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10. Oktober 2008 5 10 /10 /Oktober /2008 18:36
Ich freu mich immer, weil es eigentlich viel zu selten geschieht, wenn ich das Töchterchen in Aachen besuchen kann. Zu einen gefällt mir Aachen sehr gut, es lädt zum Flanieren durch viele nette kleine Straßen mit noch individuellen Geschäften, in denen man noch mit den Besitzern plaudern kann, über Herkunft und Art ihres Sortiments. Ich liebe das indische Restaurant, in dem ich köstliche Speisen, deren Duft meinen Geruchs- und Geschmackssinn betören und ich mag die familiäre Athmosphäre in dem kleinen Raum, wo man bis hinein in die Küche schauen kann.
 
Es kitzelt mich immer schon im Bauch, wenn ich die fünf Etagen in dem alten, etwas heruntergekommenen Altbau hinaufsteige, natürlich vor allen Dingen, weil ich mein Töchterchen wiedersehe, aber auch, weil ich endlich mal wieder WG-Luft schnuppern kann. Ich gehöre wohl zu den Müttern, die keinen Schock erlitten haben, als ihr Kind verkündete, sie gründet eine Wohngemeinschaft, im Gegenteil. Hab ja selber einige Jahre in selbiger verbracht und denke heute noch mit Wehmut an die schönen Zeiten, damals in Kalkar b. Euskirchen. Ach Mensch, war das herrlich! Schon allein unser Auto, ein alter Opel-Rekord mit lauter blauen Sternchen bemalt war eine Atttaktion für die restlichen, alteingesessenen Dorfbewohner. Die langen Haare und das Hippi-Outfit war besser als jede Fernsehsendung für einige. Ach war dat lustig, man wußte genau, jetzt stehen sie wieder hinter den Gardinen und schauen klammheimlich zu uns herüber! Ne, sie haben nie gewagt, uns zu fragen, wie wir wohl zusammenleben. Aber ihre Kinder, die waren immer sehr zutraulich, mit denen kamen wir oft ins Gespräch. Und da kam dann schon mal hin und wieder ein Klopser, z.B.:"Schlaf ihr alle in einem Bett?" Oder:"Warum habt ihr keine Gardinen vor dem Fenster?" Ach, was haben wir gelacht. Und nach einiger Zeit, spätestens nach der Dorfkirmes, als wir mit dem einen oder anderen einen drauf gemacht hatten, waren wir endlich ein bißchen akzeptiert, blieben aber immer schillernde Vögel!
 
Genau an diese Zeiten, muß ich immer denken, wenn ich in die WG zum Töchterchen komme. Alles relaxt, aus jedem Zimmer ne andere Musik, jeder Raum ein kleines exotisches Idyll auf seine Weise. In der Küche der Zettel, wer dran ist mit dem Klosaubermachen, wer den Müll runterzutragen hat und welche Döschen, Flaschen und Yoghurts wem gehören und woran man auf keinen Fall seine Hand legen darf.
 
Abends, wenn man dann nach Hause kam, erstmal ins Zimmer, Rückzug, aber sobald einem nach Geselligkeit war, die Küche, der Ort, wo immer jemand zu finden war und man noch spät in der Nacht plötzlich auf die Idee kam, einen Pflaumenkuchen zu backen und gerade dann die herrlichsten Diskussionen über Gott und die Welt, über Wünsche und Träume stattfanden.
 
Und jedesmal bin ich ein klein wenig neidisch auf diese WG-Idylle vom Töchterchen und sehne mich danach zurück.
 
Ich würd schon gern wieder, so mit anderen zusammen und nicht allein, gerade jetzt, mit zunehmendem Alter. Alles ein wenig unkonventioneller, aber finde mal einen, in meinem Alter. Ne, die meisten wollen ihre eigene kleine Burg mit Zaun drumherum und keinen Blick, nicht nie, in ihre heiligen Gemächer und schon gar nicht in den Kühlschrank.
 
Nächste Woche fahr ich wieder hin, auf jeden Fall und werd mich es mir mal wieder so richtig gut gehen lassen am Küchentisch vom Flohmarkt und es mir gemütlich machen, in dem alten ausgedienten Sessel, der es aber immer noch tut. Dort werd ich warten, falls sie noch nicht da ist und den Stimmen aus den anderen Zimmern zuhören und die leise Musik, die hier und da herübertönt. Und vielleicht, ja vielleicht, finde ich doch noch Gleichgesinnte, die nicht allein im Alter bleiben wollen. Wer weiß es schon!
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10. Oktober 2008 5 10 /10 /Oktober /2008 18:34
Am Aschermittwoch ist alles vorbei! Ja nun! Was denn? Jubel, Trubel, Heiterkeit? Auf Kommando fröhlich sein, auf Kommando alles wieder beim alten. Das Lachen verstecken! Die Clownsnase in die Schublade und ab in den Keller. Das war`s denn! Oder doch nicht?
 
Jedenfalls die richtig organisierten Karnevalisten machen immer weiter. Da sind schon wieder die ersten Treffen, das Motto fürs nächste Jahr muss entschieden werden. In den Vereinen müssen neue kreative Vorschläge erdacht und umgesetzt werden. Karneval ist ein Geschäft, wussten wir´s doch!
 
Aschermittwoch! Hab mal gelesen, dass es Zeiten gab, wo der Christ vom Arbeitgeber frei bekommen musste, um am Aschermittwochmorgen in die Kirche gehen zu können, damit er sich das Aschekreuz holen konnte. Stelle mir gerade vor, wenn ich meinem Arbeitgeber sagen würde, hör mal, am Mittwoch komme ich zwei Stunden später, muss erst in die Kirche. Na so wat!
 
Ist ja auch eigentlich nicht so wichtig, der Aschermittwoch, jedenfalls für die meisten, die sich jetzt dem närrischen Treiben hingegeben haben. Aber wie gesagt, alles ist jetzt vorbei. Die treuen Schwüre, die Hoffnung, vielleicht, ja vielleicht, ist dieses Mal der Mann, die Frau fürs Leben zu finden! Dat Bützche hier, dat Bützche da, vergessen!
 
Der Mensch braucht Fröhlichkeit, Ausgelassenheit, einmal die Sorgen und Nöte des Alltags vergessen. Jedoch, beschränkt es sich nicht auf die närrische Zeit. Der Mensch sucht immer weiter. Karneval ist doch immer, das ganze Jahr. Selbst bei einer Party, irgendwann, mitten im Jahr, die Zeit ist fortgeschritten, da singt man sie wieder, die Lieder, echte Fründe, da sin mer dabei, dat is prima, viva Colonia. Wo mir sin, is Kölle.
 
Aber ist das wirklich alles?
 
Und was ist jetzt mit dem Aschekreuz? Wieso, gerade jetzt, muss ich daran erinnert werden, dass alles nur Schein ist. Dass das Leben vergänglich ist? Wozu ist es gut, darüber nachzudenken. Ändert sich dadurch etwas an meiner Lebensweise? Umkehr? Was bedeutet das eigentlich noch für den Menschen? Ist das nicht ein Wort, das völlig aus der Mode gekommen ist? Umkehr! Wovon? Wenn der Mensch nicht mehr erkennt, dass er seine Verhaltensweisen überdenken muss, wieso dann Umkehr?
 
Wenn der Mensch nur noch funktioniert, tagtäglich wie ein Hamster im Räderwerk seinem Tagewerk nachgeht, unreflektiert, angepasst, scheinbar ist doch alles richtig, so, wie es ist, wozu dann überlegen, woher komme ich, wohin gehe ich?
 
Aschermittwoch scheint nur noch für Wenige einen Sinn zu haben. Sich prüfen, wer bin ich, wo sind meine Gewohnheiten, von was bin ich abhängig, was macht mir das Leben schwer, kann ich überhaupt verzichten, freiwillig? Bin ich bereit, mich einmal für eine Zeitlang mit etwas zu beschäftigen, was ich sonst verdränge. Vielleicht endlich mal ein Gespräch führen, das schon lange fällig wäre? Versöhnung suchen! Klarheit schaffen im Miteinander in der Familie, zwischen Freunden, Nachbarn?
 
Noch liegt die Pappnase griffbereit, noch einen Tag, aber dann ist er da, der Aschermittwoch, Katerstimmung, und dann?
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10. Oktober 2008 5 10 /10 /Oktober /2008 18:34
Draußen laufen bunt gekleidete Menschen über die Straßen, Lachen dringt in meine Ohren, doch ich zerbreche innerlich. Schmerz macht einsam. Ich wußte es doch und wollte es dann am Ende nicht wahrhaben. Sie ist gegangen.
 
Am Mittwochabend um 19.55 Uhr lag sie in meinen Armen und hauchte ihr Leben aus mit einem langen tiefen Seufzer. Sie hatte ein Lächeln auf dem Gesicht.
 
An diesem Morgen fühlte ich mich schwer. Ich machte mich auf den Weg zu ihr ins Hospiz, wo sie die letzten vierzehn TAge verbracht hatte, nachdem die Ärzte es ihr angeraten hatten. Schon wieder muß ich Abschied nehmen, sagte sie mir, als sie vom Krankenhaus zu mir nach Hause gebracht wurde. Sie wußte, jetzt geht es zu Ende. Sylvesternachmittag saß ich bei ihr und wir hörten ihre Lieblinksmusik von Andre Rieu, er spielte die Meldodie vom Soldaten am Wolgastrand. "Das ist das Lied vom Ende des Lebens" sagte sie ganz ruhig. Ich weinte! Nicht weinen Kind, sagte sie. Alles ist gut. JA, alles war gut, und ich versuchte stark zu sein.
 
Ich ging an diesem Mittwochmorgen ins Blumengeschäft, wollte ihr noch einen frischen Strauß Frühlingsblumen kaufen, da klingelte das Telefon. "Kommen sie schnell", sagte die Pflegerin. Ich raste mit meinem Rad ins Hospiz. Sie war nicht mehr ansprechbar. Ich stellte ihr die Blumen, die mich an Auferstehung erinnerten, setzte mich zu ihr und hielt ihre Hand. Nach zwei Stunden kam die restliche Familie. Sie hatte es schwer, blieb aber ruhig. Ich nahm sie immer wiede in den Arm, wenn ich sah, wie Tränen über ihr Gesicht liefen. Der Abschied war schwer und kam dann letztendlich so plötzlich. Zweimal hatte sie geprobt, das Sterben, so sagten es die Pfleger im Nachhinein. Immer war die Tür noch verschlossen, so sagte sie mir. Immer wieder, sei ich dazwischen gekommen. Wie klar und präzise sie sich in diesen letzten Tagen mitteilen konnte, wie nie zuvor.
 
Alles hat sie durchlebt in diesen Tagen, ihren eigenen Schmerz, die Traumatas aus der Kindheit, den Krieg und die damit verbundenen furchtbaren Geschehnisse. Angst hatte sie manchmal. Komm ich in den Himmel oder in die Hölle, fragte sie mich. Mama, sagte ich, ganz bestimmt in den Himmel, aber ganz bestimmt, denn die Hölle hast du schon hinter dir, in all deinem Schmerz, den du erlitten hast, in all dem, was geschehen und versäumt war. Letztendlich hat sie ihren Frieden gefunden, mit sich, mit mir und allen anderen.
 
Alle sind noch einmal gekommen, überall fand Versöhnung statt. Dann war sie ruhig. Sie war tapfer, unglaublich tapfer. "Unsere Prinzessin", sagten die Pfleger immer. Kein Wehklagen, kein Jammern, immer hat sie mit letzter Kraft noch mitgeholfen. Gelacht hat sie in diesen letzten Tagen, immer ein verschmitztes Griemeln im Gesicht getragen. Und immer wieder:" Wein nicht, alles nicht schlimm!" Alles nicht wichtig!
 
Noch einen Tag zuvor, sagte sie morgens, die wollten mich duschen, aber ich wollte nicht, es war doch so kalt, da hätte ich mir den Tod geholt. Wir mußten beide über ihre Worte lachen. Oder, Du, Kind, der nebenan, der Mann, der da liegt, der ist viel kränker als ich. Unfaßbar, dass sie im Angesichts ihres eigenen körperlichen Verfalls immer sagte:" Mir geht es doch super, wenn der Bauch nicht wäre!".
 
Dankbar war sie, nie hab ich eine solche Dankbarkeit in einem Menschen gesehen, für jede kleine Geste, jedes erfüllten Wunsch. Ja, sie hatte noch einmal viele kleinen Wünsche, ein weichgekochtes EI, ein gemeinsames Frühstück an einem Sonntag mit mir. Und am Abend dann , als ich ging, sagte sie:" Das war mein schönster Tag!" AM Dienstag noch Pralinen!
 
Merkwürdige Dinge wollte sie manchmal. Samstag sagte sie, "Kind, ich will mal einen Sekt trinken!". Meine Mutter hat nie ALkohol getrunken. Klar, sagte ich, heute abend trinken wir ein Gläschen. Gesagt getan! Nach drei Schlucken meinte sie, genug, ich muß mich ja nicht gleich am ersten Abend besaufen! Wieder mußten wir lachen. Du bist mein Engel, sagte sie zum Abschied.
 
Und dann kam der Mittwoch. Es ginge schnell, meinten die Pfleger, aber es dauerte dann noch ganze neun Stunden. Sie hat gewartet, auch noch auf meinen Sohn, der abends von der Uni kam.
 
Wir waren uns zwischendurch unsicher, ob sie vielleicht doch lieber allein sterben wollte.Aber manchmal spürte ich ihren Blick auf mir,oder er wanderte zu meinem Bruder, zu meinem Sohn und meinem Mann, dann auf den Frühlingsstrauß. Eine kleine Bewegung in meiner Hand von ihrer Hand, da wußte ich, dass sie wollte, das wir bei ihr waren.
 
Ohnmächtig, ich fühlte mich ohnmächtig. Nichts tun, nichts sagen, nur halten, nur da sein, abwarten. Der Tod ließ sich nicht beschleunigen, er hatte seine eigene Geschwindigkeit. Dann kamm er, nach langer Pein, der Atem wurde kürzer, ruhiger, immer wieder Tränen, und am Ende ein langer tiefer Seufzer. Sie seufzte ihr Leben mit einem letzten langem Atemzug aus. Sie starb in meinen Armen. Ich streichte ihr die Haare aus dem Gesicht, drückte ihre Hand, wischte ihr den letzten Blutsttropfen vom Gesicht und küßte sie zärtlich. Wir blieben so, noch für eine ganze lange Zeit. Wir saßen da, stumm.
 
Die anderen verabschiedeten sich. Ich bleb mit ihr allein. Ich wusch sie, cremte sie ein und zog ihr ein schönes Kleid an. Schön sah sie aus. Am Ende, gab ich ihr, wie versprochen einen Kuß mit meinem roten Lippenstift auf ihre Wange. Das wollte sie so, sie wollte den Kuß mitnehmen.
 
Ich deckte den Tisch mit einer weißen Decke, den Blumen, dem Kreuz, ihrem Engel und legte ihr das kleine Holzkreuz in die Hände. Sie sah friedlich aus. DAnn hielten wir stumme Zwiesprache.
 
Ein letzter Blick, zum Weinen ging ich raus, setzte mich aufs Rad und fuhr duch den Regen nach Haus. Und erst zuhause brach ich zusammen. Tränen reinigen die Seele. Ich mußte weinen, aber nicht nur um mich, das ich sie nun nicht mehr hatte, vor allen Dingen über sie, über ihr Leben, über ihren Schmerz, über ihren lebenslangen Rückzug in sich selber,über all das, was sie dadurch nicht erleben durfte. Alles Bilder kamen und kommen immer wieder in mir hoch, der letzte Spaziergang, der letzte EInkauf, das letzte Lächeln. Immer wieder. Nachts, lieg ich wach und dann sind sie wieder da die Bilder. Es wird wohl noch lange brauchen, bis der Schmerz überwunden ist.
 
Sie war tapfer, mehr als tapfer. Sie ist gegangen und wir müssen weiter gehen. Aber ich weiß, dass sie bei mir bleibt in meinem Herzen. Ich nehme Dich mit Mama, sagte ich ihr noch, auf meinem Weg nach Santiago.
 
Allein! wieder allein!
Einsam wie immer.
Vorüber rauscht die Jugendzeit
in langer, banger Einsamkeit.
Mein Herz ist schwer und trüb mein Sinn,
ich sitz im goldnen Käfig drin.
 
Wir beide, sie und ich, wir kannten diese Einsamkeit des Schmerzes. Wir kannten den Schmerz, eingesperrt zu sein. Sie ist jetzt in der Freiheit, erlöst. AUch ich werd dann, später, erlöst sein.
 
Ich bin dankbar, dass ich sie gehabt habe und für alles, was zwischen uns geschehen ist, auch wenn ich mich manchmal schäme, weil ich denke, es war zu wenig. Aber wichtig ist doch, dass ich es kennenlernen durfte!
 
Es war gut, dass wir da waren. Die Pfleger sagten uns noch am Ende, so schön war alles, so gut haben wir es gemacht. Das würden sie nicht so oft erleben. Es hat mir gut getan, mir die eigene Unsicherheit genommen. MAn nimmt sich selber so wichtig, dabei sagte sie doch immer:" Ist alles nicht so wichtig!"
 
Dieser Satz wird mir helfen, für mein Leben, denn es stimmt, es ist alles nicht so wichtig, von dem wir glauben, es sei wichtig!
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10. Oktober 2008 5 10 /10 /Oktober /2008 18:27
etzt hast du den letzten formellen Abschied hinter dich gebracht, sagte jemand zu dir! Das wird noch mal schwer, sagte vorher jemand anders!
 
Das stimmte allerdings, es fiel nicht leicht. Die Trauerfeier vorzubereiten, kostete schon Kraft, sie dann aber durchzustehen, sich auszusetzen, raubt dir die ganze Energie.
 
Schon in der Nacht wachst du auf, voller Sorge, ob auch alles gut wird, ob es würdig wird. Am Morgen dann sitzt du im Auto, irgendwie neben dir, das Wetter diesig, regnerisch, grau in grau. Dabei hattest du dir doch Sonnenschein gewünscht. Ein klein wenig Angst kroch in dir hoch, vor den anderen, vor dem Schmerz, vor der Tatsache der Urne gegenüberzustehen, darin nur noch ein Häuflein Asche, alles was von ihr übrig geblieben ist.
 
Dazwischen Gedanken, ob das Wort Trauerfeier eigentlich etwas mit "trauen" zu tun hat. Hat es etwas mit Mut zu tun, auf eine Beerdigung zu gehen? Wenn du so an die letzten Beerdigungen denkst, die Bilder kommen dir unterwegs wieder hoch, siehst du die ratlosen Gesichter, die Tränen, die über den eigenen bevorstehenden Tod geweint werden, die Ratlosigkeit, was soll man sagen und wie soll man es sagen. Viele wären lieber nicht da, aber kann man jemandem den letzten Abschied verwehren? Du warst auch schon auf Beerdigungen, da wurde dem Bestatter alles, aber auch alles überlassen. Man saß da und fügte sich.
 
Der eigene Schmerz, die eigene Trauer kommen immer wieder hoch, du hast es schwer und fragst dich im Angesicht des Todes, warum es einige gibt, die es dir noch zusätzlich schwer machen, indem sie nicht verstehen, in dem sie dir bei diesem letzten Gang noch Steine in den Weg legen. Du mußtest kämpfen überhaupt frei zu bekommen, dich rechtfertigen, dass du auch noch einen Tag danach brauchst, um alles zu verarbeiten. Merkwürdig, dass dich das gerade jetzt auch wütend macht.
 
So kommst du an mit all diesen gemischten Gefühlen und Gedanken. Stehst schweigend in dieser kalten Halle! Warum müssen Trauerhallen eigentlich immer so kalt sein?
 
Aber die Lichter brennen und es beginnt, keine Zeit mehr zum Frieren, keine Gelegenheit mehr zu denken! Das Unabänderliche, Unwiderrufliche steht dir vor Augen. Im Inneren Bilder des letzten Zusammenseins, du kämpfst mit Tränen, der Kopf und die Glieder schmerzen. Du gehörst zu der Spezie Mensch, dessen seelischer Schmerz sich auf den Körper niederläßt, ihn schwer macht, bewegungsunfähig.
 
Dann erklingt die Musik, der Gefangenenchor aus der Oper Nabucco, sie hat ihn gemocht, das Lied von der Befreiung aus der Sklaverei. Es war eure Gemeinsamkeit, denn auch du liebst diesen Gesang. Ein Leben lang arbeitest du daran innerlich frei zu werden, hast du es endlich geschafft, ist es zu Ende, dann wartet eine andere Freiheit. Vielleicht ist das schon der Sinn des Lebens, frei zu werden, von allem, von der Sucht nach Anerkennung, von Ängsten, von Erwartungen, von den materiellen Dingen, damit du aufrecht stehen kannst und den Stürmen standhalten kannst, nicht umkippst, sondern wie ein König durch die Welt gehst, ein "Freier" ein König nicht von dieser Welt!
 
Und dann stehst du auf, denn du bist dran, mit deinem Nachruf. Du gehst nach vorne, die Hände zittern, du kämpfst mit den Tränen, schaust in die Gesichter und dann beginnst du, ganz einfach, vergißt alle Gedanken, die dich hindern und sprichst von ihr, ihrem Leben, ihren Wünschen, ihren Träumen, ihren Versäumnissen und ihrer Dankbarkeit!
 
Warum wissen so wenige etwas zu sagen über den, der geht? Wieso erfahren sie am Ende soviel von dem, der geht? Wo waren sie im Leben? Du siehst die Bestürzung und das Erstaunen, sprichst einfach weiter, und spürst, wie sich die Gesichter entspannen, wie sie annehmen, sich wiederfinden, wie sie anfangen, nicht mehr über sich selber zu weinen, sondern über sie, die gegangen ist. Plötzlich ist sie da, die Leichtigkeit, das Annehmen des Unabänderlichen!
 
DAnn gehst du wieder auf deinen Platz, jetzt zittern nicht nur die Hände, sondern der ganze Körper, aber du bist zufrieden, du hast es geschafft!
 
Dankbarkeit auch für die Fürbitten, denn nichts ist selbstverständlich, das weiß du! Du spürst plötzlich all die Menschen hinter dir, die Familie, die Nachbarn, die Freunde, die du schon so lange kennst, und die sich ebenfalls auf den Weg gemacht haben, um ihr die letzte Ehre zu erweisen, du fühlst die Kraft, die von ihnen ausgeht und dich stützen und sie trägt dich auch noch, als du schon längst hinter dem Auto hergehst auf dem Weg zu ihrer Grabstätte und die Sonne scheint plötzlich auch.
 
Du gehst mechanisch an den anderen Gräbern vorbei, die Gedanken haben wieder aufgehört zu kreisen, du bist leer und was stört, sind die Abgase aus dem Auspuff des voranfahrenden Autos! Geht das nicht anders? Und wieso müssen einige schon wieder reden? Fällt Schweigen so schwer?
 
Stillstand, angekommen, die letzten Worte, das kleine Blumenmeer umrandet die Grabstelle, Asche zu Asche, Staub zu Staub! Du legst deine kleine Rose in ihrer Lieblingsfarbe hinein, das kleine Ei der Freundin, dass an die Auferstehung erinnert und bist auf einmal inmitten vieler Menschen, die dir die Hände schütteln, dich in den Arm nehmen und du spürst,das ist jetzt wirklich echt, nicht zaghaft, ungeschickt und nicht wissend, sondern stark, mitfühlend, wissend! Das tut gut.
 
Es tut gut, Menschen hinter sich zu wissen, es macht es einem leichter, das sollten eigentlich alle wissen, die sich fürchten! Es geht nicht um sie selber, sondern um die, die weiterleben mit dem Schmerz und mit der Trauer!
 
War das jetzt ein formeller Abschied? Irgendwie schon, aber nicht nur, sondern ein Annehmen des Hinübergangs, des Nicht-mehr-unter-uns sein!
 
Sagt man nicht "Leichenschmaus?" Merkwürdige Bezeichnung! Wie ist man nur darauf gekommen? Wir sind zuhause, beim Bruder, alle fühlen sich wohl, es gibt Nähe und gute Gespräche über sie, aber auch über das Vergangene, längst Zurückliegende! Sie hätte sich gefreut, da bist du sicher! DAnn plötzlich sind alle weg, es wird still. Du nimmst die Karten, adressiert an das "Trauerhaus!" Das Trauerhaus! Ja, die Menschen, die in diesem Haus wohnen trauern und es wird noch eine Weile dauern, bis es überwunden ist. Früher sagte man, die Zeit des Trauerns dauert mindestens ein Jahr. Früher trug man solange "schwarz" Du brauchst das nicht. Du trägst die Trauer in deinem Herzen und nicht in der Kleidung! Du willst auch nicht, dass alle sie sehen und die, die dir wichtig sind, wissen um sie. Das Leben geht weiter, sagen viele, ja stimmt, aber es braucht Zeit, sagst du!
 
Irgendwann setzt du dich ins Auto, das Radio geht an, eine Sendung über Menschen, die sich an Musikstücke aus ihrer Jugend erinnern. Du merkst auf, bist ganz Ohr, möchtest ein wenig abgelenkt werden und ein Schauer fährt dir durch die Glieder, denn genau in diesem Moment spricht ein Mann von dem Chorgesang aus Verdis Oper Nabucco! Das gibt es doch nicht, denkst du, das kann jetzt nicht wahr sein. Ist das ein Zeichen? Und wenige Minuten später das "Whish you where her von Pink Floyd!"
 
Bestimmt, es war ein Zeichen, vom Himmel von ihr und von der anderen, die auch gegangen ist, vor zwei Jahren, die du immer noch vermisst und die dieses Lied mit dir verbunden hat.
 
Es ist alles gut! Auch wenn du wünschtest, sie wäre jetzt hier!
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10. Oktober 2008 5 10 /10 /Oktober /2008 18:05
Gestern erzählte mir jemand, dass man im fortgeschrittenen Alter zu sehr mit der Vergangenheit beschäftigt ist. Warum? Ist das eigentlich normal, je älter man wird, um so weniger zählt das Heute, neue Erfahrungen kommen kaum hinzu! Irgendwie scheint Stillstand vorzuherrschen. Wenn man als alter Mensch, durch körperliche Gebrechen an die Wohnung gefesselt ist, zählen diese Erinnerungen an die Vergangenheit wohl noch mehr. Unsere alte Großtante hat immer gesagt, Röschen, je älter du wirst, um so wichtiger wird es, sich an die schönen Dinge des Lebens, das man geführt hat, zu erinnern. Daher unternehme viel, damit du im Alter etwas hast, an dass du dich hängen kannst, Bilder, die du abbrufen kannst.
 
Ja, es stimmt schon, denn manchmal erinnere ich mich jetzt auch schon an vieles, was zurückliegt und bewältigt wurde. NAtürlich habe ich aber auch noch viel vor, so die Gesundheit es zuläßt.
 
So saß ich gestern mal wieder an meinem Schreibtisch und sortierte mein vergangenes Leben, wohl auch, weil ich nun bald fort bin. Irgendwie will ich alles geordnet hinterlassen. Dabei fielen mir auch meine Tagebücher in die Hände und ich blieb an einem Tagebuchauszug aus dem Jahre 1994 hängen.
 
1994, da waren meine Kinder 11 und 9 Jahre alt. Wir fuhren damals immer in den Schwarzwald auf einen Bauernhof in Urlaub. Bei einem dieser Urlaube wurde auch ein damaliger Traum von mir wahr. Wir fuhren nach Dornach zum Goetheanum!
 
Nun, ich war zu dieser Zeit sehr mit der Anthroposophie beschäftigt. Die Kinder besuchten einen Waldorfkindergarten, später dann einige Jahre die Waldorfschule und ich arbeitete in vielen Gremien mit und beschäftigte mich mit Zielen und Inhalten der Anthroposophie. Eine Zeit mit positiven und negativen Erfahrungen.
 
In dieser Zeit begeisterte ich mich besonders für die antrhoposophisch orientierte Bauweise und Architektur. Daher auch mein Traum, einmal im Leben das Goetheanum zu sehen.
 
Schon allein die Fahrt dorthin, vorbei an alten Ruinen und Burgen im Umkreis von Birstal ist ein Erlebnis. Man fährt vorbei an vielen Kalkfelsen, durchzogen von Hohlräumen und Schründen der Verwitterung, wobei die äußere Einwirkung der Eiszeit viele Gletschermühlen und Höhlen entstehen ließen.
 
Das Goetheanum selber liegt in einem sogenannten "Bergsturzgebiet". Ich muß sagen, dieser erste Anblick des Baus selber hat damals alle meine Vorstellungen und Projektionen übertroffen. Der Architekt Ranzensberger, der maßgeblich am Bau und der Landschaftsgestaltung des Umfeldes beteiligt war, legte großen Wert darauf, dass sich das erste einmalige Erblicken des Baus zu einem Erlebnis gestaltete.
 
Das Goetheanum wurde 1925-1928 nach einem Modell Rudolf Steiners erbaut. Dort haben bis heute die Freie Hochschule für Geisteswissenschaften und die Allgemeine Antroposophische Gesellschaft ihren Sitz. Rudolf Steiner hatte eigentlich den Plan dieses Bauwerk in München zu errichten, mit der Zielsetzung, einen Ort zu schaffen mit einer großen Bühne und vielen Nebenräumen, wo die Arbeit an den Mysteriendramen fruchtbar gestaltet werden konnte. Das wurde aber damals nicht genehmigt. So liegt also bis zum heutigen Tage der Hauptsitz der antroposophischen Bewegung in der Schweiz.
 
Für Steiner war klar, dass die Gestaltung des Bauwerks bis in das kleinste Detail hinein, dem entsprechen mußte, was im "Inneren" stattfinden sollte. Er sprach damals in diesem Zusammenhang von dem Beispiel einer "Nußschale", die in ihrer Form dem inneren Kern angepaßt werden sollte.
 
Dem antroposophischen Wirken lag eine Polarität vor, eine Doppelheit, die man in etwa so beschreiben kann:
übersinnlich-sinnlich,
Geber-Empfänger,
Redhner-Publikum.
 
Praktisch zeigte sich das dann in der Doppelkuppel des ersten Baus in Dornach aus. Über der Bühne sah man eine kleine Kuppel, über dem Zuschauerraum die große, genau dazwischen war das Rednerpult.
 
Nun denn, die Grundsteinlegung erfolgte 1913. Steiner zog im darauffolgenden Frühjahr nach Dornach. Schon im April 1914 wurde das Richtfest gefeiert. Der Zuschauerraum umfaßte Platz für ca. 1ooo Personen. Die Baukosten betrugen damals über 7. Mio. Schweizer Franken, überwiegend durch Spenden gedeckt. Große Teile des Bauwerks wurden in Holz geschnitzt, Pfeiler mit Sockeln, Kapitäle, Türen und Fensterbögen und ganze Teile der Außen- und Innenwände. Viele Arbeiter verschiedenster Berufe verließen damals ihre Heimat, um an diesem Werk mitzuarbeiten. Im Laufe des 1. Weltkrieges arbeiteten dort Angehörige von 17 Nationen zusammen in friedlicher Gemeinschaft, während im nahen Elsaß die Kanonen Tag und Nacht donnerten.
 
Am 31.Dezember 1922 in einer Sylvesternacht wurde das Goetheanum durch Brandstiftung ein Raub der Flammen. Man begann wieder von vorne.
 
Das zweite Goetheanum wächst dann zwar wieder in der Gestalt des ersten an ihre Grundform hinein, besteht aber nun aus Beton. 11o.ooom3 umbauten Raumes umfaßten die sichtbare Hülle des niedergebrannten Holzbaus.
 
Im Inneren entsteht die Wandelhalle, deren Bau von den Architekten, nach Steiners Tod, betreut wurde. Weiter entstehen kleinere Räume, u.a. der "englische Saal" mit Platz für ca. 2oo Zuhörern.
 
Sämtliche Fenster sind mit Glasradierungstechniken ausgestaltet worden. Die damaligen Künstler gravierten die Motive bei durchscheinendem Licht in das ca. 2 cm dicke farbige Glas. Ein besonderes Werkzeug, das Karborundum, das maschinell betrieben wurde, war extra dafür angefertigt worden.
 
Alle Motive der Fenster sind flächig aus dem Glas herausgearbeitet worden. Die Technik nannte man Schrägschlifftechnik.So wurde die Loslösung des Motivs vom Glas in noch stärkerem Maße möglich. Der Schatten löst sich auf, das Bild wird von Licht in den Raum getragen, das Motiv selber wird Licht. Einfach beeindruckend. Wer einmal in diesem Raum verweilt und sich der Stimmung, die durch die unterschiedlichen Lichteinflüsse zustandekommt, hingibt, wird wie verzaubert sein.
 
So sieht man ein großes rotes Fenster mit verschiedenen Engelgestalten, dazwischen den "Christus". Ein Spruch bezeichnet dieses Fenster:"Hier stehen wir umflutet von Licht, von Angesicht zu Angesicht, einem Blick begegnend, der uns auf das Tiefste berührt!"
 
Im großen Saal dann die mehrfarbigen Fenster, grün, blau, rot, orange, türkis, die das Suchen alles Geistigen hinter der Natur verstärken soll. Der große Saal hat Platz für ca. 1ooo Zuhörer und Zuschauer und ist der größte Veranstaltungsraum. Hier finden bis zum heutigen Tage Theateraufführungen, Vorträge, Eurythmie und Konzerte statt.
 
Das Goetheanum bei Nacht, von innen erleuchtet, erstrahlt in seiner Wärme der Farben nach außen und erreicht einfach das Herz des Menschen, ja, und kann einfach nur verzaubern.
 
Die Innenräume sind ausgestattet mit vielen Holzplastiken, damals jedenfalls und ich erinnere mich besonders an eine Christusstatue, zu deren Füßen Rudolf Steiner am 3o. März 1925 entschlafen ist.
 
Ich könnte noch vieles, vieles mehr erzählen, von Farben, Ausstattung und Beschaffenheit des äußeren und inneren Bauwerks, aber es würde den Rahmen sprengen.
 
Ich kann nur jedem empfehlen, der einmal in die Nähe reist, dieses wunderbare Bauwerk zu besichtigen. Es gibt keines seinesgleichen. Und natürlich gibt es in der Umgebung viele andere schöne Bauwerke zu sehen. Bei einem Spaziergang kann man die alte Schreinerei entdecken. Viele wunderschöne Häuser in anthroposophisch gestalteten Architektur. MAn findet Versuchsgärten der biologisch-dynamischen Landwirtschaftsmethode, ebenfalls das Antrhoposophische verlagshaus,dass dort ihren Sitz hat und das ebenfalls zu besichtigen ist.
 
Im Großen und Ganzen hat man das Gefühl, in eine andere Welt einzutauchen und wenn ich mich jetzt, in diesem Moment erinnere, war das für mich damals auch sehr wichtig. Ich war zu dieser Zeit schon etwas auf der Flucht vor der Realität und auf der Suche. Und die ANthroposophie mit allem, was sie zu bieten hat, kam mir damals sehr entgegen. Heute möchte ich diese Zeit nicht missen.
 
Nun denn, jetzt habe ich ein bißchen geschwelgt in der Vergangenheit. Aber ich glaube, ich möchte gerne noch einmal hin. Ist es nicht so, dass man irgendwann gerne einmal wieder an die Orte zurückkehren möchte, die einem besonders ans Herz gewachsen sind und die man mit einer Zeit verbindet, in denen man die größten Entwicklungsschritte seines Lebens getan hat.
 
Schaun wir mal. Und nun lege ich mein Tagebuch zur Seite und hoffe, der eine oder andere hat Freude und Interesse an diesen meinen Erinnerungen!
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10. Oktober 2008 5 10 /10 /Oktober /2008 17:39
Da saß ich nun vor dem Fernseher, mache ich ja nur selten. Der Film: "Schuld und Rache!"
 
Worum ging es:
 
Ein Ehepaar hat eine Auseinandersetzung! Er will sich räumlich trennen, braucht Distanz, will ins Reine kommen mit sich und der Beziehung! Sie kann das nicht annehmen, siehst nur sich selber, kann es nicht annehmen. Die Beiden haben getrunken. Er will ein ander Mal darüber sprechen, den nächsten Tag. Sie gehen zum Auto.Es ist ersichtlich, dass sie betrunken sind! Sie fährt, verliert aber die Konzentration, sie wechseln die Plätze, er fährt. Dann kommt es zu einem Unfall.
 
Beide steigen aus, sie sehen das Opfer am Boden liegen. Sie sind ratlos, stehen unter Schock, steigen ein, fahren nach Haus, tuen so, als wenn nichts gewesen wäre.
 

Bildwechsel:
 
Das Opfer im Krankenhaus! Versucht sich zu erinnern! Sieht Fetzen von Erinnerungen. Die Polizei versucht den Tathergang von ihr herauszubekommen. Sie sitzt im Rollstuhl, bleibt querschnittsgelähmt. Sie will Rache. Die Menschen, die ihr das angetan haben, sollen ein Leben lang damit leben, wie sie einen Menschen zum Krüppel gemacht haben. Sie will diesen Menschen auf Augenhöhe begegnen. Sie sieht durch Zufall ein Auto, auf dem die Reklameschrift steht, an die sie sich in der Nacht, an dem der Unfall geschah, erinnert. Ganz plötzlich kommen mehr Bilder hoch. Sie schafft einen Vorwand, um den Kontakt herzustellen. Sie will wissen, wie man damit lebt, mit dieser Schuld, mehr nicht! Aber dann verliebt sie sich in den Mann, sie glaubt, seine Frau sei gefahren. Er fühlt ebenfalls eine starke Nähe zu der querschnittsgelähmten Frau, verliebt sich. Es gerät alles durcheinander. Dann gibt er ihr gegenüber zu, dass "er" gefahren sei in der Nacht, dass er der Täter sei. Das Drama steigert sich bis zum Ende, denn er hat so verdrängt, dass er sich nicht mehr daran erinnerte, dass sie nochmal einen Fahrerwechsel begangen hatten in der fraglichen Nacht. Sie ist gefahren. Seine Frau,war es, nicht er!
 
Sie stellt sich letztendlich der Polizei. Letzte Szene: Er sitzt bei der querschnittsgelähmten Frau, hat ihr den Vorgang, so wie es wirklich war, erzählt. Sie fragt nach seiner Frau, warum sie es ihr nicht selber hat sagen können. Das ist ihre Rache, sie will ihr in die Augen schauen. Und dann kommt sie, seine Frau. Knappe Worte." Ich war bei der Polizei" Sie sieht dem Opfer in die Augen und geht! Kein Wort der Entschuldigung, kein Wort der Verzeihung. Aber hätte es etwas genützt? Was ändert es wirklich! Nichts kann gut gemacht werden? Oder doch?
 
Meine Bilder in mir kommen ganz automatisch:
 
Es ist Samstagnacht! Wir, meine Freundin, ein Freund und ich waren im damaligen Townhill! Wild getanzt, natürlich auch getrunken. Wir wollen ein Taxi nehmen, um zu ihr, meiner Freundin, nach Hause zu fahren. Wir nahmen immer ein Taxi um diese Zeit, wenn es spät war. In der Regel saß ich vorne neben dem Fahrer, weil ich die erste war, die ausstieg.
 
Aber in dieser Nacht setzte ich mich nach hinten, hinter den Fahrer. Nicki, mein Freund neben mich, Renate, meine Freundin, sitzt vorne, neben ihm.
 
Wir sind lustig, lachen, scherzen, sind noch ganz bei dem, was war in der Disco. Das Taxi fährt, am Bahnhof vorbei, die Straße "Unter Sachsenhausen" hoch, wir wollen nach Nippes, Neusser Strasse. Wir halten an der heutigen Kardinal-Frings-Strasse, die Ampel zeigt rot. Es ist still in der Nacht, nur unser Lachen ist zu hören. Renate hatte sich zu uns umgedreht, ein schöner Abend, eine schöne Nacht!
 
Die Ampel schlägt um! Grün! Und da sehe ich das Auto kommen! Es ist schnell, sehr schnell, das bekomme ich noch mit. Dann splittern die Scheiben, es kracht, ohrenbetäubend, ich spüre Blut auf meinem Gesicht, ich sehe Nicki, er ist nach vorne geschlagen. Ich sage." Nicki, hey Nicki!" Aber ich bekomme keine Antwort. Ich höre Stimmen, von draußen! Jemand versucht die Tür zu öffnen. ICh sehe Renate mit ihrem Gesicht, es lehnt an der Scheibe, sie ist zur Seite gerutscht. Ich höre Sirenen. ICh sehe den Fahrer nicht mehr! Ich hatte Bilder im Kopf, ich sah meine Eltern, ich sah einen Strudel von Lichtern. Ich verstand nichts mehr. Ich wurde Zuschauer, sah mich selber im auto neben den anderen!
 
Die Feuerwehr kam. DAnn erst wurde meine Tür geöffnet. Ich wurde rausgeholt. Ich spürte das Blut an meinem Gesicht. Es ging alles so schnell. Ich lag auf der Bahre und sah, wie sie Renate abtransportierten.
 
Dann erwachte ich am nächsten Morgen im Krankenhaus. Ein Polizeibeamter saß neben meinem Bett. Ich erfuhr, Renate war sofort tot. Der Taxifahrer lag schwer verletzt ebenfalls im selben Krankenhaus. Nicki auf der Intensivstation, er lag im Koma. Ich hatte nur diese kleine Wunde am Kopf , links oben, sie war genäht. Der Schockzustand dauerte zwei Wochen! Dann wurde ich entlassen. Nicki starb weitere zwei Wochen später.
 
Der Unfallverursacher hat sich nie sehen lassen. Kein Wort der Entschuldigung. Kein Augenkontakt auf gleicher Höhe. Er sei Gecshäftsmann, hat er gesagt, damals bei dem Prozeß. Er hätte seinen Führerschein gebraucht, deswegen sei er, betrunken wie er war, ins Auto gestiegen, als die Polizei ihn sah. Deswegen hatte er Panik bekommen. Deswegen sei er davon gerast, mit 12okm/h durch die Kölner Innenstadt, verfolgt von der Polizei!
 
JA, er hätte seinen Führerschein gebraucht! Und ich! Ich hätte Renate noch gebraucht. Sie war meine erste wirkliche Freundin! Und ich hätte Nicki noch gebraucht. Er war ein so liebenswürdiger junger Mensch, so voller Zukunftspläne. Wir waren alle noch so jung! Ich habe überlebt. Glück? Zufall? Dass ich an diesem Abend nicht vorne saß!
 
Ich hatte nie Rachegedanken! Die die Schwester von Renate, ihre Mutter und die Eltern von Nicki nie, soweit ich mich heute noch erinnere! Aber was hätte es in mir bewirkt, damals, wenn er sich entschuldigt hätte? Was wäre anders für mich gewesen.
Ich habe versucht weiterzuleben! Aber vergessen konnte ich nie! Aber vergeben! JA, ich konnte ihm vergeben, trotz allem. Dennoch stelle ich mir jetzt nach diesem Film erneut die Frage:" Was wäre anders gewesen, wenn er mich besucht hätte oder die Eltern der Beiden und ein Wort des Verzeihens gesprochen hätte?
 
Und ich frage mich jetzt tatsächlich, nach so langer Zeit, wie lebt er damit, dass er zwei Menschen auf dem Gewissen hat! Hat er es wirklich jemals vergessen können? Kann man so etwas vergessen?
 
Rächt es sich nicht sowieso schon, wenn man eine solche Tat begangen hat, wie auch immer es dazu gekommen ist, weil man ein Leben lang damit leben muß und es einen vielleicht in den Träumen immer wieder einholt, so wie es mich in meinen Träumen immer wieder einholt. Immer wieder! Immer wieder kommt der Traum. Ich höre den ohrenbetäubenden Lärm, höre den Aufprall des Autos, sehe die Beiden im Wagen liegen, spüre das Blut auf meinem Gesicht.
 
Auch ich muß damit leben! Nur anders. Ich hatte keine Schuld!
 
Schuld und Rache! Wem hilft Rache? Vielleicht wußte ich damals schon, dass sie keine Hilfe ist, um damit fertig zu werden! Vielleicht hatte ich deswegen nicht einen Tag einen bösen Gedanken an diesen Menschen! Es war so wie es war. Nicht mehr zu ändern! Was geschehen ist, ist geschehen! Man muß weiterleben. Und ich war froh, in Frieden weiterleben zu können, auch wenn ich nicht verstanden habe!
 
Aber ich würde es gerne wissen, heute! Wie er damit weitergelebt hat! Ob es Auswirkungen auf sein Leben gehabt hat! Wie er damit umgegangen ist! Ich würde gerne noch hute mit ihm reden!
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10. Oktober 2008 5 10 /10 /Oktober /2008 17:37
Nein! Der Rucksack ist noch nicht gepackt. Warum denn auch? Das bißchen, was ich brauche! Reicht einen Tag vorher! Absolut!
 
Angst! Hab ich Angst? Ich weiß es nicht! Aber ein Fragezeichen, ein dickes, ist in mir!
 
Hohenrausch, Höhenangst, Höhenkrankheit!
Alles Worte. Hör ich oft, die letzten Tage!
 
Du wirst krank werden, ganz bestimmt! Ja klar, da rechne ich mit! Indien laß ich trotzdem nicht los!
 
Wer nicht wagt, der nicht gewinnt! Oder?
 
Bleib Du doch sitzen auf Deinen Träumen. Ich werde es nicht tun! Ich will Grenzen sprengen, meine und die der Anderen!
Grenzen sind dazu da, um sie zu überwinden, oder?
 
Sitze im Auto. Stau! Aber kein Gefühlsstau! Einfach rauslassen. Der, der neben mir sitzt, lächelt mich an! Was willst Du mir sagen mit Deinem Lächeln?
 
O.K. Robin, du hast Recht:" Life is to short to be afraid"
 
Komm her du Wörtchen namens "Angst" ich krieg Dich, nicht du mich!
 
Das Wartezimmer voll! Schon wieder! Warten! Ich warte nie! Ich nutze die Gelegenheit. Ich schaue, ich höre, ich denke, ich genieße! Es gibt kein Warten! Niemals!
 
Ach ja! Du hattest ein schönes Grillfest! Super! Wenn Dir das genügt! Ein bißchen essen, ein bißchen Smal talk! Mach was Du willst. Hauptsache Du bist zufrieden! Oder glücklich! Und läßt die anderen ihr Leben leben!
 
Bist du glücklich! Warum ißt Du dann so viel? Warum begnügst Du Dich dann mit ein bißchen Anerkennung über das, was Du kannst oder meinst zu können? Hast Du Dir die Frage schon mal gestellt?
 
O.K. ich rauche! Na und? Ich weiß, jeder Zug ist eine Suche! Aber immerhin! Ich suche noch! Wogegen Du hast es schon aufgegeben. Sitzt. Bewegungslos!
 
Ich will gehen, laufen, rennen! Wohin? Keine Ahnung. Ich gehe einfach meinem Gefühl nach und meinen Träumen und Sehnsüchten.
 
Sag mir nicht, dass Du weißt, was Wahrheit ist. Was ist schon Wahrheit? Meine ist genauso gut wie Deine!
 
Aha! Du meinst mich zu lieben! Du brauchst mich! Aber ich will nicht, dass Du mich brauchst! Du sollst Dir selber genügen. Erst dann weiß ich, dass Du mich liebst! Ich gehöre nur mir. Ich bin der Pfeil, der abgeschossen wurde vom Bogen des großen Schöpfers.
 
Wohin er fliegt, weiß ich nicht. Wo wird mein Ziel sein? Ich bin gespannt.
 
Ich bin noch neugierig. Ja, ich will fliegen in ein unbekanntes Land, dass Sehnsucht heißt!
 
O.k. übe Du Dich weiter im Urteilen, Verurteilen, Beurteilen! Am Ende bist Du der Größte. Das wolltest Du doch, oder?
 
Niemand hat das Recht, mich zu urteilen! Niemand! Denn Du kennst mich nicht! Aber Du brauchst das, um Dich selber gut zu finden, nicht wahr?
 
Meine Geduld ist am Ende! Manchmal! Dann dreh ich mich um! Innerlich, für einige Momente, um dann doch wieder auf Dich zuzugehen! Dabei hast DU es gar nicht verdient! Jawohl!
 
Du verschiebst Deine Träume auf Morgen? Na dann mach mal! Aber was weißt Du, was das Morgen bringt! Ein Arztbesuch, peng, Diagnose tödlich!
 
Ein Knall, unverhofft. Hattest Du nicht mit gerechnet! Dann sitzt Du im Rollstuhl! Du denkst vielleicht, Dir kann das nicht passieren. Aber das ist ein Trugschluß. Ich kenne genug, die das dachten!
 
Jeden kann es treffen, auch Dich! Es gibt keine Sicherheit! Für nichts!
 
Na dann, ich fliege, bald, noch eine Woche. Vielleicht meine letzten Worte! Ich hoffe nicht! Aber wer weiß das schon! Ich wünsche einen Koffer voll Erfahrungen, Gerüche, Farben mitzubringen aus dem Land, nach dem ich mich sehne!
 
Bleib nicht sitzen! Steh auf, beweg Dich. In der Bewegung liegt die Kraft! Mann kann alles überwinden. Am Ende auch den Tod! Lach ihm einfach entgegen. Laß Dich von ihm nicht aus der Ruhe bringen. Er will Dich nur auf einen falschen Weg führen.
 
Indien! Ich komme! Komm mir auch entgegen! Und auch das, was ich nicht sehen will, werde ich sehen müssen. Es wird mich verändern! Ich weißt. Aber ich will mich verändern! Immer! Jeden Tag!
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