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27. Oktober 2008 1 27 /10 /Oktober /2008 22:07

Warum denn in die Ferne schweifen, so das Schöne liegt so nah...., so heißt es doch in einem Spruch. Gerade an diesem Wochenende fiel es mir mal wieder auf, wie wenig ich eigentlich von Deutschland kenne, von den kleinen Städtchen, die sich wie Kleinode zeigen, von den Menschen, die dort leben, von Kultur und Gewohnheiten und natürlich von der Vielfalt der Landschaften.
 
Nun denn, kleine Schritte bringen auch voran. Meine Schritte bewegten sich an diesem Wochenende zu einem Pilgertreffen in Schwäbisch-Hall. Schon am frühen Morgen des Freitags mache ich mich auf den Weg und ich sehe es als gutes Zeichen an, dass die Morgensonne mit ihrer Röte, die sich auf dem Rhein widerspiegelt, mir ihre Avancen macht. Ein schönes Bild, wie ich da so über die Zoobrücke fahre, meinem ca. 380 km entfernten Ziel entgegen.
 
Das Wetter ist mir die ganze Fahrt hold, kein Stau, ich komme prima durch, verfahre mich nur einmal an einer Autobahnkreuzung und muß leider 50 km wieder zurück, Rg. Nürnberg, um die Ausfahrt Schwäbisch-Hall zu erreichen. Von dort fahre ich durch hügelige Landschaften, deren Wiesen grün leuchten und auf denen die buntfarbigen Blätter der Herbstbäume kleine Punkte gemalt haben. Schön sieht das aus. Nach ca. 20 km erreiche ich die Jugendherberge in Schwäbisch-Hall, wo ein Pilgerbruder alles für uns 6 Personen, allesamt haben wir uns auf dem Jakobsweg in Spanien kennengelernt, reserviert hat. Da wir beide noch eine Weile allein sein werden, machen wir uns auf Erkundungstour des Örtchens. Der Pilgerbruder kommt aus Welsheim, was also nicht sehr weit von Schwäbisch-Hall entfernt liegt und kann mich über so einige Sehenswürdigkeiten aufklären. Schwäbisch-Hall ist Kreissitz und auch die größte Stadt des Landkreises Schwäbisch-Hall. Die Stadt hat ihren Namen durch den noch von früher bekannten Ausdruck des "Hellers", eine alten Kupfermünze, bekannt ist sie gerade auch wegen ihrer großen Festspiele auf der Freitreppe vor der Michaelskirche, sozusagen ein kleines Salzburg. Mir gefällt es. Leider hat am Nachmittag die Kirche geschlossen, so daß wir sie nicht besichtigen können. Das macht auch nichts, man kann sich eh nie alle Kirchenräume, die man jemals irgendwo gesehen hat, verinnerlichen, wenn man nicht gerade Kunstkenner oder Architekt ist. Und die Erfahrungen, die man spiritueller Art machen kann, sind doch bei einer vom Tourismus angezogenen Kirche sehr gering, zu laut und zu voll.
 
Also maschieren wir weiter, über den wunderschönen Marktplatz, der uns am anderen Morgen ein breites Spektrum von Waren der umliegenden Bauern zeigt. Ein Traum von Angebot und Qualität. Wenn ich da an unseren Nippesser Markt denke. Gemüse, Obst, Korbwaren, Bäcker, Fleischer, Blumen, Imker, alles ist hier zu finden. Ein kleines buntes Treiben und alles so beschaulich und gemütlich. Ob ich hier leben könnte. So eine Frage stelle ich mir immer, wenn ich an andere Orte reise. Wir maschieren an der Alten Stadtmühle vorbei, in der heute das Fränkische Museum untergebracht ist, ersparen uns aber eine Innenansicht. Dafür wird meine Aufmerksamkeit auf das Museum des ortsansässigen Industriellen Würth gelenkt, denn dort gibt es eine Baselitz-Ausstellung. Und da ich absoluter Baselitz-Fan bin, weil mir gefällt, dass er seine Objekte gern auf den Kopf stellt und somit zum Ausdruck bringt, dass es doch wohl wichtig ist, die Dinge aus anderer Sicht zu betrachten, besuchen wir also das kleine Museum, das architektonisch sehr imposant ist und auch die Innenräume großflächig zum ruhigen Flanieren und Schauen geeignet ist. Was mich aber am meisten erstaunt, ist, wir brauchen keinen Eintritt zu zahlen. Wo gibt es denn so was noch? Der Industrielle Würth ist ein so großer Kunstliebhaber, dass er das Museum sozusagen als Mission versteht, nämlich in die Richtung, wirklich allen Menschen die Möglichkeit zu bieten, in Berührung mit eben dieser zu kommen. Das nenne ich nobel. Auch für das Wegsperren der Garderobe keinen Pfennig. Klasse.
 
Nach rd. einer Stunde intensiven Schauens und Philosophierens über den Ausdruck der Bilder und der eigenen Interpretation, plauschen wir noch bei einem Kaffee und brechen wieder auf und gehen über den Badtorweg wieder zurück in unsere Jugendherberge, die ein wenig abseits oberhalb auf einem Hügel liegt, von dem man einen wunderschönen Ausblick auf die Kulisse der Stadt hat. Der Preis 20,--€ für eine Übernachtung ist in Ordnung, natürlich gemessen an den Preisen der Pilgerherbergen in Frankreich und Spanien nicht zu vergleichen und mit meinen Unterkünften in Indien und Nepal sowieso nicht. Aber, inzwischen sind auch die restlichen Mitpilgerer angekommen, wir haben zumindetens Herbergsathmosphäre, belegen ein Zimmer mit 6 Betten und naja, das Geschnarche ist groß und ich bin nicht ganz unbeteiligt dieses mal, denn meine von der Erkältung heimgesuchte Schnupfennase macht mir das Atem schwer, naja, jedenfalls, so sagt man mir am anderen Morgen, habe ich in verschiedenen Tonlagen geschnarcht. Bin halt doch Sängerin. Ist ja auch eine Kunst in Sopran-, Alt- und Baßtönen zu schnarchen. Aber wie auch auf dem Pilgerweg in Spanien, wir tragen es alle mit Fassung und haben unsere Freude aneinander und miteinander.
 
Und am nächsten Morgen brechen wir also auf, um die Tour von Schwäbisch-Hall nach Murrhardt zu laufen, sage und schreibe ganze 28 km. Und auch heute, an diesem Tag ist das Wetter uns hold, mehr als hold. Wir soll man es beschreiben, spätsommerherbstlich, einfach nur klasse. Schon nach kurzer Zeit können wir unsere Anoraks ausziehen und die Wärme noch einmal unseren Körper spüren lassen. Der Weg bietet Weite, überall säumen Obstbäume die Wiesen und hier und da können wir uns an einem heruntergefallenen Apfel laben. So soll es sein, ist doch immer wieder schön, so einfach die Hand auszustrecken, um sich verwöhnen zu können.
 
Unterwegs wechselt man immer mal wieder den Gesprächspartner, tauscht sich aus, wie es dem einen oder anderen nach dem Nachhausekommen vom spanischen Jakobsweg ergangen ist. Was er mitgenommen hat, was er umgesetzt hat, all die Pläne oder Wünsche und Träume, die sich auf dem Weg gezeigt haben. Es ist ganz unterschiedlich. Der eine hat sich tatsächlich sehr weit aus sdeinem Geschäftsleben zurückgezogen, macht eine Pause, der andere wiederum ist in der Alltagsmühle gefangen, wie eh und je, dennoch nimmt er die zwischenmenschlichen Erfahrungen mit, die er auf dem Weg gemacht hat, kann sie in Alltagssituationen mehr umsetzen, ist offener geworden für das Gegenüber. Ich meine, das allein ist doch schon eine gute Auswirkung. Und natürlich gibt es mal wieder viel zu lachen und zu scherzen, die Freude der Pilger am Beisammensein, an der Bewegung, an der Natur ist unbegrenzt. Ja, und na klar, eine Strecke, ein Tag und all die Plagen, die man auch auf dem Jakobsweg erlitten hat. Jedenfalls bei mir. Wieder Blasen an den Füßen, keine Ahnung warum, bin halt zart besaitet, plötzliche Schmerzattacke, nicht wissend woher, stoppt für einige Kilometer mein Laufgeschwindigkeit, weil ich mal wieder die Schnellste bin, aber es stellt sich Gott sei Dank später als harmlos heraus. Und auch trotz des schönen Wetters kommen wir durch ein Wäldchen, in der uns der Weg ein wenig Mühe macht, denn wir laufen durch zentimetertiefen Matsch, haben Mühe, den Schuh wieder herauszuziehen, müssen balancieren, nach anderen Möglichkeiten suchen, wie im Leben halt, wenn es Probleme gibt. Genau in diesem Moment klingelt mein Handy. Verdammt, ich hatte vergessen es abzuschalten. Und wer ist dran. Ich muß schmunzeln. Ein Blogger. Röschen, geht es dir gut, seine Frage. Ja klar, ich erfreue mich des Lebens und versuche nicht im Boden zu versinken. Erst da geht ihm ein Licht auf. Aber schön ist es zu wissen, es wird sich Sorgen gemacht, wenn man mal zwei, drei Tage verschwunden ist von der Bildfläche. Soll einer noch mal sagen, bloggen sei was Negatives.
 
So kommen wir gegen Spätnachmittag in der Jugendherberge in Murrhardt an, lassen uns noch ein wenig von der untergehenden Sonne verwöhnen und dann ab zum Italiener, wo ein wunderschöner Tisch auf uns wartet und auch dieser Abend endet nicht nur feuchtfröhlich, sondern ist nebenbei gespickt mit vielen tiefen und ernsten Gesprächen. Man hat halt Zeit als Pilger, Ruhe und Muße, um sich einmal ein bißchen näher mit dem ein oder anderen Thema zu beschäftigen. Die Oberflächlichkeit des städtischen Lebens ist vergessen, wir genießen den Abend und fallen müde, aber glücklich irgendwann in der Nacht ins Bett, dürfen, auch da war das Glück uns hold, eine Stunde länger schlafen und sitzen vergnügt am Frühstückstisch beisammen und müssen doch, jedenfalls der ein oder andere, langsam an den Aufbruch denken. So folgt nur eine kleine Tour an diesem Morgen und dann verabschieden sich die ersten, wogegen ich noch mit zwei Pilgerbrüdern, das Ferien- und Hausdomizil des in Welzheim ansässigen Pilgerbruders bestaune, mich dann dort nach einem Prummekuchen und Kaffee, ebenfalls verabschiede und mich wieder auf den Weg zurück nach Köln mache.
 
Schön war es. Und, wie auf der Hinfahrt, verabschiedet mich die untergehende Sonne, die ihr orangerotes Licht über die Landschaft wirft. Ja, sie war eine gute Begleiterin und sagt man nicht, wenn Engel reisen.
 
Es geht dann aber rasch mit der anbrechenden Dunkelheit und ehe ich mich versehe, befinde ich mich auf einer dunklen Autobahn, die mir, nach langer Abstinenz des nächtlichen Fahrens ein wenig Angst einjagt. Alles schimmert und verwischt, die Lichter, der manchmal herannahenden oder vorauseilenden Autos, die anscheinend nicht mehr so ganz der Fahrzeugsicherheit genügen, die Grenzstreifen auf den Spuren, ich muß mich dran gewöhnen. Aber schon nach einer knappen dreiviertel Stunde habe ich meine alte Sicherheit wiedergefunden und ab geht es mit einer guten Geschwindigkeit, ohne große Probleme, ohne Staus und Unfälle  und ich freue mich, dass alles gut gegangen ist. Ist ja alles nicht selbstverständlich!
 
So komme ich gegen 20.00 Uhr müde, aber glücklich wieder zuhause an, die Anspannung des Fahrens läßt langsam nach und ich falle müde ins Bett. Wir werden uns alle wiedersehen. Das nächste Mal in Speyer, dann im Herbst bei mir in der schönen Eifel und immer so weiter. Wie schön. Ein Gewinn der Jakobsweg. Und ich muß sagen, der Weg in Schwäbisch-Hall war ausnahmslos wunderbar beschrieben und mit den charakteristischen Muschelzeichen bestückt. Man brauchte keinen Plan, konnte sich gut orientieren.
 
Und das schöne ist, ich hab dabei auch wieder ein Stück schönes Deutschland kennengelernt. Was nicht alles so passiert. So freue ich mich auf das nächste Treffen. Deutschland ist schön, schade das viele so wetterabhängig sind. Denn das hört man ja immer wieder, ich würd ja in Deutschland bleiben, aber das Wetter. Dabei gibt es doch gar kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung.
 
In diesem Sinne, auch die Jakobswege in Deutschland sind zu empfehlen. Und unser schönes Deutschland ebenfalls, versuchen sie es mal. vielleicht erstmal bei einem Kurzurlaub!
 
Hier noch ein Link, wer etwas mehr über Schwäbisch-Hall und die Umgebung wissen möchte:Schwäbisch-HAll

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27. Oktober 2008 1 27 /10 /Oktober /2008 20:38

Von Puerte la Reina geht es weiter, Ziel Estella! Es regnet, ein kühler Wind weht, Regenklamotten raus, was nicht angenehm ist, denn darunter staut sich erfahrungsgemäß die Wärme. Es geht wieder rauf, runter, der kleine Pass "Maneru" ist trotz allem sehr steil.
 
Die Getreidefelder stehen in voller Blüte, über all Weinstöcke, mein Auge kann sich nicht satt sehen.
 
Leider geht es ein kleines Stück an der Autobahn entlang, da hilft nur der I-Pod!
Über die Brücke geht es nach Lorca, hier fließt der "Rio Salado" (salziges Wasser). Der Legende nach hieß es, das Wasser töte jedes Pferd auf der Stelle!
 
Auf dem Weg komme ich an vielen Bars vorbei, wo Hunger und Durst gestillt werden kann, dann geht alles nochmal so gut. Wen man längere Zeit nicht mehr gesehen hat, trifft man hier bestimmt wieder. Eine schöne Erfahrung, dass man sofort vermißt wird, wenn man mal einen Tag nicht gesehen wurde. Wann vermissen wir zuhause einander wirklich. Alles geht in der Hektik unter. Jeder rödelt vor sich hin und denkt kaum an den anderen. Erst wenn was passiert kommt der Andere einem möglicherweise wieder in den Sinn. Wenn man schon Freunde und gute Bekannte nicht vermißt, wie dann den Menschen, der einem nur täglich einfach so begegnet?
 
Als ich nach Hause kam, ungefähr eine Woche später, ging ich über die Neußer Straße. Da stand der Bettler, den ich gut kenne. Als er mich sah, sagte er:" Lange nicht gesehen!" Das hat mich wirklich berührt. Klar, ich geb ihm immer was! Aber das ist wohl auch der Grund, dass wir manchmal nur Menschen vermissen, wenn sie etwas für uns tun! Einfach so, kommt immer seltener vor! Leider!
 
Ich befinde mich 1 km vor Estella, es regnet immer noch in Strömen, gehe durch ein kleines Industriegebiet, sehe die Stadt von weitem, die Wege sind aufgeweicht, wie schon die Tage vorher. Das Laufen ist daher um so anstrengender, weil jedesmal beim Gehen mindestens 1 kg Matsch an den Schuhen hängt! Fühlte mich ziemlich müde an diesem Tag! Plötzlich rutsche ich doch auf dem glitschigen Boden aus und falle rücklings ins dornige Gebüsch. Juchhu! Ich liege auf meinem Rucksack, fühle mich wie der Käfer in Kafkas Erzählung, Hände und Füße nach oben gerichtet und versuche aufzustehn. Klappt aber nicht, auch nach zwei, drei Anläufen nicht! Ich schaue, ob niemand hinter mir herkommt, aber denkste. Liege da für einige Sekunden einfach so rum, der Regen tropft mir ins Gesicht und plötzlich fange ich einfach an zu lachen, so dass mir zusätzlich die Tränen kommen. Mensch ist das ne komische Situation. Endlich schaffe ich es, Hände und Arme total verkratzt, verschlammt und die letzte Hose auch total verdreckst. So was kannste nur mit Humor tragen. Übrigens sind einige der anderen Pilger über den Straßenweg nach Estella gelaufen, also nicht über die vorgegebene Pilgerroute, wegen des Schlamms und des Einsinkens. Das kam natürlich für mich nicht in Frage, immer durch, immer alles mitnehmen, was sich mir in den Weg stellt, ich brauch das einfach! Je schwerer, um so besser!
 
Estella (Die Schöne) ist endlich erreicht. Die Herberge mehr als dürftig. Serano, der Australier und Ricardo, der Brasilianer und auch Fausto der Spanier sind vor mir da. Ich bekomme im selben Zimmer ein Bett und die Freude ist groß über das Wiedersehen. Werd natürlich erstmal ausgelacht, ach ne herrlich, wenn ich dran zurückdenke!
 
Endlich die Dusche! Ha! An diesem Tag bin ich tatsächlich eine der ersten! Endlich mal keine anderen Bürger meiner Nationalität, die schon Schlange stehen. Weil, sie haben nämlich was anderes zu tun, stehen im Regen vor der Herberge und bürsten ihre Schuhe sauber. Typisch deutsch, denke ich, immer alles sauber und ordentlich! Es macht wirklich kein anderer außer den Deutschen. Alle andern haben Spaß auf den Zimmern.
 
Ich gehe also in die Dusche in freudiger Erwartung über einen warmen Schauer an diesem Tage, der dann buchstäblich ins Wasser fiel, sie war nämlich eiskalt und unter Lachen jaule ich wie jeck, japse und lechze, aber ich halte durch, was auch sonst? Als ich in den Saal zurückkomme, werde ich angegrinst, jeder wußte es, nur ich nicht, na ja, Hauptsache sie hatten ihren Spaß! Pilgern ist wie das Leben, eben kein Paradies!
 
Am Abend dann ab zum Essen und danach in die Bar zum Absacker! Wir sind alle ziemlich gut drauf und lachen und scherzen noch 10 Minuten vor Zapfenstreich. Was heißt alle, die meisten Deutschen liegen schon in den Betten, sich vorbereitend auf den nächsten Tag zum Betten-Racing, denn wer zuerst an der nächsten Herberge ist, hat das beste Bett! Es war zum Schießen. Während wir selbstvergessen unseren Spaß haben, steht plötzlich einer dieser Spezies in unserem Raum und meint, wir sollten jetzt das Licht ausmachen und Ruhe geben! So was! So laut waren wir nun auch wieder nicht! Spaßverderber meine Spezie!" Frustbeutel, denke ich! Sind ja nur neidisch! Kann doch eh keiner schlafen um 22.00 Uhr! Aber leider gebärden sich immer wieder und gerade einige deutsche Pilger so auf dem Weg. Furchtbar. Ich muß mir vielleicht was anhören über meine Landsleute! Vergrämt und spiessig seien die. Woher das nur kommt, obwohl sie doch eigentlich keinen Grund zur Klage eher zur Lebensfreude haben. Gerade, wenn man sich so lange Zeit auf einem so schönen Weg befindet, kann man nur Grund zur Freude haben, dann muß es einem gut gehn, sonst könnte man es sich ja nicht erlauben. Aber diese typische deutsche Mentalität des Jammers und Klagens wird hier immer deutlicher!
 
Nun denn, wir haben es überlebt. Am anderen Morgen geht es weiter Richtung Los Arcos. Schon am Vorabend drehten sich die Gespräche nur um das nahegelegene Kloster "Santa Maria la Real de Irtache!" Warum? Nein, nicht weil die Pilger es kaum erwarten konnten, heilige Stätten zu besichtigen! Das Objekt der Begierde war der "Fuente de Vino!" (Weinbrunnen) Man findet ihn eingemauert mit zwei Zapfhähnen, rechts Wasser, links Wein! Hier scharen sich die Pilger und füllen ihre mitgebrachten leeren Flaschen auf. Ich selber trinke noch nicht einmal einen kleinen Schluck. Wie ich mal schrieb, steigt mir Alkohol sofort in die Beine und nicht in den Kopf, der bleibt klar,-) und dass konnte ich an diesem Tage gar nicht gebrauchen, wegsackende Beine! Ich lechtzte nur nach Wasser und Gott sei Dank gab es auf den ersten Etappen immer wieder Brunnen, aus denen man schöpfen konnte, so dass ich weniger Belastung auf dem Rücken hatte. Denn drei Liter mußten das schon sein!
 
Estella befand sich auf 426 m und es geht also über Villamayor del Monjardin auf 675 m Höhe. Die Bodega "Castillo de Monjardin" ist für seinen besonders guten Weißwein dieser Region bekannt. Hier ist der Wein unglaublich billig! Man zahlt gerade mal 0,80 Cent, höchstens 1,00€!
 
Die Natur auf dem Weg zeigt sich in sanften Formen, kleinen Hügeln, unterbrochen von Getreidefeldern und immer wieder Weinstöcken und gelbem Ginster. Das Grün der Laubwälder und der Gräser ist eine Labsaal für meine Seele und meine Augen. "Ich bin was ich sehe" Immer noch ist es ein unbeschreibliches Gefühl von Freiheit, dass in mir aufsteigt!
 
Dann geht es wieder bergab, runter nach Los Arcos. Ankunft in der Herberge 15.00 Uhr, schachmatt, aber glücklich. Die Nacht wird wieder lustig, denn neben mir legt sich ein Pilger, der meinte, das er unverschämt schnarchen würde und dass ich ihn ruhig wecken solle, wenn es unerträglich würde. Gesagt! Getan!
 
Natürlich kann ich nicht schlafen, sowieso nicht. Von oben kommt ein :" Can you sleep, Erika? Neben mir Serano:" Oh no, that is fuck" und lacht sich einen weg. O.K. machen wir was, sage ich zum ihm. Ich stehe auf und rüttele besagtem Herrn am Arm, der schreckt hoch, aber oh jeh, er war es gar nicht, es ist sein Nebenmann! Ich fasse mir ein Herz, gehe zum nächsten Bett, stupse den Übeltäter an, der schreckt ebenfalls hoch, ist nicht sonderlich erbaut von meinem Wecken, dreht sich rum und schnarcht weiter. So was! Ich denke zeitweilig an Auszug, aber ergebe mich letzten Endes! Das war´s dann mal wieder mit dem Schlaf! Dafür unterhalten wir uns, Serano, Ricardo, Fausto und ich im Flüsterton und philosophieren über die Leichtigkeit des Seins. Unmöglich, aber wahr!
 
Man darf einfach nicht die Leichtigkeit verlieren. Immer wieder das Thema, das Schöne nicht aus den Augen verlieren, denn es hilft, das Negative zu tragen!
 
Und alle drei sind froh, in Sandra, Angela und mir doch auch noch andere Spezie Deutsche kennengelernt zu haben!

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27. Oktober 2008 1 27 /10 /Oktober /2008 20:36

Habe ich was von "Pilgerroutine" geschrieben? Wie sieht die aus? Ganz einfach! Ich stehe morgens auf, höre dem einen oder andern Geräusch zu, dem Rascheln der Schlafsäcke, dem Einpacken irgendwelcher Utensilien, lausche den leisen Gesprächen, sehe die kleinen Lichtstrahlen so mancher Kopflampen, eine wirklich schöne Athmosphäre, alles ist im Aufbruch! Aufbruch! Wie schön. Jeden Tag neu! Ich wünschte, ich könnte dieses Gefühl für den Alltag konservieren. Ich spüre meinen Körper, der irgendwo, irgendwie immer schmerzt. Ich beachte ihn, aber springe auf, um mich selber bereit zu machen. Duschen? Ne, das geht morgens gar nicht, zuviel Andrang. Zähneputzen, ein kleiner Plausch mit rechts und links, lachen, Wasser ins Gesicht, Sachen zusammengepackt und ab geht es!
 
Von Pamplona mache ich mich auf zur nächsten Zieletappe, die ich ins Visier genommen habe, Puenta la Reina!
 
Es geht erstmal weiter bergab, Puente befindet sich auf 356 m Höhe. Aber bevor es bergab geht, erstmal wieder bergauf, Pamplona lag bei 409 m und bis zur Passhöhe "Alto de Perdon" geht es hinauf auf 735 m. Das Wetter spielt mit. Unterwegs treffe ich auf den Australier und wir kommen schnell in persönliche Gespräche. Wir gehen eine Weile zusammen. Schnell kommt man auf dem Pilgerweg auf das wirklich Wichtige zu sprechen. Kein Smal Talk! "Warum gehst Du?" "Was treibt Dich an?"
 
Der Australier ist für mich ein kleines Wunder! Er hat in Sydney eine spirituelle Begleiterin, die ihm geraten hat, den Jakobsweg zu gehen. Er hatte vorher noch nie was davon gehört. Aber er vertraut ihr so, dass er nach Hause fährt, einen Flug nach Madrid bucht, von dort aus mit Bus und Bahn nach St. Jean fährt und sich auf den Weg macht. Er geht barfuß neben mir her, gestützt an seinen Stock und erzählt mir von seinem Leben.
Er wußte nicht, was ihn erwartet. Wann begehen wir Wege, einfach so, ohne zu wissen, wo es endet?
 
Übrigens, der Altersdurchschnitt des "Pilgers schlechthin", jedenfalls derer, denen ich begegnet bin, liegt zwischen 45 und 55 Jahre! Nachdem, was ich so erzählt bekommen habe, wollte jeder diesen Weg als "Auszeit" ansehen. Viele waren sich nicht mehr sicher, wie es weiter gehen sollte. Beziehungsprobleme, viele Frauen übrigens, die nach 20, 25 Jahren über eine Trennung nachdachten. Männer, die im Berufsleben nicht mehr weiterkamen, sich gescheitert sahen, Burn-out-Problematiken aufwiesen. Andere wiederum hatten Angehörige, Partner, Freunde etc. verloren, wollten den Verlust verarbeiten, wollten über den Tod nachdenken.
 
Wer nimmt sich heute noch Auszeiten, um zu überdenken, was ist und was sein könnte? Menschen sind gefangen in ihrem Räderwerk. Höre ich doch oft auf Fragen, wie es so geht:" Ach, ich rödele so vor mich hin, wie ein Hamster im Käfig!". Ich bin dann immer sehr erschrocken!
 
Nun denn, ich kann mich ebenfalls an Zeiten in meinem Leben erinnern, da hatte ich schon ein schlechtes Gewissen, wenn ich mal ne Kaffeepause machte. Aber das ist Gott sei Dank lange her! Ich schweife ab!
 
Der Weg auf die Passhöhe Perdon ist traumhaft, die Luft klar, die Sonne scheint, ich sehe die Windräder von weitem, über die viel Energie gewonnen wird, gehe durch schmale, mit gelben Heide- und Ginsterbüschen bewachsene Wege, so weit das Auge reicht, immer höher hinauf.
 
An diesem Tag passiert das, was Kerkeling, den ich im Nachhinein gelesen habe, beschrieb "Ich weinte ohne Grund!", einfach so, dachte ich jedenfalls in diesem Moment! Weil ich diese wunderschöne Natur sah, weil ich allein war, weil ich mich frei fühlte! Aber erst als mich Serano, der Australier in den Arm nahm, weil er sah, dass ich weinte, wußte ich, es war auch wegen meinem Leben, dass ich bisher geschafft hatte, all dem Schmerz, all der Anstrengung, der bewältigten Krankheit und der Angst, die mich manchmal im Alltag befallen hat!
 
Aber gerade deswegen war ich glücklich und dankbar, genau das sagten mir die Tränen!
 
Auf der Passhöhe angelangt, liege ich in seinen Armen, weine und lache gleichzeitig und bin seelig, genieße den Rundblick auf die Landschaft und die Dörfer und Städte, die sich von weitem meinem Auge darbieten, Wie schön, einfach auf das Leben zurückzuschauen, ohne weiter darüber nachzudenken!
 
Leider befinden sich an diesem Ort kleine touristische Ansammlungen, denn es ist ein beliebtes Ausflugsziel für Buspilger und Autofahrer, zum einen wegen der wunderschönen Aussicht, zum andern wegen der metallenen Kunstwerke, die Jakobsfreunde aus Navarra 1996 hier aufgestellt haben, eine lustige Pilgerkarawannenskulptur, bestehend aus Frauen und Männern, Pilger mit Eseln und Pferden. Es sieht gespenstisch aus, aber dennoch einladend.
 
Hier gibt es eine kleine Ruhepause, aber wirklich nur kurz, denn die Menschenansammlungen nerven mich. Ich hab mich sehr schnell an die Einsamkeit gewöhnt und sehne sie wieder herbei. Ein steiler Abstieg beginnt, erschwert durch dicke Felsbrocken und Geröll und das erste Mal denke ich, vielleicht wäre es doch gut gewesen, einen Pilgerstab zur Hand zu haben. Während der Australier den seinen umklammert, sich abstützt, mache ich immer noch die "coole", meine immer noch, dass es das Beste ist, die Hände frei zu haben. Aber es geht in die Waden und in die Schienenbeine, das merke ich. Man braucht Stützen im Alltag, das erkenne ich jetzt, aber gebe es nicht zu. Ich will immer alles alleine machen!
 
Kurz hinter der Passhöhe entspringt die kleine Quelle des "Fuente de la Tega". Einer Legende nach soll hier der Teufel Pilger versucht haben. Er bot ihnen Wasser an, aber nur, wenn sie ihrem Gott abschworen. Ja, ja, ich sag´s ja immer, die Versuchungen!
 
Aber mah ehrlich, was bedeutet das Wort "Versuchungen" heute wirklich? Ich meine, es kommt in unserem Wortschatz eigentlich nicht mehr vor. Jedenfalls, ich kenne viele solcher Versuchungen in meinem Alltag. Das fängt bei den sinnlichen Genüssen an, geht über die Eigenanklage, nicht gut genug zu sein, mich nicht annehmen zu wollen, wie ich bin oder meinen Nächsten nicht annehmen zu wollen, bis zu dem Moment, wo ich den Anderen am liebsten einen an die Ohren geben will. Dann wären da noch die Versuchungen des "urteilens und beurteilens" des Anderen. Na ja, jeder kennt seine eigenen Versuchungen sicher selber! Das Leben ist ein Kampf, gerade auch gegen die Versuchungen! Denn ich weiß es doch, wenn ich diesen Versuchungen nachgebe, lähme ich mich selber und in Konflikten mit anderen, erschwert es die Situation, ehe dass sie es verbessert. Also übe ich mich in Geduld und nehme meine Emotionen zwar wahr, suche sie aber zu beherrschen, damit sie kein Unheil anrichten. Genug filosofiert!
 
Ich gelange endlich mit dem Australier und Sandra, einer Deutschen, wir trafen uns unterwegs wieder, nachdem jeder eine lange Zeit allein gegangen ist in Puenta la Reina wieder. Die, die für eine Zeit zusammengehörten, trafen sich tatsächlich immer wieder.
 
Puenta la Reina, eine alte Handwerkerstadt. Hier ließen sich besonders die Franzosen nieder. Die "Calle Mayor" zieht gerade durch die Altstadt bis zur Brücke über den "Agra" Angeblich soll die Brücke auf Wunsch einer Königin errichtet worden sein, daher der Name:" Brücke der Königin"
 
Erst die vielen großen und kleinen Brücken in den Orten ermöglichten das wirtschaftliche Wachstum Spaniens in vielen Regionen, vor allen Dingen entlang des Jakobsweges.
 
Mir gefällt Puenta la Reina sehr gut, ich mag diese mittelalterliche Athmosphäre, die alten Steinhäuser, den Duft alter Traditionen.
 
Wir erreichen eine österreichische Herberge, die super gemütlich ist, mit Bett unterm Dach, Matratzen auf dem Boden. Ich suche mir eine Ecke aus, in der sogar ein kleines Tischchen steht und eine kleine Anrichte. Vor mir noch weitere 10 Matratzen, auf denen erschöpfte Pilger liegen, schlafen, lesen, erzählen. Ich bin glücklich, mache Purzelbaum auf meiner Matratze und rufe den anderen Pilger zu:" Hey schaut her, wie gut ich es getroffen habe, ein eigenes kleines Reich!" Was brauche ich mehr?
 
Mittlerweile regnet es draußen. Wir ruhen bis zum Abendessen, suchen ein Lokal und ich verabschiede mich vorzeitig, weil es mich drängt, noch ein bißchen auszukundschaften. Dort entdecke ich, dass dieser Tag der Vorabend zu einem Volksfest ist. Alle Bürger des Ortes befinden sich auf der Straße, kleine Karussels für die Kinder sind aufgebaut. In einer Ecke werden Bonbons für die Kinder in die Menge geschmissen, ich denke "Kamelle, Kamelle" auch in Spanien und muß lachen! Alles ist fröhlich und heiter. Am nächsten Tag sollen die jungen Stiere durch die Straßen gejagdt werden. Klar, was sonst in der Nähe Pamplonas?
 
Ich ziehe mich in eine Bar zurück, in der gerade eine Band ihr Equipment aufbaut, bestelle mir an der Bar eine Whisky-cola, sitze zwischen all den Spaniern, fühle mich gar nicht fremd, fange einfach an mit meinen Nachbarn ins Gespräch zu kommen und es gelingt tatsächlich. Ein junger Mann, der zwar sehr schlecht englisch spricht und ich sehr schlecht spanisch, erklärt mir, welche Band hier gleich ihr Debüt geben wird. Und da kommt er auch schon, der Leadsänger. Sieht aus wie "Alice Cooper" aus den Siebzigern! Ich muß lachen, gehe auf ihn zu und erzähle ihm natürlich von meinem Vergleich. Er fühlt sich geschmeichelt, gibt mir was zu trinken aus und wir haben ne Menge Spaß. Inzwischen kommen auch meine anderen Mitpilger und wir rocken ganz schön ab, als es losgeht, haben unseren Spaß, gelebte Pilgerfreude, bis die Uhr uns in die Herberge zurückruft. Es ist Sperrzeit! Nun denn! Schade, aber manchmal ist es besser so.
 
Gegen 22.30 Uhr liegen wir im Bett. Ich wache um 5.00 Uhr auf, denn mehr als 5 bis 6 Stunden Schlaf brauche ich nicht, noch nie und schaue aus meinem kleinen Dachfenster hinauf in den Himmel und sehe die Sterne, die ich sehr selten wirklich zu sehen bekomme, wegen der frühen Schlußzeit der Herbergen. Ich lausche auf die Geräusche im Raum, den leisen Atem der Anderen, das eine oder andere leise Schnarchen oder Schnörcheln und fühle mich absolut geborgen. Dieses kleine Stück Himmel genügt mir, ich bin glücklich, es weiter geschafft zu haben. Ich denke nur von Tag zu Tag! Genau das ist es. Ich hoffe, auch das, nicht zu verlieren. Denn was nützt es weiterzudenken, immer nur der nächste kleine Schritt. Offen bleiben! Was weiß ich, was übermorgen ist, ob ich jemals irgendwo ankommen werde und wie? Geht es nicht darum, einfach gehen, sich weiterbewegen, ohne ein bestimmtes Ziel zu haben, sondern sich überraschen lassen, wo und wie es enden wird.
 
Am Morgen gibt es ein fürstliches Frühstück, für das ich genau 2,00 gezahlt habe, dafür aber selbstgebackenes Brot und selbstgemachte Marmelade bekomme, was ein absoluter Genuß ist, nach den morgendlichen, frühstückslosen Zeiten!
 
Ich bin auf dem Weg!

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27. Oktober 2008 1 27 /10 /Oktober /2008 20:33

Ich war schnell auf dem Weg, 5 km in der Stunde, wie nichts. Ich konnte es selber nicht fassen, wie ich eintauchte in einen Rausch des Gehens, der Bewegung. Der Mensch ist auf Bewegung ausgerichtet. Aber er ist zum Sitzenden geworden. Auch nicht nur, was das Körperliche anbetrifft. Auch im Kopf wird er immer mehr unbeweglich, hält fest an starren Normen, an dem, was ihm vorgesetzt wird, bewegt sich nicht mehr, zu reflektieren, was er wirklich fühlt, wie er zu den Dingen steht. Übernimmt einfach. Nun gut!
 
Ich war auch die Schnellste am Morgen. Sonst müssen ja immer die Männer auf die Frauen warten, aber in meinem Falle war es umgekehrt. Jedesmal mußte ich auf die Herren der Schöpfung am Morgen warten. Ich wachte auf, packte meine wenigen Habseligkeiten zusammen und los ging es. Ich maschierte einfach los, unabhängig davon, ob jemand mitkam oder nicht! An diesem Morgen wieder mal auf der Suche nach Frühstück. Glückes Geschick, dachte ich, als eine Bar in Sichtweite kam. Einige Pilger saßen schon bei ihrem "cafe con leche". Aber! Es gab nix zu essen. So wat! Schon wieder ohne Frühstück!
 
Na ja, langsam fing ich an, mich dran zu gewöhnen. Ich trank meinen Kaffee mit Hingabe und dann ging es ab Richtung Pamplona!
 
Es war definitiv klar, dass meine beiden Jungs mich an diesem Tag verlassen würden, denn die Etappe nach Pamplona betrug nur knappe 22 km und das war ihnen einfach zu wenig. Meine Füße gaben jedoch nicht mehr her, an diesem Tage!
 
Zurück also zur Brücke "der Tollwut" und von da aus über wunderschöne Waldwege, die Schatten spendeten, entlang an einem kleinen Fluß, dessen kühles Naß seine Wirkung tat, denn es war heiß an diesem Tage. Es ging übrigens weiter bergab.
 
Zubiri befindet sich auf ca. 528 m und Pamplona auf 496 m. Ich gehe über Zubiri, Akkereta, Zuriain, Irotz und Zabaldika und gelangte über die reizvoll sich zeigende, mittelalterliche Brücke von Trinidad de Arre nach Arleta. Von dort aus sieht man sehr schön, die am anderen Ende liegende "Iglesia de la Santisima Trinidad" aus dem 13. Jhdt. Diese gehörte im Mittelalter zum Konvent der Hermanos Maristas, wo heute immer noch eine Pilgerherberge betrieben wird.
 
Für Radsportliebhaber noch der Hinweis, dass im anschliessenden Nachbarort "Villava" Spaniens größter Radsportler Miguel Indurain, fünfmaliger Gewinner der Tour de France, geboren wurde. Dort wurde ihm auch ein Ehrendenkmal gesetzt und natürlich ist er Ehrenbürger des Städtchens.
 
Übrigens, Radpilger müssen in den Herbergen warten. Zuerst kommt das Fußvolk, dann die Radler. Ich hab einige Radler kennengelernt, die man aber sehr schnell verliert. Das Radpilgern ist nicht ganz ungefährlich,denn nicht überall können sie auf den vorgegebenen Pilgerpfad fahren und müssen auf Landstraßen ausweichen. Erst im letzten Jahr ist auf einer der stark von Trucks befahrenen Landstraßen ein Radpilger tödlich verunglückt. EIn Kreuz erinnert am Straßenrand.
 
Die meisten Radfahrer fahren ausschließlich aus sportlichen Motiven, ohne jeglichen Hintergrund, eine Auszeit zu nehmen. Sie machen niemals diese intensive Erfahrung der Gemeinschaft mit anderen Pilgern aus aller Herren Welt, sie bleiben Einzelgänger.
 
Nach knapp einer Stunde Weg gelange ich an einen sozialen Brennpunkt zu Beginn von Pamplonas Stadttoren. Der Weg ist voll Müll, alten ausgedienten Fernsehern, Waschmaschinen und in den Häusern sehe ich zerbrochene Fensterscheiben. Aus einem der Fenster klingt spanischer Hipp-Hopp, intensiv und klagend. Ich denke über die Menschen nach, die hier ihr Leben meistern müssen und erinnere mich an meine eigene Kindheit, aufgewachsen in einem sozialen Brennpunkt in Duisburg und ein mulmiges Gefühl schleicht in mir hoch. Ich weiß, was es heißt, so leben zu müssen.
 
Aber endlich gelange ich an die "Puente de la Magdalena" durch einen alten Befestigungsgraben in die Altstadt Pamplonas. Hier treffe ich auch Serano, den Australier wieder und wir machen uns gemeinsam auf die Suche nach einer Herberge. "Paderborn" eine deutsche Herberge ist voll belegt. Irgendwie bin ich froh. Deutsche Ordnung und Pünktlichkeit, mag ich jetzt gar nicht haben.
 
Pamplona, die Hauptstadt der autonomen Region Navarras, hat sofort mein Herz erobert und zeigte sich von ihrer schönsten Seite. Geschichtlich gesehen geht ihre Gründung, so die Vermutungen, auf das 1. Jhdt. vor Christus zurück. Immer wieder gab es Eroberungskämpfe von Westgoten, Franken und Arabern. Die Basken schafften es erst im Jahre 755 ihre Beherrscher abzuschütteln. Mit den wachsenden Pilgerströmen bis zurück ins Mittelalter begann der Aufschwung der Stadt.
 
Hier könnte ich leben! Manche Stadt- und Verkehrsplaner könnten sich hier einmal Anregungen holen. Alles gut durchdacht, Plätze wunderbar angelegt, die zum Verweilen einladen. Aber wie sollte man sich in einer Stadt, in der auch "Hemingway" eine Zeit lang lebte und sich
inspirieren ließ, nicht wohlfühlen. Hier schrieb er seinen Roman "Fiesta", in dem es natürlich auch und gerade um Stierkämpfe ging. Ich les ihn gerade erst im Nachhinein und kann ihn nur empfehlen!
 
Bei meinem nachmittäglichen Streifzügen durch die Stadt entdeckte ich auch das berühmte Hotel "La Perla", in dem Hemingway sich niedergelassen haben soll! Gegenüber der große, einladende Markt- und Veranstaltungsplatz, umgeben von Bäumen und bunten Blumenkästen. Hier treffen sich die Bürger Pamplonas um zu schwadronieren, schöne, elegante spanische Frauen flanieren und an den Wochenenden gibt es Musik und Tanz. Ich könnte wehmütig werden, wenn ich an diesen Ort zurückdenke und hier in Köln die oft furchtbaren Plätze vor Augen habe. Nun denn! Übrigens, ich war begeistert von der Schönheit und der Eleganz der spanischen Frauen. Ihr Gang schien mir einen Hauch stolzer zu sein, als andere Frauen dieser Welt. Woher das bloß kommt? Vielleicht tragen spanische Männer ihre Frauen mehr auf Händen. Die Ästhetik ihrer Kleidung ist einfach phänomenal, ob jung, ob alt. Aber ich schweife ab!
 
Ich stellte mir vor, wie vor den Kämpfen die Stiere durch die Straßen Pamplonas getrieben werden und die Stadt sich in einen Hexenkessel verwandelt. Natürlich bin ich die Strecke einmal abgelaufen vom "Museo Navarra" zum "Plaza del Toros!" Ich hab mir sagen lassen, dass ganz Pamplona sich bei den Stierkämpfen in einem kollektiven Rauschzustand befinden soll. Nun denn, das kennen wir ja von "Kölle" auch!
 
Wer gotische Kirchen mag, muß sich in Pamplona unbedingt die "Cateral de Santa Maria" anschauen. Man wird absolut belohnt. Wenn man durch das strahlende, goldene Portal schreitet, hat man ein bißchen den Eindruck vom Himmelsglanz etwas ab zu bekommen und von dort gelangt man in einen der schönsten Kreuzgänge Spaniens.
 
Das war es dann aber auch für mich an diesem Nachmittag. Mehr an Kunst und Kultur hat meine Pilgerseele nicht verkraftet und meine Beine erst recht nicht. Ich hab übrigens sehr schnell gemerkt, dass Beides nicht geht, entweder du läufst oder du setzt dich mit Geschichte, Kunst und Kultur auseinander. Bei mir hat das nicht funktioniert. So bin ich nicht, wie ursprünglich geplant, in den Städten länger verweilt!
 
Und außerdem mußte ich ja auch noch den Abschied meiner beiden Jungs an diesem Tage verarbeiten, die mich an den Stadtmauern Pamplonas verlassen hatten. Aber das hab ich auch gelernt auf dem Weg, man muß immer wieder Abschied nehmen, loslassen! Der eine kommt, der andere geht!
 
Für mich war es in Ordnung, denn ich wollte ja auch alleine gehen. Im Rückblick gesehen habe ich das auch geschafft. Ca. 85% der Strecke war ich für mich! Und wenn ich dann meine 20 bis 30 km allein bewältigt hatte, war die Freude, wieder in Gemeinschaft zu gelangen, um so größer. Und ist es nicht so! Wer gut allein sein kann, kann auch gut in Gemeinschaft leben! Man hat keine Erwartungshaltung an den Anderen.
 
Und wo hab ich mir mein Abendessen gegönnt? Natürlich in der "Tapasbar Hemingway!"
 
Dann ab in die Herberge, die übrigens ein Kleinod ist, wunderschön ausgestatet, im Vorraum ein großer, einladendender Ausstellungsraum, in dem viele Künstler, ihre Bilder und Impressionen über den "Camino" ausgestellt hatten.
 
Die Duschen waren allerdings auch hier nicht nach Geschlechtern getrennt! Ich mußte mich anfangs schon dran gewöhnen. Lustig war die Geschichte mit einer älteren Dame! Sie, 67jährig, antwortete auf die Frage eines Mitpilgers, der nur mit Handtuch bedeckt aus der Duschkabine kam, ob es sie stören oder sie Anstoß nehmen würde, wenn er jetzt die Hüllen fallen ließ." Ach junger Mann, ich hab schon so viele Gemächer gesehen, ich falle nicht mehr in Ohnmacht!" Berührungsängste darf man wirklich nicht haben!
 
Serano, mein Australier inspizierte dann am Abend meinen Rucksack und riet mir dazu, meine Shampoo-Dusch und Körperlotionsflaschen bis zur Hälfte zu leeren. Er meinte, es käme auf jeden Gramm an! Aber soweit war ich noch nicht! Er, Serano, war so minimalistisch, dass er sogar jeden Tag die Seite seines gebrauchten Routenführers herausriß und wegschmiß. Brauch ich nicht mehr, wozu denn auch!
 
Na ja, da erzählte ich ihm lieber nix von meinem mitgenommen Stäpelchen Reclam-Heftchen und hab sie dezent vor ihm versteckt.
 
Wie hab ich geschlafen? Gut! Also gestärkt am nächsten Morgen durch das nieselregende Pamplona!

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27. Oktober 2008 1 27 /10 /Oktober /2008 20:31

Es gibt Momente im Leben, die dich so niederschmettern, dass du das Gefühl hast, nicht mehr aufstehen zu können. Ich kenne sie auf jeden Fall zu genüge. Und in diesem Moment war ich an diesem Punkt angelangt!
Keine Vorstellung mehr, was jetzt zu tun ist.
 
Das einzige, was jetzt hilft, ist trotzdem aufstehen zu können, weiterzugehen und dann zu sehen, dass möglicherweise das passiert, womit man nicht gerechnet hat. Ein Ausweg öffnet sich. Ich kenne so viele Menschen, die es oft nicht schaffen, aufzustehen und sich weiter zu bewegen.
 
In meinem Jakobsführer stand nichts von einer zweiten Herberge. Also hatte ich auch keine erwartet. D.h. hieß also für mich, weiter zu gehen, bis nach Auritz oder Aurizberri.
 
Ich riß mich also zusammen und maschierte los, die beiden Jungs im Schlepptau, denn auch sie waren trotz ihres jüngeren Alters fertig. Heißt es nicht so schön oft im Leben:" reiß dich mal zusammen!" Und siehe da, schon ein paar Meter weiter, direkt hinter dem Kloster tat sich eine weitere Herberge auf. Ich fragte mich natürlich sofort, wieso ich das nicht sofort ausgekundschaftet hatte, anstatt zu resignieren.
 
Mit erneuter Hoffnung kroch ich bildlich gesehen auf "allen Vieren" durch die Tür auf die Anmeldung zu. Das einzige, was ich noch wahrnahm, waren die gregorianischen Gesänge, von denen ich dann auch am anderen Morgen geweckt wurde und die mir sofort das Gefühl gaben, geborgen zu sein. Mein kurzer Blick durch den Saal sagte mir, dass hier ca. 80 Leute übernachteten, Bett an Bett. Mehr konnte ich nicht denken, ich war leer.
 
Ich reichte stumm und erschlagen dem niederländischen Hosteliere meinen Pilgerpaß, um meinen ersten Stempel zu empfangen! Er schaute mich an, sah meine Erschöpfung, die trotz meines Lächelns ihm nicht verborgen blieb und wies einen weiteren Mitarbeiter an, mir eine Tasse Tee zu bringen.
 
Könnt Ihr Euch vorstellen, wie eine so kleine Geste ein unbeschreibliches Glück bescheren kann? Wann jemals erleben wir im Alltag, im täglichen Trott, dass uns eine Kleinigkeit mit solch tiefer Dankbarkeit erfüllt? Alles scheint selbstverständlich zu sein! Große Gefühle entstehen wohl nur noch im Spektakulärem! Jedenfalls, als ich den ersten Schluck des warmen Tees schmeckte, wußte ich, was "Pilgern" bedeutete!
 
Eine Grenzerfahrung mit dem eigenen Körper, das Über-sich-hinaus-gehen, dass sich-einlassen und Annehmen sämtlicher Unwägbarkeiten und das Angewiesensein auf die Barmherzigkeit eines Gastgebers, Mitpilgers oder einfach anderen Menschen, auf deren Hilfsbereitschaft man in diesem Moment angewiesen ist und denen man sich irgendwie auslieferte. Wann will Mensch eigentlich noch "ausgeliefert" sein?
 
Pilgern heißt nicht planen, sondern einfach gehen, weitergehen und annehmen, was ist. Schönes Bild für den Alltag und eigentlich ganz einfach zu transportieren auf jedwede Lebenssituation!
 
Nachdem ich also mein Anmeldeformular ausgefüllt hatte, was übrigens nicht in allen Herbergen von nöten war, bekam ich vom Hosteliere noch ein ganz besonderes Kissen, das er extra für mich holte und es mehrmals betonte, legte mich in mein Bett und schlief ohne Abendessen sofort ein. Ich kam mir ein bißchen vor wie Max in dem bekannten Bilderbuch:" Heute gehst Du ohne Abendessen ins Bett!" Aber ich war doch brav und hatte meine Hausaufgaben erledigt!
 
Alle Vorprojektionen, wie wird es sein in der Nacht mit all den Menschen in einem Raum, erfüllten sich nicht, denn ich schlief wie ein Stein. Erst am Morgen wurde mir wieder bewußt, wo ich mich befand und dachte:" oh Röschen, du bist auf dem Weg nach Santiago, 27 km hast du schon geschafft!" In diesem Bewußtsein lächelte ich noch schlaftrunken vor mich hin, trat meinen Weg in die Dusche an, die hier übrigens außerordentlich luxeriös war, da sauber, mit Türen versehen und auch reichhaltig, gemessen an der Zahl der zu beherbergenden Pilger. Es gibt nämlich auch Herbergen solcher Art, die nur eine Dusche je Geschlecht für ca. 80 - 100 Personen aufweisen konnten. Aber das wußte ich zu diesem Zeitpunkt ja noch nicht.
 
Ich hatte jedoch nicht damit gerechnet, wie mein Körper an diesem Morgen reagierte. Nämlich gar nicht. Ich dachte an die Worte:" Der Geist ist willig, der Körper ist schwach" Und viele alte Menschen sagen mir heute, vom Geist her will ich noch viel, aber der Körper will nicht mehr!
 
Meiner befand sich zumindetens vom Bauchnabel an im Todeszustand, so dachte ich und wenn nicht tot, dann war er zumindetens von diesem Punkt an steif.
 
Aber ich schaffte es, ja ich schaffte es und fühlte mich ein wenig erfrischter. Am Aushang an der Wand stand ein Hinweis, dass es auch ein kleines Frühstück gäbe, aber de facto war nichts mehr da, als ich in den Gemeinschaftsraum kam.
 
Nö, wirklich geschockt war ich nicht! Das war die Realität, da konnte ich auch nichts dran ändern, das ist jetzt eben so, wenn auch nicht erfreulich. Ich bin und war schließlich ein Frühstücker vor dem Herrn, wie man so schön sagt. Ich esse Morgens Mengen und brauche erst am Nachmittag wieder was.
 
Also Rucksack angelegt, die beiden Jungs warteten schon, murrten etwas wegen des ausgefallenen Frühstücks und wir machten uns auf den Weg. 8 km bis Auritz, d.h. ca. 1 1/2 Stunden bis zur ersten Tasse Kaffee und etwas für den Magen. Jawohl, man denkt so. Man denkt nicht an den Ort, an den man gelangt, sondern an das Bedürfnis, das man erfüllt haben möchte.
 
Aber wie schnell sind die Bedürfnisse vergessen, jedenfalls bei mir war es so, wenn man durch die herrliche Natur wandert. Zum einen denkst du nicht mehr ans Essen, wenn Füße und Beine schmerzen, die verlangen dann nämlich deine ganze Aufmerksamkeit, zum anderen nimmt dein Auge die Schönheit wahr. Das ist Pilgern!
 
In einer Gesellschaft der sofortigen Bedürfnisbefriedigung lernst du, sie zurückzustellen und erfährst, dass es auch geht und dass du dafür etwas anderes bekommst.
 
Nach einem kurzen Stück Weg die Straße entlang, gelangte ich in einen prallen grünen Laubmischwald, worbei am ersten Pilgerkreuz, dass ich auf diesem Weg wahrnahm, das aus dem 14. Jhdt. stammte. In diesem Moment erahnte ich, dass mein Weg zwar ein Kreuz werden würde, aber ein herrliches Kreuz.
 
In Auritz dann endlich Frühstück, welche Freude nach dem unfreiwilligen Verzicht! Es war wie nach Fastenzeiten zu Ostern oder an anderen Tagen daheim, wenn die ganze Fülle vor einem ausgebreitet wird. Meine Fülle war eine Tasse "cafe con leche" und ein "Bocadillo", ein Baguettbrot mit Schinken und Käse und es schmeckte herrlich.
 
Auritz befand sich auf ca. 898 m, es ging also abwärts, weiter über Aurizberri/Espinal aus steinigen Geröll- und Felspfaden, durch Buchenwälder, die kaum lichtdurchflutet waren. Daher sprang mir die Farbe des Rotdorns auch so ins Auge und ins Herz.
 
Leider gab es auch einige Kilometer auf Betonwegen, was für meine Füße, die durch die Steine schon geschunden genug waren, nicht gerade zuträglich war.
 
Aber es wechselte schnell wieder in erholsame Waldwege zum "Alto de Erro" auf 801 m Höhe, wo man die sogenannte "Pasos de Roldan", große, längliche Findlinge, die angeblich die Maße des Schrittes Rolands, umfassen sollten und nach einer weiteren Stunde gelangte ich über die Brücke "Puente de la Rabia" (Brücke der Tollwut) nach Zubiri.
 
Dem Volksmund nach zufolge, glaubten die Menschen, von Krankheit befallene Tiere würden gesund, wenn sie diese Brücke dreimal überquerten.
 
Vielleicht hätte ich es auch mal probieren sollen, wer weiß, wären mir dann meine Blasen erspart geblieben? Nun denn, anscheinend hatte es damals geholfen. Es hilft scheinbar doch, zu glauben! Aber an was man alles glauben kann?
 
Meine Jungs wollten eigentlich weiter gehen, sie hatten nicht so viel Zeit, mußten schneller nach Santiago gelangen. Dieses Ziel wollten sie auch erreichen. Aber sie wollten mich in der Herberge abliefern und sich vergewissern, dass ich dort gut ankam, was mich außerordentlich rührte und ich es kaum annehmen konnte, immerhin hatte ich diese Menschen vor zwei Tagen noch nicht gekannt, sie waren mir doch fremd und doch schon nicht mehr fremd. Wie schnell man sich nah ist in solchen Situationen, das sollte ich noch oft erfahren auf diesem Wege.
 
Also ging einer der Beiden mir mir in die Herberge, einer blieb zurück an der Brücke. Aber mein Begleiter war von dieser Herberge und ihrem wirklich schönen Gelände und der guten Athmosphäre im Saal und dem Miteinander der Pilger so begeistert, dass er nicht wirklich weiter gehen wollte. Er holte also seinen Freund ab und so verblieben wir auch in dieser Nacht noch zusammen.
 
Ich war also wieder mal angekommen, die Pein des ersten Tages fast vergessen, meine Füße zeigten die ersten Blasen, ich ging wie auf Eiern, aber ich war glücklich.
 
Ich lernte gleich meine beiden "Kölner" kennen, Serano aus Australien, mit denen ich noch viele schöne Stunden erleben sollten und das Lachen auf diesem Weg begann. Und es gab auch ein Abendessen. Ich bekam das erste Mal das sogenannte "Pellegruin-Menue", bestehend aus Vorspeise (gemischter Salat, Salat mit Mayonaise, Suppe), Hauptgericht (Fisch, Fleisch oder Huhn) und Nachspeise (Yoghur, Creme caramel, Eis), wobei der Nachtisch nichts anderes war, als kleine Becher aus dem Supermarkt, das ganze für 8,00€. Die Preise der Pilgermenues lagen zwischen 7,50€ und 10,00€, die Qualität war unterschiedlich. Mir hat es ausgezeichnet geschmeckt, wie ihr euch denken könnt. Ich glaub, ich hatte nach dem ersten und zweiten Tag schon 1 kg abgenommen, wenn nicht zwei, jedenfalls fühlte ich mich so.
 
Und auch die zweite Nacht schlief ich wie ein Stein! Am Morgen war ich früh wach, lachte und scherzte mit meinen Bett-Nachbarn und mußte mir später von Serano lachend erzählen lassen, dass er ziemlich geschockt aufgewacht sei, weil er ständig das Wörtchen "genau" hörte. Dieses Wort erinnerte ihn an seine Frau, von der er seit einem halben Jahr geschieden war. Und als er das Wort aus meinem Mund hörte, dachte er noch halb im Traum, seine "Verflossene" habe ihn auf dem Pilgerwege heimgesucht. So schnell kan man zur "Heimsuchung" werden.
 
Es ging weiter!

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27. Oktober 2008 1 27 /10 /Oktober /2008 20:28

Das war es dann! Der Rucksack ist gepackt. Jetzt bekomme ich doch tüchtig einen Schrecken! Ob ich das schaffe? Ich hab mich an alle Vorgaben gehalten. Der Rucksack wiegt jetzt genau 15 kg. Ich überlege, ob ich noch was rausnehmen soll, vielleicht die Reclam-Heftchen? Ach, was soll´s, darauf kommt es jetzt auch nicht mehr an, die paar Gramm!
 
Töchterchen zieht ihn sich mal um und meint, Respekt Mutter! Da bin ich aber mal gespannt! Ich auch und lache!
 
Die letzten Tage waren voll von Verabschiedungen aller Art, die Arbeit, die Kollegen, Freunde, Bekannte und Familie. Jeder hat mir noch gute Ratschläge mit auf den Weg gegeben! Oh jeh, wenn ich die alle beherzigen sollte. Bei all den guten Mahnungen und Wünschen, bin ich so einige Male ins Grübeln gekommen. An manches hatte ich selber gar nie gedacht. So empfahl man mir u.a. ein "Messer" mitzunehmen, aber ein richtiges, großes. Wofür? meine Frage. Ja! Man weiß ja nie, ob du dich mal wehren mußt. Das hat mir schon einen kleinen Schrecken eingejagt im ersten Moment. Aber dann bin ich zu der Auffassung gelangt und habe immer gesagt:" Denkt dran, die Waffen, die du mitschleppst, mit denen kannst du selber umkommen!" Also laß ich es mal weg und betrachte meinen kleinen "Handrosenkranz" den mir eine liebe Mitbloggerin zum Abschied geschenkt hat, als meine wirksamste Waffe!
 
Meine Gefühle sind gemischt, teilweise befinde ich mich in einem regelrechten Gefühlschaos. Da ist diese unglaubliche Freude, endlich einmal alles loszulassen. Hab ein bißchen den Eindruck, als würde dieser Pilgerweg nun endgültig einen neuen Lebensabschnitt einleiten. Aber natürlich sind auch Wehmut und Abschiedmelancholie dazwischen. Alles könnte ein "letztes" Mal sein! Aber ist es nicht immer so, mit allem, was wir tun. Wir denken nur, wir könnten alles immer wiederholen, dabei ist jeder Moment, jede Handlung einzigartig! Wir sagen ,tun, fühlen etwas und im nächsten Moment ist es schon Vergangenheit. Alles, was wir meinen, was sich wiederholt, der Weg zur Arbeit, die Arbeit an sich, das Miteinander mit den Menschen, alles ist jedesmal anders, weil wir uns immer anders fühlen, andere Erkenntnisse von einem Moment auf den anderen gewonnen haben und daher ist alles was wir tun, doch "einzigartig".
 
Ich hab oft an das "Loslassen" meiner Mutter vor ihrem Tode denken müssen. So ähnliches muß es sein. Der einzige Unterschied ist, dass ich ja "Hoffnung" habe, wiederzukommen. Dennoch hatte auch ich das Gefühl in den letzten Tagen, gar nicht mehr so richtig da zu sein. Die Welt um mich herum, kam nicht mehr richtig bei mir an. In meinen Gedanken und in meinem tiefsten Inneren, war ich schon mit der Zukunft beschäftigt, auch wenn ich gar nicht weiß, wie sie ausschauen wird.
 
Heute morgen ein letztes Mal das bunte Treiben auf dem Nippesser Markt. Für Minuten kam mir der Gedanke:"Röschen, was tust du eigentlich!". Nippes ist doch schön, gerade jetzt im Frühling und im bevorstehenden Sommer!" Alles blüht, die Menschen sind gelassen in den Cafes, lachen, erzählen, genießen den Tag, die Stunde.
 
Aber diese Zweifel sind wohl normal, bei einem solchen Einschnitt.
 
So mache ich mich jetzt auf den Weg, versuche das, was ich an "Gepäck" in diesem Jahr mitgeschleppt habe, Stückchen für Stücken auf meinem bevorstehenden Weg zurückzulassen, zu verarbeiten. Noch in den letzten Tagen habe ich so dies und das mehr oder weniger Schwere anderer Menschen in mein Ohr und in mein Herz lassen müssen. Ist mir schwergefallen, nichts mehr tun zu können, für diesen oder jenen Menschen! Aber so ist es wohl auch an unserem wirklichen Lebensende! Am Schluß kannst du nichts mehr tun, nur noch loslassen und die anderen müssen ihren eigenen Weg alleine gehen!
 
Gestern habe ich mir mit der Familie noch das eine oder andere Video bei You Tube angeschaut. Für alle, die es interessiert, hier ein Link:
 
jakobsweg
 

Die Begeisterung hat mich erfaßt, ich freue mich auf morgigen Abend, wenn ich endlich im Zug sitze, endlich Stille, Ruhe und es beginnen kann!
 
Ich wünsche allen Mitbloggern eine wunderschöne Sommerzeit in Köln, viel Freude weiterhin beim Bloggen, den Spaß beim Schreiben und Mitteilen. Mir hat es viel gegeben im letzten Jahr. Viele gute Informationen, an denen ich weiter gearbeitet habe, viele menschliche Erfahrungen, die mir gezeigt haben, dass man nie allein ist, mit dem, was man denkt und fühlt. Menschlich gesehen hab ich nichts Neues erfahren, was ich nicht schon aus dem Leben an sich kannte. Aber vor allen Dingen auch viele neue wunderschöne Begegnungen mit Menschen, die ich nicht missen möchte. Ich freue mich auf ein Wiedersehen, so es mir bestimmt ist und verabschiede mich von allen mit herzlichem Dank für alle Guten Wünsche, seien es die hier öffentlich dargebrachten oder die internen Mails, über die ich mich gefreut habe!
 
Auch der Redaktion ein freundliches Hallo und ein Dankeschön für das schöne Forum hier und die Arbeit und dem guten Willen, es allen recht zu machen. Ist nicht einfach. Mir hat es immer gereicht!
 
Es grüßt von Herzen Euer Röschen!
 
Dass Problem ist, dass man denkt, man hat genug Zeit
 
Also nutzt die Zeit, jeden Moment!

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10. Oktober 2008 5 10 /10 /Oktober /2008 18:32
Noch zehn Wochen, dann ist es soweit. Ich zähle die Tage. Dann werde ich mich auf den Weg machen. Nicht nur auf "den" Weg, sondern einen ganz bestimmten Weg, den Jakobs-Pilgerweg.
 
Nach einer Legende führte im Jahre 830 eine Sternenerscheinung einen galicischen Hirten zum Grab des Heiligen Jakobus. Schon im 5. Jhd. soll es Hinweise gegeben haben, das Jakobus, Bruder des Apostel Johannes, in Spanien missioniert habe. Als er nach Palästina zurückkehrte, soll er von Herodes enthauptet worden sein. Sein Leichnam soll auf wunderbare Weise mit einem Schiff nach Galicien gelangt sein. Dort wurde er dann von seinen Jüngern bestattet.
 
Bischof Theodomir von Iria Flavia erklärte die Reliquien für echt und Alfonso II. König von Asturien und Leon, ließ zu Jakobus Ehren an der Fundstelle, dem "Sternenfeld" (campus stellae) dann eine Kirche errichten. So entstand, neben Rom und Jerusalem, das drittgrößte Pilgerziel der Christen.
 
Vom 11. bis zum 13. Jhdt. hatte der Jakobsweg seine Blütezeit. Christen aus ganz Europa zog es zum Jakobusgrab, bis zu 1ooo Pilgern täglich. Der typische Jakobspilger damals trug einen breitkrempigen Hut, einen weißen Mantel, einen Pilgerstab, einen Kürbis als Wasserbehälter, eine Tasche für die Pilgerdokumente und dann die Jakobsmuschel, die als Beweis für die Pilgerschaft galt, später dann zum typischen Erkennungszeichen des Pilgers wurde.
 
Die Jakobskathedrale selber entstand in den Jahren 1078 bis 12.Jhdt.. Sie ist ein Wahrzeichen für die damalige romanische Baukunst und Bildhauerei. Im Jahre 1122 rief Papst Calixt II. das Heilige Jahr aus, das von nun an gefeiert wurde, immer am 25. Juli, dem Namenstag des Jakobus.
 
Wer sich in dieser Zeit auf den Weg machte, kam leider nicht immer an. Vielfältige Gefahren lauerten auf dem Weg. Das Geld ging aus, weil betrügerische Händler, Wirte und Zollbeamte, den Pilgern es aus der Tasche zogen. AM Ende standen sie ohne da und mußten ihre Pilgerreise abbrechen. DAzu kamen vergiftete Flüsse, Wegelagerer, Krankheiten, viele verstarben auch auf dem Weg.
 
Um 1492 ebbte der Pilgerstrom ab, zum einen, wegen der ständigen Pestepidemien, zum anderen, weil Räuber und abteneuerlustige Scheinpilger überhand nahmen und ihr Unwesen trieben.
 
Im JAhre 1589 soll der englische Seefahrer und Pirat Fracis Drake die Reliquien gestohlen und versteckt haben. Sie wurden somit schlichtweg vergessen. So kam die Pilgerbewegung gänzlich zum Erliegen. Um die Pilger weider zu bewegen, wurde erneut nach den Reliquien gesucht. 1879 fand man sie dann zwischen den Mauern der Apsis. Eine Bulle von Papst Leo XIII. erklärte sie gegen alle Zweifler für echt. So machten sich erneut Menschen wieder auf den Weg.
 
In Zeiten des spanischen Bürgerkrieges 1936 - 1939 kam es jedoch wieder zum Stillstand. Trotzallem vereinnahmte selbst Franco Jakobus für seine Zwecke, in dem er verkündete, die größten Schlachten der Nationalsozialisten hätten sie Dank Jakobus gewonnen. So wurde unter dem Diktatot Franco Jakobus wieder zum Schutzpatron Spaniens. Kunsthistoriker machten sich auf den Weg. Erst seit der Öffnung Spaniens in Richtung Europa in den 6oer Jahren begingen auch wieder religiös motivierte Pilger den Weg.
 
Internationales Ansehen erhielt der Jakobsweg erstmals wieder nach dem Tode Francos und der Verabschiedung der demokratischen Verfassung. 1982 besuchte Papst Johannes Paul II. im ersten heiligen Jahr im demokratischen Spanien, das Grab. 1987 wurde der Camino de Santiago zum europäischen Kulturweg ernannt, 1933 in die Liste des Weltkulturerbes der UNESCO, aufgenommen. Der gelbe Pfeil und die Jakobsmuschel wurden zum Wegweiser für alle Pilger und auf dem Weg breitete sich ein dichtes Netz an Pilgerherbergen aus, dier heute zum Teil von Privatleuten, zum Teil aus der Jakobsbruderschaft unterhalten werden.
 
Der Pilgerweg wurde von nun an international vermarktet. Im Jahre 2oo4 z.B. strömten Hundertausende von Menschen zum Jakobsgrab, von überall her. Übrigens sind die nächsten Heiligen Jahre 2o10 und 2o21.
 
Bis zum heutigen Tage also machen sich jährliche viele, viele Menschen aller Nationalitäten und Konfessionen auf disen Weg.
 
Ich selber bin vor einigen Jahren eine kleine Teilstrecke, 14 Tagesetappen bis nach Santiago gewandert. Die Erfahrungen haben sich bis auf den heutigen Tag in meine Seele eingebrannt. Ist man unterwegs, erkennt man, wer man ist.
 
Es ist schon eine Herausforderung an sich, aus der eigenen Bequemlichkeit des Alltags auszubrechen und sich Wind und Wetter zu stellen, in dürftigen und absolut bescheidenen Herbergen seinen Schlafplatz mit vielen anderen zu teilen, die man nicht kennt und trotz allem mit ihnen so nah in Berührung kommt.
Spätestens nach drei Tagen merkt man, dass man viel zu viel im Rucksack hat, aber das Wichtigste möglicherweise vergessen hat. Ein schönes Bild für unseren Alltag. Viel zu viel Sorgen und Probleme laden wir uns auf, die eigentlich nicht nötig sind, und die uns manchmal nicht schlafen lassen. Unterwegs lernt man auch, sich von unnötigem Ballast zu befreien, aber auch wie sehr man abhängig ist, von allen seinen Gewohnheiten.
 
Nie lernt man den eigenen Körper so gut kennen und schätzen, wie auf einer tagelangen Wanderung. Jedes Ziehen in den Muskeln, Schmerzen vom Tragen des Rucksackes, Blasen an den Füßen, zeigen uns auf, wie zerbrechlich unser Körper ist, aber auch, dass man sich selber überwinden kann und es letztendlich doch schafft. Kommt man dann am späten Nachmittag nach einer 35km langen Tagesetappe endlich in der Herberge an, läßt den Rucksack fallen, weiß man erst, wie einfach es ist, sich fallenlassen zu können. Eine einfache Mahlzeit, mehr braucht man dann nicht mehr.
 
Unterwegs trifft man immer wieder Menschen, die man in den Herbergen kennengelernt hat. Fremde achten aufeinander, passen auf und trotz aller Sprachschwierigkeiten findet man immer zu einer gemeinsamen Sprache, nämlich der der "Brüderlichkeit" im Miteinander.
 
Gelangt man dann endlich nach all den langen Strapazen und Mühen an sein Ziel und sitz in der Kathedrale, wo am jeden Samstag das große Weihrauchsfaß geschwenkt wird, ist man seelig. Es hat sich gelohnt, Körper und Seele sind gereinigt und im Einklang.
 
Ich gehe am 2. Mai los und werde hoffentlich nach 32 Tagesetappen mein Ziel erreichen. Vieles, was unbearbeitet ist, in meinem Leben, werde ich mitnehmen, vieles werde ich zuhause lassen, aber auch die Familie, Freunde und meine lieben Gewohnheiten.
 
Ich freu mich drauf, auf die neuen Erfahrungen, die Natur und die Menschen, die mir auf dem Weg begegnen und hoffe, dass ich immer die Kraft finden werde, auch gegen die Unwägbarkeiten angehen zu können.

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