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30. Januar 2017 1 30 /01 /Januar /2017 13:30

Der Morgen ist nass und grau. Der Regen fällt in feinen langen Streifen vom Himmel. Es ist nicht der Sonnentag, so wie damals, als du dein Ja gabst. Ein Ja mit Unsicherheit. Heute soll das Ja mit Sicherheit nun nach acht Jahren besiegelt werden. Auf dem Papier. Bürokratie.

Obwohl schon so lange getrennt, ist es plötzlich doch noch einmal ein denkwürdiger mit vielen Gefühlen behafteter Gang. Keine schlechten jedenfalls. Es ist alles richtig und gut wie es gewesen ist. Du hast endlich den Eindruck, dass nun Freiheit da ist. Du selbst bist und sein kannst.

Du schaust zurück nach damals. Kurz vor deinem 17. Geburtstag an dem ersten Weihnachtstag, den du allein verbrachtest, mit deiner Musik, auf dem Boden liegend mit deinem treuen Begleiter, deinem Hund. Damals dachtest du, endlich Freiheit. Niemand mehr da, der dir das Leben schwer macht und du warst glücklich. Doch kam es anders. Du machtest die falschen Schritte und irgendwann konntest und wolltest du nicht mehr nein sagen, zu dem wie es gekommen ist. Es war auch nicht schlecht. Aber es fühlte sich auch nicht richtig an. Daher war das Ja auch kein sicheres Ja, nie gewesen. Und heute, wenn du zurückschaust siehst du, dass du niemals da warst, wo du warst. Du denkst, das ist mein Anteil an allem, dass du nie ganz da warst, wo du warst. Nicht da sein, wo man ist, ist ein Zustand der tragbar sein kann.

Und immer, wenn du zurückschaust auf all die Jahre deines halben Lebens ist es in Ordnung für dich, wie es war. Manchmal denkst du, damals, als die Kinder noch klein waren, als du gehen wolltest, du hättest es tun sollen. Nicht weil du heute denkst, etwas verpaßt zu haben. Nein, wegen dem Schmerz, der um so stärker war, je länger die Jahre der Gemeinsamkeit bestanden. Es fehlte nicht nur der Mut. Es war anders. Du wolltest dass die Kinder Eltern haben, beide Eltern, eine Familie. Sie sollten das bekommen, was du selber nie hattest. Und jetzt, wo du zurückschaust, kannst du dazu stehen. Geben ist ein sich selber vergessen. Das konntest du gut. Es hatte ja einen Sinn.  Deine Kinder. Und es war gut, alles, wie es ging mit allem. Es war eine gute Zeit.

Du hast gesucht und gefunden, verworfen, wieder gesucht und gefunden, wieder verworfen und in all diesen Prozessen hast du dich mehr und mehr gefunden und hast die richtigen Schritte getan, die Entscheidungen getroffen, die nötig waren in vielen Dingen. Es ist euch beiden gut gelungen, das Leben mit den Kindern. Sie waren glücklich und sind es heute und blicken dankbar zurück. Was willst du mehr.

Irgendwann hast du erkannt, dass es nun nicht mehr weiter gehen kann, so wie es war. Die Kinder wurden selbständig, zogen aus und du dachtest, gemeinsam älter werden geht  nicht. Jetzt muss jeder seinen eigenen Weg gehen. Nicht, dass es dir nicht schwer gefallen wäre. Das Leiden des Weggehens war für jeden von euch da, nur anders. Eine schwere Zeit.
Aber ihr hab es geschafft. Ohne Rosenkrieg, ohne Zerwürfnisse und bittere Vorhaltungen. Im Gegenteil, hervorgehoben habt ihr das Gute, das war und die Zeiten, wo auch Glück spürbar.

Die Kinder haben auch gelitten. Es ist nicht so, dass gedacht werden kann, wenn sie selber erwachsen sind, ist das kein Problem. Wer das sagt und denkt, belügt sich selbst. Auch sie haben Schmerz. Doch auch er heilt und heute könnt ihr alle beisammen sein. Eigentlich  ging es schnell mit dem Zusammensein, ihr alle. Ihr könnt fröhlich sein, miteinander lachen, euch begegnen mit all dem, was webt und dürft alles aussprechen. Das ist schön.

Es gehört viel Mut dazu, Gewohnheiten zu verlassen. Nichts ist plötzlich mehr so, wie es war. Die Freunde wissen nicht mit wem. Du selber musst mit den eigenen Schuldvorwürfen kämpfen, auch einer gewissen Scheu und Angst vor den Menschen, wegen den Urteilen. Es kommen die Sätze hoch wie, bis dass der Tod euch scheidet. Und dass sitzt. Die ganze Moral, man muss, man sollte, man darf nicht.
 

Egal, du hast es geschafft und er auch. Du siehst ihn immer noch gern, all die letzten Jahre ist es vertrauter geworden mit euch und ehrlich. Du siehst auch seine Liebe gern. Sie passt zu ihm. Dein Herz wird warm, wenn du sie siehst, weil es dir wichtig war, dass er es gut hat. Auch ihm ist es wichtig geblieben, dass es dir gut geht. Es ist alles gut so.
 
Und heut ist der Tag. Er holt dich ab mit dem Auto. Du bist schon lang nicht mehr Auto gefahren. Du sitzt neben ihm, wie früher. Das Erzählen fällt leicht. Ihr seid fröhlich, trotz ein wenig Beklommenheit. Vor einem Richter stehen. Du weisst nicht wie das geht. Er hat einen Anwalt. Du nicht. Du brauchst keinen Anwalt. Noch nie. Es gibt Menschen, die dich anklagen. Aber es ist dir egal. Du willst dich nicht verteidigen. Du bist wie du bist. Jeder soll vor seiner eigenen Haustüre kehren. Jeder ist dem anderen ein Spiegel. Und meist ist es so, die Kritiker der Elche sind selber welche. Ein doofer Spruch, du weist es schon, aber er stimmt, meistens.
 
Ihr betretet das Gericht. Fremd dir alles. Die Überprüfungen, das Abtasten, Hände hoch. Taschen ausleeren, Gegenstände abgeben. Wie ein Verbrecher. Ihr wollt doch nur amtlich, was schon lange ist, besiegeln lassen. Mehr nicht.
 
Dann vor dem Raum warten. Da stehen andere. Paare, die mal gemeinsam waren. Jetzt auseinandergelebt. Der neben dir schaut verbittert aus. Seine noch- Frau steht ein paar Schritte weiter, mit ihrem Anwalt. Welch ein Blick, den sie ihm zuwirft. Schrecklich, denkst du. Du schaust nach ihm, nach deinem, ihr lächelt euch an und sagt unausgesprochen, gut, dass wir es geschafft haben und uns noch mögen.  An den Wänden hängen Bilder von Landschaften und Örtlichkeiten. Ein genauerer Blick läßt dich entdecken, es sind Bilder aus zusammengesetzten Puzzeln. Die ganze Wand entlang, solche Puzzlebilder. Wo kommen die her, denkst du. Wer macht die hier. Langeweile zwischen den Prozessen an Bürotischen? Merkwürdiger Gedanke. Du denkst, ich frag den nachher mal, den Richter, woher die Bilder kommen. Hast es aber dann doch vergessen.
 
XY gegen YX. Jetzt seid ihr dran. Hoffentlich hast du nichts vergessen, denkst du noch. Es geht alles ganz schnell. Ein paar Fragen an dich, die du mit Ja beantwortest, mit einem guten und sicheren Ja und alles ist vorbei. 4 Wochen bedarf es der Rechtskräftigkeit. Die Richterin ist auch froh, das merkst du. Das kann auch anders gehen, das weiss sie.
 
Draussen hat es aufgehört mit dem Regen. Ihr seid im 11. Stock und hab eine gute Sicht über Köln. Ihr seid zu Fuss gelaufen, den Weg nach oben. Du reist nicht gerne mit dem Aufzug. Die Enge, du magst sie nicht und verschlossene Türen dazu. Der Himmel hat sich aufgeklärt und unter den dahintreibenen grauen Wolken ist sogar ein Stück blau zu sehen.
 
Zurück zum Parkplatz, wo das Auto steht. Ein Labyrinth. Ihr seid etwas irritiert. Wo war das nochmal. Er sagt, er hat einen guten Orientierungssinn. Das habe er in den Bergen gelernt. Aber er geht falsch, du siehst es sofort. Du musst lachen, sagst es ihm auch,-) Es ist wie immer, früher:) Du empfindest eine Zärtlichkeit für ihn in diesem Moment. Und dann zeigst du ihm den Weg. Zum Auto.
 
Dann fahrt ihr zu dir. Ein kleines Frühstück. Ein wenig Musik und gut Worte für ihn und für dich. Das Leben kann weiter gehen. Das Vertrauen ist immer noch da. Zu lange die gemeinsame Zeit, als dass es hätte brechen können.
 
Paß auf Dich auf, sagst du ihm. Und du auf dich, antwortet er. Eine Umarmung. Und dann ist er weg.
 
Und du sitzt nun, wie damals mit 17 in deiner Höhle. Die Musik spielt *Perfect Day...Lou Reed* Zufall? Du glaubst nicht an Zufälle, jedenfalls nicht viel. Aber es paßt tatsächlich gerade. Das Leben ist eher ein Puzzle, in dem sich Stück für Stück passend an- und ineinander fügt. Wie die Bilder an der Wand vor dem Raum vorhin.
 
Dann gehst du auf den Balkon, rauchst eine Zigarette und denkst mit einem Seufzer. Gut ist das Leben, wenn nicht festgehalten wird, was sich nicht gut anfühlt. Gut ist es, wenn du Mut hast, zu tun, was richtig und wichtig ist. Gut ist, sich nicht unterkriegen lassen. Gut ist, zu sich selber zu stehen. Gut ist, auch anzunehmen, dass du Fehler machst und ganz sicher auch weiter Fehler machen wirst. Und Du bist dankbar.
 

Vielleicht ist *perfekt* immer zu hoch gegriffen. Ein guter Tag jedenfalls, das war er. Ein gutes Leben ganz sicher, das war es bisher. Ein gutes Leben in der Zukunft, das wünsch ich mir weiter.

Habt Mut!

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7. Oktober 2016 5 07 /10 /Oktober /2016 10:33
Der alte Mann

Der alte Mann

Solange wie ich in dieser Stadt lebe, kenne ich nun den alten Mann, der jeden Tag, zu selben Zeit, seine Stunden auf einer Bank verbringt. Im Sommer in der warmen Sonne. Im Winter dick angezogen immer nur für kurze Zeit, aber nach draussen geht er immer.

Sie sitzen immer hier, habe ich ihn eines Tages angesprochen. Wohnen sie in der Nähe? Als wenn er darauf gewartet hätte, dass ihn ein anderer anspricht, erzählt er, wenn auch zögernd, bedächtig.

Er lebt in dem Altersheim, ganz in der Nähe, sagt er. Raus geht er immer, um seiner Leidenschaft zu fröhnen. Dem Zigarettchen. Und ein wenig sieht er noch vom Leben in der Welt, wenn es auch nur ein kurzer Einblick, eine kleine Perspektive ist. Sie genügt ihm, sagt er. Er kennt all die Tag für Tag wiederkehrenden Begebenheiten. Menschen die morgens zur Arbeit laufen, an der Strassenbahnhaltestelle warten. Die ins gegenüberliegende Maschinenwerk, genannt sportliche Ertüchtigung, rennen oder die sich einfach beim Bäcker ihr Brot und ihre Brötchen kaufen. Im Sommer immer die selben Leute, Rentner, Suchende, wie auch immer, die vor dem Cafe ihre Zeit verbringen mit Plaudern und Schauen, so wie er.

Manchmal seh ich ihn, wie er schweren Schrittes, ganz langsam auf seine Parkbank zuläuft. Es geht nicht mehr viel. Mit der Bewegung. Er ist ja auch schwer, zu schwer und behäbig geworden. Warum? frage ich ihn eines Tages.

Schlaganfall! Vor einigen Jahren. Er hatte gerade ein Jahr seiner lang ersehnten Rente hinter sich gebracht. Hat das Leben genossen, endlich, nach so vielen Jahren schwerer Arbeit, Unwägbarkeiten des Lebens, seine Frau verstarb schon früh und er musste mit dem Verlust fertig werden. Er hatte noch seinen kleinen Hund, einen Schnauzer und seine Kinder, Sohn und Tochter, aber die hatten ihr eigenes Leben mit all dem, was jeder erlebt, Verluste, Einbrüche, Fallen und Aufstehen. Wenig Zeit haben die, sagt er, aber an den Wochenenden, da kommen sie zum Kaffetrinken, immer Sonntags am Nachmittag. Darauf freute er sich. Und sie riefen an, jeden Tag, ob alles in Ordnung ist.

Sie riefen auch an dem Tag an, als es passierte, sagte er, das mit dem Schlaganfall, plötzlich. Ein Widerfahrnis aus heiterem Himmel. Hätte er damit rechnen sollen? Wegen des Rauchens. Ja sicher, sagte er, solche Gedanken hätte er immer mal wieder gehabt, aber wie es so geht, Leidenschaften erliegt der Mensch, er hört nicht damit auf, er glaubt immer, an ihm geht es vorbei, das Einbrechen oder er nimmt es an. Leben ist Leben. Schutz gibt es nie, auch die, die alles richtig machen, können betroffen sein. So sagt er.

Er ging nicht ans Telefon, morgens zur gewohnten Zeit. Da waren sie gewarnt. Sind gekommen, haben aufgeschlossen und da lag er im Flur. Es war nicht zu spät. Er wurde gerettet. Und nun sitzt er hier, jeden Tag auf der Bank, zu jeder Jahreszeit.

Er schaut ins Leben und denkt viel an das, was gewesen, was er gehabt hat. Vorbei, vorbei die schöne Jugend sagt er manchmal. Koch war er, auf einem Schiff. Viel rumgekommen sei er. Aber nicht in jedem Hafen ein Mädchen. Dazu war er zu treu. Nach 10 Jahren hatte er genug. Zog mit seiner Frau nach Frankfurt. Übernahm die Gastwirtschaft, die er bis zu seiner Rente geführt hat. Eine Stammkneipe für die Menschen aus dem Veedel, wie in Köln so schön gesagt wird.

8 Jahre, bevor er aufhörte damit, starb seine Frau. Danach ging das Geschäft nur noch schleppend. Man merk erst nachdem der vertraute Mensch weg ist, was er für einen war. Damit meinte er nicht die Arbeit, die ihm abgenommen wurde, sondern den Halt, der ihm gegeben war durch sie. Warum ist das so, sagt er. Wieso konnte ich nicht mal innehalten, damals im Alltag und sie anschauen, um zu wissen, wer sie für mich war und was sie mir bedeutete. Dann hätte ich es ihr sagen können. Zu spät! Oft war immer alles zu spät. Wie es so geht.

Und nun? hab ich ihn gefragt? Wie fühlt sich ihr Leben jetzt für sie an? Er schaute eine Weile in sich gekehrt und sagte dann, es ist nun mal so, ich muss es so annehmen wie es ist, das Leben jetzt, ich kann ja nichts machen. Aber schade, dass die schöne, schöne Jugend vorbei ist. Das hängt er immer dran. Dann müssen wir aber auch Beide lachen, weil, er sagt es nur wegen der Erinnerung an früher. Im Grunde sei er es zufrieden nun, wie es ist.

Manchmal singen wir ein Lied zusammen, von früher, diese alten Schlager. Dann lacht er übers ganze Gesicht. Schade, dass sie nun weg gehen, sagt er. Viel Freude hab ich ja nicht mehr. Dann sitzen wir da und schauen Beide nach vorne. Es war eine schöne Zeit mit ihm, die Stunden, die ich mit ihm verbracht habe. Ich mag ihn. Ich werd ihn auch vermissen.

So geht das Leben nunmal.

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6. Dezember 2008 6 06 /12 /Dezember /2008 23:14

Gestern schrieb mir meine Tochter, Mama, ich hab mir einen Christstern gekauft, jetzt kann es Weihnachten werden. Ich weiß nicht, aber ich hab mich so darüber gefreut. Ich meine, man denkt ja immer, alles, was man früher gemacht hat, mit den Kindern an kleinen  Ritualen  versucht hat, weiterzugeben, geht vielleicht verloren. Ich erinnere mich noch, als sie in der Pubertät waren, da fanden sie immer alles ziemlich öde, schämten sich fast, zumindetens lehnten sie nach außen hin alles als Kitsch und Getue ab. Es war ihnen zuviel. Aber das war ja normal, sie wollten sich abgrenzen.

Ich hab mich eigentlich nie beirren lassen und dann doch tief in ihrem Inneren gesehen, dass sie es liebten, das Weihnachtsfest, genau die Dinge, die sich Jahr um Jahr wiederholten, angefangen vom Adventskranz, den wir selber anfertigten und schmückten. Dann in der ersten Woche wurde die Krippe aufgebaut. Unsere Krippe ist immer sehr groß gewesen, gute 1,20 x 1,50 mit einem hohen blausilbernen Himmel, den wir mit selbstgebastelten Strohsternen verzierten. Dann folgten Woche auf Woche, Pflanzen, also Moose, Blumen, Tiere, Steine, es wurden kleine Brücken gebaut, die Wege mit Sand ausgelegt und am Ende dann Maria und Josef, die sich auf dem Weg befanden. Jeden Adventssonntag habe ich mit einer kleinen Geschichte die Rituale eingeläutet.

Am 3. Adventssonntag fuhren wir dann alle zusammen in den Wald, um einen Baum auszusuchen. Dort, wo wir ihn holten, gab es ein großes Lagerfeuer, man konnte mit dem Trekker tief hineinfahren und dann verschwanden die Kinder zwischen den Tannen und lagen sich jedesmal in den Haaren, weil der eine einen größeren wollte, der andere einen kleineren. Ein lustiges Procedere, manchmal mit Tränen, am Ende waren sie dann aber doch zufrieden, wenn er am Vortrag des Heiligen Abendes in der Stube aufgestellt wurde.

Ja, und dann kam der Heilige Abend. Der hatte sein eigenes Ritual. Mein Mann und die Kinder schmückten den Baum gemeinsam, ich stand in der Küche und bereitete das Essen für den Abend und für den ersten Weihnachtstag vor. An diesem Tag versammelte sich immer die große Familie bei uns zuhause. Schwiegereltern, meine Mutter, mein Bruder, die Geschwister meines Mannes, Großtante, Urgroßvater, Nichten und Neffen. Das war immer ein Gewusel um den Tisch herum. Wenn der Baum geschmückt war, packte ich die kleinen Geschenke für alle meine acht Patenkinder zusammen und dann fuhr ich mit meinem Töchterchen rund und teilte die Pakete aus. Das war jedesmal ein Hallo und eine Freude.

Dann kehrte endlich Ruhe ein. Die Erwartung wurde größer. Die Türe zum Wohnzimmer wurde verschlossen, die Kinder zogen sich in ihre Zimmer zurück, hörten eine Kasette oder schauten sich ein Buch an. Aber immer wieder kam unser Sohnemann aus dem Zimmer gelaufen und ich erwischte ihn, wie er vor der Türe des Wohnzimmers stand und durch das Schlüsselloch spinxte. "Mama", rief er immer aufgeregt, "ich hab ihn gesehen!". "Wen denn?", fragte ich dann. "Na den Engel!"

"Soso", schmunzelte ich dann vor mich hin. "Das ist schön, dass Du Engel sehen kannst!". Wir hatten immer einen kleinen Goldrauschengel vor das Schlüsselloch gehängt. Und wenn ich jetzt daran zurückdenke, huscht ein zärtliches Lächeln über mein Gesicht, weil er noch lange dran geglaubt hat, ja fast daran glauben wollte.

Jeder hat ja auch seine eigene Geschichte, wie er den Kindern erklärt hat, woher denn die Geschenke kamen. Meine Version war immer die, dass die Engel kämen und die Geschenke brachten. Ich liebte das Glänzen in den Augen der Kinder, ich liebte ihre Treue und ihren Willen, daran zu glauben. Kinder brauchen das. Und die Frage, wie willst du ihnen erklären, irgendwann einmal, wenn sie erkennen, dass das so nicht stimmt, ist mir nie gekommen. Aber natürlich kam das Erwachen eines Tages. Aber es kam eigentlich gar keine Frage, kein Vorwurf, im Gegenteil. "Schön war das, Mama, damals" Und es stimmt ja auch, sagten sie dann später, "Ihr ward ja unsere Engel!"

Und das stimmt ja wiederum auch! Denn Menschen eine Freude zu machen, sie zu beschenken, auch wenn es nur wenig ist, Kleinigkeiten, die sie sich aber von Herzen gewünscht haben, dann ist man doch ein Engel, oder?

Jedenfalls, ich hab ihn wieder herausgeholt, den kleinen Rauschegoldengel und ich werde ihn auch dieses Jahr wieder vor die verschlossene Türe hängen.

Und ich freue mich sehr darüber, dass die Kinder, heute erwachsen, sich danach sehnen, nach Hause zu kommen und alles so vorzufinden, wie es schon immer war. Das ist ja nicht selbstverständlich. Vieles kann nicht mehr so sein, weil eigene Pläne verwirklicht werden möchten, man will nicht um der Kinder willen zwangsweise alles so belassen, wie es immer war, aber Weihnachten, ja Weihnachten, da muß es so sein, weil ich auch daran hänge.

Weihnachten kann immer schön sein, wenn alles stimmt, wenn alles ausgesprochen ist, wenn es keine Heuchelei gibt, wenn Frieden untereinander ist. Dafür muß man schon sorgen, sonst kann es ein Desaster werden. Aber auch da bin ich offen. Wenn es mal Streit gibt, soll der auch nicht unter den Teppich gekehrt werden, was raus muß, muß raus. Das ist doch das eigentlich "Heilige", dass man nicht verdrängt, sondern ehrlich zueinandersteht und nicht erwartet, was der andere nicht leisten kann.

Die "Heilige Familie" war auch nicht deswegen heilig, weil alles nach ihren Wünschen verlaufen ist, im Gegenteil, gerade in dem Moment, wo es am schwierigsten war, haben sie zusammengestanden und haben versucht das Beste draus zu machen und sich dennoch aneinander gefreut.

Ach ja, der Rauschegoldengel, ich freue mich jetzt schon, falls das mal eintritt, wenn die Enkelkinder dann kommen und ich ihre leuchtenden Augen sehe, wenn sie durch das Schlüsselloch schauen werden und ihn  sehen!

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20. November 2008 4 20 /11 /November /2008 17:43

Warum mich in dieser Jahreszeit immer Kindheitserinnerungen überfallen? Ich weiß es nicht. Vielleicht die frühe Dunkelheit, die einlädt sich zurückzuziehen. Den Kamin angezündet. Ja, wir haben einen alten Kachelofen, mit dem man zwar nicht mehr die ganze Wohnung beheizen kann, jedoch für ein paar Holzscheite, das Ofenfenster geöffnet, reicht es. Einfach davor sitzen, ein Gläschen guten Weins und in die lodernden Flammen hineinversenken, dem Knistern des Holzes lauschen.


Draußen tropft der Regen auf die Fensterbänke, ab und zu hört man das Vorbeirauschen eines fahrenden Autos, kleine Lichtpunkte tanzen an den Fenstern, wenn die Scheinwerfer ihr Licht durch die Straßen werfen. Nur eine Kerze an, sonst kein Licht, still sitzen und genießen, diesen Moment. Dann spüre ich sie immer,  diese Sehnsucht nach einem richtigen Winter, so, wie ich ihn in der Kindheit erlebt habe. Aber vielleicht ist diese Sehnsucht auch angeregt durch die vielen Gespräche mit dem Töchterchen, die jetzt in Insbruck verweilt. Schnee, haben wir Mama, aber die Sone scheint. Jede freie Minute raus in die Berge, Wanderungen und ab und zu, wenn es reicht, finanziell meint sie, eine Tour mit dem Snowboard. Es gibt für jeden Monat ein anderes Vergnügen, denn der Schnee verändert sich, sagt sie. Mal ist er für´s Skifahren geeignet, mal für´s Snoaboadfahren, mal für´s Schlittenfahren! Vielleicht sind es diese Gespräche, die die Erinnerungen wachrufen. Schlittenfahren? Wann hab ich das dass letzte Mal getan. Welch ein Vergnügen.


Schnee? Ich weiß, es ist alles erklärbar, klimatechnisch, es wird keinen Schnee mehr geben, zumindetens nicht in unserer Stadt und wenn, wie im letzten Jahr, mal für ein paar Tage, ist er schnell wieder weg, durch die Wärme, die aus den Poren der Stadt dringt.


Aber früher, da war das noch anders. Selbst in Duisburg, in dieser häßlichen Kohelnpott-Stadt, vom Ruß der Schornsteine der Himmel grau-in-grau, die eingeatmetete Luft verschmutzte Lungen, setzte sich tief in die Poren der Haut. Dennoch, der Schnee fiel noch, blieb liegen und nichts wie raus. Wenn ich am Fenster saß, die Wolken sich verdichteten, die Nässe der bald fallenden weißen, herrlichen, nassen Flöckchen spürend und erwartend  lauschte. Ich vermisse diese Stille der sich ankündigenden weißen Schneepracht. Merkwürdig, oder? Obwohl ich es solange nicht mehr geschaut und erlebt habe. Manchmal, morgens, wenn ich früh wach wurde, weil ich schon als Kind nie lang geschlafen habe, weil der Wasserhahn ständig tropfte, klack, klack, und mein Bett, dass ich mit meinem Bruder teilen mußte, und dass in der Küche stand, dann ging ich ans Fenster, setzte mich auf die Fensterbank und schaute in den frühen Morgen hinaus. Dann sah ich die Pracht der weißen Landschaft vor meinem Auge. Schneelandschaften verbreiten eine merkwürdige, anheimelnde Stille, fast so, als wenn sie die Trostlosigkeit des Lebens verdecken  sie neu bekleiden wollen, ihnen ein anderes Gewand geben wollen.


Dann spürte ich in meinem Herzen auch einen Funken Hoffnung auf ein anderes Leben, aber noch mehr die Ungeduld des Herzens, hinauszugehen in diese Landschaft, mich von den weißen Flocken umhüllen, einhüllen zu lassen, die Kälte auf meiner Haut zu spüren, den Schnee in der geöffneten Faust zu halten, zu fühlen, zu schauen, wie er sich durch die Körperwärme auflöste, wie ein Zeichen, dass aller Schmerz sich ebenfalls irgendwann auflösen und verheilen würde. Ja, und sogar mit der Zunge hab ich ihn dann berührt, den Schnee, wußte ich denn damals, von Umweltverschmutzung, Chemikalien, die sich niederlaßen, die sich nicht verbieten lassen wollten, wohin sie ihr Gift fallen ließen? Dieser Moment des kühlen Nasses auf der Zungenspitze, der Geschmack nach nichts. Es war dieser Geschmack, der an nichts erinnerte, an nichts denken ließ, was ihm irgendwie ähnlich war.


Ja, und dann war es endlich soweit, den Haferbrei, der jeden Morgen dampfend auf dem Tisch stand, lecker, gesund, aber vor allen Dingen auch billig, verschlingend, beim Essen die Augen auf das Fenster gerichtet, ob die Flocken wohl noch fallen würden, die Schulbrote eingepackt in den Ranzen, den Schal flüchtig um den Hals gewickelt, die Wollstrumpfhosen, die ständig rutschen, nochmal kräftig hochgezogen, den Rotz aus der Nase mit dem Handrücken schnell nochmal abgestreift, wie man das so macht als Kind, mit dem Ärmel des Mantels, die Türe hinter mir zugeschlagen und da stand ich, fasziniert, ehrfürchtig, mich nicht trauend einen kleinen Schritt über die noch unberührte Pracht zu gehen. Es tat mir im Herzen weh, die weiße Schneedecke zu berühren, ich wollte gehen, sie berühren, aber sie nicht verletzen, beschmutzen, mit meinen Schritt, ich hätte mir gewünscht, damals, ich hätte über den Schnee wandeln können, ohne ihm die Unschuld zu rauben. Die Kälte schmerzte, beim ersten Atemzug, verschlug mir den Atem, aber nur eine kurze Weile, dann war ich daran gewöhnt, ich zog die Fäustlinge aus und und faßte hinein und spürte zuerst die Kälte, wie kleine Nadelstiche, die sich nach einigen Sekunden in heiße Wärme verwandelten. Und ich war allein, meistens damals, auf dem Schulweg, vorbei an den Kohlehalden, die wie kleine Berge am Weg entlang zogen. Ich wich ab vom Bordstein, erklettere die weißbemalten Halden und träumte mich weg in ein anderes Leben und vergaß Zeit und Raum, dennoch  pünktlich in der Schule, wie in Trance die Zeit spürend, wenn auch nur ein paar Minuten mich noch vom Unterricht trennten. Da standen sie noch, die anderen in einer Schlange, immer zu zweit, hintereinander und warteten auf den Lehrer, der uns in die Klasse leitete.


Im Unterricht dann selbstvergessen, den Blick wieder aus dem Fenster gerichtet, der mahnende Ruf der Lehrerin, wo ich sei mit meinen Gedanken. Woanders, wo niemand mir folgen konnte, wo ich geschützt war. Und dann endlich Pause, alles fallengelassen und raus auf den Hof, in die weiße Pracht, die sich wieder erneuert hatte, zwischenzeitlich, die Spuren des vorher verwischt hatten und wieder einluden zu neuem betasten, erforschen und in Beschlag nehmen.  Schneeballschlachten, Schneemänner bauend verbrachten wir die Pause und innerhalb von einer Viertel Stunde war ich durchnäßt und verbrachte den Rest der ersten folgenden Schulstunde schlotternd und zitternd, nichts bereuend, nur wartend, dass endlich die Zeit vorbei war und ich wieder raus konnte, nach Hause, schnell essen, hektisch, unruhig, nicht anwesend, um wieder hinaus zu können, den Schlitten schnell aus dem Keller geholt und dann ab auf die Berge der Kohlenhalden, rein ins Vergnügen. Rauf, runter, rauf, runter, den ganzen Nachmittag, bis die Dunkelheit den Abend einläutete, einer nach dem anderen verschwand, nur ich, ich wollte nie, nach Haus, ins Haus, hinein, wo ich mich fremd fühlte. Immer schon!


Ich würde gerne noch einmal einen solche Winter erleben, meine Nase an das eiskalte Fenster drücken, den herumstiebenden Schneeflocken zuschauen, die Eisblumen am Fenster beobachten, wie sie zu Blumen wachsen und Muster zeichnen, der Stille lauschen und mich einer anderen Art der Geborgenheit hingeben.  Ich würde so gerne noch einmal durch den schneeverhangenden Wald spazieren, die kleinen Eiszapfen  in den Tannenwäldern beobachten, wenn sie glitztern, weil die Sonne ihr Licht durch sie fluten läßt. Ich wünsche mir noch einmal einen solchen Winter.





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18. November 2008 2 18 /11 /November /2008 11:07

Ich weiß nicht, ob es der November mit sich bringt, der Dunst, der Schleier, das Erstarren der Natur, dass sich mehr wie sonst ein Schleier der Erinnerungen in mich hineinwebt. Und die Erinnerungen kommen dann, wenn ich denke, ich hätte vergessen. Wie schnell das alles geht, mit dem Vergessen, ging es mir durch den Kopf, heute Morgen, so unerwartet, unter der Dusche. Unter der Dusche kommen mir immer die merkwürdigsten Gedanken. Wenn das Wasser über den Körper fließt, mal heiß, mal kalt, einer Erfrischung gleich, die ich nicht missen möchte, ein Gefühl wie neugeboren, wach geworden, wenn es zu Ende ist. So das Wasser läuft, meine Gedanken sich ebenfalls in einem Fluß befinden. Merkwürdig, oder?

Ich erinnerte mich an das Geschehen des jungen Mannes, der mir nahesteht, und an seine verlorene Liebe. Drei Jahre hat sie gehalten, drei Jahre, in denen man dachte, sie werden zusammen alt. Unzertrennbar, Tag für Tag, keinen Freiraum dem Anderen lassend, waren sie verschworen, ja, schon fast einer Symbiose ähnlich. Und dann! Schmerzvoller Abschied, heiße Tränen, starke Liebesschwüre, es sollte ja nur für zwei Monate sein. Dann kam das Aus. Unverhofft, ganz plötzlich! Einsturz, Einbruch, Chaos aller Gefühle bei ihm, dem jungen Mann, Sturz ins Bodenlose, kein Halt, nirgendwo und doch in der tiefsten Tiefe des Seins wieder aufgesprungen auf den fahrenden Zug des Lebens. Erinnert, analysiert, Wunden gepflegt, vielleicht auch verdrängt, vieles, aber wieder Halt gefunden. Das Leben begann von neuem.Und schon so schnell vergessen, verliebt in eine andere. Nettes Mädchen. Neue Liebe neues Glück! Von außen beobachte ich, wie schnell vergessen, ein Mensch, den man glaubte geliebt zu haben. Keine Erinnerung mehr, sagt er, keine Wehmut, kein noch so kleinster Stich, wenn er sie sah, eher nun, es ist gut, wie es gekommen ist. Aber die Bilder, was gewesen ist, was doch schön war, dass muß doch eigentlich bleiben, das kann man doch nicht einfach vergessen, oder. Na ja, ich weiß ja nicht, was so in ihm vorgeht, wenn er allein ist, wenn er seinen Gedanken nachgeht, seinen Gefühlen.

Wie schnell ist jemand vergessen. Und bei all diesem Gedankenfluß, der wie Wasser, durch meinen Kopf strömt, sticht sie mich auch, die Erinnerung, an sie, die Mutter. Nein, ich hab sie nicht vergessen. Es ist merkwürdig mit dem Gefühl und dem Gedanken an einen Menschen! Obwohl sie doch Zeit meines Lebens nie für mich da war, erst am Ende hat sie mich als Tochter wahrgenommen, durften wir das Geschenk des Bandes, das zwischen Mutter und Tochter besteht, erfahren. Voll Dankbarkeit blicke ich darauf zurück, dennoch all die Bilder, die Geschehnisse unseres gemeinsamen Lebens sind auch immer noch da, zwar verarbeitet, aber sie stehen so, wie sie waren, im Raum, ich kann sie betrachten. Und ohne wenn und aber, was ja zweifellos eigentlich unverständlich ist, ich vermisse sogar, dass sie mich nie vermisst hat. Komischer Gedanke, oder? Ich meine, selbst dass ein Mensch an den anderen "nicht" denkt, kann man vermisssen. Ich vermisse die Telefongespräche, mit denen ich hin und wieder Kontakt zu ihr aufgenommen hatte, um, ja, weil ich dachte, ich könnte sie aus ihrer Einsamkeit herausholen, die, wie ich später erkannte, freiwillig, selbstgewählt und nicht bedrückend für sie war. Ich vermisse ihre abweisende Körperhaltung, wenn sie im Türrahmen stand, damals, früher, als ich unerwartet hinfuhr und sie sich sofort umdrehte und mit dem Rücken zu mir gewandt sagte, komm doch rein. Wie wir dann da saßen, sprachlos, keiner wußte, wie er den anderen erreichen sollte. Ich vermisse den Kampf, sie erreichen zu wollen, damals, früher, und es nicht schaffte, nur manchmal, für einen kleinen Augenblick. Ich vermisse all ihre Erzählungen, bei denen ich so oft meinen Kopf innerlich weggedreht hatte, wie die körperliche Befindlichkeit war, das Essen, die Verdauung, das ganze Procedere halt, um das sich ihr Leben drehte, auch als sie noch ganz gesund war. Ja, kann das denn sein, dass man vermißt, was man nie gehabt hat, was meistens nicht schön, nicht erfüllend, nicht ersehnt, erträumt und erhofft, war.

Jedenfalls bei mir ist es so, sie ist einfach nicht mehr da, egal wie sie war, sie, meine Mutter, aber auch sie, all die anderen, die nicht mehr da sind. Die Freundin, die ich so lange kannt und ständig ist sie bei mir und ich denke in den merkwürdigsten Situationen an sie, wenn mal wieder eine urkomische Situation in meinem Leben eingetreten ist, mensch, wenn sie jetzt da wäre, was würden wir lachen, nie hab ich mit einem anderen Menschen so lachen können, über Nichts und Alles. Ja, ich vermisse ihr Lachen. So könnte ich immer weiter erzählen von all dem, was ich vermisse, von all den Menschen, von Konrad, der gegangen ist, so schnell. Immer wenn ich das Bild anschaue, wo wir beide so fröhlich zusammensaßen, uns über Gott und die Welt unterhielten, wo Begegnung noch wirklich Begegnung von Mensch zu Mensch war, seine Erzählungen, die so lebensfroh und bunt waren, über seine Reisen durch die Welt, seine Augen, sein liebes Lachen, seine unverändert positive Ausstrahlung und das Ja zum Leben.

Wieso sind alle gegangen, die ich jetzt so schmerzlich vermisse. Am Ende bleibt man allein, wenn man selber nicht geht. Sagte mir neulich eine ältere Dame von über 8o Jahren. Alle Freunde waren gegangen, sie war übrig geblieben.  Es ist schwer, wenn man nicht ständig dafür sorgt, neue Menschen kennenzulernen und dafür zu sorgen, dass der Freundes- und Bekanntenkreis wächst, man offen bleibt, sich nicht begnügt, mit dem was man hat. Es sei denn, es macht einem nichts aus, ständig und immer allein zu sein. Aber die Erinnerungen, sagte auch sie, die Erinnerungen verblaßen nie. Und manchmal, so sagt sie, hat sie das Gefühl in der Vergangenheit zu leben, mit all den Bildern von Gestern, dann hört sie die Stimmen, dann sieht sie das zusammen Erlebte, aber das sei schön. Im Alter, sagt sie, lebt man meistens nur noch aus den Erinnerungen, weil es soviel Zukunft möglicherweise nicht mehr gibt, die man noch planen könnte.

So bin ich etwas irritiert über das schnelle Vergessen der Menschen manchmal um mich herum. Aber vielleicht sagen auch nicht alle wirklich, wie es in ihrem Inneren zugeht, wann und wie die Erinnerungen sie plötzlich überfallen.

November, ja, ich glaube, es hat mit dem November zu tun, dass mich die Erinnerungen so stark befallen. All die Tage, die darauf hinweisen, dass das Leben vergänglich ist, Allerheiligen, Totensonntag. Volkstrauertag. Nein, keine Sorge, ich hab nicht den Blues. Es sind nur Gedanken und Gefühle, die Erinnerung schaffen, trotz aller positiven Lebenseinstellung, trotz der heiteren Gelassenheit, die mich meistens umgibt, die sich einen Raum suchen, um mir zu zeigen, was war, was ich gehabt und was ich nicht gehabt habe. Ich kann sie nicht steuern, sie kommen einfach so, unvermittelt, überraschend, aber dann sind sie ganz präsent, wie heute Morgen unter der Dusche, während das Wasser über meinen Körper rinnt und ich mich begleitend mit diesen Gedanken ganz ruhig, in mich versunken, trockne anziehe und weitergehe, in die Zukunft. Zur Tagesordnung übergehe, spüle, aufräume, einkaufe. Und während ich all dies tue, nehme ich sie alle mit, die Erinnerungen.

Wer gegangen ist, ist nicht vergessen, jedenfalls bei mir nicht. Aber manchmal ist es vielleicht für den ein oder anderen besser, zu vergessen, sich nicht mehr erinnern zu müssen. Wie sagte mir neulich eine Frau meines Alters, die sich hat scheiden lassen und ihr Verflossener dann doch noch Weihnachten mit ihr verbringen wollte und sie das ablehnte und mir gegenüber den Satz sagte:" Bloß nicht, ich bin ja froh, dass er endlich weg ist!". Ist denn all das Gute, was man zusammen erlebt nicht mehr sichtbar, auch wenn es schwer war und es keine Möglichkeit mehr gab, zusammen zu bleiben.  Überwiegt am Ende nur das, was negativ war?

Als ich ihn sah, den Mann, dessen Frau vor kurzem verstorben war und ich um die Geschichte ihres Lebens weiß, da sagte er mir:" Du, Röschen, ich erinnere mich nur an die schönen Dinge, die wir miteinander gehabt haben!" Das fand ich schön.

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10. Oktober 2008 5 10 /10 /Oktober /2008 20:19

In der letzten Zeit, angeregt durch viele Ereignisse, aber auch aus eigener Erfahrung heraus, habe ich oft über das Wort und die Arten von Mobbing nachgedacht. Wo werden Menschen "gemobbt" und aus welchen Motiven heraus? In unserer Gemeinde wurde gestern ein neuer Pfarrer eingeführt, nachdem der alte nach fast dreißigjähriger Dienstzeit gegangen ist. Früher war das eine sehr lebendige Gemeinde mit vielen unterschiedlichen Menschen und Ansätzen, wie sie ihren Glauben lebten. Der Bruch passierte, als sich vor ca. 20 Jahren eine fundamentalistische Gruppierung bildete. Sie wurden instruiert, die Gemeinde zu erneuern, die, in den Augen der "neuen Heilsbringer", eigentlich keinen Glauben hatten. Die sogenannten "neuen richtig Gläubigen" unterwarfen sich dem neuen Weg in grenzenloser und kritikloser Art und Weise und schafften genau das, was vorauszusehen war. Die Gemeinde spaltete sich, viele blieben weg und heute sind nur noch die neuen Weggemeinschaften in der Pfarrei. Ist das Mobbing?
 
Gestern als der Pfarrer seinen Einzugs-Gottesdienst feierte, sollte ein älterer, in der Pfarrei lebender Mann als Lektor eine Lesung halten. Er freute sich darauf, denn er hatte den neuen Pfarrer schon in jungen Jahren kennengelernt und den Dienst als Lektor übt er auch schon eine Weile aus.Er ist vor allem wegen seiner urkölschen Art beliebt, die sich natürlich auch etwas in seiner Aussprache zeigt, dies wiederum aber von vielen gemocht wird. Zwei Stunden vor Beginn des Gottesdienstes bekam er einen Anruf aus den Reihen der "neuen Weggemeinschaft", er dürfe jetzt doch nicht die Lesung halten, dies solle ein Jugendlicher übernehmen. Der Grund hierfür wiederum lag darin, weil man den vielen anderen Geistlichen, die während der Feier anwesend waren, ein Bild von einer Gemeinde abliefern wollte, das in Wirklichkeit nicht existiert. Auch schämte man sich wegen seiner Aussprache an diesem Tag. Diese "neuen Weggemeinschaften" hatten die Macht, zu intervenieren. Während des Gottesdienstes ereiferte sich der Betroffene immer wieder. Mobbing?
 
In einer Firma wird eine Kollegin von der Leiterin der Abteilung auf verschiedene Weise gemobbt. Während sie mit anderen in einem freundlichen Ton spricht, wird diese von ihr immer wieder barsch und wirsch angesprochen. Dinge, die die Kollegin sorgfältig und ordentlich bearbeitet, werden nicht erwähnt, aber jeder kleine Fehler wird ihr nachgetragen und bis hinauf zum Chef gebracht. Die Situation eskalierte, als die Leiterin der Abteilung, die auch für den Arbeitsplan zuständig war, die Kollegin für den kommenden Dienstag einsetzte. Es war Freitag. Die Kollegin nahm das zur Kenntnis und freute sich auf einen freien Montag. Montagsmorgen beim Einkauf klingelte ihr Handy und eine erboste andere Kollegin fragte unfreundlich, wo sie denn bliebe? Folgendes war passiert: Die Leiterin der Abteilung hatte am darauffolgenden Samstag den Arbeitsplan wieder geändert und der betroffenen Kollegin nichts davon gesagt. Sie behauptete steif und fest, der Plan hätte Freitag schon so fertig gestanden. Kein Zeuge, Aussage gegen Aussage! Die Betroffene stand hilflos davor. Mobbing?
 
Das sind nur zwei kleine Beispiele, zu denen man sicher Hunderte von anderen aus anderen Bereichen aufgeführt werden können. Kinder in der Schule wissen das auch so einiges zu berichten. Mein Sohn erzählte oft von solchen Fällen, wo Schüler einfach in eine Schublade gesteckt wurden und da nie wieder rauskamen, sei es seitens der Lehrer sei es von ihren Mitschülern.
 
Überall wo Menschen zusammen kommen, scheint etwas zu fehlen, was einen respektvollen und anerkennenden Kontakt mit dem anderen verhindert. Aber was ist das? Was führt zu solchen Situationen? Ist es Angst, der Andere könne mehr leisten wie er, mehr Anerkennung bekommen wie er? Das würde auf einen Mangel am eigenen Selbstbewußtsein hindeuten. Manchmal sind es vielleicht niedere Gründe, die Kollegin ist hübscher, bekommt mehr Anerkennung von den Kunden, oder der Nachbar fährt einfach das bessere Auto. Hat nicht die Werbung sogar da ihren Ansatz, dass sie bewußt solche Dinge in Szene setzt? Ich meine mich an eine Werbung zu erinnern, die genau daraufhin zielte, seinen Nachbarn einfach einmal neidisch zu machen? Fängt Mobbing da an, wo Neid und Mißgunst vorherrschen, der Glaube an sich selbst und das alles einen Wert hat, verloren gegangen ist?
 
In einem Gespräch hier zu Hause wurde über die Situationen hier im Blog gesprochen. Und mein Sohn hatte folgende Frage:" Was hat einer davon, den andern runter zu bewerten? Wieso liegt das Gewicht auf irgendeinen Grad in der Bewertungsskala. Man hat nichts davon! Außer ein klein bißchen mehr Selbstwertgefühl. Es gibt andere Blogs, wo es noch schärfer hergeht, wo es aber rein materialistisch gesehen, etwas zu verdienen gibt und daher die Motivation schon wieder eine andere ist. Hat er mir zumindest berichtet. Kann man von all den Dingen, die hier passieren, schon von Mobbing sprechen oder haben einige tatsächlich keinen Humor und nehmen es zu ernst! Dazu kommt, dass jeder anonym ist, also sein Name eigentlich von niemandem der hier liest, mit dem Artikel in Verbindung steht. Noch unbegreiflicher!
 
Ist die Aneinanderreihung, z.B., wenn eine Kollege dich plötzlich links liegen läßt und nicht mehr mit dir kommuniziert, von Gesten, Blicken und Worten schon Mobbing? Oder sind wir alle nur zu überempfindlich geworden und können diesbezüglich weniger aushalten? Wenn ja, wieso?
 
Das Wort "Mobbing" leitet sich zum einen aus dem englischen Verb "to mob" ab und bedeutet nichts anderes als über Jemanden herfallen, ihn runtermachen, angreifen usw. usw. Und zum anderen aus dem Substantiv "the Mob", womit der gemeine Pöbel gemeint ist. Seinen Ursprung in der lateinischen Sprache "Mobile vulgus" bedeutete aufgewiegelte Masse.
 
Mobbing, brauchen wir das?

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10. Oktober 2008 5 10 /10 /Oktober /2008 20:17

Vor ein paar Tagen stand ein Artikel auf der 3. Seite im KSTA über das neue Buch von Petra Gerster "Die Reifeprüfung". Sie erzählt in diesem Buch über ihren ganz normalen Alltag, aber auch über ihre Erfahrungen als älter werdende Frau, die sich mit der jünger werdenden Konkurrenz im Mediengeschäft messen lassen muß. Sie macht keinen Hehl daraus, dass sie sich hat "liften lassen", nur so ein bißchen, um die Augen herum usw. usw. Ich klage das nicht an, das steht mir nicht zu.Ich finde es nur traurig, dass Frauen dazu gezwungen werden, das tun zu müssen. Im letzten Jahr war ich bei der lit. cologne bei einer Lesung, an der auch eine bekannte Schauspielerin, die vor einiger Zeit ein Buch über jung bleiben im Alter geschrieben hatte und damit sehr viel Werbung gemacht hat. Mein Mann stupste mich an und wies mich auf sie hin, ich hatte sie nicht erkannt. Das Ergebnis ihrer Operationen hat aus ihr eine Andere gemacht! Sie hatte aufgegeben!
 
Ich glaube aber auch, dass das "älter werden" nicht nur für die Frau ein besonderes Thema ist, aber dass es die Männer nur anders trifft. Männer werden weniger über ihr Aussehen definiert. Sie können schon einen leichten Bauchansatz haben und wenig Haar haben, dass spielt keine Rolle! Aber eine Frau mit Bauchansatz und schütter werdendem Haar?
 
Nun ich bin ja auch auf dem Weg eine "alte Frau" zu werden. Ich kann mich noch genau an den Tag erinnern, als ich morgens in den Spiegel schaute und mich nicht mehr erkannte! Plötzlich war ich eine andere! In der Nacht hatte der "Kleine Tod" genannt Schlaf kleine Furchen in mein Gesicht gemacht. Ich war ratlos, auch Furcht breitete sich in mir aus, weil ich plötzlich die alte Frau sah, die ich einmal werden würde! Auch dachte ich an meine Mutter, ob ich wohl so aussehen werde wie sie? Und auf einmal war alles ganz anders.Ich konnte und wollte nicht fliehen. Fragen entstanden in mir und ich wurde mir plötzlich bewußt, das sehr viel Anerkennung, die man als Frau über das Äußere bekommt, verloren geht. Die Blicke auf der Straße, der kleine Flirt mit dem Kunden oder im Cafe. Sollte das alles nicht mehr sein! Ich bin nie ein oberflächlicher Mensch gewesen und doch erwischte es mich ein bißchen, daran zu denken, dass das irgendwann nicht mehr sein wird. Mir wurde klar, dass egal, ob Mann oder Frau, jetzt eine andere Lebensqualität zu suchen ist.Und woraus ziehe ich meine Bestätigung? Denn die brauchen wir doch alle, oder?
 
Plötzlich achtete ich ein bißchen mehr darauf, wie Frauen in meinem Alter aussahen und wie sie sich gaben, sei es in den Medien, aber auch im Alltag. Ist es wirklich wahr, daß Frauen wegen ihres Aussehens auch in ganz normalen Berufen entweder mehr oder weniger Anerkennung bekommen? Was bin ich wert, wenn ich älter werde? Ich glaube, soweit ich mich jetzt zurückerinnere, gibt es eine Zeit, in der man alterslos ist, so zwischen 30 und 40. Spätestens ab 45 kommt der Tag, an dem man sich mit anderen Fragen, die unausweichlich auf einen zukommen, beschäftigen muß.
 
Was bedeutet es also älter zu werden und wie werde ich als älterer Mensch in unserer Gesellschaft behandelt? Oft liest man wie alte Menschen einsam in ihren Wohnungen verstorben sind, ohne dass jemand Notiz von ihnen genommen hat. Die Jungen verdrängen die Alten in den Berufen! Langjährige Erfahrung und Lebensweisheit, hat das noch seinen Platz? Auch fällt mir auf, dass sich im Gegensatz zu früher etwas geändert hat. In vielen Dingen haben früher die Jungen die Älteren gefragt und man konnte ihnen etwas zeigen im Beruf z.B. Heute ist es oft so, dass die Älteren die Jungen fragen müssen! Aber vielleicht täusche ich mich ja auch!
 
Vor ein paar Wochen hatte ich auf Arte einen interessanten Bericht über einen Stamm in Afrika gesehen, der davon handelte, wie man mit den Älteren umgeht, welchen Platz sie in ihrem Gefüge hatten und wie man mit Ihnen umging. Ich war sehr beeindruckt davon, dass man, um in den Rat der Weisen aufgenommen zu werden, sie einer genauen Prüfung unterzogen worden. So wie es bei den jungen Menschen, die einen Initiationsritus hatten, um in die Welt der Erwachsenen aufgenommen zu werden, so gab es dort einen Initiationsritus um in den Altenkreis aufgenommen zu werden. Es war unglaublich mit wieviel Würde und Respekt die alten Menschen behandelt wurden. Und es war den "Alten" schließlich eine Ehre, endlich dazugehören zu dürfen.
In unserer Gesellschaft sind die Alten allenfalls ein Wirtschaftsfaktor geworden. Ganze Wirtschaftszweige stellen sich darauf ein, Wellness, Reisen etc. etc. Mir fiel auch auf, wie einmal in diesem Blog beanstandet wurde, ob denn nur noch Rentner hier schreiben würden? Haben wir vergessen hinzuschauen, was die "Älteren" uns zu sagen haben?
 
Verkehrte Welt? Ist uns etwas verloren gegangen in unserer schnellebigen auf äußeren Schein bedachten Welt? Werden wir Frauen tatsächlich nur noch an einem faltenfreien Körper gemessen und die Männer an ihrer Leistungsfähigkeit? Wo sind die Gesichter in den Medien zu sehen, die gelebtes Leben erkennen lassen. Furchen und Falten, die zeigen, wie sie gelebt haben, was ihnen wichtig war, was sie erlitten haben? Ich will authentische Menschen sehen, so wie sie wirklich sind und was das Leben aus ihnen gemacht hat! Ich will dem Gegenüber in die Augen schauen, um in seine Seele zu schauen, um zu erkennen, wer er ist!
 
Ich glaube, es gibt vieles zu diesem Thema zu sagen. Das sind nur ein paar Gedanken. Aber eines ist mir bei all dem Hin und Her klar geworden! Ich habe auch im älter werden noch Visionen und Träume. Vor kurzer Zeit habe ich den Satz gelesen, alt ist man, wenn man an der Vergangenheit mehr Freude hat als an der Zukunft! Das hat mich schon erwischt, denn wer kennt das nicht, die Geschichten, wenn man mit Freunden zusammensitzt, weißt du noch damals....
Es gibt viele um mich herum, die das Heute und Morgen vergessen.
 
Morgen wird mein Schwiegervater 80 Jahre. Ich bin sehr berührt davon, dass alle Enkel ihm bestätigt haben, dass sie immer gerne mit ihm zusammen waren, weil er ihnen viel über das Leben erzählen konnte, und dass er bis auf den heutigen Tag ein interessierter Mensch an Politik, Wissenschaft, Sport, Kultur, geblieben ist, mit dem man herrlich diskutieren kann! Das wünsche ich mir auch für mich.
 
Und mit den Worten von Martin Buber höre ich jetzt auf:" Alt sein ist ein herrlich Ding, wenn man nicht verlernt hat, was anfangen heißt"!

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10. Oktober 2008 5 10 /10 /Oktober /2008 20:16

Eben habe ich einen Bericht über Enrico Morricone gesehen. Wer kennt ihn nicht, den Mann, der die Musik zum Film "Spiel mir das Lied vom Tod" komponiert hat, 1968 lief er in den Kinos. Ich habe ihn gesehen, da war ich gerade 16 und er ist mir immer in Erinnerung geblieben, dieser beeindruckende Film, der sehr mit den Blicken der Schauspieler gearbeitet hat und dazu die unglaublich gefühlvolle Musik Morricones. Voriges Jahr ist er 75 Jahre alt geworden. Er war mehrfach für den Oscar nominiert, hat ihn aber nie bekommen. Jetzt soll er den Ehren-Oscar für sein Lebenswerk bekommen. Im Interview sagte er, das ihm die Nominierungen allein genügt haben. Darauf angesprochen, warum er eher immer als zurückhaltend, ja manchmal sogar schlecht gelaunt rüberkäme, gab er zur Antwort, er habe nie einen großen Hehl aus seiner Arbeit gemacht, sondern sie einfach getan. Es wäre eine Passion für ihn gewesen. Er hätte die Arbeit so oder so getan. Weiter sagte er einen Satz, der mich sehr zum Nachdenken gebracht hat und den man, glaube ich, auf alle Lebenslagen anweden kann, nämlich:"Ich habe nie Erwartungen an das Leben gehabt"!
 
Ich höre den Satz und bin wie hypnotisiert. Kann ein Mensch "keine Erwartungen" an das Leben haben?
 
Wenn ich so in meinen Alltag und um mich herumschaue, leben wir doch oftmals nur von den Erwartungen. Viele Beziehungen, sei es zwischen Mann und Frau, Eltern und Kinder, Lehrern und Schülern, Chef und Angestellter, Freunde untereinander, Nachbarn usw. usw. sind doch von diesen Erwartungen geprägt, oder nicht?
 
Beziehungen gehen oft auseinander, weil der andere irgendwann erkennt, dass das Gegenüber seinen Erwartungen nicht genügt. Manchmal sind es Kleinigkeiten in unserem Alltag, die dadurch einen Streit oder eine Verstimmung untereinander auslösen. "Ich hätte erwartet, dass du....! Jeder kann hier die entsprechenden Sätze zu Ende denken, die er selber erlebt hat.
 
Die Erwartungshaltung ist groß an die Politiker, die viel versprochen haben, es aber dann nicht halten können. Die Eltern erwarten einen Dank von ihren Kindern und sind dann enttäuscht, wenn die Kinder anders reagieren!
 
Erwartungen erfüllen zu müssen und zu sollen, machen das Leben oft sehr anstrengend. Ich erlebe oft in meinem Alltag, dass ich Erwartungen nicht mehr erfüllen möchte, weder in der Familie noch sonstwo. Ich möchte einfach so sein, wie ich bin.
 
Manchmal habe ich die Erfahrung gemacht, dass ich nur geliebt werde, wenn ich diese Erwartungen erfülle. Aber was ist das denn für eine Liebe?
 
Zwischen Eltern und Kindern ist die Erwartung oft so groß, dass Kinder daran zerbrechen oder sie versuchen zu erfüllen, sich selber dabei aber dann vergessen. Viele Eltern erwarten oft von ihren Kindern, dass sie das erreichen und schaffen, was sie selber nicht geschafft haben. Ich hätte z.B.als Kind gerne ein Instrument gespielt, aber da konnte gar keine Rede von sein. Daher habe ich alles versucht, dass meine Kinder ein Instrument spielen lernen. Als ich angefangen habe, Druck auszuüben, haben sie sich verweigert! Heute bin ich froh, dass sie nicht um meinetwillen Dinge getan haben, sondern dass sie sich gewehrt haben und ihren eigenen Weg gegangen sind, in jeder Beziehung.
 
Ist also Leben ohne Erwartung überhaupt machbar?
"Ich habe erwartet, dass Du früher nach Hause kommst". "Ich habe erwartet, dass du mir die Wahrheit sagst". "Ich habe erwartet, dass ich auf meine Leistungen hin belohnt werde": "Ich habe erwartet, dass du mir zur Seite stehst, wenn ich Hilfe brauche". "Ich habe erwartet, dass sich Anerkennung einstellt".
 
Jeder von uns könnte sicher Hunderte solcher Sätze sagen und sich erinnern, dass sie an ihn gerichtet worden sind. Wenn die Erwartung nicht erfüllt wird, bleibt am Ende die Enttäuschung.
Auf Enttäuschung folgt oft Rückzug!
 
Enrico Morricone hatte, so wie er sagt, keine Erwartung an sein Leben. Somit hat eine eine innere Freiheit bekommen, die ihn ruhig und gelassen gemacht hat.
 
Ich werde jetzt mal wieder bewußter hinschauen, wo ich Erwartungen an den Anderen habe und mich prüfen, welche Gefühle für den anderen übrig bleiben, wenn er sie nicht erfüllt! Kommt dann vielleicht die Liebe heraus, die wir uns alle wünschen? Dass Liebe etwas ist, was der andere ist und nicht war er für einen tut?

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10. Oktober 2008 5 10 /10 /Oktober /2008 20:12

Morgen Abend kommt um 20.15 Uhr im WDR eine Sendung zum Thema Heimat und Heimweh mit dem Titel "Vertriebene an Rhein, Ruhr und Weser". Ich bin heute beim Bügeln darauf aufmerksam geworden. Der kurze Hinweis hat mich dann die ganze Zeit beschäftigt und ich habe darüber nachgedacht, was für mich eigentlich Heimat bedeutet.
 
Heimat verbinde ich mit bestimmten Erlebnissen, Gerüchen, den guten Erinnerungen und natürlich Familie und Freunde, die man möglicherweise zurückgelassen hat.
 
Meine Eltern waren Vertriebene. Mein Vater kam aus Insterburg, Ostpreußen. Seine Mutter musste mit vier Kindern vor den Russen flüchten und ist schließlich in Duisburg gelandet, nach vielen Zwischenstationen. Meine Mutter kam aus Belgrad, Pommern. Auch ihre Mutter ist mit fünf Kindern allein geflohen und kam dann ebenfalls nach vielen Zwischenstationen, nachdem sie eine längere Zeit in St.Peter-Ording gelebt hatten, ebenfalls nach Duisburg.
 
Hier bin ich also geboren und aufgewachsen. Es war kein schöner Ort. Ich bin im legendären „Duisburger Gleisdreieck“ aufgewachsen und habe bis zu meinem 13. Lebensjahr dort gewohnt. Es war eine Wellblechhüttensiedlung, sie lag genau zwischen drei Gleisen, auf denen die Züge vorbeiratterten.

Das ist z.B. eine solch schöne Erinnerung. Ich habe oft nach den Zügen geschaut und schon damals hatte ich immer den Wunsch in einen der Züge zu steigen und einfach irgendwohin zu fahren. Denn das Leben in der Familie und in der Siedlung war kein Zuckerschlecken. Tag für Tag Gewalt und Armut. Immer mit Angst in die Schule, wurde man wieder gehänselt wegen seiner Herkunft? Meine Eltern hatten oft kein Geld und schickten mich dann zum Einkaufen. Ich habe noch genau die Blicke der anderen in Erinnerung, wenn sie mich anstarrten, weil ich „anschreiben“ lassen musste. Ja, das gab es damals noch. Kleine Läden, wo man auf Kredit kaufen konnte. In der Siedlung lebten damals die „kleinen Brüder Jesu“ .Sie führten dort ein freiwilliges Leben in Armut und standen mit Rat und Hilfe den Menschen dort zur Seite. Sie waren ein wirklicher Lichtblick. Dazu kamen die schweren traumatischen Erlebnisse im eigenen Elternhaus. Nein, ich kann nicht sagen, dass ich mich irgendwie an diesen Ort zurücksehne. Heute ist der Ort allerdings nicht mehr zu erkennen. Man hat einen wunderschönen Park dort angelegt.
 
Meine Eltern hörte ich oft von ihrer Heimat erzählen, meinen Vater von Insterburg, von der wunderbaren Landschaft, der Natur, einer Kindheit, die man noch draußen verbracht hat. Auch meine Mutter hat immer wieder von der Schönheit ihres Geburtsortes erzählt. Irgendwie sind sie immer Fremde geblieben.
 
Bis vor einigen Jahren konnte ich mit dem Begriff „Heimat“ für mich selber gar nichts anfangen. Ich bin dann mit 12 Jahren nach Köln gekommen und da ist das Leben für mich ein klein wenig besser geworden. Mein Vater bekam eine Hausmeisterstelle am Theodor-Heuß-Ring. In der Wohnung im Souterrain hatte ich dann endlich ein eigenes Zimmer, wenn man auch durch einen Heizungskeller musste und ich habe immer noch die Geräusche in den Ohren, wenn man über die vergitterten Tritte gehen musste. Als ich mit 17 Jahren von zu Hause wegging, bezog ich eine eigene kleine Wohnung in Longerich. Dann mit meinem Mann zogen wir in eine Wohnung in Höhenberg, später in eine Wohngemeinschaft in die Eifel. Aber auch da blieben wir nicht lange. Bis wir dann nach Köln-Nippes kamen. Hier lebe ich nun die letzten 25 Jahre. Nun, das Leben ist gelebt worden, Kinder groß gezogen, Freunde gewonnen, in der Gemeinde eingegliedert und viele netten Nachbarn.
 
Seit drei oder vier Jahren habe ich jetzt erst das Gefühl, eine Heimat zu haben. Jede Strasse, jeder Ort hat hier für mich eine Geschichte. Ich gehe an den Häusern vorbei, wo die Freunde gewohnt haben. Ich gehe durch die Strassen, wo ich schon mit den Kindern tagtäglich meine Spaziergänge gemacht habe. Und manchmal, wenn ich so durch die Strassen gehe, kommen Erinnerungen einfach angeflogen. Dann zieht Wehmut durch mein Herz, manchmal erscheint ein Bild vor meinen Augen von dem, was vergangen ist. Manchmal sind es banale Alltäglichkeiten. An einer Strasse erinnere ich mich, wie mein Sohn genau an dieser Stelle einen heftigen Tobsuchtsanfall hatte, der genau vor dem Haus mit der verrosteten Haustür stattgefunden hat. Oder als ihm das Eis aus der Hand fiel, genau an der Ecke, wo der Bordstein noch immer denselben Riss hat. Und da ist die Kneipe gegenüber vom Fahrradladen und es steht immer noch dieselbe Frau hinter der Theke, wie damals, als ein Gast tobend von der Polizei abgeholt wurde. Wenn ich hier in Nippes durch die Strassen gehe, empfinde ich die Schönheit des Lebens. Es macht mich froh morgens über den Nippesser Markt zu gehen. Ich treffe immer Jemanden den ich schon so lange kenne und dessen Leben mir bekannt ist. Man hat die Entwicklungen seines Lebens verfolgt. Es ist schön, im Sommer in einem der vielen Cafes auf der Strasse zu sitzen und zu spüren, hier bin ich zuhause. Auch wenn sich Nippes sehr verändert hat, gibt es mir doch das Gefühl, dass hier meine Heimat ist. Ja Köln, ist meine Heimat geworden.
 
Natürlich bin ich auch immer mal wieder in Duisburg gewesen. Ich wollte mich mit der Vergangenheit konfrontieren. Ist schon merkwürdig, dass man als Kind alles in einer anderen Dimension sieht. Aber die Gerüche sind sofort wieder lebendig. Ich finde es schön, dass Duisburg nicht mehr die von den Zechen verrußte Stadt ist, dass es jetzt viel Grün gibt und dass der Hafen wunderschön ausgebaut ist. Auch kann man jetzt  vom Schwanentor an spazieren gehen und es sich gut gehen lassen. Auch liebe ich das Wilhelm-Lehmbruck Museum.
Ich werde bestimmt auch mal eine Fahrt in die Heimat meiner Eltern unternehmen, einfach um zu sehen, wo die Wurzeln unserer Familie sind.
 
Heute ist es ja eigentlich aufgrund der Globalisierung auch schon normal, dass man mit seiner Familie nicht mehr an einem Ort bleibt. Ich kenne Familien, die mit ihren kleinen Kindern wegen des Berufes nach Norwegen und Schweden gegangen sind. Man kann oft nicht mehr frei entscheiden, wo man wirklich leben will.
 

Ich kann die Menschen sehr gut verstehen, die ihre Heimat verloren haben und ich fühle ihre Sehnsucht nach dem Ort ihres Aufwachsens und den Menschen, die sie damit verbinden. Grundsätzlich aber glaube ich, dass Heimat überall für mich da sein kann, wo ich von Menschen umgeben bin, die mich annehmen und die bereit sind, mit mir ein Stück Weg zu gehen.
 
Ich bin gespannt, was die Sendung zu berichten hat.

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10. Oktober 2008 5 10 /10 /Oktober /2008 20:08
Ein Anruf mitten hinein in mein Leben, mit dem ich nicht gerechnet hatte. Die Frau eines Onkels ist am Apparat. Diesen hatte ich 20 Jahre nicht mehr gesehen. Es hat mich einiges dazu veranlasst, den Kontakt, bis auf Mutter und Bruder, zu lösen. Jetzt sagt sie am Telefon, er liegt im Sterben, der Onkel und würde mich gerne noch mal sehen.
 
Ich laufe zwei Tage durch die Wohnung und frage mich, ob ich dem Wunsch entsprechen soll. Jemand liegt im Sterben, was will er von mir! Ich habe keine Erinnerung, warum?
 
Und doch ist mir dieser Wunsch heilig. Familie sagt, tu dir das nicht an! Und doch setze ich mich zwei Tage später ins Auto und fahre los. Ein mulmiges Gefühl macht sich in meinem Bauch bemerkbar. Zuviel Tod in der letzten Zeit! Unterwegs rattern die Gedanken, warum will er mich sehen? Wieso hat er nicht früher den Kontakt gesucht?
 
Ich komme im Hospiz an. Meine Schritte werden langsamer, ob ich umdrehen soll! Da kommt seine Frau auf mich zu und nimmt mich in den Arm. Komm, ich bring Dich zu ihm. Die Tür geht auf und da steht er vor mir! Er schaut mich fragend an, nimmt seine beiden Hände, hält sie hoch und sagt:“Früher warst Du so dünn!“ Wir müssen lachen, ich bin erstaunt, dass er stehen kann. Er kommt auf mich zu und hält mich im Arm. Ich habe das Gefühl, ich zerbreche! Dann setzen wir uns und schauen uns eine ganze Zeit lang an, sagen nichts. Ich schaue in seine Augen und sehe, dass sie schon weit weg sind. Ich sehe die Hilflosigkeit, die Angst und die Hoffnungslosigkeit in ihnen. Er wird sterben. Er weiß es, er kann nichts mehr tun.
 
Endlich fangen wir an zu reden! Warum ist das so gekommen! Warum haben wir uns aus den Augen verloren. Ich erkläre ihm meine Gründe. Er weiß es. Und dann der für mich entscheidende Satz:“ Entschuldige, dass ich damals geschwiegen habe und nicht interveniert habe“! Ich verliere die Fassung!Ich bin erschüttert! Mein ganzes Gefüge bricht auseinander, das ich mir in den letzten Jahren gemacht habe!
 
Ich bleibe acht Stunden. Ich habe ihm nichts vorzuwerfen. Ich sage ihm, dass ich ihn immer in guter Erinnerung halte, als einen Mensch, der mir immer freundlich zugetan war.
 
Dann fahre ich nach Hause. Bin durcheinander und verpasse die richtige Autobahn. Finde mich plötzlich woanders wieder. Der Tank ist nicht mehr sehr voll und ich bekomme Panik, dass ich auf der Autobahn stehen bleibe.
 
Ich behalte die Nerven, fahre die nächste Abfahrt raus und in die andere Richtung zurück und finde Gott sei Dank die richtige Autobahn. Es ist dunkel und es regnet. Meine Gedanken rasen.
Hätte es damals etwas geändert? Wäre mein Leben anders verlaufen?
 
So geht das eine ganze Weile und ich komme zu dem Schluss:“ Was gewesen ist, ist vorbei“
Da gibt es nichts mehr nachzuhacken. Die Vergangenheit kann man nicht ändern, aber die Gegenwart und die Zukunft! Das haben wir getan. Für ihn war es wichtig, sich von dieser Last zu befreien. Er wollte sie nicht mit ins Grab nehmen. Auch ich fühle mich gut dabei, ihm gesagt zu haben, wie gern ich ihn gehabt habe! Wie freundlich er immer war und wie hilfsbereit er immer war.
 
Ein Leben geht zu Ende. Eines, das sich immer um andere gekümmert hat, eines das immer für die anderen da war und eines, das gleichwohl so traurig in der Vergangenheit hängen geblieben ist. Mir wird bewußt, dass es wichtig ist, am Ende mit allem versöhnt zu sein. Dass es wichtig ist, Unerledigtes anzuschauen und es zu bereinigen, auch wenn es schwer fällt, für einen selber und für die, die es betrifft!
 
Vorhin kommt der Anruf, er ist jetzt ins Koma gefallen. Er hatte am Tag, als ich da war, noch die Patientenverfügung mit seiner Frau durchgesprochen. Er hat alles vorbereitet, trotz Angst und Schmerz. Er hat sogar noch lachen und lächeln können. Ich habe Respekt und Hochachtung.
Wir können den Tod nicht ausklammern!
 
Ich sitze da und weine nun doch, über das, was gewesen war. Über die neuen Erkenntnisse die jetzt im Raum stehen und die nun auch noch einmal das Verhältnis zu meiner Mutter neu beleuchten. Auch sie baut immer mehr ab. Der Tumor zehrt von innen aus. Wie geht es mit uns weiter! Sind die neuen Erkenntnisse belastend für uns beiden? Es fällt mir schwer, zu ihr zu gehen. Ich will sie jetzt nicht mehr damit belasten. Auch sie hat genug gelitten.
 
Ich weiß, es ist ein schwerer Beitrag! Aber es ist mein Leben! Es ist das Leben eines Menschen, der in dieser Stadt lebt und der jeden Tag anderen Menschen begegnet. Ich begegne ihnen im Moment so, wie ich gerade bin und empfinde! Ich dreh mich grad nicht um Klimakatastrophen oder sonstige politischen Ereignisse. Das Leben fordert seinen Tribut, ganz unscheinbar in meinem Alltag passiert das ganz Normale. Ein Mensch geht! Aber wie?

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