders natürlich, dennoch ich weiss nun nicht mehr genau, in welchem Alter es war, aber ich wußte auch schon als Kind, wie diese Welt tickte, weil das, was in meiner näheren Umgebung geschah, geschah überall in anderer Art und Weise, das Miteinander, das Verhalten der Menschen. Daher hab ich auch früh gelernt, ein guter Beobachter zu sein.
 
Seine Materialien, Filz, Fett, Kupfer, all diese Dinge, hatten ja eines gemeinsam. Sie wärmten den Menschen, Sie brachten ihn in ein Klima, in dem er sich wohlfühlen konnte. Wärme, was wünscht sich der Mensch denn mehr als Wärme, damit meine ich nicht nur die Aussentemperatur, sondern die Wärme eines Menschen, der Menschen in seiner Nähe, der Menschen miteinander. Ein Klima, in dem schon ein Kind heranwachsen sollte, damit es wachsen und gedeihen kann, aber auch als Erwachsener, damit er weiter voran kommt, all das, was in ihm schlummert, zum Vorschein kommen kann. Ich weiß worüber ich schreibe, ich weiß, was es bedeutet, wenn die Wärme fehlt. Es ist einfach nur schrecklich und die Erinnerungen an Zeiten, wo man diese Wärme vermißt hat, sind in der Gegenwart noch immer ein Schrecken, der nie aufhört.
 
Ein Gesprächspartner Beuys fragte ihn, ob all seine Werke nicht auch ein Asudruck des Schmerzes ist. Daraufhin hielt er für einen Moment inne. Man sah ihm an, dass er nachdachte, in sich hineinschaute, nach einer Antwort suchte. Ja sicher, sagte er, natürlich auch, obwohl es seine Kindheit nicht betraf, er hatte, obwohl von seinen Eltern viel alleingelassen, eine gute Kindheit, an die er sich gerne erinnere, er hatte viel Freiheit genossen, ind er er sich entfalten konnte. Aber es gab auch etwas, dass sah man seinen Augen an, was Schmerz war. Das war zum einen seine persönliche Erfahrung im Krieg, als er mit einem Flieger abstürzte über der Krim. Sein zweiter Mann war tot, von ihm nichts mehr aufzufindenl. Ihn hatte man gerettet. Tartaren haben ihn gefunden und ihn aufgenommen und ihn in seinen Verletzungen mit Fett eingerieben. Warm sollte er es haben. Das war erstmal das Wichtigste. Dann kam er dort in ein deutsches Krankenhaus und wurde von seinen Verletzungen geheilt.
 
So hat wohl jedes Material, dass Beuys verwendet auch einen bezug zu seinem eigenen Erlebten damit, was es für ihn in einer gewissen Zeit seines Lebens bedeutet hat. Abgesehen von dem Schmerz des eigenen Erlebens sind in seinen Augen auch der Schmerz über das Weltgeschehen zu finden. Ich sah es auf jeden Fall. Der zutiefst empfindsame Beuys, der es dennoch nicht scheute sich seiner Gegenwart mit all den Geschehnissen entgegenzustellen, litt auch unter allem, was er sah. Und es war eines seiner größten Aufträge, diesen Schmerz der Welt aufzuzeigen, damit sie  umkehre, die Welt anders gestalte.
 
So ist ja auch eines seiner größten Werke versehen mit dem Titel *Zeige Deine Wunden* Ich muss gerad direkt durchatmen, wenn ich davon erzähle, denn dieses Werk hat mich am meisten berührt muss ich sagen. Sicherlich auch, weil ich selber große Wunden in meinem Leben erlitten habe. Von denen man aber nicht sprechen kann, weil sie erstens zu schmerzhaft sind, aber auch, weil die anderen es gar nicht hören wollen, die, die nicht all zu viel Wunden davon getragen haben, Sie möchten lieber nichts davon hören, was geschehen ist oder geschen kann und immer wieder geschieht. Es ist ihnen schon vom Zuhören zuviel. Daher schweigt der Verletzte vielmals lieber. Aber all das, was diese Wunde mit ihm macht, wie sie in ihm wirkt, dass muss er verkraften, aushalten und das ist nicht immer einfach.
 
Und welche Wunden trägt unsere Welt vor sich her. Unfassbare große, blutende Wunden, Kinder, Erwachsene, Verletzte, Gedemütigte, Gefolterte, unter Druck stehende, Verzweifelte, Kranke, so viel Verletzungen in unserer Welt, dass es so wichtig ist, davon zu reden, damit alle davon hören, damit das aufhört, damit es eine Wandlung gibt. Daher ...zeige deine Wunden...Ein wenig musste ich an das Christusbild denken, in dem der ungläubige Thomas zu Christus sagte, ich glaube erst, wenn ich deine Wunden berühren darf. Das ist dann noch ein Schritt weiter. Nicht nur hören, sondern die Wunden des anderen berühren. Und wo finden wir das. Die Menschen in unserer Gesellschaft drehen sich ja schon weg, wenn ein Mensch nicht dem perfekten Bild entspricht, dass er von ihm haben möchte. Unversehrtheit, Schönheitsideal, durch und durch gesund...So soll der Mensch sein. Sobald einer aus dieser Norm fällt, dreht man sich um. So heißt es ja auch in einem Christus-Lied: vor ihm verhült man das Gesicht, ein Mann mit Schmerz beladen, einer der alles Elend kennt. Davor haben die Menschen Angst. Sie sind damit beschäftigt, ihre eigene Haut zu retten, da haben sie keinen Blick für den Verwundeten übrig, geschweige denn von Hilfe. Ich schreibe das, weil das christliche Element in Beuys Werken nicht nur Einzug gefunden hat, sondern dass er sich, wie mit allem, was er tat, auch eingehend beschäftigt hat. Christus selber denken, ist ein Büchlein von ihm, dass ich auch in meinem Besitz habe und schon oft darin studiert habe.
 
Er war sehr vielseitig der Beuys. Seine Passion als Aktionskünstler entdeckte er erst nach langer Ausbildung und Studium naturwissenschaftlicher Bereiche. Er beschäftigte sich mit der Anthroposophie, wie auch mit dem Christentum und anderen spirituellen Richtungen, auch dem Schamanismus. Man sagte ihm auch selber oft das Charisma eines Schamanen nach. Natürlich wird im Film auch sein Engagement bei den damals entstandenen Grünen zur Sprache gebracht. Er hätte sich aufstellen lassen, damals, wenn es gewünscht gewesen wäre. Aber es haben ihn nur 600 Mitglieder gewählt. Aber er sprach nicht von Enttäuschung über die wenigen, er redete positiv und sagte, 600 Menschen hätten ihn beauftragen wollen, in ihrem Sinne an der Gestaltung der Politik im Sinne des Programms der Grünen mitwirken zu sollen. 600 Menschen hätten ihm vertraut. Darauf achtete er. Das hatte so dieses Geschmäckle von...schau ich, ob das Glas leer oder halbvoll ist. Das macht ihn so sympathisch, denn im Grunde war das seine gesamte Lebenseinstellung. Auch wenn in seinen Augen auch sichtbar war, dass auch dies ihn schmerzte, wo er sich hineingegeben hat mit seinem ganzen Sein. Der Mensch müsse sich verschleißen so sagt Beuys. Sonst hätte alles gar keinen Sinn. Das war radikal. Aber sein Leben war so ausgerichtet, immer voll Gas. Rund um die Uhr hat er gearbeitet. Sich reingestürzt in seine Projekte, alle Hebel in Bewegung gesetzt, organisatorisch, finanziell, um seine Aktionen durchführen zu können. Man denke nur an seine Aktion zum Anlaß der Documenta in Kassel, in der er 7000 Eichen pflanzen ließ, umgeben von 70000Steinen. Zwei Gegenpole, zwei Bilder, die für sich sprechen. Er hatte damals eine Japantour gemacht, wo er Geldgeber finden wollte, damit er dieses Projekt durchführen konnte.
 
Ich bin kein Künstler so sagte er einmal auf eine Frage. Nur, wenn wir uns alle als Künstler verstehen, sonst nicht. Er wollte das Bewußtsein des Menschen erweitern und er hatte kein anderes Anliegen, als den Menschen wachzurütteln, auf dass auch sie mit ihrem eigenen Leben den Nächsten und den Wierdernächsten wachrütteln, um ihm zu helfen, um sich gegenseitig zu helfen und zu unterstützen in der Bewusstseinserweiterung, die einzig und allein nötig ist, um etwas zu verändern. Seine Werke könne man getrost auch zum Fenster rauswerfen. Seine Werke seien nur Mittel einzig und allein um dieses Zieles willen, die Menschen zu bewegen.
 
Humorvoll war er, unbedingt, ein fröhlicher Mensch, der unter all seinem Schmerz die Freude und den Humor nicht verloren hat, ohne das ihm ein Leben unmöglich gewesen wäre. Wollen Sie eine Revolution ohne Lachen, so fragte er einmal in die Runde. Herrlich. Ich finde, das sagt auch sehr viel aus. Denn, verbissen und verkrampft kommt kein Mensch ans Ziel. Das wußte er. Mit Humor, mit Lachen und mit Freude wollen wir etwas bewegen und zwar auf die Zukunft hin, das war sein Ziel. Und da war ihm jede Provokation auch recht. Denn Provokation war für ihn nicht negativ beladen, Provokation, das war ein Zeichen dafür, dass etwas lebendig wurde. Daher ist es auch eine Botschaft an uns heute, fragen wir doch, merken wir auf, heben wir die Hand, auch wenn es noch so gefährlich, möglicherweise vielleicht auch peinlich ist, weil wir alleine dastehen und vielleicht doof aussehen, aber jedenfalls, auch wenn wir mit irgendetwas vielleicht falsch gelegen haben, es schafft Lebendigkeit, Bewegung, Kommunikation, was auch immer.
 
Nicht zu vergessen seine wunderbare Aussage, die sich noch einmal darauf bezieht, dass jeder Mensch ein Künstler ist. Denn die erste produktive Kreativität des Menschen ist sein Gedanke. Der Gedanke der dazu anleitet, ihn umzusetzen und somit zu gestalten. Daher ist für ihn der Gedanke Kunst, eine Plastik. Wunderbar diese Aussage. Also, ich meine Beuys ist tatsächlich so, wie es im Film auch gesagt wurde, aktueller denn je.
 
Man, was wäre das wunderbar, wenn er noch leben würde. Ich komme aus dem Nachdenken nicht heraus, was er heute in unserer Zeit noch alles zustande bringen würde und könnte. Aber er hatte sich verschleißt, mit 65 Jahren. Schade!

"Er tat in Wahrheit immer das Andere, immer das was scheinbar abwegig war – 100 Tage auf der documenta reden, sich in Filz einwickeln, stundenlang auf einem Fleck stehen, mit einem Kojoten zusammenleben, Leuten die Füße waschen, Gelatine von der Wand nehmen, den Wald fegen, dem toten Hasen die Bilder erklären, eine Partei der Tiere gründen und das Messer verbinden, als er sich in den Finger geschnitten hatte.“ (Stachelhaus)
 
Ein sehenswerter Film, der Hunger auf mehr macht. Und wenn ich heute schon den tagüber nach ihm und üpber ihn geforscht habe, werde ich mirt morgen mein Büchlein vom Stachelhaus abholen, um weiter in seinem Leben zu wandeln, mich von ihm inspirieren und anregen lassen.
 
Schaut ihn Euch an!
Und ja, macht was aus Eurem Leben. Kleine Feuerwerke, Kunstwerke, tanzt ruhig mal durchs Leben, springt, singt, hüpft, sprecht den Nächsten an, redet mit ihm, macht irgendwelche anderen verrückten Sachen, damit es aufhört mit dem eintönigen gleichgeschalteten Leben, in denen alle das selbe tun und konsumieren.

 


 

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3. April 2017 1 03 /04 /April /2017 09:21

Für Filmegucker, die Action, Crahs und spektakuläre Szenen im Streifen suchen, ist Aki Kaurismäki sicher keine Empfehlung. Wer Kaurismäki mag, liebt mit ihm das Gemütvolle, Altbackene. Kein anderer wie er beherrscht die Kunst so sehr, Details in den Vordergrund zu rücken. Manchmal sind es kleine Dinge, wie z.B. einen Wecker und man denkt vielleicht, was soll das? Wieso wird eine Szene mit einem Wecker so ewig lange gezeigt. Ich verstehe das wohl. Ist doch der Wecker für die meisten ein lebenslang begleitendes und beherrschendes Utensil. Ob ich jetzt mal wieder merkwürdig denke? Nö. Ich seh und empfinde das so. Zudem ist es auch die Ästhetik der Dinge, die Aki zeigt.
 
Oder er zeigt eine Musikbox, altbacken, kennt der eine oder andere noch. Ich erinnere mich genau daran. War noch fast ein Kind. Sonntags immer den Onkel vom Frühshoppen aus der Kneipe holen müssen. Bevor der sich aber endlich mal aufraffte, spendierte er mir immer ein paar Münzen für a) den Erdnussautomaten und b) die Musikbox. Die war immer zuerst mein Ziel. Plattegedrückt meine Nase am Fensterchen und an der Liste der vorhandenen Titel gehangen, durfte ich mir eine Scheibe nach Wahl aussuchen, die dann nur für mich, so dachte ich jedenfalls damals, spielte. Dass die anderen auch hörten, war mir aufgrund des Staunens und Versunkensein im Abspiel- und Hörvorgang absolut aus dem Gedächtnis verbannt.
 
Und so zieht sich ein roter Faden von unendlich langen Kameraeinstellungen durch Akis Filme, die Dinge, die sich in Räumen befinden und die eingefangene Athmosphäre durch die Handlung. Vor allen Dingen aber auch beherrscht er die Kunst Ungesagtes so klar und deutlich aufzuzeigen, wie kein anderer, vielleicht noch Jim Jarmusch. Akis Filme sind nicht dialoglastig. Das gefällt mir gerade in dieser Zeit des müllbeladenen Wortgefechtes überall wo du nur hinschaust. Früher hiess es ja man amüsiert sich zu Tode. Heute könnte vervollständig werden: Man quasselt und amüsiert sich zu Tode. Empfinde ich so.
 
Vor ein paar Tagen hab ich noch eine Doku über die Entstehung des Films *Le Havre*, Akis Film über die Flüchtlingsproblematik aus dem Jahre 2011 gesehen. Ich habe ihn, wie auch andere Filme von ihm, schon mehrmals gesehen. Es war für meine Begriffe der erste Film, wo Aki ein ganz klein wenig abwich von seiner Art des Filmemachens. Der Film erschien bunter, ereignisreicher. Ich hatte mich gewundert. Aber nur ein ganz klein wenig. Es fiel halt auf, wenn die anderen Filme von ihm gekannt wurden.
 
Nun, in seinem neusten Film *Die ander Seite der Hoffnung* kehrt er wieder gänzlich zurück zu seinen Ursprüngen. Auch in diesem Film geht es um die Flüchtlingsproblematik. In der Doku, die ich über Aki sah, war sehr schnell zu erfassen, dass ihm das auf der Seele brennt. Aber was sag ich, Aki brennt alles auf der Seele was an Unmenschlichkeit, Zerstörendes und Erkaltetes in der Welt herrscht. Nicht umsonst lebt er sehr zurückgezogen und macht sein eigenes Ding, hat sich niemals vom Hollywoodmainstream und Glanz und Glimmer verführen und beherrschen lassen. Aber nicht nur deswegen lagen immer einige Jahre zwischen seinen Filmen. Es sit einfach seine Art und entspricht seinem Wesen, etwas langsam zu entwickeln, den Dingen Zeit zu geben, wie man eben auch in seinen Filmen erkennen kann. Es ist ihm sogar wurscht, ob der Film Geld einbringt oder nicht, er will aufzeigen was er sieht in der Welt, was ihn berührt, bewegt, verstört. Selbst die Preise, die er manchmal einheimst, wie jetzt auch für seinen neusten Film für die beste Regie, sind ihm schnuppe. Was sind schon Preise so sagt er in der Doku. Das ganze Etablishment geht ihm am ....vorbei, Ihr wißt schon. Und wenn er tatsächlich mal zu einer Verleihung kommt, dann läßt er sich nicht lumpen und bringt sein ganzes Gefolge mit, alle die, die an dem Film mitgewirkt haben, ob Kameramann, Schauspieler oder Putzfrauen., Sie sind alle dabei. Herrlich. Er macht einfach ein Häufchen auf den ganzen Anerkennungskram.
 
Und wer nur einmal nur einen einzigen Gedanken dergestalt hatte, dass seiner Ansicht nach Das Fremde zuviel wird, der solllte sich den neusten Film von Aki anschauen. Er würde diesen Gedanken vielleicht verwerfen. Sicher, es ist ein märchenhaft anmutender FIlm. Dennoch, Märchen können wahr werden, wenn nur ein einziger Mensch sein Denken und Handeln verändert. Im Alltag. Es geht so einfach, wenn das Herz noch nicht erkaltet ist.
 
Es spielen sich mehrere Dramen ab in seinem Film. Die Reise eines Flüchtlings, der auf Um- und Abwegen in Helsinki landet. Und dessen Geschichte man erfährt, als er im Einwanderungsbüro die Erlebnisse und die Gründe seiner Flucht aus Syrien zu schildern angehalten wird. Die Starrheit der Bürokratie, das Unbwegliche, kalte ohne viel Worte gezeigt. Gesten zeigen oft mehr als Worte. Die Angst eines Menschen, die Suche und die Sehnsucht nach Geborgenheit und Sicherheit. Warum erkennen die, die sich dagegen verwehren das Fremde aufzunehmen, so sehr dagegen? Haben sie niemals erlebt, was es bedeutet in Unsicherheit sich zu befinden? Und bei den Radikalen zeigt sich der Haß in ihnen, der sich gegen das Fremde richtet. Und es nicht abwegig zu denken, dass der Hass nur daher zeugt, dass sie selber keine Liebe in ihrem Leben erfahren haben. Und wie absurd dem syrischen Flüchtling die Einreise verwehrt wird mit dem Argument, nach eingehender Prüfung sei der Asylgrund nicht genug begründet. Die Realität sei doch nicht so schlimm, dass sie nicht ausgehalten werden kann. Und das Absurde sich gerade in diesem Moment zeigt, als der selbe im Einwanderungsübergangsheim im Fernseh die Bilder des Krieges aus Syrien sieht, die Gesichter stumm und schreckenserfahren der anderen Zuschauer im Blickfeld sind.
 
Eigentlich geht es im ganzen Film um die Liebesfähigkeit des Menschen, die sich m.E. ganz richtig von Aki aufgezeigt, nur im Handeln zeigt, nicht im Quaseln von Mitleids- und Mitgefühlsbezeugungen.
 
Aki hat jedoch auch keine Angst oder Sorge deutlich zu machen, dass es oft möglich ist, auf der einen Seite diese Liebesfähigkeit zu besitzen, auf der anderen Seite jedoch wiederum fehlt sie. So in der Geschichte des Vertreters für Herrenhemden, der eines Morgens bevor er zu seiner Arbeit aufbricht, seinen Ehering seiner Frau auf den Tisch legt, die wiederum keine Anstalten macht, sich gross dagegen aufzulehnen, sondern ihn nach Verschwinden des Ehemannes ganz einfach in den Aschenbecher wirft und ihn fast verächtlich mit einer Zigarette ausdrückt. So ist das eben manchmal. Es kann sein, dass es manchmal leichter ist zu lieben in der Distanz zu einem Menschen als im täglichen Umgang mit dem Partner, Freund, Kind, wie auch immer. Denn der selbe Mann, der sich da von seiner Frau trennt, seinen Beruf an den Nagel hängt, mit dem erwirtschafteten Geld schnell noch per Pokerblick gekonnt in einem Kasino die finanziellen Mittel verdoppelt und sich ein etwas heruntergekommenes Restaurant kauft, mit dem er fortan seinen Lebensunterhalt verdienen will, zeigt genau diese Menschlichkeit und Liebesfähigkeit in dem Moment, als ihm der syrische Flüchtling eines Tages begegnet und er sofort erkennt und handelt, was ihm not tut. Nämlich Arbeit, Essen und Unterkunft. Schön dieses Märchen, von dem man hoffen will, ich jedenfalls, dass es tagtäglich immer mal wieder wahr werden kann. Manchmal sind die größten Werke der Liebe ja auch die allerschwersten.
 
Ich weiss nicht, wie es einem potentiellen Besucher des Films gehen wird, ich jedenfalls habe an einigen Stellen mit den Tränen kämpfen müssen, jedoch auch genauso tüchtig schmunzeln, gar lachen müssen. Denn das hat er bei allen Dramen des Lebens drauf, der Aki, niemals darf der Humor vergessen werden, der so viel zu ertragendes Schwere lkeichter nehmen und fallen läßt.
 
Es ist einfach zu köstlich, wie die Angestellten nebst Chef überlegen, wie sie den schlechten Lauf des Restaurants aufbessern können, etwas anbieten können, dass die Umsätze erhöht, so daß das Leben für alle gesichert ist. Wie der Besitzer nach Beratschlagen hingeht, sich die gesamte Auslage in einem Buchladen über die Herstellung von sushi geben läßt und nun alle ihr kulinarisches Angebot, das sich bisher auf Fleischbällchen und Sardinen beschränkte, aufstocken. Zu köstlich wie sie da alle mit der Sushi-Herstellung beschäftigt sind, alle Protagonisten plötzlich in Kimonos durch das Restaurant wuseln, plötzlich jedoch feststellen müssen, dass der Fisch aus ist. Was tun blicken sich alle ratlos an. Und wie herrlich dieser Humor Akis, der sich daran zeigt, was kann einem Gast zugemutet werden. Aber auch hier wieder der unverwüstliche Hinweis auf die Hoffnung, die doch in allen Geschehnissen zu finden ist. Es läßt sich immer ein Weg finden, dem Untergang eines Lebensereignisses entgegenzutreten und wenn er auch noch so absurd und schräg ist. Genau das lieb ich so an Akis Filmen.
 
Und wieder die Musik, die ebenfalls Akis Filme immer behrrscht. Auffällig tatsächlich dieses Mal für mich, dass er sie nicht, wie in gewohnter Weise in ganzer Länge spielen lässt. Dennjoch immer ein gutes Stück mit den Untertiteln der Übersetzung, Dieses mal hat er sich wieder auf alte finnische Weisen besonnen, deren Texte von Kummer, Leid, Liebe aber eben auch Hoffnung erzählen. Ich mag das:) Man kann diese alten finnischen Schlager nicht vergleichen mit atemlos durch die Nacht rennen. Niemals nie:)
 
Und natürlich ist Kati Outinnen, seine Lieblingsdarstellerin, wie in allen Filmen von Aki, wieder mit dabei. Ich mag sie. Sie ist einfach so herrlich authentisch. In der Doku über Aki erzählte sie, wie die finnische Filmindustrie vor Jahren Aki einmal angeraten hat, sich doch eine andere Schauspielerin zu suchen, es gäbe doch nun auch wirklich schönere finnische Frauen. Wunderbar wie sie lächelt bei dieser Erzählung. Sie und Aki sind einfach ein eingeschworenes Team. Und ich fand sie immer schön, in allen Filmen, als sie jünger war oder auch jetzt im Älterwerden. Dieser ganze Perfektionswahn der äusseren Erscheinung geht mir eh auf den Senkel. Nein, das wäre jetzt sogar lapidar ausgedrückt. Ich lehne es ab. Es zeigt sich darin eine Art faschistisches und rassistisches Ausgrenzungsmerkmal. Wer bestimmt, was schön und gut ist und welche Bedeutung haben die noch, die aus diesem Raster fallen. Es ist m.E. ein ganz kleiner sich zeigender Rassismus und die Menschen, die so denken, sind sich dessen gar nicht mal bewusst. Aki zeigt Menschen, keine Plastikmenschen. So ist es!
 
Also, was soll ich noch weiter erzählen. Seht den Film und seht das Leben.  Erkennt, dass Märchen manchmal wahr werden können, dass es niemals ohne Hoffnung gelebt werden darf und dass in allem, was geschieht, die Sichtweise des Humors nie verloren gehen darf.
 
Ich mag ihn, den Aki, als Filmemacher und auch als Mensch. Natürlich bin ich ihm nie persönlich begegnet. Einmal hätte es fast geklappt in Frankfurt im Filmmuseum. Aber leider hat er, wie das schon mal seine Art ist, dann doch kurzfrisitg abgesagt. So ist er eben. Auch ein wenig unberechenbar. Was soll ich sagen, ein Mensch, der immer berechenbar ist, ist doch langweilig, oder? Ich war schon auch ein wenig enttäuscht damals, dennoch auch hier ein Schmunzeln über ihn. 
 
Aki Kaurismäki

Die andere Seite der Hoffnung

 

P.S. Die Doku üpber Aki Kaurismäki ist noch zu finden in der arte-mediathek

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23. Januar 2017 1 23 /01 /Januar /2017 21:43

Kinobesuche sind einfach nur schön. Ich könnte geradezu jeden Tag ins Kino gehen, wenn ein entsprechender Film läuft. Ein Film muss so etwas wie ein geschriebenes Buch für mich sein. Ich muss beim Schauen das Gefühl haben, ich kann mich ganz in die Protagonisten, zumindestens in einem von mir ganz besonders ausgesuchten, hineinversetzen und mit ihm gemeinsam durch das Filmleben spazieren.
 
Das ist mir in dem Film des finnischen Regisseurs Juho Kuosmanen nun überhaupt nicht schwergefallen. By the way der Film hatte seine Premierte am 19. Mai 2016 bei den inetrnationalen Filmfestspielen in Cannes und wurde während des Filmfestes in München erstmalig in Deutschland vorgestellt. Schon im September darauf wurde bekannt, dass dieser Film für die Oscarverleihung 2017 als bester ausländischer Film nominiert wurde. Ich kann nur sagen, verdient hätte er es.
 
Der glücklichste Tag im Leben des Olli Mäkki, so der Titel des Films, zeigt die wahre Geschichte der  Boxerlegende Olli Mäkki, der als einziger je einen Europoatitel als Amateur und Profi für Finnland gewinnen konnte. Er lebt heute noch 8ojährig in Finnland und der 17.8.1962 ist jedoch sein denkwürdigster und glücklichster Tag im Leben seiner Boxerkarriere anzusehen.
 
Der Film wurde in schwarz-weiss gedreht, was ich sowieso sehr gerne mag, wie auch immer noch ganz altbacken schwarz-weiss-Fotos. Ich habe immer das Gefühl, dass durch das Wegfallen der Farben die Intensität des Films oder Fotos stärker ist, weil sich mehr mit den Protagonisten oder den Bildern des Films beschäftigt werden kann, ohne dass man abgelenkt ist durch die Schrillheit der Farben. Auch kommt er fast ebenso wie bei einem meiner Lieblingsregisseure, ebenfalls aus Finnland, Akki Kaurismäkki, ganz ruhig und still daher, ohne viel Dialoge und fängt durch Gestik und Haltung der Protagonisten die ganze Gedanklenwelt der selben ein. Ich mag das einfach, wenn an Gesichtern von Menschen abgelesen werden kann, was in ihnen möglicherweise vorgeht. Sicher, da kann auch daneben gelegen werden, meistens stimmt es mit meiner Wahrnehmung jedoch überein. Auch eine Filmmusik fehlt gänzlich, empfand das wohltuend.
 
Zudem bekommt der Zuschauer auch einen Eindruck vom früheren Finnland der 60er Jahre, die alten Autos, die biedere finnische Provinzmentalität der Menschen, die sich bis in die Gross- und Hauptstadt Helsinki hineinzieht. Wunderbar einfach. Natürlich auch einfach nur traumhaft die Bilder der weiten finnischen Seenlandschaften und Wälder. Sehr stimmungsvoll eingefangen vom Regisseur.
 
Zur Geschichte des Olli Mäkki. Er bereitet sich auf seinen grossen Weltmeisterschaftskampf gegen den us-amerikanischen Boxer Davy Moore vor. Ich bin ja eigentlich nicht so ein Boxkampfgucker, genauer gesagt, ich habe noch nie einen gesehen, also höchstens mal bruchstückweise und da war es mir immer gruselig beim Anblick der zerschundenen Köpfe und dem Taumeln der Sportler nach den Kampfattacken und dem schliesslichen völligen Zusammenbruch und am Ende am Boden liegenden Besiegten. Ne, grundsätzlich ist das nichts für mich. Es war jedoch die Vorankündigung des Films, Rezensionen und eben die Affinität zu Finnland, die mich eben doch in diesen Boxerfilm geführt haben. Ich hab es nicht bereut.
 
Der Olli ist ein stiller und einfacher Mensch, der in bescheidenen Verhältnissen lebt, aber eben ein grosses Boxtalent vorzuweisen hat. Amateurboxkämpfe sind aber etwas anderes, als eine Vorbereitung auf einen grossen Weltmeisterschaftskampf im Olympiastadium in Helsinki. Das wird ihm ganz schnell klar und auch zuviel. Er braucht Ruhe für seine Vorbereitung. Ausserdem kämpft er mit seinem Gewicht und das allerbeste eigentlich, was ihm in seinem Leben passieren konnte, er ist verliebt, in Raija, die ebenfalls aus seinem dörflichen Ort kommt. Nur paßt es gerade nicht in die Vorbereitung auf diesen grossen Kampf, das signalisiert ihm auch sein Trainer. Die Liebe kommt halt manchmal unverhofft und dazu dann mit einer Intensität, die nicht erwartet wurde.
 
Olli ist zwiegespalten, man sieht es ihm an, wie er mit sich kämpft. Er leidet und erkämpft sich einen gewissen Freiraum des Alleinseins mit sich, damit er sich in Ruhe seinen Vorbereitungen widmen kann. Nicht aber, bevor er zuvor noch einmal ausgebrochen ist, in sein Dorf fährt um Raija zu sehen, der er von seinen Zweifeln und Ängsten erzählt. Auch hier kein grosses Gerede von Beiden. Sie geniessen die kurze Zeit des Miteinanders und sehr einfühlsam zeigt der Regisseur, wie da zwischen den beiden eine Liebe webt, die fest und sicher ist. Zum Abschied sagt Raija ihm nur, letzten Endes ist der Mensch nur von seinen Vorstellungen enttäuscht, nicht aber vom Ausgang einer Sache. Das hat mir gefallen, weil eine Wahrheit darin liegt.
 
Ständig sind wir geneigt uns von einem bevorstehenden Ereignis schon eine Vorstellung zu machen und sind am Ende überrascht und enttäuscht, wenn sich diese Vorstellungen nicht als Ergebnis herausstellen. Dabei wäre es wichtiger gewesen, einfach nur zu schauen, was passiert und nicht seinen Projektionen nachzuhängen. Eine wichtige Botschaft des Films, so hab ich es jedenfalls empfunden.
 
Der Tag des grossen Kampfes kommt und schau daher, ich hab tatsächlich mitgefiebert mit Olli:) So kanns gehen:) Ich schreibe natürlich nicht, wie er ausgeht, dasm wäre ja doof:)
 
Aber der Film hat eine Poesie, die mir gefallen hat, auch die darin vorkommenden Protagonisten haben in mir eine gewisse Zärtlichkeit entlockt. Ich mochte sie. Er ist sehr zu empfehlen, vor allen Dingen gerade für die, die sich für den Boxsport interessieren, weil, auch wenn die Dinge sich zwischenzeitlich noch mehr geändert haben, was den Rummel und den Ruhm angeht, dfier Härte und die Disziplin im Sport, um zum Ziel zu gelangen, manchmal eben auch mit unlauteren Mitteln, gibt er einen kleinen Einblick über ein Sportlerleben und den Empfindungen wieder.
 

Ein gelungener Kinoabend, um so mehr, als dass ich sogar noch ein persönliches weiteres gutes Erlebnis hatte. Ich habe nämlich einen Job in diesem Kino angeboten bekommen, wenn auch nur aushilfsweise, aber ich fands lustig und werd mal drüber nachdenken:)

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21. November 2016 1 21 /11 /November /2016 18:17
Paterson *Jim Jarmusch*

Endlich ist Sonntag. Seit Wochen nun warte ich auf diesen Tag. Vorfreude ist ja bekanntlich die schönste. Ich kann mich sowas von auf etwas freuen, dass ich mich manchmal selber nicht aushalten kann mit der ganzen Vorfreude:)

Und ich frag mich immer, was sind das für Menschen, die mit Filmen von Jim Jarmusch nix anfangen können,-) Ich meine, ich hab nix gegen Leute, die gerne Mainstream-Filme gucken, mach ich ja auch manchmal. Auch dort finde ich zu weilen Perlen.

Für mich gibt es jedoch nur zwei Regisseure, für deren Filme ich meilenweilt gehen würde und das sind Kaurismäkki und Jarmusch. So ist es. Beide haben diese Liebe zum Detail, ihre Filme wirken wie ein einziges grosses Bild in das sich vertieft und so viel herausgelesen werden kann.

Und Sonntag war es jetzt endlich soweit. Ich hatte Karten reserviert, um auf Nummer sicher zu gehen. Da ich meinem Sohnemann zum Geburtstag Zeit geschenkt habe zu einer gemeinsamen Unternehmung, sind wir zusammen ins Kino. Die Fahrt mit der Strassenbahn war vergnüglich und ging wie im Flug herum, weil ein netter Herr mich einlud, mit auf seiner Karte zu fahren als er sah, wie der Automat ein bisserl zickig war und nicht so wollte, wie es es gern brauchte,-) Und erzählt hat der, jösses, ich weiss jetzt Bescheid, über alles,-)

Im Kino angekommen schon Schlangenbildung. Herjeh, so was hab ich lange nicht mehr erlebt. Meistens sitz ich mit 8 bis 10 Leuten im Vorführsaal. Aber das war ja auch Frankfurt, da kann man ja auch nix anderes erwarten,-) Köln ist da schon anders:)

Und da sitze ich nun in der vierten Reihe und beweg mich keinen Milimeter mehr und das bleibt auch so während des ganzen Films. Nur einmal, ganz kurz, da schau ich nach rechts, nein, es war sogar zwei Mal, weil...ich hörte, wie eine von den beiden Frauen, die neben mir saßen, so merkwürdige Geräusche von sich gab. Ein Pffff.....und chhhhhh....ich wollte meinen Ohren nicht trauen, da musste ich ja gucken,-) und tatsächlich ihr Kopf war auf die Rücklehne gesunken, die Augen zu, schnarchte sie vor sich hin. Ganz schnell, aber wirklich ganz schnell musste ich mir ein Prusten unterdrücken, es war zu komisch:) Unfassbar, dachte ich, wie kann bei diesem Film eingeschlafen werden. Irgendwann wurde es wieder still, ich schaute nochmal und da war sie in einen tiefen und festen Schlaf überhegangen, kein Geräusch mehr. Gut, ich wollte auch nicht weiter abgelenkt werden,-)

Denn der Film war ein Traum. Jedenfalls, ich fühlte mich wie in einem Traum, in dem ich dem ruhigen und stillen Leben des Protagonisten namens *Paterson*, der in einer Stadt mit gleichem Namen, Paterson, sein Leben lebte, nicht allein, sondern mit seiner Frau *Laura*, die er liebte. Woran man Liebe erkennt fragt der Mensch sich doch manchmal. Jarmusch hat es gezeigt. Beim Aufwachen beider Liebenden. Wie sie am Morgen beim Erwachen nebeneinander liegen und der eine zärtlich beim anderen ist, ohne viel Worte. Jedenfalls es ist ein Merkmal der Liebe, finde ich jedenfalls. Und da der Film an sieben aufeinanderfolgenden Tagen im Leben von Paterson spielt, zeigt er jeden Morgen das Erwachen dieser beiden Liebenden, in kleinen abgewandelten Szenen. Ein wenig erinnerte mich diese Einstellung an die beiden liebenden Vampire im Film Only Lovers left alive von Jarmusch. Aber das macht gar nichts, weil es so ein inniges Bild ist, dass es ruhig mehrere Male verwendet werden darf und kann, da es an Ausdruckskraft gar nicht mehr zu toppen ist.

Paterson erwacht jeden Morgen um die selbe Zeit, zieht sich an, nimmt sein Frühstück zu sich, geht jeden Morgen den gleichen Weg zu seiner Arbeitsstelle, einem Busbahnhof, wo er seinen Bus abholt. Dort erwartet ihn jedes Mal ein Kollege, der ihm auf Patersons Nachfrage Tag für Tag eine neue Leidensgeschichte seines Lebens erzählt, die zwar inhaltsreich, dennoch in nur einem Satz erzählt wird. Das wars. Der Film ist auch wortkarg. Vor seiner Fahrt schreibt Paterson in sein geheimes Notizbuch ein Gedicht. Paterson ist nämlich ein Poet, er schreibt Gedichte. Und das ist schon die Poesie schlechthin, ein Busfahrer, der Gedichte schreibt. Ich dachte, es ist nur ein Film, jedoch, der Mensch darf nicht unterschätzen, was so in manchem Zeitgenossen, der einer ganz normalen Beschäftigung nachgeht, noch so alles schlummert und was er in seiner Freizeit für Charismen lebt, damit meine ich jetzt Nicht Baumärkte und Hobbykeller,-). Obwohl, auch Paterson hat einen Hobbykeller, in den er nach seiner Arbeit manchmal entschwindet. Aber dort liegen alle seine Schätze, seine Lyrikbände seiner sämtlich von ihm geliebten Lyrikern, allen voran * William Carlos Williams*, der in seiner Heimatstadt Paterson/New Jersey gelebt und gedichtet hat. Somit setzt Paterson seiner täglichen Routinearbeit ein Gegengewicht. Gegengewichte zu schaffen im Leben ist sehr wichtig, denn wenige Menschen besitzen die Freiheit, einer Arbeit nachzugehen, in der sie wirklich aufgehen. Zumeist ist die Arbeit ein Broterwerb, ohne die es nicht geht und in vielen Fällen sind es eben Beschäftigungen, die nicht vom Zauber und der Freude durchdrungen sind, jedoch genau diese Gegengewichte ermöglichen es dem Menschen zu tun, was getan werden muss, so empfinde ich das jedenfalls.

Ich bin nicht nur verliebt in den Film, sondern auch in den Protagonisten, weil....er ist ein Mensch, der ruhig und besonnen durch das Leben geht. Wenig Worte findet er zu allem, Meinungen und Ratschäge liegen ihm fern. Er ist ein Zuhörer und Beobachter. Als ich mit meinem Sohnemann nach dem Film ein wenig geredet habe, kam heraus, dass er von diesem Typ Mensch nicht so angetan sei. Ich glaube jedoch, er hat ihn nicht verstanden. Er war der Meinung, es sei eher kein gutes Merkmal, wenn ein Mensch zu nichts und allem eine Meinung vertreten bzw. nicht Stellung abgeben würde. Ich denke jedoch, dass das gar nicht so wichtig ist. Das Gewicht des Zuhörens wiegt viel schwerer. Das können nämlich die wenigsten Menschen. Und Paterson hat ja seine ganz besondere Art, eine Reaktion zu zeigen, auf alles, was er wahrnimmt. Er schreibt ja, seine Gedichte drücken seine Empfindungen und Gedanken aus. Und die Menschen, die ihn kennen, wissen das und schätzen ihn daher, sie erwarten auch gar nichts anderes von ihm. Sie wissen, was in ihm webt, welche Tiefen er hat. So zeigt Jarmusch auch, dass es Nähe zwischen Menschen geben kann, auch wenn der andere nicht viel zu sagen hat, jedenfalls direkt nicht, sondern auf seine indirekte Art und Weise. Und dann, wenn es wirklich einmal ganz besonders wichtig ist einzuschreiten, schreckt auch Paterson nicht zurück. Dies wird in einer Szene im Film sehr deutlich zum Ausdruck gebracht, die ich nun aber nicht verraten möchte.

Mit seinen Gedichten drückt Paterson auch seine Liebe zu seiner Frau Laura aus. Er lehnt sich in diesem Bezug an den großen Dichter Petrarca an, der seine Liebesgedichte an seine Liebe, die ebenfalls *Laura* hiess, schrieb.

Die Liebe der Beiden ist groß, weil, unterschiedlich können Charaktere zweier Liebenden gar nicht sein. Paterson, der ruhige, stille und besonnene Mann und Laura, die extrovertierte, emotionsgeladene und ständig neue Ideen entwickelnde Lebenspartnerin. Keiner der Beiden möchte den andern verändern. In liebevoller Weise gehen Beide mit den Verschrobenheiten des anderen um, es gibt keine Kritik an irgendeinem Tun des anderen. Mein Sohnemann meinte nach dem Film, das ist doch komisch, man muss sich doch die Wahrheit sagen. Ich denke jedoch, was ist schon Wahrheit. Und ist sie denn immer hilfreich? Ich glaube es nicht. Manchmal ist ein Lassen ein stärkerer Ausdruck der Liebe, als ein Kritisieren. Und meistens kritisiert der Mensch ja eh nur, was er selber nicht versteht. Wer kann und will den Anderen denn schon verstehen. Ein schwierig Ding zumeist, und schlägt es fehl, wird oftmals viel zerbrochen und es gibt keine Zeit mehr, dass es heilen kann.

Nun, ich möchte nicht den ganzen Film erzählen, sonst schaut ihn sich mein geneigter Leser ja nicht an und das wär schade, denn man muss diesen Film, in dem man spazieren gehen kann, einfach gesehen haben. Hier findet eine Verzauberung statt, ein Leuchten in all den alltäglichen Dingen, die zu sehen sind. 7 Wochentage im Leben des Paterson, 7 Tage, in denen eigentlich nichts geschieht und dennoch 7 Tage, die erlebt werden können, die voller Spannung sind, mehr als ein Krimi, für mich jedenfalls, es in einem auslösen kann. 7 Tage, an dem jeder einzelne mit einem Gedicht beginnt.

Ach und einen Protagonisten hab ich ja ganz vergessen, der einfach absolut umwerfend ist,-) Paterson und Laura haben einen Hund, eine englische Dogge namens Marvin. Und welche gewichtige Rolle er in Jarmuschs Film spielt, verrate ich ebenfalls nicht, aber eines ist sicher, es kann sich nicht erwehrt werden, dass dieser Hund zum Lachen verleitet, und auch an den Stellen, wo es eigentlich nicht zum Lachen ist, jedenfalls den Protagonisten nicht. Jarmusch besitzt einfach die Gabe das in einem Augenblick erlebte Schwere in Leichtigkeit zu verwandeln, wenn nur in das Gesicht und die Bewegungen von Marvin geschaut wird. Einfach nur köstlich, wie er in einer Szene um die Ecke hereinschaut in einen Waschsalon, wo ein Rapper gerade seinen erdichteten Text rezitiert.

Musik und Lyrik, das ist der Stoff, aus dem das Leben ist, so empfinde ich das ja auch Tag für Tag in meiner kleinen Alltagspoesie. Gedanken sind nur in Dingen, so lautet eine Zeile des Gedichts *Paterson*, dass William Carlos William, Anfang der 40er Jahre geschrieben hatte. Und jeder Mensch ist sich selber eine ganze Stadt, auch dies seine Aussage.
Ich sag ja immer, in einem Menschen findet man die ganze Welt. Und wenn du keinen äußeren Reichtum hast, dann hast du immer noch den Reichtum in dir selbst, der dir das Leben lebendig und wertvoll erscheinen läßt.

Und so wie der Busfahrer Paterson mit seinem Erdichten ein Gegengewicht zur Alltagsroutine schafft, so ist dieser Jarmusch-Film für mich auch ein Gegengewicht zu meiner Alltagsroutine und gehört somit zur Poesie meines Alltags. Und sagte nicht der olle Nietzsche einmal: Leben ist auch ein Erdichten? Ich meine ja. Und alles, was dir begegnet ist es wert, erdichtet zu werden. Dichten ist gar nicht so schwer. William Carlos Williams hat es ganz einfach gemacht. Er hat gedichtet über Alltägliches. Das Alltägliche birgt viel Reichtum, der Mensch muss es nur zu entdecken wissen.

*Paterson* ein Film ohne viel Handlung und dennoch spannend und verzaubernd zugleich.

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24. Oktober 2016 1 24 /10 /Oktober /2016 08:50
Human - Dokumentarfilm

Ein Blick aus dem Fenster. Trübe Wolken am Himmel. Es schaute nach Regen aus. Manchmal hilft es nach schweren Momenten sich einfach zu bewegen, ganz woanders hingehen, sich einer Sache zu widmen, die einem hilft auch von all dem was gerade war, Abstand zu gewinnen. Was kann es da Besseres geben, als einen Kinobesuch.

Ich hatte eine kleine Rezension über den Film *Human* gelesen und auch den Trailer geschaut und war sogleich in den Bann gezogen, vor allen Dingen wegen der unfaßbar schönen Naturaufnahmen, die der Film zeigt. Der französische Fotograf und Journalist Yann Artrus- Bertrand hat einen Dokumentarfilm gedreht, in dem er durch die Welt gereist ist und Interviews mit über 2000 Menschen geführt hat. Der Film zeigt kleine Ausschnitte dieser Gespräche mit den Menschen verschiedener Nationen und Kulturen. Die Thematiken, die Fragen sind breit gefächert. Vom Sinn des Lebens, dem Glück, dem Leben und Sterben an sich, den erlittenen eigenen persönlichen Schicksalen der Menschen, der Armut und natürlich auch der Liebe. Unterbrochen werden diese Zeugnisse von wunderschönen Luftnaturaufnahmen.

Der Spaziergang zum Kino hat gut getan, obwohl es regnete und sich die Nässe etwas unangenehm anfühlte. Aber am Kino angelangt, mal wieder zu früh wie immer, hatte ich alles, was hinter mir lag, vergessen und nutzte die Wartezeit um einfach wie immer in die Welt um mich herum zu schauen. Und da stand sie plötzlich neben mir. Die kleine, hutzelige alte Dame. Wie sich später aus unserem Gespräch herausstellte, zählte sie schon 86 Lenze. Das sah man ihr gar nicht an. Einen ganzen und halben Kopf kleiner wie ich und ich bin ja nun schon nicht groß, mit ihrem dunkelgrauen Käppi, einer Jeans und Anorak angezogen sah sie aus wie ein junges Mädchen. Doch ja, ich sah auch das junge Mä#dchen in ihr. Das fand ich schön. Es gibt Menschen, die zwar alt werden, aber in ihrer Gestalt und ihren Gesichtern kann immer noch die Jugend abgelesen werden. Vielleicht heißt es daher auch Ewige Jugend. Und sie ist tatsächlich jung geblieben, diese kleine alte Dame. Sie sprühte so voller Lebensfreude und Antriebskraft. Zum Zahnarzt wolle sie, einen, den sie gut kennt und der an den Samstagen immer Sprechstunde hätte, das wäre sehr vorteiltaft, denn dann gäbe es keine langen Wartezeiten.

Und in der kurzen Zeit, in der wir beieinander standen, sie auf das Aufhören des Regens wartete, ich auf die Öffnung des Kinos, erzählte sie mir in Bruchstücken ihr Leben. Das sie es gut hatte, bei den Schwestern ihrer Mutter, die sie aufgezogen haben. Das sie hier in Frankfurt geboren wurde und niemals raus gekommen ist. Dass sie den Krieg gut überstanden hatte und dank der vielen Landschaftsgärtner und Bauern um Frankfurt herum, keine Not gelitten hat. Ihre Männer, zwei an der Zahl, habe sie verloren, sie hat sie sehr geliebt. Nun war sie die letzten 15 Jahre schon allein. Es hat sich nichts mehr ergeben mit einer nochmaligen Möglichkeit einer Zweisamkeit. Aber sie könne gut damit umgehen, sie lebe in einem Haus mit einer netten Hausgemeinschaft, vor allen Dingen der "Kümmeltürke", so sprach sie von ihm,-), sei ihr bester Freund und Nachbar. Wir mussten beide lachen bei dem Ausdruck. Ich erzählte ihr, dass mein Vater die türkischen Mitbürger auch immer so genannt hat. Nur bei ihm war es ein Schimpfen, bei der alten Dame war es eine zärtliche Liebkosung. Ich fand das schön:)

So war diese nette Begegnung mit der alten Dame eine wegweisende Einführung in den Film, den ich mir nun anschauen wollte. Denn auch dort wurde von Menschen ja das Leben erzählt. Wir verabschiedeten uns und sie gab mir mit auf den Weg, dass ich niemals das Lächeln verlieren sollte und den Dank an das Leben Tag für Tag. Und ein klein wenig erhob sie ihren Zeigefinger und meinte, liebe junge, Frau und schön das Rauchen sein lassen,-) Versprochen, sagte ich ihr noch,-)

Der Film hat versprochen, was ich von ihm erwartete und mir vorgestellt hatte. Ich hab mich berühren lassen von all den Lebensbeichten und Erzählungen. Vieles von dem, was gesagt wurde, habe ich selber auch erfahren oder im Laufe meines Lebens an Einsichten gewonnen. Dass das Glück oft nur Momente sind, aber dass es darum geht, zufrieden zu sein, mit dem, was ist. Dass Schweres überwunden werden kann, dass es Versöhnung gibt, auch wenn die Wunden immer bleiben und sie aufbrechen können, bei ähnlichen Erfahrungen in der Gegenwart, aber dass das nicht bedeutet, dass mit der Vergangenheit kein Friede geschlossen wurde.

Wenn so zugehört wird, was Menschen erleiden und dann sieht man, über was so manch ein Zeitgenosse sich aufregt oder herumnörgelt, dann wird man ganz still und denkt, du Narr, du hast dein Leben nicht begriffen. Ich möchte auch gar nicht so viel von dem erzählen, was gesagt wurde, sondern laß es offen, damit jeder, der sich den Film anschaut, seine ganz eigenen Eindrücke hat und sich genau von dem ansprechen läß, was ihm wichtig ist und war.

Der Film zeigt das Leben des Menschen, in seiner Individualität, aber auch in seiner Vielfalt, in all dem, was auf der Welt ist und herrscht vom Leben, Krieg, Zerstörung aber auch Paradiese. Und er läßt auf jeden Fall zurück, viel muss sich noch ändern überall. Und wenn Bertrand zwischen den Interviewsequenzen diese wunderschönen Naturaufnahmen zeigt, dann kommt der Gedanke einfach auf, dass es ein Muss ist, dass jeder Einzelne gefragt ist, daran teilzunehmen, diese Welt zu verändern, sei es in großen Aktionen oder einfach nur in seinem eigenen kleinen Lebensalltag. Jeder hat seinen eigenen Weg und sin eigenes Charisma, das er einsetzen soll.

Berührt, nachdenklich und erfüllt verließ ich das Kino. Zuhause bei meinen Recherchen über den Film hab ich noch entdeckt, dass man ihn bei you tube in der Originalfassung auch sehen kann. Es fehlen halt die deutschen Übersetzungen.

Ich gebe einen Link für alle Interessierten und zufällig in meine kleine Blogseite Hineinschauende:) https://www.youtube.com/watch?v=FLqft-ICVQo


Viel Freude beim Schauen!

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28. September 2014 7 28 /09 /September /2014 08:58

Nach einem Einkauf fiel mein Blick auf eine Litfaßsäule. Ein großes Bild vom alten Didi Hallervorden mit der Überschrift:“ Sein letztes Rennen“ glotzte mich an. Ich konnte mich gar nicht wehren. So geht Werbung. Schon machte ich mir Gedanken. Was das wohl für ein Film ist? Hm..dachte ich, bestimmt wieder so ein sich aneinanderreihender Slapstick-Fetzen. Bin ich kein Typ für, ehrlich gesagt. Ich meine, als ich jung war, ganz jung, da gab es Dick und Doof, Pat und Patachon , die kleinen Strolche und später dann Jerry Lewis. Da konnte ich mich kringeln, ehrlich. Vielleicht auch war ich damals so empfänglich dafür, weil das wirkliche Leben so schwer war und Ablenkung gut tat. Das hat aber irgendwann aufgehört, das mit dem Ablenken wollen. Ernst ging ich mein Leben an, aufarbeiten wollte ich und ganz präsent wollte ich im Hier und Jetzt sein. Denn es war hart. Daher, nö, mit so nem Slapstick-Kram war mir nicht beizukommen. Dafür hatte ich nur noch ein müdes Lächeln. Daher war ich auch für den ollen Hallervorden überhaupt nicht empfänglich. Fand das nur doof, diese Blödelei. Hinzu kam, ich hatte auch lange Zeit  keinen Fernseher. Daher entging mir wohl auch Palim Palim.  Alle Welt redete davon, nur ich wusste nicht Bescheid. Erst jetzt, nach dieser Werbung auf dem Plakat hat mich ein Freund meines Vertrauens in die Weihen des Palim Palim Slapticks eingeweiht. Ehrlich muss ich zugeben, das war schon sehr, sehr lustig.
 
Aber „Sein Letztes Rennen“ war und ist kein Palim Palim. Das durfte ich erfahren. Er kann auch anders.  Der  Freund meines Vertrauens ist ein wirklicher Hallervorden-Fan  und so haben wir ihn uns gemeinsam angeschaut den Film. Eine kurze Rezension in der Süddeutschen Zeitung hab ich mir noch einverleibt und dachte, gut, so schlecht kann der nicht sein, der Film. Lass ich mich mal drauf ein. Ich hatte ein gutes Gefühl, schon vorher.
Mein Gefühl hat sich wieder mal bestätigt. Es ist ein sehr schöner Film mit einem wunderbaren Didi Hallervorden. Ich glaube, er hat sich in dem Film selber gespielt, daher hat er sich wohl auch so bei den Dreharbeiten  dafür eingesetzt. Hat sich richtig reingeworfen. 9 kg soll er abgenommen haben, als er für den Film das Laufen begann. In seinem Alter. Respekt. Denn so sportlich scheint der in seinem vorherigen Leben wohl nicht gewesen zu sein.
 
Jetzt ist es auch raus. Es geht nämlich ums Laufen, genauer gesagt ums Marathonlaufen. Hallervorden spielt die Rolle seines Lebens, wie ich finde. Er, der alte Paul Averhoff lebt noch mit seiner Frau in seinem Häuschen im Grünen. Aber es geht nicht mehr. Seine Frau ist pflegebedürftig. Averhoff schafft das nicht mehr. Die Tochter ist mit Beiden und ihrem eigenen Leben überfordert. Was bleibt ist das Altenheim. Schweren Herzens ziehen die Beiden um. Stumm und mit Widerständen versuchen sie sich einzuordnen. Seiner Frau fällt das scheinbar leichter. Sie weiß, dass ist ihre letzte Station. Da sitzen sie nun um den Tisch und sollen Kastanienmännchen basteln. Fürs Herbstfest. Auweia… Wie leblos und widerspenstig werkelt Averhoff herum, ist schließlich genervt und fragt, was das soll. Wie geht das denn weiter. Herbstfest, Winterfest, Frühlingsfest, Sommerfest. Das kann es doch wohl nicht sein. Schrecklich diese Möchte-gern-Dumpfbacken-arrogante –Entertain-Psychologin. Dieser Blick von ihr auf die Alten, denen sie ständig die Angst vor dem Dahinsiechen und dem Tod einreden will. Es läuft einem schauerlich über den Rücken, weil man denkt, genau solche Typen sind es, die einen einfach fertig machen wollen. Scheinbar hat die wohl selber ein Riesenproblem. Averhoff hat die Nase voll. Ich gehe, sagt er zu seiner Frau, und zwar nach Hause. Sie will nicht. Kannst ja nachkommen, sagt er ihr und marschiert davon. Ein Blick zurück, der gleichzeitig auch ein Blick auf die vielen Jahre ihres gemeinsam gelebten Lebens zum Ausdruck bringt, lässt ihn umkehren. Ne, das geht gar nicht. Also, was nun?
 
Er war ja der große legendäre Averhoff, der Marathon-Läufer, der Olympiasieger. Bilder des vergangenen Triumphes ziehen vor seinen Augen vorbei. Und da weiß er es. Er will und wird nochmal sein Bestes geben. Er will den Berlin-Marathon laufen. Herrlich. Doch, seine Frau und der Rest der Welt reagieren spöttisch, verständnislos, abwehrend, Einhalt gebietend. Er lässt sich nicht beirren und beginnt gegen alle Widerstände mit dem Training. Da kommt doch plötzlich Leben in die Bude. Gespannt verfolgen die Insassen, allesamt sympathisch, seine Läufe und ganz aus dem Häuschen sind sie, als Averhoff einen jungen Pfleger, dem man ansehen kann, dass er mit all den Abläufen von Zeitmanagement in der Pflege, dem Trübsinn, dem Fehlen von Menschlichkeit, sein Problem hat, herausfordert. 1o km sollen das Pensum sein. Wunderbar, was dann folgt. Seine Frau steht ihm wieder zur Seite. Sie war immer seine Trainerin. Geduldig sitzt sie auf der Bank mit der Stoppuhr in der Hand und spornt ihn an. Es ist hart, sehr hart. 3oo Mark und der Sieg ist dir, bietet ihm der junge Pfleger an. Aber da kennt man den legendären Averhoff nicht. Einen Sieg lässt der sich nicht schenken. Natürlich gewinnt er,-). Das Altenheim ist aus dem Häuschen. Da beginnt das Leben wieder zu flackern. Da kommt Hoffnung auf. Nicht nur für Averhoff, auch für sie, seine Frau,  die sich schon ergeben hatte, stumm dem Getriebe des Seniorenalltags in einem Altenheim folgend.
 
Ich will jetzt den Film nicht zu Ende erzählen. Ihr sollt ihn Euch ja anschauen. Ihr müsst ihn Euch anschauen. Denn es ist zwar ein Film, nur ein Film. Aber in ihm entdeckt man so viel Wirklichkeit, das man gar nicht weiß, wo man anfangen soll mit dem Reden über all die Problematiken, die in einem langen Leben eines Menschen stecken und wie die Umwelt darauf reagiert, was sie entgegenzusetzen hat und wie man auch altes Leben noch gelingend und beglückend leben kann. Wie geht Leben. Wie geht gemeinsames Leben am Ende, wenn es schwer wird. Wie reagieren Angehörige. Wie sieht es in den Pflegeheimen aus.
 
Denn das, was Averhoff da in der letzten Phase seines Lebens noch einmal beginnt ist das Gegenteil von Resignation, Mutlosigkeit, Sprachlosigkeit und Bewegungsstarre. Es ist das pure Leben, prall voller Lebendigikeit, Glücksgefühle, Ernsthaftigkeit und Lebensfreude. Warum denn, verdammt noch mal auch nicht? Der Film hat eine Botschaft, eine ganz deutliche und klare.
 
Leben heißt nicht Stillstand. Leben bedeutet aktiv sein, sich bewegen, sich seinen Freuden und Leidenschaften, Hobbys , Talenten, Interessen mit all der Ernsthaftigkeit zuzuwenden, mit der man auch in jungen Jahren sein Dasein geführt hat. Und der Marathon ist doch letzten Endes in diesem Film nichts anderes wie ein Bild für das Leben des Menschen. Man startet, läuft los und dann geschieht all das unterwegs, was uns hochfliegen aber auch abstürzen lässt, was uns aufgeben lassen will, dann wieder Mut macht und weiter geht es. Es ist wohl nicht unbedingt der „Lauf in den Frieden“ wie der olle Erich Fromm es immer haben möchte. Ganz so ist es nicht, das Leben. Ich hab ja schon immer gesagt, das Leben ist auch Kampf, dass einem zuweilen unendlich viel Mühe kostet, aber wofür es sich lohnt, denn am Ende wartet doch auch der Siegeskranz. Wie dieser Siegeskranz für jeden Einzelnen ausschaut, ist sicher ganz individuell. Aber ganz bestimmt ist es ein Zurückschauen auf ein erfülltes Leben.
 
Schön ist der, der Film. Vielleicht schau ich ihn mir nochmal an. Dieter Hallervorden in einer ganz großen Rolle, wahrscheinlich der Rolle seines Lebens. Am Ende möchte man aufstehen, um ihm zuzurufen:“ Gut gemacht Didi“ Es liegt an uns, es gut zu machen, auch am Ende unseres Lebens!

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3. September 2013 2 03 /09 /September /2013 13:13

Ähm... Schon mal was vom Bruttonationalglück gehört? Ich jedenfalls noch nie. Das Wort kannte ich bisher nicht. Bruttosozialprodukt... das schon eher. Obwohl es seit 1999 ja jetzt Bruttonationaleinkommen heißt. Wird ja, wie ich las, zweimal im Jahr von Wirtschaftsweisen ermittelt, um vorauszuberechnen, wie viel Einkommen der Mensch eines Landes wohl in nächster Zeit zur Verfügung hat. Ist ganz wichtig für unsere Volkswirtschaft,-) Von den Resultaten ausgehend kann die Wirtschaft aufbauen,-)...Für die Zukunft planen und so. Für die Politiker wohl ziemlich wichtig.
 
Wie viel ich verdiene, was ich zum Leben habe und darüber hinaus, ist schon wichtig, finde ich. Aber, wie ich auch erfahren habe, trägt es nicht unbedingt zu meinem Lebensglück bei. Es gibt Menschen mit hohen Einkommen, die nicht unbedingt glücklich sind mit dem, was sie haben. Andere wiederum haben sehr viel weniger, leben am Existenzminimum, sind aber durchaus glücklich. Sie machen den Wert ihres Lebensglück nicht vom Materiellen abhängig. Jetzt kann man sich fragen, was braucht der Mensch, um sich glücklich zu fühlen. Aber wer fragt sich das schon noch? Wen interessiert das überhaupt. Wenn ich manchmal so in die Welt schaue, mir das Leben der Menschen anschaue, denke ich mir oft, ob sie glücklich sind. Ob sie überhaupt danach fragen? Ob überhaupt, wenn nicht sie selber, irgendein anderer Mensch daran interessiert ist, zu erfahren, ob das Gegenüber glücklich ist oder was ihm zum Glücklichsein fehlt? Wen interessiert in unserer Gesellschaft eigentlich, ob die Menschen mit all dem, was sie haben und umgibt, mit der Art, wie sie leben, glücklich sind?
 
Stellt Euch vor, es gäbe in unserer Regierung ein Amt, das zuständig ist für die Ermittlung des Glücks seiner Bürger! Gell! Das ist doch ein total unmöglicher Gedanke. Auf so was würde man doch nie kommen, oder? Unsere Politiker in diesem unserem schönen Lande würden sich dafür interessieren, wie sieht es in unserem Lande aus, wie leben unsere Bürger, was sind ihre Wertigkeiten, wo mangelt es, welche Be- und Erschwernisse haben sie, Sorgen, Nöte, mit welchen Gegebenheiten kommen sie nicht zurecht, was würden sie gern verändern wollen in Gesellschaft und Politik, wenn sie könnten, worin bestehen die kleinen und großen Freuden ihres Lebens? Nicht wahr! Kaum vorstellbar, dass so etwas in Deutschland möglich wäre und ist. Hier interessiert nur das Wachstum der Wirtschaft und das Voranschreiten der Technik. So ist das doch. Albern, das Feilschen um Mindestlöhne, die zwar ausschließen, dass Dumpinglöhne gezahlt werden, aber eben noch lange nicht das sichern, um den immer teurer werdenden Lebenshaltungskosten (Nahrungsmittel, Mietpreise, öffentliche Verkehrsmittel, Teilnahme am kulturellen Leben) gerecht zu werden. Ein Witz ist das, oder?
 
Gestern waren wir im Kino, der Freund meines Vertrauens und meine Wenigkeit. "What Happiness is" so der Titel dieses Filmes. Wer fragt? Das Ministerium für Glück im Königreich Bhutan schickt seine Mitarbeiter acht Monate quer durch das Land, um die Menschen zu befragen, wie sie leben, wovon sie leben, wie es ihnen geht und...ob sie glücklich sind? Und wenn ja, was sie glücklich macht oder umgekehrt, was ihnen zum Glücklichsein fehlt. Grund dieser Befragung ist zum einen, dass das Königreich Bhutan, bisher abgeschottet, sich der Welt öffnen möchte, aber ohne seine Seele an den Materialismus zu verkaufen oder zu verlieren, was in langen Traditionen und ihrer Kultur den Menschen Halt und Sinn gegeben hat. Zurzeit leben ungefähr 700.000 Menschen in Bhutan, das über eine Fläche die in etwa der Größe der Schweiz entspricht. Die Beamten sind unterwegs bis in die abgelegensten Winkel ihres Landes, in den Städten und Dörfern, um diese Fragen an Alt und Jung, Reich oder Arm, in der Hand ihren Fragebogen, der 1000 Fragen beinhaltet und alle Bereiche des Lebens berücksichtigt, Gesundheit, Ehe und Familie, Sexualität, soziales Gefüge und Miteinander in der Gemeinschaft außerhalb der eigenen Familie, Einkommen, Wohnsituation, Zustand der Gesellschaft ihres Landes allgemein, Zufriedenheit mit der Regierung usw.usw.. Und weiterer Grund ist, was kann die Regierung tun, wo kann sie helfen, vermitteln, beseitigen. Wo muss die Politik ansetzen.
 
Ich war und bin immer noch begeistert von diesem Film, nicht nur, weil ich Himalaja-Tibet-Buddhismus-Fan bin,-), denn man sieht natürlich auch herrliche Aufnahmen der Natur, sondern über die Authentizität und der Einfachheit der Menschen in Bhutan und wie ich schon oben angeführt habe und von der Idee einer Regierung, die sich für das Leben seiner Bürger interessiert, um das Leben lebenswerter zu machen, so dass alle alles haben, was sie zum Leben brauchen und andererseits, sie davor zu bewahren, in eine Sklaverei zu geraten.
 
Sind sie glücklich und wo würden sie ihr Lebensglück, wenn sie es bewerten müssen, auf einer Scala von 1 bis 10 ansiedeln, so der erste Bildausschnitt, in dem der Interviewer einem jungen Polizisten diese erste Frage stellt. Ich hab mir eben noch einmal den Trailer des Films angeschaut, immer wieder diese Szene, den Blick des Mannes auf den Fragesteller, und es hat mich zutiefst berührt, zu sehen, dass er mit einer solchen Frage überhaupt niemals gerechnet hätte und dass er absolut herausgefordert ist in diesem Moment über sich selber nachzudenken. Denn ist es nicht so, das Leben passiert oft einfach, man tut und macht und handelt und agiert, weiter, immer weiter, man fragt nicht oder kaum nach seinen Gefühlen oder ob man glücklich ist bei all dem, was man tut.
 
Jede Befragung eines Menschen dauert an die drei Stunden. Die Interviewer werden immer wieder von ihren Vorgesetzten befragt, wie es gelaufen ist, wo sie sich noch verbessern müssen, um wirklich inhaltsreiche Antworten zu bekommen. Sie müssen oft bei jeder Frage erst einmal eine kleine Einleitung für die Menschen geben, damit sie erkennen, worum es bei den Fragen geht, müssen Beispiele nennen. Eine riesige Herausforderung auch für die Fragestellenden, denen der allerhöchste Respekt gilt.
 
Zwischendurch ist mir immer wieder mal das Herz aufgegangen, wenn z.B. eine alte Frau erzählt, wie gut es ihr geht, dass sie alles habe, was sie brauche, dass ihr nichts fehlen würde, obwohl man selber denkt, wenn man sieht, wie sie lebt, ob man so antworten würde. Ob sie Angst habe, wenn sie abends im Dunkeln noch vor die Tür gehen würde. Nein, sagt sie ganz klar. Ob sie Angst vor wilden Tieren habe, wenn sie allein unterwegs ist. Auch hier ein klares Nein. Ob sie überhaupt vor irgendetwas Angst habe. Auch hier ein klares Nein und dabei strahlt sie über das ganze Gesicht und man sieht ihr das Vertrauen in das Leben an. Das berührt und trifft mich zutiefst. Denn sofort denke ich, Mannomann, was hatte ich hin und wieder für eine Angst, wenn ich in der Frühe um 4.00 Uhr zur Frühschicht aufgebrochen bin und die besinnungslos Besoffenen immer noch durch die Straßen irrten. Oder wenn man spürt, dass die Botschaften von Überfällen, Übergriffen in den Medien einem doch mal zu schaffen machen, wenn man durch unwegsames Gelände oder eben in der Nacht noch allein nach Hause kommt.
 
Wie ist ihr Vertrauen in die Mitmenschen ihrer Umgebung, wird da ein jüngerer Mann gefragt. Absolut, antwortet er. Er habe zu jedem Menschen Vertrauen. Man...ich konnte es gar nicht fassen. Würde ich eine solche Antwort geben können. Nö, ganz sicher nicht. Ich weiß, dass ich meinem Freund meines Vertrauens und meiner Familie, vielleicht noch den einen oder anderen Freund, vertrauen kann, aber im Allgemeinen bin ich eher vorsichtig, wenn auch nicht gleich zutiefst misstrauisch. Immerhin hab ich mich doch schon auch des Öfteren allein durchs weite fremde Land getraut. Gut, ich habe, Gott sei Dank, immer gute Erfahrungen gemacht. Aber leider hab ich die Grunderfahrung gemacht, dass ich in meine Herkunftsfamilie Null Vertrauen haben konnte, dass gerade dort, wo man es als Kind auf eine gute Obhut angewiesen ist, das Vertrauen missbraucht wurde. Vertrauen aufzubauen, es praktisch neu zu erlernen, war dann eine schwierige Angelegenheit und ist es zum Teil heute noch. Aber dieser junge Mann dort, der hat keine Ressentiments, keine Zweifel. Das hat mich einfach umgehauen. Dass so etwas möglich ist.
 
Natürlich gibt es nicht immer Antworten, die einen erfreuen. Z.B. erzählt ein behinderter junger Mann, dass er sich nicht am Glück der Anderen erfreuen kann, weil er selber mit seiner Behinderung keinen Frieden geschlossen hat und weil er darunter leidet, was die Anderen denken, wenn sie ihn, den Krüppel, sehen und sich dabei vielleicht fragen, ob es nicht besser gewesen wäre, dass er nach der Geburt gestorben wäre. Oder ein Anderer erzählt, dass er oft unter seiner Aggression, seinem Ärger und seiner Wut leidet, weil er sieht, dass andere Familien glücklicher miteinander leben, sich gerne mögen, was bei ihm nicht der Fall ist.
 
Aber auch ganz profane Probleme werden zur Sprache gebracht. Das Fehlen einer richtigen Straße, damit man den Nachbarort besser erreichen kann, dass die Ratten und Mäuse einem zu schaffen machen, dass die Nachbarskühe manchmal in den eigenen Garten stromern und die Beete zerstören, die Wildschweine in der Nacht das Angepflanzte auffressen, dass das Geld nicht reicht, sogar das ein Handymast fehlt oder das viel, viel Geld glücklicher machen würde. Sicher, so was kommt auch. Aber überwiegend erlebt man Menschen in dieser Befragung, die mit sich und ihrem Leben zufrieden sind, obwohl sie gemessen am Wohlstand der restlichen Welt an der Armutsgrenze leben und über keinen Luxus verfügen.
 
Schlicht und ergreifend, ich will ja nicht den ganzen Film erzählen, sondern zum Anschauen animieren,-), hat mich der Film sehr nachdenklich gemacht. Ich finde es einfach großartig, dass die Regierung eines Landes es sich zur Aufgabe macht, nach dem Wohlergehen seiner Mitbürger zu fragen und, wovon ich eben auch ausgehe, diese Antworten ausarbeiten und dementsprechend auch Veränderung zu schaffen. Davon können wir hier in unserem schönen deutschen Lande oder wo auch immer, lernen. Und ganz sicher spricht der Film einen auch deshalb ganz persönlich an, weil es absolut wichtig und nötig ist, über eine Menge in unserem Leben immer mal wieder nachzudenken und sich ab und zu immer mal wieder die Frage stellen, ob man eigentlich glücklich ist, damit man nicht einfach so dahinlebt und plötzlich ist man am Ende seines Lebens angekommen und erkennt, dass man eine Menge bereut.
 
Ein wirklich schöner, berührender, Nachdenkens werter Film, der über den eigenen Tellerrand hinweg schauen lässt, der einen mit nimmt in eine ganz andere Welt, wo Menschen doch noch behutsamer miteinander umgehen, wo Druck, Zwang, Ängste, die in unserer Gesellschaft an der Tagesordnung sind keinen Platz haben und auch keinen finden sollen.
 
What Happiness is http://www.whathappinessis.de/

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18. Juli 2013 4 18 /07 /Juli /2013 16:37

Als ich die Ankündigung des von mir empfohlenen Films sah, dachte ich, hm...Roeschen, ist das was für Dich? Ich meine, ich bin ja schon ein älteres Modell,-) und die Jungs, um die es sich in dem Film dreht, sind ja so alt wie meine Kinder. Genau! Das war es! Genau deshalb wollte ich mir den Film anschauen. Zum einen, wollte ich wissen, was so andere junge Leut´s treiben. Welche Ziele sie haben, welche Werte ihr Leben bestimmen und womit sie sich so beschäftigen. Naja...die Beschäftigung erschloss sich beim Lesen der Filmkritik. Straßenmusiker sind sie. Oha!
 
Für Straßenmusiker hab ich eine Vorliebe. Ich geb zu, auch ich hab nicht immer Zeit, stehen zu bleiben, wenn irgendwo ein Akkordeon, eine Gitarre oder gar ein ganzes Ensemble seinen musikalischen Genuss zum Besten gibt. Erst neulich, bei einem Spaziergang mit meinem Sohn am Kölner Rheinufer entlang haben wir verweilt. Ein Folk-Gitarrist, schon a bisserl älter,-) schmetterte seine Songs ala Dylan und Cohen und ich muss sagen, der war außerordentlich gut. Die Beine baumelnd auf dem Mäuerchen, den blauen Himmel im Blick, den Sohnemann neben mir, ach, was kann es herrlicheres geben und wenn dann eben die Zeit dazu da ist zuzuhören, dann ist das schon ein perfekter Tag. Schade, dass sich so wenig Menschen Zeit nehmen, einmal innezuhalten und der Musik zu lauschen.
 
Jedenfalls, wir, also der  Freund meines Vertrauens und ich, haben ihn uns angesehen, sogar zu später Stunde. Warum eigentlich läuft ein so schöner Film in den Kinos zur nächtlichen Stunde? Hm...liegt das vielleicht am Alter? Ich meine, die jungen Leut´s sind ja noch zu nachtschlafender Zeit unterwegs, wir ollen Haudegen lieben ja mittlerweile eher das frühere Zubettgehen.
 
Und...wir hatten es nicht bereut. Begegnet sind uns in diesem Film zwei herzerfrischende junge Männer, denen man die Lebensfreude in ihren stets lachenden Gesichtern in jeder Lebenslage ansehen konnte und die sich eines Tages vorgenommen hatten, mit zwei Mülltonnen, in denen sie all ihre musikalische und sonst nicht verzichtbaren Habseligkeiten aufbewahrten, durch Deutschland zu ziehen, um erstens ihrer Leidenschaft, der Musik, nachzugehen, zum anderen, weil sie ausprobieren wollten, wie es ist, so ganz "Unplugged" zu leben. Ohne Sicherheiten im Hintergrund, ohne zu wissen, wo landen wir abends, wer bietet uns ein Nachtlager an, gibt´s was zu essen und ja, wie nehmen die Menschen uns und unsere Musik auf.
 
Es gibt sicher viele Menschen, die getreu ihrem ganz persönlichen Idealvorstellungen nach alternativen Lebenswegen suchen und sie, wenn sie sie gefunden haben, danach leben und ihnen treu bleiben. Erst neulich berichtete die ARD von einem jungen Paar mit einem kleinen Kind, dass ganz ohne Geld und ohne Absicherungen lebte. Gut sogar. Bewundernswert fand ich jedenfalls. Es gibt nicht genug Menschen, die endlich mal raus aus der Gleichschaltung, dem Mitmachen, dem Manipuliertwerden, dem Leistungsdruck, dem Erfolgsdruck, dem Karrieredruck und dem Konsumwahn sich zu entziehen suchen. Nur so, kann man dagegen halten und etwas verändern, finde ich jedenfalls. Jede Stimme, jeder Fuß zählt, auch wenn man manchmal denkt, ach naja, was soll ich armseliges Würstchen schon bewerkstelligen. Falsch gedacht!
 
Aber diese beiden Jungs sind nochmal ganz anders. Sie haben überhaupt nicht zu erkennen gegeben, dass sie irgendwelchen Idealvorstellungen über ihr Leben hinterherlaufen, nein, sie wollten einfach nur mal das tun, was ihnen am meisten Freude macht, nämlich ihre Musik. Wenn man den Film anschaut und sie begleitet, dann erkennt man sehr, sehr schnell, mit welcher Begeisterung diese Beiden ihre Musik machen, spielen, komponieren, auftreten und sich weiterentwickeln wollen.
 
Ich glaube, genau das war es, was mich angesprochen hat, diese Begeisterungsfähigkeit für etwas, was einem Freude macht und das, gegen alle Unkenrufe und Warnungen auch durchzuziehen, sich nicht verbiegen lassen. Wo sieht man denn heutzutage noch Begeisterungsfähigkeit bei jungen Menschen? Ich behaupte sogar, dass spätestens ab Schulalter dem Kind und Jugendlichen jedwede Begeisterung für Irgendetwas abhanden kommt. In der Schule herrscht Leistungsdruck, Wissensabfrage und Ausbildung zu funktionstüchtigen Erwachsenen, die dann später angepasst in unserer Gesellschaft eingegliedert werden sollen. Bloß keine Individualität, der einzige Feind gegen unsere kapitalistisch, wachstumsorientierte und gleichgeschaltete Gesellschaft!
 
Die Wege der Beiden jungen Leute waren und sind sicher nicht immer einfach. Romantisiert wurde im Film von ihnen aber gar nix. Man kann miterleben, wie sie auch in den schwierigsten Situationen nach Auswegen gesucht und sie gefunden haben, ihr sonniges Gemüt nicht verloren haben. Ja, man muss es schon so sagen, die beiden haben ein so unglaublich sonniges Gemüt, frei von Attitüden, Vorsagen und anderen Verdrehtheiten. Sie sind ganz bei dem, was sie tun. Sie leben absolut im Heute. Auch hatte man nicht einmal das Gefühl, dass sie mit moralischem Zeigefinger auf den angepassten Mitbürger zeigten. Das war nicht ihr Ding. Missionare sind sie also keinesfalls. Das hat mir auch gut gefallen. Sein Sachen zu machen und dennoch den Respekt vor dem ganz anderen Leben nicht zu verlieren. Keine Vorurteile, keine Urteile jedweder Art auch immer.
 
Elias Gottstein Carl Luis Zielke zeigen in diesem Film, dass ein junger Mensch immer eine Perspektive hat, auch wenn er arbeitslos ist. Dazu gehört natürlich eine Kreativität, ein meistern können von schwierigen Lebenssituationen, nicht aufzugeben, nach anderen Möglichkeiten zu suchen und sich nicht kirre machen zu lassen. Selber denken, seine eigene Sicht auf die Welt und unsere Gesellschaft zu haben, nicht übernehmen, sich selber reflektieren, nach Erkenntnis suchen, erfrischend wie man all das bei diesen jungen Leuten in dem Film sehen darf.
 
Seit ich den Film gesehen habe, kann ich die lebensfrohen, lachenden, zuversichtlichen, stets in sich ruhenden Gesichter dieser beiden Jungs nicht vergessen. Ja, bevor ich es vergesse. Die Beiden zeigen auch, was Freundschaft bedeutet. Dass sie sich gut verstanden, auch hin- und wieder bestimmt aufkommende Meinungsverschiedenheiten mit ihrer positiven Lebenshaltung bereinigen können, zeigt die ganze Art, wie sie miteinander umgehen.
 
Und die Musik??? Natürlich kommt die in dem Film auch nicht zu kurz. Und sie hat mir gefallen, transparent, Posaune, Gitarre, Keyboard (herrlich wie das in der Mülltonne eingebaut wurde) und ein Beat, herrlich zum Mittanzen und natürlich mit schönen Texten, die alle von dem erzählen, was die Beiden so denken und erleben.
 
Also, ob jung oder alt. Egal! Ein lohnenswerter Film!
 
Unplugged: Leben Guaia Guaia

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25. Juni 2012 1 25 /06 /Juni /2012 07:05

Geben Sie was auf Filmkritiken? Ich jedenfalls nicht. Und das hat sich wieder als richtig herausgestellt. Mein Auge fiel auf eine kleine Filmrezension in einem Frankfurter Städteblättchen. Kurz, nicht mal zehn Zeilen, wurde er dort beschrieben. Der letzte Satz sagte aus, dass es sich bei diesem Film um "Sozialkitsch" handele. Da wurde ich hellhörig. Was bezeichnen so Schreiberlinge einer Städtezeitung, die sich durch Mainstreamgehabe und Leistungsträger unserer Gesellschaft auszeichnen, als Sozialkitsch? Muß sagen, ich dachte gleich, jetzt aber erst recht. Die FR zeigte mir mit ihrer Rezension ein ganz anderes Bild. Also lange Rede kurzer Sinn...ich wollte den Film schauen.
 
Warum? Nun...das Thema hat mich interessiert. Ein traumatisierter psychotischer Mathematiker, der mit den Leistungsanforderungen unserer Gesellschaft nicht mehr zurecht gekommen ist, steigt aus. Wenn auch gezwungenermaßen. Nach einem Klinikaufenthalt, mit guten Wünschen und einer Palette an Psychopharmaka wird er in die Realität entlassen. Beim Anblick der ganzen Palette Pillen kam sofort eine extreme Abneigung in mir hoch. Als wenn der Mensch mit Pillen auf Vordermann gebracht werden soll, damit er wieder mitmischen kann und gefälligst seine Leistung erbringen soll.
 
Es schien im Leben von Martin, so heißt er, der Protagonist.  auch bis zu einem Zeitpunkt alles gutgegangen zu sein, gutdotierte Stellung als Mathematiker in einem großen Unternehmen, eine Freundin. Sein Leben schien geordnet. Er arbeitete bis zur Erschöpfung. Aber das sehen Chefs nicht. Für sie gilt nur die Leistung, die dem Betrieb Gewinn bringen soll. Ich kann nix dafür, aber dazu fällt mir natürlich sofort der olle Erich Fromm ein, der schon vor Jahrzehnten die Beziehungslosigkeit zwischen den Menschen angeprangert hat, auch in der Arbeitswelt.
 
Martin erleidet einen Totalzusammenbruch, landet in der Psychatrie, wird entlassen und erleidet Schiffbruch, aber total. Seine Versuche wieder in der Realität anzukommen, scheitern schon bei dem Gespräch mit seinem Arbeitgeber, in dem es darum ging, dass er seine alte Stelle wieder antreten möchte. Natürlich, was auch sonst, stößt er auf Ablehnung. Diese natürlich verpackt in menschenfreundliche Fürsorge. Sie wissen ja...wir würden ja gern...aber wir machen uns Sorgen, ob sie der Leistung standhalten können. Genau! Das ist das Thema. Leistungen standhalten, belastbar sein in dieser Welt. Was ist aber, wenn man dem nicht entspricht? Wenn es Schwachheiten gibt, Verletzlichkeiten, Unaufgearbeitetes aus Kindheits- und Jugendjahren, die einen vielleicht auch unbewußt, beeinflußen. Die man nie aufgearbeitet hat? Dann kann Mensch sehen, wo er bleibt, wie er damit fertig wird.
 
Martin scheitert also, keine Neuanstellung, Verlust der Wohnung. Der Gerichtsvollzieher erscheint zur Räumung. Martin hatte sowieso keinen Antrieb mehr, keine Aktivität. Er dämmerte völlig isoliert vor sich hin, umnebelt von seinen Psychopharmaka und dem Alkohol.
 
Parallel dazu sehen wir die Geschichte des 10jährigen Victors, der durch die Straßen trollt, sich mit Leerflaschengut seinen Lebensunterhalt sichert und seiner Mutter davon den nötigen Alkohol besorgt. Diese ebenfalls im alkoholisierten Dämmerzustand. Auch Victor ist im Grunde isoliert. Eines Tages findet er sie leblos in der Wohnung. Er hat erkannt, er ist allein, von jetzt an.
 
Beide, Martin und Victor treffen sich. Martin torkelt nach dem Rausschmiß über eine stark befahrene Autostraße und wird von einem Auto angefahren. Der Fahrer des Wagens agiert völlig lieblos, hat nur Angst um sich selber, sein Auto und sein Ansehen und schleppt den verletzten Martin an den Randstreifen und macht sich auf und davon. Für mich ist in dieser Szene deutlich zu sehen, wer eigentlich hier in unserer Gesellschaft der Verwahrloste ist. Das ist nicht Martin, sondern dieser angepaßte Unternehmerheld. Martin rettet sich in ein Abbruchhaus, wo er in einen tiefen Schlaf fällt, von dem er durch heftiges Geschreie wachgerüttelt wird. Er steht auf und wird Zeuge, wie zwei Halbstarke den 10jährigen Victor verprügeln. Er denkt nicht lange nach, sondern greift sofort ein. Verteidigt den Jungen und kann die Angreifer in die Flucht schlagen. Von da an beginnt eine ungewöhnliche Freundschaft zwischen den Beiden.
 
Sie schlagen sich durch an den Stadtrand. Martin trifft dort auf seinen Vater, ein brutaler und gewalttätiger Mensch. Eine Nacht bleiben sie dort. Martin überfallen Alpträume aus seiner Kindheit, in der er den brutalen und gemeinen Schlägen seines Vaters ausgeliefert ist. Er hört am Morgen, wie sein Vater die Klinik anruft und darum bittet, Martin sofort abzuholen.
 
Martin und Victor fliehen. Es bleibt ihnen der Wald. Sie bauen sich eine Hütte, versorgen sich dort mit allem Lebensnotwendigen und entziehen sich den Zwängen des Alltagslebens und der Realität. Es ist schon sehr schön zu sehen, wie die Heilkräfte der Natur den Menschen wirklich wieder zum Menschen machen.
 
Es entsteht hier nicht nur eine tiefe Freundschaft, die im Grunde nichts anderes ist, als ein Bild für die Freundschaft die Martin mit sich selber schließt, mit dem Jungen, der er selber mal war, der seine Mutter tot aufgefunden hat, wie Victor und der der Gewalt seines brutalen Vaters ausgesetzt war. Martin schaut der Bestie in sich in die Augen. Plötzlich hat er keine Angst mehr. Es gibt mehrere Bilder in dem Film, die diesen Blick in die Augen der Bestie sehr deutlich und sehr berührend aufzeigen. Zum einen die Staatsgewalt, der Martin immer wieder ausgesetzt ist, dann eines Nachts dem Wolf, der vor der Hütte erscheint und den die Beiden sich anschauen, bis der Wolf kapiert hat, hier gibt es nichts zu holen. Und dann die Arbeiter, von denen die Beiden eines Tages überrascht werden, als sie ihre kleine Wohnstätte mitten im Wald niederknüppeln.
 
Ich will jetzt nicht erzählen wie es weitergeht. Es gibt noch eine Begegnung mit einer jungen Frau, Lena, ausgelöst durch einen weggeworfenen Brief in einem Mülleimer und eine Beziehung zu ihr, die durch ihn entsteht. Nur so viel...Der Film hat eine großartige Botschaft. Und die heißt:"Hab keine Angst"
 
Und das zeigt Weingartne rsehr deutlich in diesem recht wortkargen Film. Dass es zwar Mut braucht, um der Bestie in die Augen zu schauen, aber dass nur dieses Anschauen der Weg ist, um sich zu befreien. Wer verdrängt, sich gar mit dem Agressor anfreundet, ihn verteidigt, wie es so oft im Leben geschieht bei Menschen nach dem Motto:"Ach so schlimm ist das doch alles nicht gewesen", wird weiterleiden und die Verdrängung schlummert wie eine Zeitbombe in ihm und er hat irgendwann keine Kontrolle mehr. Am Ende entgleist der Mensch, wie auch immer.

Was soll ich sagen. Hans Weingartner, der u.a. Gehirnforschung studiert hat, ist mit diesem Film ein großes Werk gelungen. Ich kann nur hoffen, diejenigen, die sich diesen Film anschauen begreifen ihn. Das war meine einzige Sorge nach dem Anschauen. Er zeigt die Zerbrechlichkeit des Menschen in einer scheinbar funktionierenden Gesellschaft, die einerseits den Anforderungen derselben standhalten will, aber im tiefsten Inneren leidet und dieses Leid irgendwann sichtbar wird in allen möglichen psychischen Erkrankungen, wie Burnout, Depression, Psychosen usw.usw..
 
Und am Ende, ich will es wie gesagt nicht verraten, hab ich tatsächlich weinen müssen. Lena und Victor, die sich mit ihm zusammen aufmachen wollten, in ein anderes Land, hält einen Zettel in der Hand mit der Botschaft Martins:"Hab keine Angst"... Ich bin mir sicher, dass Martin seinen Weg gehen wird. Und ich werde seine Klarheit in den Augen sicher nicht so schnell vergessen, sein Ganz-bei-sich-sein als er sich endlich getraut hat, den Bestien seines vergangenen Lebens und den Bestien und Wölfen der Realität, die ja nicht verschwinden, nicht nur in die Augen zu schauen, sondern ihnen stand zu halten. Sich nicht aufgeben. Sich nicht arrangieren.
 
Denn...wer diesen Film als "Sozialkitsch" bezeichnet, den kann ich nicht ernst nehmen. Der hat bei mir schon verloren. Denn es sind eh nur die Angepaßten dieser Gesellschaft, die meinen, sie seien auf der sicheren Seite des Lebens, wenn sie mitmachen und den Anforderungen entsprechen und meinen sie seien frei, aber in Wirklichkeit sind sie die UNFREIEN!
 
Guter Film! Anschauen! Unbedingt!
 
Die Summe meiner einzelnen Teile
Filmpalette Köln.
Und bedenkt, die Summe unserer einzelnen Zeile...wenn wir sie integrieren, zusammenfügen, entsteht neues Leben. Das wünsche ich mir und allen Menschen.
 

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