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22. Juli 2018 7 22 /07 /Juli /2018 12:46
Am Morgen bin ich recht frisch erwacht und nach einem reichhaltigen Frühstück mache ich mich auf den Weg.  Rüdesheim sollte heute mein Ziel sein.
 
Der Weg führt am Rhein entlang durch das Neuwieder Becken. Es gibt dort einige Baustellen, die ich umfahren muss und den Weg zurück nicht gleich finde. Also das erste Mal Begegnung mit Umwegen, Verfahrwegen um wieder zum rechten Wegzu finden. Eine solche Tour ist immer auch ein Suchen und Finden. Wie im Leben halt. Aber es gibt schöne kleine Haltestellen, wo es Unerwartetes zu entdecken gibt, oft auch Kurioses. So an einer Anlegestelle ein Stromkasten auf dem FC-Fans ihre Liebe zum Verein dokumentiert haben. Ich hab natürlich direkt für den Sohnemann ein Foto geschossen. FC-Fans gibts halt überall.
 
In Engers entdecke ich das Schloß Enger. Das Schloß wurde von den Erzbischhöfen und Kurfürsten im Spätbarockstil im 18. Jahrhundert erbaut, also gar nicht so alt und ist mit das einzige, das erhalten geblieben ist. Heute wird das Schloß als Tagungsstätte oder für Veranstaltungen genutzt und man kann es natürlich besichtigen. Aber ich war noch nie son Schloßgucker. Aber herrschaftlich schön schauts schon aus.
 
Es wird heiß heute. Ich merke es. Mein Vegetativum reagiert da sofort. Das bedeutet es wird anstrengend. Darauf muss ich mich einstellen. Vor allen Dingen in der Mittagshitze. Manchmal kann man dem Wetterbericht auch trauen.
 
Aber schön still liegen die Wege vor mir und das Wummern der manchmal vorbeiziehenden Schiffe geben einen schönen Klang von sich, in dem ich mich einbetten lasse und ebenfalls das Gefühl habe, ich schwebe auf meinem Rad so vor mich hin.  Ich halte immer mal an, Pausen sind wichtig bei Hitze.
 
Hatte ich schon erwähnt, das neben dem Rheinradweg auch der Limesradweg zu befahren ist. Wer auf Entdeckung der Römerzeit ist, sollte ihn unbedingt befahren, denn Geschichte aus dieser Zeit ist hier groß.
 
Ich komme nach Bensdorfy-Sayn, das landschaftlich gelegen an den Ausläufern des Westerwaldes liegt. Schöne Strecken führen hier direkt am Rhein entlang. Sayn selber soll schon in der Bronzezeit besiedelt gewesen sein. Der Ort wird von zwei Bächen, dem Sayn und dem Brex durchzogen, die beide in den Rhein münden. Es gibt die Burg Sayn und das Schloss Sayn. Während des Dreißigjährigen Krieges wurde die Burg allerdings von den Schweden gänzlich zerstört. Die Fürstin zu Sayn-Wittgenstein-Sayn soll im Garten des Schlosses eine große Schmetterlingssammlung beherbergt haben, daher heißt er auch der Garten der Schmetterlinge. Ein wenig tut es mir gerad wieder leid, keine Zeit zu haben, um solche Dinge zu bestaunen. Ich muss mich wie im Leben mal wieder damit abfinden, es kann nicht alles erkundet, gewußt und bestaunt werden, die Lebenszeit reicht einfach dafür nicht aus.
 
Und ich habe auch gut daran getan, keine größeren Stops zu machen, denn der Weg, der jetzt bis anch Rüdesheim folgt, ist echt riesenanstrengend. Ich muss sagen, ich komme ein wenig an meine Grenzen.
 
Der Weg folgt nun bis nach Lahnstein und auf der linken Seite seh ich im Vorbeiradeln Koblenz liegen, wo mir das große Kaiser-Wilhelm-Denkmal am Deutschen Eck hinüberwinkt. Ich erinnere mich an meine Tagestour mit dem Rad von Frankfurt nach Köln, wo ich eigentlich in Koblenz Rast machen wollte, aber dann noch so fit war, dass ich dachte, fährste weiter Roeschen, wenigstens noch ein wenig, aber dann hab ich nix mehr zum Unterkommen gefunden und musste die komplette Strecke bis Köln durchfahren. Das war ein Wahnsinn, den ich nie vergessen werde.
 
Ich habe einen schönen Ausblick auf die Burg Lahneck, die wirklich prächtig auf dem Hügel ehrauslugt. Hier kann auch ein Teil des Deutschen Jakobsweges absolviert werden. Da hab ich ja bei meinen Touren immer ein Auge drauf. Obwohl ich den Originalweg von Frankreich nach Spanien durchlaufen bin, hab ich aber nie groß ein Bedürfnis verspürt, die deutschen Wege einmal abzulaufen, vielleicht kommt das ja noch.
 
Zu erwähnen ist noch, wie ich bei Abendrecherchen erfahre, auf meinem Bette liegend, dass auch Goethe im Anblick der Burg Lahneck sich inspiriert gefühlt hat und sogleich ein Gedichtlein verfaßt hat, dass ich hier einfügen möchte: 
 
Hoch auf dem alten Turme steht
Des Helden edler Geist,
Der, wie das Schiff vorübergeht,
Es wohl zu fahren heißt.
Sieh, diese Senne war so stark,
Dies Herz so fest und wild,
Die Knochen voll von Rittermark,
Der Becher angefüllt;
Mein halbes Leben stürmt' ich fort,
Verdehnt' die Hälft' in Ruh'
Und Du, Du Menschen-Schifflein dort,
Fahr immer, immer zu!
 
Des Helden edler Geist, also ich muss sagen, so hab ich nun nie gedacht beim Anblick mächtiger geschichtlicher Orte, aber an des Menschen Geist im Allgemeinen schon, der hier über Jahrhunderte gelebt und gewaltet hat. Immer wieder versuche ich mir vorzustellen, wie das so war in früheren Zeiten, wie gelebt wurde, was gefühlt und gedacht wurde und wie die Menschen so mit dem Fortschritt zu recht gekommen sind. Ebenso wie wir Menschen uns ja heutzutage ebenfalls mit dem rasanten Fortschritt von Technik beschäftigen und ihn verkraften und einen Weg finden müssen, damit zu recht zu kommen. Vor allen Dingen im Alter wird das doch immer schwerer, weil einem oft der Gedanke kommt, du kannst da nicht mehr mithalten. Ist so.
 
Und eine weitere Begebenheit hat mich ebenfalls berührt. Dort oben auf der Burg Lahneck soll im Jahre 1851 eine 17jährige Touristin verhungert sein, nachdem eine marode Treppe hinetr ihr eingestürzt war. Gefunden hat man ihre Leiche bzw. ihr Skelett erst bei der Renovierung eines der Türme, aber immerhin ihr Tagebuch von ihren letzten vier Tagen. Das hätte ich nun gern gelesen. Ob man es da wohl bei eienr Burgbesichtigung zu sehen bekommt. Ich weiß es nicht, werds aber noch herausfinden und es ist sicherlich eine Zukunftsoption meinerseits dann noch einmal dort anzureisen, um es mir anzuschauen. Ich weiß, ich weiß, ich bin merkwürdig, was andere Leuts vielleicht nicht interessiert, mich aber um so mehr. Ich bin son Typ.
 
Nun geht es weiter vorbei an Orten wie Felsen, Kamp-Bornhofen, Kestert bis nach St. Goarshausen. Für Wanderer übrigens, hier schon beginnen die wunderschönen Rheinsteigwanderungen, von denen ich auch einige schon durchlaufen habe, vor allen Dingen erinnere ich mich an die schöne Wanderung von Lorch aus hoch über den Rheinsteig, wo mir in der Abenddämmerung noch eine Bache mit ihren Jungen begegnet ist. Es ist immer schön, an Orte zu kommen, wo viele schöne Erinnerungen lebendig werden.
 
St Goarshausen gehört schon zum Loreleykreis und die Stadt gehört seit 2002 zum Unesco-Weltkulturerbe. Ich habs vorher nicht gewußt, ehrlich.Sie wird umgeben vom Rheinischen Schiefergebirge. Urkundlich erwähnt ist die Stadt im Jahre 1222. Das ganze Königs-, Fürsten- und Herzigsgedöns macht mich schwindelig. Ich hab eh Probleme mit Namen, also laß ich das mal lieber.
 
Weinanbau ist hier seltener zu finden, weil die Gebiete,  um Pflanzungen anzulegen schwer zugänglich sind, zu zerklüftet die Lagen. Als es noch Weinanbau gab, wurden schon zu früheren Zeiten die Arbeiter dort hoch entlohnt, weil die Arbeit vor allen Dingen bei großer Hitze äusserst anstregend war. Apropos große Hitze. Ich schwitze und das nicht schlecht und es ist sauanstregend.
 
Von St. Goarshausen aus befahre ich eine der stressigsten Strecke auf meinem Wege. Fast nur an der Schnellautostrasse vorbei. Der Radweg keinen Meter breit und die LKW´s und Busse rasen 1o cm neben dem Bordstein an mir vorbei. Es kommt kein Haus, kein Dorf, nix, nur Strasse, Strasse, Strasse und rechts neben mir der glitzernde Rhein. Ich weiß gar nicht wieviele Kilometer ich schon gefahren bin, ich schaue zwischendurch nie nach meinem Zähler, erst am Abend, wenn ich angekommen bin.
 
In Kaub mach ich eine kleine Rast am Ortsufer. Ein Mann kommt mir entgegen und ich frage ihn, ob dieser Weg nun wirklich immer so weiter geht bis nach Rüdesheim und schau ihn ein wenig zermürbt an. Er bestätigt dies und ich seufze. Als ich mich bedanken will und weiterfahren möchte, sagt er, dass wahrscheinlich die Strecke kurz hinter Lorch immer noch für Radfahrer gesperrt sei und man dann ganz auf die Autostrasse ausweichen müßte, was aber, wie er denke, nicht mal erlaubt sei, weil es viel zu gefährlich sei. Er könne sich daran erinnern, dass er vor einigen Wochen diese Strecke zurücklegen wollte und durch die Baustelle aufgehalten wurde und so die Rheinseite wechseln mußte. Er sei sich aber nicht sicher. Er ist sehr nett, denn er versucht einen Kollegen mit dem Telefon zu erreichen, der genauer bescheid wisse, damit ich Gewißheit erlange. Leider erreicht er ihn nicht und er empfiehlt mir besser auch  die Rheinseite zu wechseln und dort bis nach Bingen weiter zu fahren, um von dort aus mit der Fähre wieder rüber nach Rüdesheim zu gelangen, wo ja meine Herberge liegt. 
 
Auch, weil ich dort einen in der Nähe lebenden alten Freund treffen werde, dem ich versprochen habe, auf meiner Radtour meine alte Kamera zu überlassen. Ich hatte nämlich zum Geburtstag von meinen Kindern eine neue bekommen, weil sie meinten, die Qualität der Bilder sei nicht mehr so gut. Ich weiß es nicht, vielleicht hatten sie nur Bilder gesehen, die ich machte, weil ich ohne Brille ein wenig schäl bin und sie dachten deswegen, es müßte eine neue her. Ich häng immer so an meinen Sachen und war dann auch total überrascht, als die neue auf meinem Geburtstagstisch lag. Aber nun bin ich natürlich froh, dass ich die niggelnagelneue habe, denn sie ist doch noch besser zu handhaben und weist noch mehr Möglichkeiten auf. Dennoch, die alte tats ja noch und was soll die zuhause rumliegen, wenn sie ein anderer Mensch nutzen kann. Also wie versprochen Übergabe in Rüdesheim.
 
Also höre ich auf seinen Rat und wie ich am Abend dann erfahre, habe ich gut daran getan, denn es war genauso wie der freundliche Mensch mir sagte. Bis nach Niederrheinbach-Lorch ist es noch ein Stückchen des Weges, da muss ich durch, entnervt, mittlerweile hungrig und von der Gluthitze malat fahre ich dann mit der Fähre auf die andere Rheinseite. Es ist eine Autofähre. Der Fährbetrieb übrigens wird schon seit 5 Generationen von einerFamilie betrieben.
 
Es gibt ein nettes Video zum Familienfährbetrieb, dass ich ebenfalls gern einfüge:
 
 
Es ist ganz interessant, was Herr Schnaas, der jetzige Fährmann so erzählt. Seit 12 Jahren habe er keinen Urlaub mehr gemacht. Die Fähre ist ein Ganzjahresjob. Unvorstellbar denk ich mir. Ein Alltag ohne Atempause. Wie kann das gehen?
 
Auf der anderen Seite angekommen, knicke ich echt ein. Sehe das Schild, Kilometer nach Bingen, noch ganze 30... Ich glaub, ich schaff das nicht mehr, so fühl ich mich jedenfalls, aber ich weiß, dass ich muß. Und wie es auch im Leben oft ist, wenn du denkst, es geht nicht mehr weiter, irgendwie geht es dann doch. Also sitz ich auf und fahre, werde aber belohnt, denn der Weg nun auf der Bingenerseite ist wirklich hübsch, links liegt mir nun der Rhein, rechts lauter kleine Schrebergärten, so daß es mir echt Antrieb gibt. Wo es viel Abwechslung gibt, ist ein Weg immer besser zu bewältigen, als wenn du lange eintönige Strecken fährst. Auch das ist ja ein schönes Bild für den Alltag, wenn du ständig im langweiligen Alltagstrott hängst, wirst du schneller müde, als wenn du erfreuliche Abwechslungen hast, neue Erfahrungen und Begegnungen.
 
In Bingen angekommen, ein kurzes Stück noch über die Flaniermeile am Rhein, wo gut betuchte Urlauber sich zeigen, rauf auf die Fähre und rüber nach Rüdesheim. Ich bin jetzt echt total erleichtert und froh, als ich den Freund auf der anderen Seite am Bahnhof stehen sehe und ruf ihm schon von weitem zu. Freudige Begrüßung. Er lädt mich zum Essen ein und wir maschieren durch die weltberühmte Drosselgasse. Mensch Drosselgasse, sollte jeder kennen. Ich hab ehrlich gesagt noch nie vorher davon gehört. Sicher auch, weil ich mich für derartige Dinge nicht interessiere. Aber sie ist nunmal weltberühmt, 2 Meter breit und erstreckt sich über eine Länge von 122  Metern und laut wiki sollen da Jahr für Jahr 3 Millionen Menschen ihre Runden drehen. Unfaßbar. Für mich jedenfalls. Was wollen die da.
 
Im 15. Jahrhundert wurde die Gasse von den Rheinschiffern bewohnt. Im Jahre 1833 wurde ein großer Teil der Gebäude dort durch Feuer vernichtet. Und im Nationalsozialismus war die Drosselgasse ein beliebter Ausflugsort für die Angehörigen der Nazi-Freizeitorganisation *Kraft durch Freude* Mir wird schlecht bei dem Gedanken. Es wurde angeordnet, dass dort nur Musik gespielt werden durfte, die dem deutschen Empfinden nach genehm ist. Manoman, wie krank das alles. Schon allein deswegen würde ich ncht an diesen Ort zurückkehren wollen. Ich kann mir nicht helfen, ich hab immer den Verdacht, dass etwas von diesem Geist noch herumschwirrt.
 
Nun denn, ich hätte eh durch diese Gasse gemußt, denn meine Jugendherberge lag noch 2 km entfernt, hoch oben auf dem Berg. Und ich war froh, dass ich mit dem Freund gemeinsam eine kleine Rast in einer dann etwas abgelegeneren Pizzeria machen konnte, wo ich selber zwar kaum etwas herunter bekam, aber immerhin ein wenig ruhen konnte. Manchmal vertreibt eine unglaubliche Anstrengung den Hunger, jedenfalls erleb ich das oft auf solchen Touren und kehrt erst viel später, leider zur ungünstigen Zeit, wenn es nix mehr gibt, zurück. So ist das Leben halt. Kannste, willste nicht, willste, kannste nicht. Der Mensch ist ein merkwürdig Wesen.
 
Und jetzt sag ich was, was bin ich so froh gewesen, dass ich den Freund an meiner Seite hatte. Denn, obwohl man mich beim Buchen der Jugendherberge schon vorgewarnt hat, von wegen 2 km 7%ige Steigung bergauf, war ich von dem vorliegenden Weg total schon beim Anblick geschafft. Ich meine, ich hätte es schon schaffen müssen, auch alleine, aber ich war so was von dankbar, dass der Freund mir mein Rad abnahm, es mit den schwerbepackten Radtaschen auf dem steinig-gerölligen Weg bergauf schob. Man, ist das schwer, dein Rad sagte er. Jo, nickte ich.
 
Die Jugendherberge erreicht, stelte ich fest, sie war von der einfachen Art, aber alles was ich brauchte war da. Bett, Dusche, wenn auch nicht auf dem Zimmer, aber sie war nicht voll belegt, so daß es kein Problem war. Wir saßen dann noch gemeinsam ein gutes Stündchen auf einem Bänkchen, genossen den schönen Anblick aufs Tal und hinüber auf die andere Rheinseite und dann verabschiedete er sich. Ich hoffe, meine Kamera bringt ihm Freude. Und ich fiel nach dem Duschen schachmatt aufs Bett, aber auch ein wenig glücklich.
 
Mein letzter Blick auf meinen Tageskilometerstand: 118 km. Hurrah! Gute Nacht
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

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22. Juli 2018 7 22 /07 /Juli /2018 12:05
An diesem Morgen bin ich das erste Mal total erholt erwacht aus dem Bett gesprungen.
Jedoch hatte ich in der Nacht ein sehr sehr merkwürdiges Erlebnis. Es ist immer so, dass mir auf allen meinen Touren etwas Unerklärbares begegnet. Etwas worüber ich lange nachsinne, aber keine Antwort finde, was da eigentlich geschehen ist. Etwas, das zwischen der Welt, die wir sehen und dem geheimen Verborgenen liegt.
 
So auch dieses mal. Ich wachte in der Nacht auf und fühlte mit meiner rechten Hand an meine linke. Warum ich das tat, ich weiß es nicht. Ich mach so was ja sonst nie. Ich tastete mich zu meinem linken Ringfinger und bemerkte, dass der Ring, der dort immer saß, nicht mehr da war. Ich schwöre, dieser Ring sitzt seit Jahren an meinem linken Ringfinger. Er geht eigentlich gar nicht mehr ab, man muss schon ordentlich dran herumzerren, manchmal hilft nur Wasser und Seife. Mir hat das nie etwas ausgemacht. Er gehört zu mir, weil er voller Erinnerungen ist. Er war ein Geschenk. Ich tastete und tastete, konnte es nicht begreifen, dass er nicht mehr da war und sinnierte drüber nach, wie das passieren konnte. Wo ich ihn verloren hatte. Aber das wiederum, so erklärte ich mir, konnte doch gar nicht passiert sein, denn gerade beim Radeln lag meine Hand immer auf dem Lenker. Ich verstand es einfach nicht. Ich spürte Traurigkeit in mir aufsteigen, dass er nun fort war. Ich lag eine ganze Weile wach, konnte nicht mehr richtig einschlafen. Drehte und wendete mich immer noch in Gedanken versunken. Plötzlich drehte ich mich zur linken Seite, wollte meine linke Hand unter meinen Kopf legen und da spürte ich ihn. Den Ring. Er lag da einfach neben mir. Ich konnte das alles nicht verstehen. Ich schüttelte den Kopf, nahm den Ring und zog ihn mir wieder über den linken Ringfinger. Es ging nicht einfach. Genauso schwierig, wie ich ihn hätte abzuziehen versucht. Dann ließ ich es dabei beruhen und schlief wieder ein. Noch jetzt, wo ich darüber schreibe, ist mir das ganze unerklärlich. Ich muss es wohl dabei belassen.
 
Taschen wieder gepackt und ab aufs Rad. An einer kleinen Bäckerei an der Strasse halte ich kurz für ein Frühstück, habe noch ein nettes Gespräch mit einem altern Herrn und dann gehts los. Die Stadt ist schon recht lebendig. In der langen Allee, durch die ich bei meiner Ankunft geradelt bin stehen die alten Oldtimer. Jetzt wurde mir auch klar, wieso ich am vorherigen Abend hin- und wieder mal einen alten Autoklassiker bestaunen konnte. Es war Internationales Oldtimertreffen in Baden Baden. Wie ich später nachlesen konnte, waren ca. 350 alte blinkend-funkelnde Liebhaberstücke angemeldet. Der große Autofan bin ich nun nicht, jedoch diese alten Karren zu sehen, hat echt Spaß gemacht.
 
Alle Baustellen umfahrend durch die Stadt am Bahnhof angekommen, versuche ich mich an den Radwanderwegen zu orientieren und wähle die Richtung nach Sinzheim aus. Der Weg führt über Landstrassen, teils mit befahrbaren Radwegen, viel Verkehr ist nicht. Ich muss mich ein wenigg durchwurschteln durch die vielen kleinen Dörfer bis ich in die Richtung nach Greffern entdecke, wo mich kurz danach das blaue Strassenschild mit 12 gelben Sternen darauf hinweist, dass ich in 1000 m in Frankreich angelangt bin.
 
Ich fühle mich fast ein wenig euphorisch. Abgesehen vom Suchen und Finden des Weges war es eine erfrischende Fahrt an Wald und Feldern vorbei, die Hitze noch nicht so stark, denn es war gerade mal 11.00 Uhr. An der Fähre gab es ein kleines Bistro. Autos standen schon in der Schlange und warteten. Ich fragte einen Autofahrer, wie oft die Fähre fahre, sah sie auf der anderen Seite liegen. Ständig hin und her, gab man mir zur Antwort. Na dann, dachte ich, kann ich mich beruhigt auf ein kühles Wässerchen noch ins Bistro setzen. Zwei Franzosen begrüßten mich mit dem ersten Bonyour. Das Bonjour  hüpfte mir weich und zart entgegen. Ja, so empfand ich es. Eine wunderschöne Sprache, das Französisch. Sie redeten irgendwas weiter, was ich natürlich nicht verstand, aber es klang alles sehr freundlich. Ich ging davon aus, dass sie wissen wollten, woher ich kam und erzählte mit Händen und Füßen, dass ich mit diesem meinem Rad, das neben mir stand, von Köln gekommen bin. Ich war fest davon überzeugt, dass sie mich verstanden hatten. Und da das miteinander Reden in unserer beiden Sprachen recht fließend ging, sprach ich sie auf das am Sonntag stattfindene Endspiel Frankreich / Kroatien an. War klar, das hatten sie absolut verstanden. Wir lachten und ich drückte meine Daumen in ihre Richtung und sagte: vive la france und verabschiedete mich, denn die Fähre legte an und ich zog mit meinem Rad davon. Ein schöner Service übrigens, man brauchte nichts zu zahlen. Wo gibts heutzutage noch was umsonst.
 
Ruhig schipperte die Fähre über den Rhein ans andere Ufer, immer noch war ich ganz von Glücksgefühlen durchwärmt. Jetzt kann es ja nicht mehr weit sein, dachte ich. Einen entgegenkommenden Radfahrer fragte ich sicherheitshalber, ob der Weg jetzt hier am Rhein direkt nach Strassburg führte. Jaja, meinte er, zeigte mit der Hand immer geradeaus. Na dann. Ich schwang mich auf und fuhr los. Kein asphaltierter Weg, Schotter und Gestein. Jösses, das jetzt noch 40 km und die Sonne stand nun schon wieder hoch am Himmel und warf ihre Glut zur Erde. Kein Schatten nicht, nirgendswo. Naja, fahrn wir mal dachte ich. Schön war es ja, der Rhein glitzerte ruhig in der Sonne, funkelnde Sterne auf dem Wasser, wie ich sie liebe, ab und an wabberte ein Schiff daher und rechts Baum und Strauch.
 
So fuhr und fuhr ich, keine Menschenseele zu sehen.  irgendwann kam mir ein Radler entgegen, schon älter, bisserl geschafft sah er aus. Ich hielt an und fragte ihn, ob das alles noch seine Richtigkeit habe mit dem Weg, es sei sehr müßig. Und dann legte er sofort los, welche Hindernisse mir nun bevorstehen würden. An einer Sandfabrik müsse ich vorbei bzw. mich durch dichten Sand schleppen bis zu einer Brücke. Über die müßte ich, um auf die andere Rheinseite zu kommen, damit ich dort ein Stück entlang fahren könne, um später wieder die Seiten zu wechseln. Dazu hatte ich nun eigentlich gar keine Lust. Die Brücke sagte er, sei schwierig zu überwinden. Es führe eine so schmale Treppe nach oben, fünf Stockwerke lang, dass man Rad mit Packtaschen nicht hinaufbekäme. Man müsse beides separat nach oben tragen und auf der anderen Seite wieder runter. Ich ahnte Fürchterliches.
Auf solche Hindernisse verbunden mit Riesenanstrengung hatte ich nun wirklich keine Lust mehr. Ob ich denn nicht anders fahren könne. Aber das wußte er nicht. Manchmal ist es doch gut, auf sein Bauchgefühl zu hören. Ich mach das nicht, dachte ich mir, den nächstbesten Weg herunter vom Damm und dann versuchen über die Dörfer weiter zu kommen.
 
Gesagt getan und das ging auch alles recht problemlos, denn es gab tatsächlich auch hier Radwanderschilder in Richtung Strassburg, denen ich nur folgen mußte. Straßen und Dörfer, die ich durchfuhr, unterschieden sich in keiner Weise von den vorherigen am Vormittag befahrenen in Deutschland. Alles gähnend leer. Immer wieder frage ich mich wo das Leben hier in den Dörfern stattfindet. Alle scheinen sich hinter ihren Häusermauern verschanzt zu haben. Natürlich passierte es einmal wieder, dass ich ein Richtungsschild übersah und fuhr über La Wantzenau in die verkehrte Richtung. Merkte es, weil nun kein Radwanderschild mehr sichtbar war. Dennoch fuhr ich weiter bis ich in ein kleines Dörfchen kam, wo mir ein junges Ehepaar begegnete, Ich hielt an und fragte sprachbarrierend überwindend  nach dem Weg. Es klappte tatsächlich und sie erklärten mir, dass ich bis nach La Watzenau zurückmüsse und von dort an der Strassenkreuzung zeige sich dann wieder der Weg nach Strassburg auf. 12 km umsonst gefahren, 12 km auch wieder zurück. Nun ja, es muß ja bald ein Ende haben.
Fehler machen kannste ja Roeschen, so dachte ich, nur musst du sie auch wieder glattbügeln, wie in diesem Falle, auch wenns weh tut.
 
An der Strassenkreuzung aber fand ich die Richtung und sah, es waren nur noch 12 km bis nach Strassburg. Hurrah. Langsam kehrte das euphorische Glücksgefühl wieder und ich radelte, was das Zeug hielt.
 
Ich kam im Norden der Stadt an, wo auch bei Ill und Rhein-Marne-Kanal das Europaviertel angesiedelt ist. Sogleich entdeckte ich auch das Palais de´l Europe. Die vielen Fahnen der europäischen Nationen flatterten im Wind. Es fühlte sich merkwürdig an vor dem Gebäude zu stehen und daran zu denken, dass hier der Europarat mit mittlerweile 47 Mitgliedstaaten über Wohl und Wehe entschied. Der Bau wurde übrigens 1976 fertiggestellt. Drum herum befinden sich dann das IPE, Gebäude des europäischen Parlamentes und  IPE I und II, die Büros der Parlamentarier. Es hatte ja Zeit, das alles noch zu erkunden. Zuerst einmal wollte ich ins Zentrum, um von dort zu erforschen, wo genau denn nun meine Jugendherberge ansässig war.
 
Die Innenstadt war leer und bevor ich mich wunderte, erfuhr ich auch sogleich auf meine Frage nach dem Weg, gerichtet an drei junge Leute, die mir deutsch zu sprechen schienen, dass ja heute Nationalfeiertag sei. Sie hätten es auch nicht gewußt, wollten shoppen und nu ging nix. Total hilfsbereit die drei. Mit meinem Smarthphone konnte ich leide rnichts schauen, all die weil ich kein  Auslandsinternet habe. Einer von Ihnen erklärte sich daher bereit auf seinem einmal die Karte zu studieren. Als ich meine Lesebrille herausholte, um mir aufzuschreiben, was er mir an Strassen, die ich zu befahren habe, ansagte, noch mal ein kleines Unglück. Ja, wirklich Unglück. Denn ohne Brille beim Lesen bin ich schäl wie ne Ühl, wie wir hier in Kölle zu sagen pflegen. Ein Brillenglas war rausgefallen und ein Seitenbügel gebrochen. Na toll. Wenn eins nicht klappt,.dann das andere auch nicht. Ich bemühte mich mit der Brille an einem Ohr und dem Spinxen auf einem Auge irgendwas zu Papier zu bringen, es war chaotisch, denn ständig fiel das noch übrig gebliebene von der Brille herunter. Jedenfalls hatten wir mächtig Spaß. Immerhin.
 
Naja, so halbwegs hatte ich ein paar Hinweise. Der Tromb, Linie D ( es muss gesagt werden, in Frankreich sind die Strassenbahnlinien mit Buchstaben gekennzeichnet und die Busse mit Zahlen, so sagte es mir später der Rezeptionist meiner Jugendherberge) immer folgen, bis sie abbiegt und dann einfach mal weiter schauen. Ganz sicher hatte ich nicht damit gerechnet, dass es ca. 5 km waren, die da nochmal an den Stadtrand führten, direkt an den Rhein gegenüber der deutschen Stadt Kehl. Beide Städte sind mit der Trom-Brücke, die erst 2017 fertiggestellt und eingeweiht vom Altmaier, als Zeichen deutsch-französischer Freundschaft verbunden, so daß man bequem als Radler oder eben mit der Trom D über den Rhein nach Deutschland gelangt. Das erfuhr ich natürlich erst am Abend alles.
 
Nach einigem weiteren Durchfragen, sorry, überfiel mich ein derartiger Durst nach einem Kaltgetränk, dass ich an eine Tanke fuhr und mir eine Riesenflasche Zitronenwasser erstand, die ich fast in einem Zuge leertrank. Gibts nicht, gibts nicht, dachte ich so bei mir. Was muß, das muß. Immerhin, die Trom machte ihren Bogen zur Brücke, ich schaute ein wenig auf der stark befahrenen Autostrasse um mich und erhaschte tatsächlich ein Hiwneisschild zur Auberge de jeunesse. Erleichterung pur. Ich folgte dem Schild, das an einem großen Park vorbei an das Rheinufer führte und erblickte nach 1 km meine Jugendherberge. Angekommen. Seufz. Jetzt ist Ruhe angesagt.
 
Abwicklung an der Rezeption, man sprach englisch, wunderbar. Ich bekam meine Chipkarte für mein Zimmer und zog mit meinen Packtaschen in den zweiten Stock. Der erste Eindruck war ein wenig enttäuschend, durch die Vorerfahrung an Komfort in Jugendherbergen. Ich hatte zwar das Zimmer für mich allein, sicherheitshalber fragte ich nochmal an der Rezeption nach, denn im Zimmer standen drei Betten. Schreck laß nach, dachte ich noch, wenn ich hier mit zwei Leuten nun liegen muss, weil bei der Reservierung was schief gelaufen ist, dann lauf ich davon. Aber alles gut, hatte ich eben drei Betten, konnte ich gut meine Sachen drauf verteilen. War gut, dass die mal aus den Taschen kamen. Bett war so lalala, sehr hart und diese oft typische Gummiauflage in Jugendherbergen drunter, ich nahm einfach zwei Bettücher und stopfte die druff und dann einfach mal liegen lernen. Hab ich auch gemacht und war so wunderbar. Dachte bei mir, Roeschen, Roeschen, du warst in Indien, schlimmer gehts nimmer. Also nimm an, was ist und mach es dir so gemütlich, wie es nur geht.
 
Ich hab den Abend dann ausklingen lassen auf der angenehmen Gartenterrasse hinterm Haus, wo bei größter Hitze immer ein erfrischendes Lüftchen wehte und hab die letzten Tage noch mal an mir Revue passieren lassen. Alles war gut, wie es war.  Und ab Morgen sollen dann meine Strassburgspaziergänge folgen.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

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