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22. Juli 2018 7 22 /07 /Juli /2018 12:22
Ich bin froh, dass ich gut geschlafen habe, fühle mich aber dennoch wieder wie erschlagen. Die gestrige Tour hat mich geschafft. Frühstück gibts gar nicht im Haus, sondern in einer Bäckerei ein paar Straßen weiter, mit dem das Unterkunftshaus eine Abmachung getroffen hat. Naja, geht schon. Dann schnell raus aus Mannheim. Ich kann  es mir nicht erklären, obwohl ich nicht viel von der Stadt gesehen habe, ist sie mir ein wenig unsympathisch. Überall Baustellen wie blöd, Industrieanlagen, dichter Verkehr, Menschen wohin man guckt. Ich bin das nicht mehr gewohnt nach den vorherigen Strecken solche Menschenansammlungen, die morgens im Berufsverkehr herumschwirren.
 
Der Weg führt auch nicht sonderlich schön hinaus. Über zig Strassen den Schildern Richtung Speyer folgend, auf Land- und Bundesstrassen, dann mal wieder abweichend auf irgendwelche Nebenstrassen, manche nur Schotterstrassen wo dann auch nach ca. 20 km das passiert, das sogenannte Unerwartete, mit dem ich nicht gerechnet habe und das ganz plötzlich über mich hereinbricht.
 
An einer etwas abschüssigen Stelle sah ich schon weiter vorn dicke Steine liegen. Ich fuhr recht schnell, wollte abbremsen und bums aus aus die Maus, riß eine meiner Bremsen und ich versuchte mit den Füßen weiter zu stoppen, kippte samt meines Rades um und schlurfte über das Geröll. Habe ich schon gesagt, dass ich nicht ängstlich bin? Bin ich wirklich nicht, aber in diesem Moment war ich echt geschockt. Es saß mir in den Gliedern, mein Herz klopfte wie verrückt. Ich konnt erst gar nicht aufstehen. Das Rad samt Packtaschen ist ja schwer und ich wuchtete mich hoch. Meine Beine waren aufgekratzt und bluteten, aber vor allen Dingen zitterte ich. Mir wurde bewußt, dass ich trotz allem großes Glück hatte, ich hätte auch kopfüber stürzen können oder was weiß ich, ich trag ja keinen Helm, ich kann den einfach nicht vertragen. Ist ja auch noch nie was passiert, jedenfalls nix Großes, nur so wie jetzt eben gerade.
 
Als ich mich wieder etwas gefangen hatte, überlegte ich, was mach ich nun. Da ich ja nicht wußte wie die Strecke weiter verlief, hab ich mich nicht getraut mit der einen Bremse weiter zu fahren. Immerhin waren für die Strecke nochmal über 100 km ausgerechnet, jedenfalls direkter Weg. Da ich aber immer vom Weg abweiche und vor Ort auf den Radwanderwegen radele, wären es sicher wieder mehr geworden. Ich bin sehr oft nicht vernünftig, das weiß ich, aber in diesem Moment war ich es. Eine innere Stimme sagte mir, Roeschen, Roeschen, mach kein Mist, laß deinen Stolz und fahr zurück und von Mannheim aus mit dem Zug nach Baden Baden. Dort kannste du in Ruhe dein Rad reparieren lassen und morgen gehts dann eben gut weiter. Schweren Herzens, ich geb es zu, so ganz kann ich es mir nicht verzeihen, gegen meine Regel, egal was passiert, solange es irgendwie geht, zieht du es durch, verstoßen zu haben. Aber meine Vernunft sagt mir, es war richtig. Denn wir wissen ja, manchmal ist der Mensch zur falschen Zeit am falschen Ort und dann ist es ganz aus. Es war so etwas wie eine Ahnung in mir es besser nicht zu tun.
 
Ich fuhr also ganz vorsichtig wieder zurück nach Mannheim hinein.  Ich war ich ein wenig von der Rolle. Ich wollte zum Bahnhof und  befuhr eine Strasse, konnte aber nicht wissen, dass diese auf eine Schnellstrasse seitlich vom Bahnhof an einer Baustelle vorbeiführte. An der Ampel standen Autos, die hätten ja auch mal was sagen können. Fensterscheibe runter drehen und erklären, liebe Radfahrerin, fahren sie besser nicht auf dieser Strasse, völlig ungeeignet für Radfahrer. Sagte aber keiner was. Also fuhr ich munter drauf los.
 
Es dauerte bis ich die Unterführung wahrnahm und bemerkte, ne Roeschen, das geht gar nicht. Da kannst du nicht weiter und stoppte einfach auf einem mini Seitenstreifen, um die Strasse zu überqueren, damit ich wieder zurückkam. Ich fühlte mich dermaßen verloren, das kann ich wirklich keinem erzählen in diesem Moment. Meine Beine schmerzten, die Autos rasten an mir vorbei und ich stand und stand und dachte, hier kommst du niemals mehr weg. Keine Lücke durch die du wenigstens bis zum Mittelstreifen herüberhuschen kannst. Es ging immer weiter mit dem Autoverkehr. Gefühlt waren es mindestens 20 Minuten, die ich da stand. Ich kämpfte mit den Tränen. Ich empfand das schlimmer als den Sturz vom Rad und die gerissene Bremse, da eingekesselt zu sein von dem Autoverkehr und nicht wegzukommen. Natürlich war ich das selber schuld, ich hätte ja besser aufpassen können, aber so geht es nun mal im Leben zu, ein Einschlag, du gerätst ausser Kontrolle und schon passiert der nächste, bums aus die Maus.
 
Natürlich hab ich die Hoffnung nicht aufgegeben, denn irgendwann geschah das Wunder und ich gelangte tatsächlich erstmal auf den Mittelstreifen. Dort stand ich da wie Hein Blöd und das ganze Procedere wiederholte sich, dieses Mal aus der anderen Richtung. Autos um Autos und ich wartete und wartete und seufzte und schluckte, aber dann, aber dann, plötzlich auch hier eine Möglichkeit und nix wie rüber. Man war ich froh, dem Ganzen entronnen zu sein. Nochmal gut gegangen.
 
Jösses, nun hatte ich die Nase voll und schob mein Fahrrad zum Bahnhof.  Wie ich dann entdeckte war die Unterführung dorthin direkt neben der Abbiegespur der Strasse, der ich dummerweise gefolgt war. Aber wie soll man das wissen in einer fremden Stadt.
 
Ich weiß nicht, ich fühlte mich am Bahnhof angekommen wie aufgeweicht innerlich, brüchig und verletzlich, auch ein wenig desorientiert oder besser gesagt von der Rolle. Ich wollte jetzt einfach nur noch weg hier. Vor dem Bahnhofseingang stand ein Bahnangestellter den ich fragte, wie ich am besten nach Baden Baden käme. Super freundlich war der, endlich wieder was Erfreuliches. Am besten sei es, wenn ich mit der S-Bahn nach Karlsruhe fahren würde und von dort aus mit dem Zug weiter. Er ging sogar mit mir zum Automaten, damit ich das richtige Ticket für die S-Bahn erwerben konnte. Und ich war bass erstaunt wie schnell man diese Strecke mit der Bahn zurücklegte. Mir war es recht. Rein in die Bahn und nach knapper halben Stunde stand ich im Bahnhof Karlsruhe.
 
Dort erwarb ich dann das Ticket weiter nach Baden Baden. Erleichtert fand ich das Radabteil, stellte mein Rad ab, warf mich auf den Sitz und dachte, alles gut. Es ist alles gut. Du hast alles richtig gemacht Roeschen. Entspann dich jetzt.
 
Gegen Mittag kam ich in Baden Baden mit dem Zug an und war tatsächlich wieder ich selbst. Mein Quartier war am anderen Ende der Stadt, in Geroldsau, auf der Geroldsauer Strasse. Also fuhr ich nach Nachfragen von Passanten auf einem schönen Radweg erstmal hinein in die Stadt, denn der Bahnhof liegt etwas ausserhalb. Die Stadt war laut und voll, wie auch in Mannheim. Überall Baustellen. Auch diese Stadt zog mich nicht an. Viel zu dekadent. Ich kannte sie zwar von einem Besuch bei einer Gerhard Richter Ausstellung von vor zwei Jahren, aber da erschien sie mir wenigstens etwas gemütlicher, das lag aber wohl daran, dass ich an einem Sonntag dort war. Eine lustige Begebenheit, obwohl es eigentlich unverschämt war, aber so sind sie halt die Autofahrer, passierte mir noch innnerhalb der Stadt. Ich fuhr auf einer etwas zugegebenen schmalen Strasse, durchweg für Radfahrer erlaubt und auch ganz wie es sich gehört am rechten Fahrrandstreifen, als mich plötzlich eine Tussi, jawohl Tussi, in ihrem dollen Auto, was weiß ich, was es für eins war, ich konnte es auf die Schnelle nicht erkennen, jedenfalls was dolles, überholte, und mir durchs Fenster zurief: Sie stören mich beim Autofahren. Hahaha, hat man so was schon erlebt? Ich jedenfalls noch nie.
 
Ich bin ja selten frech, ich musste auch ehrlich gesagt staunen und lachen zugleich, wirklich. Aber ich rief ihr zu: Du hast doch wohl den Schuß nicht gehört oder?, blöde Kuh. Ehrlich so bin ich, ich kann auch anders. Natürlich hat sie sich davon sicherlich nicht beeindrucken lassen, solche Leute sind so was von sich selbst eingenommen, die merken nicht mal, wie blöd sie sind. Ist so. Jedenfalls, wenn ich jetzt daran denke, muß ich doch wieder lachen. Das war einfach so schräg.
 
Durch eine schöne schattige Baumallee fuhr ich den Weg stadtauswärts Richtung Geroldsau vorbei an der Abtei Lichtenthal wo ich kurz zu einem Eiscafe einkehrte, weiter am Brahmshaus vorbei, das aber gerade geschlossen hatte, sonst hätte ich es mir wirklich angeschaut, denn ich hatte ja nun auch Zeit.
 
Auch gleich die Unterkunft gefunden. Ein altes Hotel an der Geroldsauer Strasse, das sicher einmal bessere Zeiten gesehen hatte. Aber es war ein hübsches, altes Haus im Schwarzwaldstil und nette ältere Herrschaften betrieben es noch. Sie würden nicht mehr viel vermieten. Ich hatte Glück gehabt. Zwei schöne Zimmer ganz für mich alleine warteten auf mich und ich kann gar nicht sagen, ich war so froh angekommen zu sein nach diesem Tag. Ich warf mich auf das große breite bequeme Sofa, ließ alles an mir vorbeiziehen und schlief darüber ein. Herrlich. Frisch geduscht machte ich mich auf den Weg um endlich mal in Ruhe was Ordentliches zu essen.
 
Es passierte aber auch nun wieder etwas Unerwartetes. Ich kehrte in einem gemütlich aussehenden Gartenlokal ein, klein aber fein. An einem langen Tisch saß eine etwas größere Gesellschaft, jedoch waren die anderen Tische leer. Also machte ich es mir bequem. Ich hatte schon mein Augenmerk auf Spätzle mit Schweinsbraten und Pfifferlingen gerichtet. Aber die Bedienung kam ewig nicht. Sie sah mich, aber schien mich nicht sehen zu wollen. Merkwürdig dachte ich. Irgendwann erbarmte sie sich und fragte nach meinen Wünschen. Ich bestellte einen Radler und sagte, dass ich auch gern etwas essen möchte. Sie verschwand, ich dachte, sie käme mit der Karte und dem Radler wieder, aber nix da. Erst einer längeren Weile kehrte sie zurück, um mir mitzuteilen, bevor sie das Getränk bringen würde, sage sie mir gleich, auf das Essen müßte ich aber eine gute Stunde warten. Der Koch hätte viel zu tun mit der Gesellschaft. Ich guckte wohl etwas verdutzt und war im ersten Moment sprachlos. Nanu, so was hatte ich auch noch nicht erlebt, dass ein Gast wegen Überarbeitung abgewiesen wird. Dabei sah ich nun wirklich nicht schlimm aus und unfreundlich war ich schon mal gar nicht. Ganz im Gegenteil. Aber ich merkte ihr sogleich an, selbst wenn ich zugestimmt hätte, diese eine Stunde zu warten, sie war nicht erpicht darauf, dass ich blieb. Irgendwie schien ich ihre Kreise zu stören. Nun ja, das bin ich ja gewohnt. Das ergeht mir öfter so. Scheinbar bin ich doch komisch. Ich zog es vor, mich zurückzuziehen und bedankte mich und zog meines Weges.
 
Scheinbar war das nicht mein Tag insgesamt. Aber unten am Plätzchen angekommen gabs ein nettes italienisches Restaurant. Es lag zwar direkt an der Straße, aber es war nun schon später und ich setzte mich gemütlich an einen der Tische und wurde auch ebenso freundlich bedient, zwar auch nicht ganz nach meinen Wünschen, denn ich suchte mir ein Pastagericht aus und bestellte auch hier einen Radler. Auch hier verschwand die zwar freundliche Bedienung, kam aber mit einem Radler wieder und meinte, sie müsse mir leider sagen, dass Pasta-Gerichte im Moment noch nicht zur Verfügung ständen, weil der entsprechende Koch noch nicht da wäre. Das einzige, was sie mir anbieten könne, sei Pizza. Was soll ich sagen. Ich wußte nicht mehr was ich sagen sollte. Selbst in meinem Kopf war alles leer. Isch schwöre. Mir war es auch wurscht jetzt. Ich bestellte eine Pizza, die war gut und saulecker und genoß mein Sitzen dort an dem Plätzchen und schaute dem Treiben um mich herum zu. Fertig.
 
Pickepacke satt kehrte ich gemütlich zu meiner Unbterkunft zurück. Feierabend für heute.
 
Ach ne, was ich ganz vergessen habe, natürlich hatte ich, vom Bahnhof kommend, die einzige Fahrradwerkstätte vor Ort angefahren, um ihnen meinen Schaden an der Bremse zu zeigen und gehofft, sie würden mir diesen, da ich ja unterwegs und darauf angewiesen war am nächsten Tag gut weiter kommen, mehr oder weniger in schneller Zeit reparieren. Ich hatte aber fehl gedacht. Sie seien voll bis zum Rande mit Auftragsarbeiten und könnten nix für mich tun. Jösses, was solls dachte ich, gefaßt wie ich wieder war, fährste halt am anderen Tag mit einer Bremse weiter Roeschen. Der Weg bis nach Strassburg hatte keine Höhenüberwindungen mehr, also brauchte ich wohl auch nicht viel zu bremsen. Das war jedenfalls mein Plan.
 
So kam es, dass ich auf meiner vierten Etappe mit dem Zug fahren mußte und insgesamt an diesem Tag nur 40 km gefahren hatte.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

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22. Juli 2018 7 22 /07 /Juli /2018 11:30
Sonntagmorgen. Gut geschlafen, schnell runter zum Frühstück. Mit dem Frühstück haben es die Franzosen nicht so. Es ist spartanisch, aber lecker. Frisches, knuspriges Baguette. Das Bild schlechthin vom Franzosen, wie er frühmorgens mit einer Baguettstange durch die Strassen zieht. Es gibt Schinken, Marmelade, fertig. Reicht ja auch, für mich jedenfalls. Bin eh kein Vielesser auf einmal. Lieber mehrmals am Tage.
 
Das Rad laß ich heute stehen. Es geht mit der Trom D erst mal zum Bahnhof, der sich mitten in der Stadt befindet. Er soll Ausgangspunkt sein und gleichzeitig auch schon mal Inspizierung wegen meines Abreisetages am Montag, damit ich da nicht suchen muß. Die Trom hält unterirdisch und ich gelange von dort direkt in die Bahnhofshalle, die eine schöne Himmelsgewölbearchitektur vorweisen kann. Schnell hab ich alles Notwendige herausgefunden und trete auf dem Bahnhofsvorplatz. Der gesamte Bahnhof ist eingebettet wie in ein Gefäß, auf dessen Aussenwände bunte Graffityzeichnungen zu sehen sind. Gut verpackt und nett anzusehen.
 
Hatte ich es schon geschrieben? Ich sag es nochmal. Ich bin ja nur wegen Tomi Ungerer nach Strassburg. Ich bin ganz vernarrt in diesen humorigen Philosophen, der gar nicht intellektuell sein wollte, sondern aus seinen Beobachtungen heraus die Welt analysiert hat, wunderbare Kinderbücher entworfen und böse, fast schon zynische Darstellungen des Weltgeschehens illustriert hat. Ich liebe alles, was er veröffentlich hat.
 
Aber nun spaziere ich erstmal bei Sonnenschein vom Bahnhof weg durch die Strassen. Alles noch recht leer, in den Cafes sitzen die Menschen und beginnen mit aller Muße den Tag. Ich bin sofort begeistert von den vielen, kleinen Geschäften, die ich zu sehen bekomme. Keine Monokultur, wie sie mittlerweile überall in den Städten erscheint, Bäcker, Optiker, Händyläden, Fastfoodketten, Billigsupermärkte und Bekleidungsgeschäfte, die zu irgendwelchen Ketten gehören. Nicht mal den Laden mit den zwei Buchstaben hab ich hier gesehen, ihr wißt schon, Hennes und so. Alles individuell kleine Boutiquen, in denen es Laune machen würde, ein wenig zu stöbern. Meine Begeisterung erstreckt sich auf die Fensterläden, die Dinge anbieten, die sonst nirgendwo so einfach zu finden sind. Ein Philateliegeschäft. So herrlich altbacken die Auslage im Fenster. Meine Nase an die Scheibe drückend schau ich mir die mit so viel Sorgfalt und Liebe gestalteten, teils bunten, aber auch einfach nur schwarzweiß gezeichneten Briefmarken aus aller Welt an. Dass es noch Menschen gibt, die Briefmarken sammeln find ich einfach wunderbar.
 
Was war das für eine Welt, in dem Briefe noch von Hand geschrieben und mit ebenso großer Sorgfalt, wie der Inhalt geschrieben wurde, steckte man ihn in ein Kuvert, versehen mit einer Briefmarke, die man gezielt aussuchte, weil sie eine Zier auf dem Umschlag sein sollte. Wenn die nötigen Mittel dafür da waren und natürlich die Zeit, wurde doch jedes Detail, mit dem sich im Leben beschäftigt wurde, mit größter Beachtung und Hingabe beschäftigt. Heute ist alles schnelllebig, praktisch, quadratisch, aus, fertig. Und alle finden das toll.
 
Ich bin mit meinem Fotoapparat bewaffnet, bleibe öfters stehen. Das führt wohl dazu, dass ich immer mal angesprochen werde, ob man mir helfen könne. Es wird sich als Stadtführer angeboten. Das Ansprechen erfolgt oft in vielen Sprachen und vor allen Dingen auf vielfältige Weise. Die lassen sich was einfallen. Es sind Herren der Schöpfung, die sind halt kreativ. Als ich einmal *Schönes Fräulein* höre, muss ich doch kichern. Nein danke, es ist alles im grünen Bereich. Ich finde mich zu recht.
 
In einer kleinen begrünten Nebenstrasse nicht weit vom Bahnhof entfernt steht in einer eufeuumringten Nische ein hübsches Schränkchen. Es steht einfach so da in der Straße und lädt zum Stehenbleiben und Schauen ein, was sich darin wohl verbirgt. Er sieht ja nicht aus, als wenn er einfach entsorgt worden wäre. Beim näher gehen entdecke ich einiges Kleinod darin verborgen. Büroordner, Schlappen, Socken , Bücher und Geschirr. Oben drüber ein Schild auf dem zu lesen ist *trocotheque* Was auch immer das heißen mag. Ich habs gegoogelt am Abend, bin aber nicht fündig geworden.
 
Neben mir steht plötzlich eine Französin, die aber, wie ich schnell herausfinde, ein paar Brocken deutsch spricht. Auf meine Frage, was das mit dem Schränkchen auf sich hat, erzählt sie mir, dass man sie immer mal in Strassenecken finden kann. Dort sammeln sich Gegenstände, die nicht mehr gebraucht und dort hineingelegt werden. Andere kommen vorbei, schauen und finden genau das, was ihnen fehlt. Ich finde das eine nette Idee. Ähnlich wie mit den Bücherschränken. Unser kleines Gespräch ist recht nett, sie erzählt mir, dass sie eigentlich aus Paris käme, jedoch in einem Urlaub einen italienischen Gastronom in Strassburg kennengelernt habe, die große Liebe und so sei sie hier sesshaft geworden. Wies so geht im Leben. Als sie jedoch das Jammern anfängt, wie sehr Strassburg sich durch die vielen ausländischen Mitbürger verändert habe, sie die Gefahr sehe, dass die eigene Kultur verloren ginge, werde ich etwas zappelig. Ich hab echt null Bock jetzt auf solche Diskussionen. Sage ihr nur noch, dass ich das französische Flair jedoch an allen Ecken spüre und verabschiede mich mit einem freundlichen Dankeschön fürs miteinander Plaudern.
 
Auf dem großen Kleber Platz prangt mir in seiner ganzen Würde der olle Feldherr General Kleber entgegen, der unter Napoleon die Expeditionsarmee nach Ägypten geführt hat. Ich habe mir den Roman *Die Nadel* ein Stück französische Geschichte, in der Herr General Kleber eine Rolle spielt, einmal vorgemerkt, um ein wenig Geschichtsluft zu schnuppern. Übrigens wurde er dann später von türkischen Fanatikern ermordet. Die französischen Soldaten, als sie ihn faßten, waren so in Rage und Verbitterung über den Tod ihres Generals, dass sie den Attentäter schnurstracks gepfählt haben. Hinter General Kleber erstreckt sich an der Audette das ehemalige lange Militärgebäude. Der Name Aubette erklärt sich aus der Wachablösung, die dort an jedem Morgen stattfand. Heute ist es ein Veranstaltungsort.
 
Vielleicht für die meisten Touris nicht so interessant, doch mein Interesse hat der Club de la Presse Strassburg - Europa geweckt. Ich ging davon aus, dass sich dahinter die Redaktion eienr Strassburger Zeitung befindet. Jedoch recherchierte ich und entdecke, dass es sich um einen internationalen Presseclub handelt, in dem sich Medienvertreter und Journalisten aus aller Welt zum Austausch zusammenfinden. Den Mitgliedern geht es vor allen Dingen um die Bewahrung der Pressefreiheit, die in einigen Ländern der Welt durch das politische Regime eingeschränkt ist, ganz aktuell wissen wir es ja aus der Türkei. Stelle mir diese Zusammenkünfte sehr interessant vor. Leider habe ich auf deren Webseite nichts gefunden, wo evtl. Veröffentlichungen über Themendiskussionen, die dort stattgefunden haben, zu finden sind. Schade.
 
Ich laufe eigentlich ohne Plan durch die Strassen, lasse die Eindrücke auf mich wirken, komme zur Kathedrale. Die Eingänge der Kathedrale werden von Securitasleuten streng bewacht. Von ihnen erfahre ich, dass der Zugang erst um 13.30 Uhr gestattet wird, da am Vormittag lange Gottesdienste stattfinden.
 
Ich verschiebe die Besichtigung auf später und will nun sehnsüchtigerweise endlich zum Tomi-Ungerer-Museum. Da ich noch keinen Stadtplan besitze muss ich mich durchfragen. Begegne einem netten älteren Franzosen, der mir reizenderweise seine Hilfe anbietet und mich bis zum Eingang des Ungerer-Museums begleitet. Da er kein Wort deutsch oder Englisch spricht, ich kein Französisisch ist unsere Unterhaltung schräg und lustig. Wie immer hab ich jedoch den Eindruck, wir verstehen uns.
 
Das Museum ist in einem alten schönen Partrizierhaus aus dem Jahre 1884 untergebracht, eine kleine Oase. Im Garten der Villa steht eine Skulptur aus Metall, die aus einer Zeichnung Ungerers gefertigt wurde. Der Name der Skulpur Sur les dents (auf den Zähnen). Sie zeigt eine menschliche Gestalt, in deren Kopf eine Säge steckt. Auf den Zähnen, das erinnert mich daran, dass wir manchmal, wenn es uns alles zu viel wird im Alltag, uns ausgepowert fühlen, sagen....ich gehe auf dem Zahnfleisch... Da ist nix mehr, mit dem ich zubeißen kann. Vielleicht hat Ungerer das ausdrücken wollen, die Welt, so wie sie sich in ihren Schrecken und Abstrusitäten zeigt, der hat man nix mehr entgegenzusetzen, denkt man vielleicht manchmal in Momenten. Ich weiß es aber nicht.
 
Zwei nette Damen an der Kasse begrüßen mich freundlich, sprechen deutsch und wir plaudern ein wenig. Erzähle, dass ich aus Köln mit dem Rad gekommen wäre, um endlich mal die Ausstellung meines von mir verehrten Herrn Ungerer zu bestaunen. Sie lachen und wir machen noch ein paar Witze. Ich sage, ich schwöre, ich würde ihn heut noch heiraten, auch wenn er alt ist. Was kümmert mich das Alter bei einem Mann. Humorvoll muss er sein, klug-witzig und ein verschmitzes Lächeln, das sich in seinen Augen spiegelt, dass muss er haben. Die beiden Damen lachen. Ich erwerbe meine Eintrittskarte und los gehts.
 
Direkt im Eingangsbereich der Ausstellung befindet sich eine Videodokumentation über Ungerer, die ich bereits kenne aus der Ausstellung in Brühl bei Köln, die ich vor Jahren schon besucht hatte. Ach Ungerer... mit 12 Jahren hat er schon prophezeit, ich werde ein Wanderer sein. Wanderer durch und zwischen den Welten. Das gefällt mir, denn so empfinde ich mich auch immer in dieser Welt, auch wenn ich keine berühmte Künstlerin bin. Er war ein Wanderer, Kinderbuchautor- und zeichner, Cartoonist und Philosoph, der nie vergessen hat, auch Kind zu bleiben und dem zur Erwachsenenwelt einfach immer nur Böses einfällt. Kinder hat er immer ernst genommen. Zu recht. Denn Kinder sind die Einzigen, die noch keine Angst haben vor ihren ausgesprochenen Worten. Sie sagen, was sie denken und fühlen, wenn man sie nicht unterdrückt, aber vor allen Dingen können wir Erwachsenen von ihnen lernen, wie offen sie dem Andersartigen, Fremden gegenüber sind. Sie sind noch nicht geschlossen, sag ich immer.  Und ihre Wahrheiten sind tief. Ungerer sagt selbst, dass die Kinder in seinen Kinderbüchern nie Angst haben, selbst wenn die drei Räuber kommen, alles läuft weg, selbst die Hunde, aber die Kinder bleiben. Dennoch sagt er, ohne Angst gäbe es keinen Mut.  Der Mut ist die Überwindung der Angst.
 
Herrlich. Sein Lebenslauf ist spektakulär. Er flog als Kind von der Schule, wurde später Seemann, Fischer und Fremdenlegionär. Dann 1956 kommt Ungerer mit 6o Dollar in New York an. Die Zeichenschule in Strassburg hatte er abgebrochen. Und schon ein Jahr später bekommt er dort einen Preis für seine erstes Kinderbuch über eine Schweinchenfamilie. Seine Karriere beginnt in vielen Bereichen, Cartoonist, Werbegraphiker und Kinderbuchautor. Das Schöne ist in seinen Zeichnungen zu entdecken, dass alle seine Helden Monster, Menschenfresser, Böse, wie auch immer, dennoch auch liebenswert sind. Aber er zeigt Amerika auch sein anderes Gesicht. Vehement und mit großem Einsatz reagiert er auf die amerikanische Politik und den Vietnamkrieg und kritisiert jede Form von Ideologie. Es ist ein großer Zorn, der ihn antreibt, so sagt er. Der Zorn sei es, der ihn antreiben würde, das Richtige, aber vor allen Dingen auch seine Kunst hervorzubringen zu lassen. Ich verstehe das. Ich kann die Thesen über Emotionslosigkeit absolut null verstehen. Was für einen Kwatsch.  Sicherlich müssen diese im Zaum gehalten werden, aber sie sind Ausdruck unseres Empfindens, unseres Denkens. Wer sie negiert den nenn ich gleichgültig.
 
Amerika zeigt sich geschockt. Ein Kinderbuchautor der zornig auf ihr Land reagiert? Im Jahre 1970 erscheint sein böses satirisches Werk *Fornicon* eine böse Satire über den Menschen und ihre Gier nach Lust und Befriedigung. Ein Anti-Porno-Buch. Ich kenne es in- und auswendig, auch wenn es sich derzeit nicht in meinem Besitz befindet, aber aus meinen alten Buchhändlertagen. Wie recht ich ihm geben muß. Porno ist der Tot der Liebe, der Nähe. Immer mehr und immer höher hinaus in der Befriedigung der Mensch, der dann auch nicht zurückschreckt vor Verletzung und Traumatisierung des anderen, weil er wie eine Maschine geworden ist, auf die man nur ein Knöpfchen drückt, damit Befriedigung erreicht wird. Erich Fromm sagte übrigens über Fornicon, es sei das letzte Wort, dass über Pornographie gesagt werden kann. Und was Fromm sagt, ist mir fast in allem heilig. Wahrheiten will der Mensch jedoch nie hören. Er müßte anfangen sich dann mit sich selbst zu beschäftigen. Und wer will das schon. Ungerer erliegt der Ächtung, seine Werke werden verboten, selbst seine Kinderbücher. Aufträge bleiben aus und er kehrt New York den Rücken und geht nach Kanada. Dort lebt er mit seiner Frau und Hund in der totalen Einsamkeit, betreibt Gartenbau und Viehwirtschaft, ohne seine künstlerische Arbeit zu vernachlässigen. Er macht weiter. Als sich die Welt beruhigt hat, kommen wieder Aufträge, aus Europa, ein Liederbuch, an dem er 5 Jahre arbeitet.
 
Ich bin fast zweieinhalb Stunden in seiner Ausstellung. Sitze immer wieder vor den vielen Zeichnungen, Plakaten und seiner Spielzeugsammlung, aus denen er sich oft Anregung auch für seine Zeichnungen geholt hat. Ich kann mich einfach nicht lösen von diesem Menschen, der so viel Schicksalsschläge in seinem Leben durchlaufen hat. Mit 3 Jahren schon verliert er seinen Vater, der an einer Blutvergiftung stirbt. Später die Besatzung des Elsaß durch die Deutschen, Verbote seines künstlerischen Schaffens, schwere Krankheiten. Ungerer ist immer wieder Überlebender. Mehrere Schlaganfälle, zum Teil erblindet und eine schwere Krebserkrankung haben ihn niedergeworfen. Sein Motto *Tumor mit Humor* hat mich selber auch in meiner Krebserkrankung begleitet und mir Kraft gegeben. Im Laufe meines Lebens bin ich immer wieder Menschen begegnet, sei es im Alltag oder im künstlerischen Raum, die mir gezeigt haben, das Schweres leicht genommen und überwunden werden kann. Daher bin ich dankbar, dass die Welt diese Menschen hervorgebracht hat.
 
Angefüllt mit all dem, was ich gesehen und gedacht habe wandere ich an der Ill entlang, über Brücken hin- und her. Der Hunger treibt mich dann zurück in die petit france, auch *klein Frankreich* bezeichnet,  um mir etwas Gemütliches zu suchen, wo ich meinen Hunger stillen kann. Ich komme über die Ponts Couverts, wie die Franzosen sagen, in das alte Viertel. Übrigens geht die Bezeichnung petit france darauf zurück, dass im 16. Jahrhundert dort ein Krankenhaus stand, in dem Geschlechtskrankheiten behandelt wurden. Es hieß *Zum Französel*, so dann auch später die Syphillis bezeichnet wurde. Die vielen Ponts sind Zeichen dafür, dass dort von 1200 bis 1250 Befestigungsmauern erstanden, die im Laufe der Jahrhunderte verstärkt wurden. Vier Kanäle sind es, die das petit france durchqueren, sie tragen die Namen der Mühlen (Zornmühle, Dinsenmühle, Spitzmühle) die sie all zu damals mit Wasser versorgt haben. Nur der vierte Kanal diente damals der Schifffahrt.
 
Durch das Viertel schlendert nun ebenfalls ein kleienr Touristenstrom, denn es ist nach all meinen Spaziergängen das schönste, malerischste Viertel in Strassburg. Heute gibt es keinen Gestank mehr, wie einst zu damals, als die Gerber noch ihre Felle zum Trocknen an der Luft auf die Strassen hängten und die Bewohner diese Orte mieden. Viele Restaurationen, kleine Geschäfte aber vor allen Dingen die hübschen Fachwerkhäuser fesseln beim Durchlaufen.
 
Ich habe gefunden, was ich nun möchte. Essen. Gut...aber was...Ich bin mal wieder anders, als wie man von mir erwartet und was man mir so angeraten hat. Du musst unbedingt Flammkuchen...sagte meine Freundin, die selber Flammkuchen zaubert und der ich vor ein paar Wochen auf einem Weinfest dabei geholfen habe. Du musst...dich unbedingt vom französischen Essen bezaubern lassen, sagen andere. Mach ich aber nicht. Ich bin son Typ. Ich finde ein tibetisches kleines Restaurant, dass Momo Tibetan im Namen trägt. Es hat mich einfach angezogen. Ich war zwar nicht im Tibet, aber in Indien. Und in Delhi gab es ein kleines tibetisches Lokal an dem ich morgens mein Frühstück einnahm und einfach nie diese Athmosphäre und die Freundlichkeit der Menschen dort vergessen kann. Das war es, was mich nun in dieses Lokal zog. Ich konnte auf der Strasse gemütlich Platz nehmen und ließ mir vegetarische Momos servieren. Saulecker. Zur Erklärung. Momos sind zu vergleichen mit italienischen Raviolis oder schwäbischen Maultaschen. Und so saß ich da, aß vergnügt und ging in Strassburg meinen Erinnerungen an meine Reise durch Indien und Nepal nach. Reisen ist auch immer Begegnung mit Vergangenem, egal, ob es aus dem Alltag entspringt oder aus ereignisreichen Wanderungen durch die Welt.
 
Zufrieden will ich nun zur Kathedrale. Es war mittlerweile 16.00 Uhr geworden. Ich habe das Verschwinden der Zeit nicht bemerkt. Mittlerweile steht eine kleine übersichtliche Schlange am Strassburger Münster, so wird sie bezeichnet. Umrandet ist sie von hübschen alten Fachwerkhäusern, in denen einige Gastronomie mit gemütlichen Strassensitzplätzen logiert, natürlich auch die überall vorzufindenden Souvernierlädchen. Der Sage nach soll auf dem Vorplatz des Münsters der Teufel vor sehr sehr langer Zeit von einer Skulptur des Münsters angezogen worden sein, die ihn selber in Form des Verführers zeigte. Der Teufel war auch neugierig. Daher ließ er den Wind, der angeblich immerr über den Vorplatz weht, ich habe ihn an diesem Tage nicht bemerkt, einfach draussen und zog in den Chorraum der Kathedrale. Dort las der Pfarrer gerade in diesem Moment eine Messe. Pech gehabt, der Teufel, er wurde sodann in den Pfeiler eingeschlossen. Dort haust er nun und der Wind, der Wind, das himmlische Kind wartet seitdem auf seine Rückkehr. So kanns gehen. Manchmal weht einem der Wind kräftig entgegen und will einen mitreißen. Daher, immer ufbasse, woher der Wind weht.
 
Die Securitaleuts werfen einen Blick in die Taschen und Rucksäcke der Besucher, erst dann wird Einlaß gewährt. Ich bin überrascht, als ich eintrete, denn anders, wie von meinem Kölner Dom gekannt, herrscht große Stille und recht wenig Besucher sind im Innenraum vorzufinden. Ich erzähls einfach, denn warum soltle ich mich schämen. Ich weiß ja selbst nicht einmal warum. Jedenfalls sofort nach dem ich eingetreten bin muss ich weinen. Ich war einfach so ergriffen von diesem Bauwerk, seinem Ausdruck, seine Erinnerung, Mahnung an etwas Größeres, an das viele Menschen glauben und vielleicht ist es ja doch auch in mir, dieses sich nicht abfinden wollen damit, dass all das, was ich sehe, alles ist. Ich weiß es nicht. Ich setz mich still in eine Bank und meine Gedanken gehen an die Menschen, die gerade Schweres zu durchleben haben. Da ist ein guter alter Freund, der seit einigen Jahren um sein Leben kämpft, da ist der nette User aus meinem Schachforum, dessen Frau wohl nun wieder kämpfen muß und sie eine schwere Zeit haben. Aber auch all die, die mir verloren gegangen sind, sind ganz präsent in mir. Wie immer, nicht nur an diesen Orten.
 
Nach einem kleinen, stillen Rundgang im Münster verlasse ich es wieder. Ich bin nicht so ein Kunsthistoriker und es müßte sich lange Zeit damit beschäftigt werden, was es alles um und über dieses Bauwerk zu erzählen gibt. Vor der Kathedrale macht ein Musiker auf einem merkwürdigen Instrument Musik. Irgendso was wie ne Stehgeige. Ich glaube, es ist ein Japaner. Er nennt es Himmelsmusik. Ich höre ihm gern ein wenig zu. Erst als er beginnt zu singen, erschrecke ich und denke, auweia, wenn das Himmelsmusik sein soll, wie hört sich die in der Hölle an, wenn überhaupt von Himmel und Hölle geredet werden kann und ziehe endlich weiter. Spätger, fast gegen Abend, entdecke ich ihn immer noch. Sitz den lieben langen Tag da und spielt seine Himmelsmusik.  Meine Versuche das Strassburger Münster auf ein Foto zu bekommen, sind vergebens. Es ist einfach so groß, dass es nie ganz auf ein Bild paßt, egal von welcher Serite ich es auch versuche. wurscht..denk ich, ist ja auch nicht so wichtig.
 
Lieber schau ich mir noch die alten Häuser im Viertel an. Das Liebfrauenwerk, die alte Hirschapotheke an der Ecke der Rue Merciere, die schon seit 1264 dort steht, das eine kleine Mär zum besten hat. Angeblich soll der Eckpfeiler des Obergeschosses die Menschen auf die Probe gestellt haben. Wer Eintritt erlangen wollte, musste sich zwischen der Mauer und dem Pfeiler hindurchzwängen, ohne sie zu berühren.  Vielleicht war das ja damals die Nagelprobe, um zu testen, ob man zuviel Gewicht am Leibe trug, ich weiß es nicht und schmunzele vor mich hin. Schau mir den Rohan-Palast an, in dem Kardinal Rohan residiert hat, der bekannt ist durch die Halsbandaffäre. Ich will das jetzt hier nicht alles erzählen. Meine geneigten Leser mögen das bei wiki nachschauen. Es würde den Rahmen sprengen.
 
Lauf da so herum durch die vielen kleinen Gässchen, Schmiedegasse, Gerbergasse, Ribisegasse, um wieder an die Ill zu gelangen und wandere unten am malerischen Ufer entlang. Auf einer Bank liegt ein Mann ausgestreckt der Länge nach und hält sein Mittagsschläfchen. Ob das nun ein echter Clochard ist? Man siehts ihm nicht an. Vielleicht hat er auch einfach mit nix was zu tun und denkt sich, an diesem Platz kann ich mein Mittagsschläfchen halten, ohne dass die Sonne mich trietzt. Ich finde ihn einen schönen Anblick, als Zeichen von gelebter Gelassenheit und Muße. An einer wunderschönen Patisserie mache ich halt und gönne mir einen Cafe au lait, der hierzuzlande ja in einer Tasse direkt serviert wird, mit dem Milschaum oben druff. Hier ist anders, als Cafe au lait stellt sich heraus, bekomme ich eine Tasse schwarzen Kaffee und ein Kännchen heißer aufgeschäumter Milch, mit der ich meinen Kaffee selbst verdünnen kann. Dazu gibt es, wie mir Madame Patisserie anvertraut, die besten Törtchen von ganz Strassburg. Es duftet auch wunderbar in ihrem kleinen Cafe und sie ist eine der charmantesten Französinnen, die ich bisher kennengelernt habe. Sie erinnert mich ein wenig an den Film *Chocolate*, den ich schon viele Male gesehen habe und der den Hunger auf Schokogenüsse in einem steigern kann, woran man vorher nicht geglaubt hat, dass man so verführt werden kann.
 
Jetzt fängt es tatsächlich vom Himmel herab ein klein wenig zu tröpfeln an. Egal, ist ja nicht viel und spaziere der Ill entlang zur protestantischen Paulskirche, der sich Niemand enziehen kann. Das Kirchlein steht an der südlichen Spitze der Ill-Insel St. Helena an der breitesten Stelle des Flusses und soll das meistfotografierteste Bauobjekt Strassburgs sein. Empfangen werd ich von zwei jungen Mädchen, die sich anbieten mir Fragen zu beantworten oder einfach um mehr zu erfahren. Aber ich möchte keinen weiteren Input, sondern einfach nur einen Moment dort still sitzen und bedanke mich.
 
Mein Spaziergang mit vielen weiteren Sehenswürdigkeiten endet gegen 20.00 Uhr und ich fahre mit der Trom D zurück zu meiner Jugendherberge, bei der ich den Tag im ruhigen Garten, ich bin fast allein in der Jugendherberge, ausklingen lasse. Ein voller Tag mit so vielen Eindrücken.
 
Der Montag steht mir noch zur Verfügung und an diesem Tag radele ich noch einmal mit dem Rad in die Stadt. Im kühlen Fahrtwind lasse ich noch einmal alles an mir vorüberziehen, fahre vor allen Dingen an den Kanälen entlang, zwischendurch immer wieder mal ein Päuschen auf einer Bank, den Moment genießend. Natürlich fahre ich auch zum Sitz des Fernsehsenders arte, bei dem ich nicht wenige Stunden meiner Fernsehgewohnheit fröhne. Ich dachte, vielleicht kann man ja eine Führung durchs Haus machen, aber ich habe nichts gefunden und es dann auch dabei gut sein lassen.
 
Ich möcht nochmal zum Europaviertel, um in Ruhe zu fotografieren. Als ich da so herumstehe, nähert sich eine Delegation aus Senegal dem Ausgang zu. Ich sehe sie kommen. Aus der Gruppe heraus löst sich ein Mann und kommt direkt auf mich zu. Was ich hier mache. Ich lache und sage, na was wohl, fotografieren. Oh lacht er zurück, dann nur mit mir zusammen, nimmt mich einfach in den Arm und ich bitte einen der anderen Passanten vor mir, ein Bild von uns Beiden zu machen. Er fragt mich, woher ich komme und natürlich erzähl ich nicht ohne ein ganz ganz klein wenig Stolz, dass ich mit dem Rad aus Köln gekommen bin. Köln, wo ist das fragt er. Muss ich ihm erklären. Dass ich nun 458 km gefahren bin. Er lacht wieder und sagt das ist gut, das ist gut. Alle fahren Auto hier, sagt er. In Senegal sei es normal, dass die Menschen sehr, sehr weite Strecken zu Fuß oder mit dem Rad zur Arbeit, zum Einkauf oder einfach nur um Familienangehörige zu besuchen, zurücklegen. Kommst du mal nach Senegal sagt er, und lacht. Ich auch. Und beim ganzen Gespräch schaut er mich, obwohl wir Beide immer wieder lachen müssen, ganz ernst an. Ich habe das Gefühl, einem Menschen zu begegnen, der sich wirklich, auch wenn es nur für einen Moment ist, für den interessiert, der da vor ihm steht. Mich hat das sehr berührt, diese Nähe, die dieses gegenseitige Anschauen für eine kurze Zeit unseres Gespräches geschaffen hat. Wir verabschieden uns und ich wünsche ihm alles Gute für sein Leben und die Arbeit, die er macht, sage ihm auch, dass er zu den schönsten Begegnungen meines Aufenthaltes gehört und meinen Tag hier in Strassburg beendet.
 
So soll es sein, ich kehre mit meinem Rad Strassburg den Rücken, fahre Richtung Jugendherberge und mache noch einen Abstecher hinüber über die Trom Brücke, die ja auch für Radler befahrbar ist, nach Kehl. Am Bahnhof tausche ich mein Ticket für die Zugrückreise am nächsten Tag um. Denn ich hab entdeckt, dass es für mich ja viel günstiger ist, von dort zu fahren, als dass ich am frühen morgen noch einmal hinein nach Strassburg zum Bahnhof muß. Der Umtausch wird mir auch mit freundlicher Beratung gewährt. Ich bekomme sogar 2o Euro rückerstattet, die Route, die für mich entdeckt wird, ist sparsamer im Preis und auch im Umsteigeverfahren, was ja mit Rad und Packtaschen und oft auch kurzer Umsteigezeit immer sehr anstregend ist. Selig bin ich.
 
Radele in die Innenstadt von Kehl und bin doch ein wenig erschrocken über die Gegensätzlichkeit beider Städte. Hier blickt mir nichts Altes, Beständiges entgegen. Kehl wurde während des zweiten Weltkrieges fast vollständig zerstört. Daher also. Ich wußte es nicht.
 
Ich habe aber keine Lust mich weiter mit der Stadt zu beschäftigen, sondern radele an dem sehr schön gelegenen Rheinufer entlang und setze mich irgendwann auf ein Bänkchen, um in Ruhe den Tag ausklingen zu lassen. Neben mir hockt eine alte Dame, die ich dann näher kennenlerne. Maggie, so heißt sie, saß da und studierte Sprachbücher. Wie sie mir erzählt, war sie zur Zeit ihres Berufslebens sehr viel in den USA und hat dort für große Firmen Semniare im Bereich Coaching gebeben, u.a. für Chrysler. Sie trauere ihrem Berufsleben nicht nach, sei aber immer noch aktiv, hin- und wieder gebe sie auch heute noch Seminare oder einfach nur Sprachkurse. Sie halte sich viel in Florenz auf, aber auch in Bonn, ganz in meiner Nähe. Auch sehr viel Privates erfahre ich über ihr Leben, wie es so gelaufen ist und höre immer wieder die Worte, dass man nie aufgeben darf, immer weitergehen und mutig sein muß. Da ist er wieder der Mut, der nicht zum Vorschein kommt, wenn wir die Angst siegen lassen. Ein schönes Gespräch, das meinen Aufenthalt abrundet. Sie lädt mich noch zu einem Eis ein in der Innenstadt, zu der wir gemeinsam zurückkehren, verabschieden uns dann, aber nicht ohne uns zu versprechen, dass wir postalisch in Verbindung bleiben.
 
Meine Reise ist beendet. Die Rückfahrt geht mit kleinen Problemen, aber gut nach Hause.
Ich sitze abends daheim auf meinem Balkon und kann es nicht fassen, dass ich mal wieder eine größere Strecke bewältigt habe. Habe mir mal wieder einen kleinen Traum erfüllt. Es müssen ja nicht immer die großen sein. Unterwegs sein ist schön. Auch wenn es dieses Mal recht anstrengend war wegen der Hitze und ich nach meinem Sturz auch an eine Grenze meinerseits gestoßen bin. Dass ich Angst entdeckt habe, dennoch den Mut hatte, den richtigen Weg danach zu gehen. Wie sich einen Tag später herausstellt, als ich mein Rad in die Werkstatt brachte, bestätigte sich meine Entscheidung, mit dem Zug zu fahren auch nochmal auf der Strecke Mannheim - Baden-Baden. Der Handwerker sagte mir, dass meine zweite Bremse es ebenfalls nicht mehr lange getan hätte. Passiert halt, sagt er, wenn sie lange drin sind, die Bremszüge. Die Hitze, das viele Abbremsen dann wegen der Höhenunterschiede. Glück im Unglück halt. Mit einer Bremse, in diesem Falle war es nur noch die Hinterradbremse, ist nicht gut zu fahren sagt er. Nicht auszudenken was gewesen wäre, wenn die noch gerissen wäre und ich hätt gar nicht mehr weiterfahren können. So ist mir die letzte Etappe noch gelungen und auch ein wenig Herrumradeln in Strassburg selbst. Nun steht es wieder da wie neu bremslich gesehen und ich habe ein paar Tage später schon wieder eine schöne Radtour unternehmen können.
 
Und immer ist es schön, so ganz für sich zu sein. Nicht viel reden zu müssen, auch nicht zu können, da Niemand da ist. Hin- und wieder, dafür bin ich natürlich dankbar, immer wieder schöne Begegnungen, bekam ich viel erzählt, aber du selber bleibst zurück. Wer viel redet, hört die Anderen nicht. Wer wenig redet hört und sieht mehr.
 
Und nun...mal schauen, wo mich der Weg zum nächsten Ziel hinführt. Es gibt so viele schöne Orte, die Zeit reicht einfach nicht aus und manchmal auch das nötige Kleingeld. Aber das macht alles nichts. Das Wichtigste ist immer noch, gesund zu sein und jeden Tag Freude am Leben zu haben. In diesem Sinne meinen geneigten Lesern eine gute Sommerzeit weiterhin mit ebenfalls vielen schönen Eindrücken.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

 

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

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