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14. Oktober 2020 3 14 /10 /Oktober /2020 13:14

Nicht, dass ich es nicht schon seit Tagen bemerkt hatte. Eigentlich nicht gemerkt, eher gespürt, da ist was nicht in Ordnung. Irgendwas ist da komisch. Wieso verspüre ich am linken  Oberschenkel rückseits immer einen leichten kühlen Hauch. Jedesmal, wenn ich es bei einem Spaziergang allein oder mit meiner netten Nachbarin bemerkte, dachte ich, komisch, wieso ist es genau und nur da immer so leicht kühl. Unauffällig strich ich mit meiner linken Hand nach hinten über meine Hose um zu fühlen, ob da etwas ist. Merkte jedoch nix. Rein gar nix. Ich ging weiter und dachte, ok, dann ist das eben so. Ich meine, das ist ja wie mit den Dingen im Leben, die einem einfach so plötzlich geschehen, unerwartet, woran du nix aber auch gar nix ändern kannst, du akzeptierst es einfach und gehst weiter. 

 
Glaub das ging ne ganze Woche so. Das Procedere. Spazieren, den kühlen Hauch spüren, wieder fühlen, nichts, weitergehen. Merkwürdigerweise bin ich auch nicht auf die Idee gekommen, wenn ich mit meiner Nachbarin unterwegs war, sie mal zu fragen, sag mal, schau doch mal an mir hinterrücks links hinunter, ist das was? Siehst du etwas? Ich weiß auch nicht warum. 
 
Grundsätzlich sind mir die Fragen nach dem Warum vieler Dinge im Leben nicht fremd. Es stimmt aber auch, dass ich oft, falls es keine Antwort gibt, mir einfach sage, warum nicht? Dann ist das eben so, oder mach es einfach...wirst ja dann sehen, was passiert. 
 
Zu erwähnen ist, dass die Hose, die ich trug, ein Erbstück meiner verstorbenen Freundin ist. Sie wurde also geliebt wie nur etwas. Auch, weil sie ein Relikt aus den guten alten Zeiten ist, aus Samtcord und mit Schlag. Mir doch wurscht, was gerade in oder nicht in ist. Wenns gefällt und ich dran hänge, schrieb ich schon mal, trag ich es, bis es auseinanderfällt. Bin son Typ. 
 
Heute war sie wieder dran. Die schwarze Samtcordhose. Zum Anziehen. Während ich noch einige Dinge im Haushalt erledigte, spürte ich plötzlich das erste Mal auch diesen leicht kühlen Hauch an meinem linken Oberschenkel rückseits in meiner Behausung. Bis dahin noch nie vorgekommen. Unbeobachtet, wie ich mich  daheim fühle, griff ich also mit meiner linken Hand etwas fester an meinen linken Oberschenkel rückseits und da, verdammt noch mal, da erfasste ich es. Es befand sich ein Riss in der Hose. In der schönen Hose. In der von mir geliebten schwarzen Samtcordhose meiner Freundin. Sprachlos wie ich war, brauchte es eine Weile, bis ich es kapierte und akzeptierte. Sie war kaputt. Keine Ahnung wieso. Durchgesessen? Der Stoff dünner und dünner geworden an der Stelle, die Fäden gerissen. Das war´s dann mit der Hose. Der alten geliebten. Dachte ich jedenfalls. 
 
Doch dann kam wieder dieses warum nicht? Dann besorg ich mir nen Lederflicken und näh den drauf. Ist doch wurscht. Ist nun nicht mehr unversehrt, dennoch wie neu, nur anders. Genauso mache ich es.
 
Es ist doch wie mit dem eigenen Leben. Wie viele Risse gehen dadurch und dann ist nichts mehr wie es war. Die Kindheit und Jugend, die keine war, weil es keine Unschuld gab, nur das Erkennen, dass man letztendlich alleine ist in dieser Welt, in der man sich fremd fühlt, wie hineingeworfen, ohne es gewollt zu haben und gezwungen ist, zu ertragen was ertragen werden muss.  Dann heiratet man, bekommt Kinder, die aus dem Haus gehen, ihr eigenes Leben leben, der Partner geht, die Freunde sterben, eine Krankheit ereilt dich und alles ist anders als zuvor.  Wie oft diese Einbrüche, Risse geflickt werden mussten, um dennoch weitergehen zu können. Die Risse versteckt unter dem Mut und dem Willen, so lange weiter zu gehen, wie es einem vergönnt ist und die Trauer des Verlorenen zu überwinden mit dem Guten und Schönem was einem noch begegnet und was tatsächlich auch noch da ist. Bis der Faden des eigenen Lebens reißt. 
 
Risse gehen durch die ganze Welt. Plötzlich ist auch da nichts mehr, wie es vorher war. Kaputtgegangen, das vermeintlich Heile. Eine Pandemie, ein Krieg, eine Hungersnot, ein Klimawandel, ein Börsencrash usw.usw... Es lebt sich besser mit der Gewissheit, dass nichts bleibt, wie es ist, dass Alles der Veränderung unterliegt und es nur die Möglichkeit gibt, sich mit dem Neuen anzufreunden, was nicht bedeutet, dass auch die Trauer über das Gewesene seinen Platz hat im Leben. Denn die Trauer ist eines der wichtigen Dinge im Leben, die nicht verdrängt werden darf, weil nur sie bedeutet, dass verarbeitet wird. 
 
Heute gabs eine andere Hose. Zum Spazierengehen. Auch eine alte, aber nicht so alt. Aber auch mit Schlag. Während ich durch den Park lief, fühlte ich plötzlich einen leichten kühlen Hauch am linken Oberschenkel, rückseits. Da sonst Niemand sichtbar war, fühlte ich mit der Hand nach hinten, suchte und suchte. Ne, da war kein Riss. Wirklich nicht. Merkwürdig, wie lang der Körper sich merkt, was irgendwo mal nicht stimmte. Es kommt sicher aber auch hier mal einer. Irgendwann. Aber bis dahin....
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

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17. November 2019 7 17 /11 /November /2019 18:37

Schon beim Erwachen wusstest du es, nein nicht, dass Sonntag war, das war dir klar, aber dass es ein ganz besonderer Sonntag wird. Ein richtiger Sonntag. 


Was ist ein richtiger Sonntag für den Menschen? 
 
Ein richtiger Sonntag für mich ist, wenn du fühlst, dass die Welt für dich still steht. Kein Lärm, von nirgendwoher. Kein Mensch, der zu sehen ist. Kein Auto, das von hier nach dort fährt. Alles still. Noch. 
 
Auf dem Balkon stehend lauschst du dem leisen Rascheln der gelbroten Herbstblättern nach, die langsam zu Boden flattern. Wie liebst du diese Jahreszeit. November. Alle bangen sich wegen dieses Monats. Er sei traurig, sagen die einen. Er wirke bedrückend andere wieder.  Alles grau und trüb. Regen. Wolkenverhangener Himmel. Für dich war er niemals so. Nur eine Zeit die alles verabschiedet, eine kleine Weile noch, bis zeitgemäß das Neue aufbricht. Ein kurzer Moment doch nur, den du immer schon festhalten mochtest.
 
Du stehst da, auf Deinem Balkon, die Nase in die frische Herbstluft gestreckt, atmest durch und selig glücklich denkst du, wie schön, ich...ich lebe...das Leben ist schön. 
 
Von anderen, den Freunden und Bekannten weißt du, sie sind unterwegs. An diesem Sonntag. Nach einer Woche mühsamen Arbeitens heute das Programm. Du hast es vergessen, was es war. Irgendwas mit Kultur, Ausstellung, Kino, Musik. Ja Musik, hätte es vielleicht sein können. Auch für dich. Du solltest ja mitkommen. Aber du hast dich anders entschieden. Allein zu bleiben. Nur für dich und diesen Sonntag. Dem richtigen Sonntag. Für dich.
 
Du schlurfst in die Küche. Machst dir ein Frühstück. Sitzt da am Tisch, die Kerze flackert. Draußen immer noch die fallenden Blätter von den Bäumen und Stille. 
 
Behaglich, danach, das Sitzen an deinen Schachbrettern. Ein kleiner Plausch mit den manchmal unbekannten und bekannten Spielpartnern am Brett. Ein paar Worte nur, ausgetauscht. Was zum  Lachen. Was zum Nachdenken. Anteil genommen. Am Leben. der/des Anderen. Auch das so schön. Aber du willst da nicht verharren. An den Brettern des Spiels. Obwohl du es so unendlich liebst.
 
Jetzt einfach nur Sitzen. Da, auf dem Sofa und still werden, wie der richtige Sonntag. Der stille. Und das Buch betrachten. Das da liegt und auf dich wartet. Fast bis zur Mitte hast du es verinnerlicht. Vielleicht schaffst du es heute bis zum Ende. An diesem mittlerweile immer noch stillen Nachmittag. Auf deinem Sofa. 
 
Du machst dir ein wenig Musik an. Anour Brahem soll es sein. Dann liegst du und liest. Die Geschichte, die im *Alten Land* spielt. Die Gegend, die dir selber so ans Herz gewachsen ist im Laufe deines Lebens. Vielleicht auch deswegen, weil die Mutter, deine, auch dort gestrandet ist. Wie die Flüchtlinge in dem Buch. Im Krieg. Geflohen von überall her. Wie deine Eltern. Vater. Mutter. Und die Zeilen berühren dein Herz. Wegen dem Gefühl des Gestrandetseins. Dem Hinausgeworfen zu sein, aus der Heimat. Wie deine Eltern. Als wenn du sie jetzt noch besser verstehen kannst. Dass sie immer mit diesem nicht hierher gehören-Gefühl gelebt haben. Ein bisschen haben sie das an dich weitergegeben. Dieses, nicht so ganz irgendwo hinzugehören. Ein Fremder doch immer zu bleiben. Und Heimat für dich nur da ist, wo es Menschen gibt, die dich verstehen und die du magst, so wie sie dich mögen. Der Ort ist egal.
 
Du erinnerst dich daran, wie sie auch dich beschimpft haben. Damals. Dort, wo du aufgewachsen bist. Keine gute Gegend. Ein Übergangsort. Du Pollackenkind, haben sie dir manchmal hinterher gerufen. Und du wußest gar nicht, was das bedeutet. Damals. Es ist auch nicht mehr wichtig. Jetzt.
 
Jetzt liegst du hier. Auf dem Sofa. Versunken in die Geschichte. Gleichzeitig spielt die Musik. Du hattest dir Arvo Pärt ausgesucht. Für den nun spät gewordenen Nachmittag. Die Symphonien fügen sich ein in die gelesenen Zeilen. Beides wird in dir eins. Sie passen zur Geschichte. 
 
Doch dann, ganz plötzlich, Eine Melodie, die dich innehalten lässt. Du legst das Buch fort und hörst nur noch. Klavierklänge so zart, so leise, so bezaubernd. Sie dringen tief in dich ein, die Töne. Sie lassen Tränen in Dir hervorbrechen. Die kommen einfach so. Ungewollt. Es ist gar nichts da, über dass du weinen müsstest. Gerade jetzt in diesem Moment beim Hören dieser wunderbaren Klänge. Obwohl es genug zum Weinen gäbe. Das Gestern, der Freund, erst kürzlich verstorben. Und nun noch der letzte, der im Sterben liegt, jetzt. In diesem Moment. Wo du hier liegst und diesen Tönen nachhörst. Der es schwer hat. Sehr schwer. Nein, darüber weinst du gerade tatsächlich nicht. Denn du hast es ja akzeptiert. Es ist so. Das Leben ist so. Auch du wirst gehen. Irgendwann. 
 
Nein du weinst einfach so. Weil das *Tabula rasa* von Arvo Pärt einfach so unglaublich schön ist. Violine und Klavier. Musik die die Zeit anhält. Ein Zauber von Ewigkeit im Raum. Und das alles gut ist, wie es ist und wie es sein wird. Dass alles zusammengehört in der unendlich großen und langen Welt- und Menschheitsgeschichte, auch deiner eigenen. 
 
Du bist so glücklich in diesem Moment. Draußen hat nun der Regen begonnen. Es tropft an deine Fenster. Es ist dunkel geworden. Die Kerze flackert vor dir. Und du denkst, es ist spät geworden. Du hast es gar nicht bemerkt. Wie der Tag sich dem Ende zugeneigt hat. Einfach so. Obwohl du gar nicht viel getan hast. Am Ende diese unfassbare Schönheit, die dir diese Musik von Arvo Pät geschenkt hat. 
 
Du wirst nun nicht mehr viel tun. Immer noch nicht viel tun. Noch die letzten Seiten deiens Buches zu Ende lesen. Vielleicht noch ein wenig an deinen Schachbrettern sitzen.  
 
Ja, das war ein richtiger Sonntag. Für mich! Ich hoffe, für meine geneigten Leser, dass ihr ebenfalls einen *richtigen Sonntag* erlebt habt. So, wie er zu euch passte. 
 
Arvo Pärt                   https://www.youtube.com/watch?v=7YqF69HLkj8
 
Das Buch: Dörte Hansen *Altes Land* Knaus Verlag.
 
 
 
 
 
 
 
 

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5. August 2019 1 05 /08 /August /2019 18:02

Fragt Ihr Euch auch, nach vollendetem Tagewerk, am Abend dann, wenn Ihr zur Ruhe kommt: Was war eigentlich der schönste Moment meines Tages?

 
Ich schreibe bewusst nicht *der glücklichste Moment* Ich hab es meistens nicht so mit den Superlativen, obwohl es da natürlich einige zu erzählen gäbe. Ich weiß ja, dass Glück im Leben des Menschen ist reduziert, sei es für eine längere Zeitspanne oder gar für einen Moment. Ich bin ganz zufrieden, wenn  keine Abstürze, körperlich oder  seelisch, in das Wohlbefinden herein brechen  oder gar irgendetwas von außen mich verunsichert. 
 
Daher bin ich sehr zufrieden am Abend in der Reflexion auf das Gewesene des Tages mich am *schönsten Moment* festzuhalten, ihn zu erinnern und obwohl er vorbei ist, ihm noch mal tief in mir nachzuspüren. 
 
Manchmal ist es auch so, bei mir jedenfalls, dass, wenn etwas geschieht, ich schon weiß, das ist der schönste Moment des Tages, obwohl er noch gar nicht vorbei ist. Das ist einfach so. So wie heute.
 
Nach einer Pflichterfüllung, dem Absolvieren meines Sportprogramms fuhr ich auf dem Rad Richtung nach Hause. Die Luft war herrlich frisch, die Sonne gar nicht so erbarmungslos heiß und mir kam spontan der Gedanke, ach was, was soll ich zuhause, da kennt mich ja Jeder. Fährst in den Park Roeschen, an deine Lieblingsstelle auf die Bank und vertiefst dich noch in dein angefangenes Büchlein.
 
Denn wisst ihr was? Es gibt außer dem wohligen Platz daheim auf dem Sofa oder dem Balkon noch einen weiteren *schönsten Platz* zum Lesen, und das ist die Parkbank an meiner Lieblingsstelle in meinem nahe gelegenen Stadtpark. Da sitze ich öfter. Nicht immer zum Lesen, manchmal auch nur zum Muße üben, gucken, staunen, auf mich wirken lassen, den Gedanken Raum und Zeit geben. All das eben, wozu ich früher nicht unbedingt immer die Zeit hatte.
 
Ein so herrlich friedlicher Ort, dieser Stadtpark. Gerade heute habe ich das wieder  stark empfunden. Sitz ich da im Schatten, der leichte Wind lässt die Blätter von den Bäumen schwanken, fast schon eine vorherbstliche Stimmung. Ich weiß natürlich, dass es noch nicht so weit ist, mit dem Herbst. Es ist die lang anhaltende Trockenheit, die die Blätter schon verfrüht von den Bäumen sinken lässt. Aber das ist eben so. Daran können wir ja nichts ändern. 
 
Das schöne Büchlein, in dem ich gerade lese, hat zum Thema den selbstbestimmten Tod dreier alter Männer, die sich von der Gesellschaft verabschiedet haben und sich in einem Wald drei Hütten gebaut haben. Aber vom Buch will ich gar nicht erzählen. Vielleicht, wenn ich es zu Ende gelesen habe. 
 
Dennoch kann ich natürlich nicht verhehlen, dass, wenn ich das Büchlein für eine kurze Zeit vor mir sinken ließ, mir eigene Gedanken um meine Vergänglichkeit, dem Älterwerden und dem sich Abfinden damit, dass ich auf den Tod zuschreite, durch den Kopf gehen.  Das machte mir heute keine Angst. überhaupt nicht. Es gibt natürlich schon Momente im Leben, Alltag, Tagesverlauf, wo mich der Gedanke noch ein wenig schreckt. Ich bin noch nicht soweit wohl, für immer keine Angst zu haben vor dem Unausweichlichen. Aber wie alle Entwicklungs- und Erkenntnisprozesse, geht es Schritt für Schritt und eh man sich versieht, oft unbemerkt, ist man soweit. 
 
Entspannend ist es auch, so einfach dem Treiben um mich herum, dass heute recht spärlich daher kam, zuzusehen. Den Radlern die an mir vorbei fuhren, wohin auch immer, zur Arbeit, nach Hause, einfach so in der Gegend herum oder zu anderen Terminen. Die anderen Menschen wahrzunehmen, die ebenfalls über das Glück verfügten, so wie ich, zu diesem Zeitpunkt auf einer Parkbank sitzen zu dürfen oder denen, die mit ihren Hunden oder ihren Kindern, seien es welche, die noch nicht lange auf ihren eigenen Beinen durch die Welt spazieren oder im Kinderwagen gefahren werden. 
 
Ich finde das so schön, so friedlich, diesen Menschen dann zuzusehen, wie sie ohne Hetze da herumwandeln. 
 
Als ich mich gerade wieder für einige Seiten in mein Büchlein vertieft hatte, die Umwelt fast ganz vergessen, hörte ich schon wie sich Schritte auf meine Parkbank zu näherten. Ich blickte hoch und sah ein junges Ehepaar mit einem Kinderwagen. Das Kind war gar nicht mehr so klein oder so jung. Ich kann mich natürlich auch täuschen. Vielleicht war es einfach nur schon so groß für sein Alter. Es sah auf jeden Fall sehr fröhlich aus. Das Kind. Da in seinem Kinderwagen. Wie es da so thronte und von ihrem Vater geschoben wurde. Die Eltern, sahen auch ganz fröhlich aus, fast schon glücklich. Also, das ist auf jeden Fall eine glückliche Zeit, denke ich, wenn mit seinem Kind um diese Zeit durch einen friedlichen Park spazieren gegangen werden kann, keine Sorgen und Nöte irgendwas das kleine Familienglück belasten und sich ganz dem Moment des Miteinanders hingegeben werden kann. 
 
Der Vater ulkte und spaßte mit dem kleinen Mädchen, ja es war ein Mädchen, dass es nur so gluckste vor Freude. So schön. Er redete jedoch in einer Sprache, die ich nicht verstand. Ich machte mir auch nicht weiter Gedanken über ihre Nationalität oder ihrem Kulturkreis, in dem sie beheimatet waren. Das ist nicht wichtig für mich. Vielmehr erfreute ich mich an ihrer Art wie sie miteinander umgingen und wie dem kleinen Mädchen sichtbar alle Liebe ihrer Eltern zuteil wurde. Als sie auf meiner Höhe waren, fing der Papa gar an zu singen. Laut und deutlich. Ohne Scheu, sang er seiner kleinen Tochter ein Lied vor. Das Lied kannte ich sogar. Aus früheren Zeiten. Aus einem Film mit Doris Day. Ich konnt gar nix mehr denken in dem Moment. Doch, doch den einen Gedanken hatte ich, so junge Leuts und kennen dieses Lied. Vielleicht ist es jedoch gar nicht so ungewöhnlich, weil es ein Lied ist, dass zeitlos ist und dass jeder irgendwann in seinem Leben einmal zu hören bekommt, wo auch immer.
 
Es handelte sich um den hübschen Song* Que sera sera. Es war so schön, so unbeschreiblich schön, wie der Vater seinem kleinen Töchterlein dieses Lied vorsang. Ich hatte regelrecht eine kleine Gänsehaut vom Mitfreuen und ich sags ehrlich, auch wenn das der ein oder andere jetzt überhaupt nicht versteht oder gar denkt, hm..bisserl übertrieben, aber es war so, mir wurde so was von warm ums Herz. Es war ein absolut schöner Moment, diese Begebenheit, die ich da miterleben durfte. Und die Freude der Eltern sprang auch auf mich über, durchdrang mich und ich lachte stillvergnügt vor mich hin, den Dreien noch noch mitsummend nachblickend.
 
Wahrscheinlich ist dem Vater dieser Song eingefallen, weil das Töchterlein ihn vorher mit Fragen die mit  "wann wird das sein und was kommt dann* bombardiert hatte. Ich kenne das ja von meinen Kindern, als sie in dem Alter waren. Und schwups fiel dem Vater das Lied ein. Das kenne ich auch. Wenn irgendwo, irgendwas gesagt wird, erinnert mich das manchmal auch an einen Song, der genau das Thema zum Inhalt hat, worüber geredet oder wonach gefragt wurde. Ich bin son Typ. 
 
Und worum geht es in dem Song?  Da erinnert sich eine Frau daran, wie sie als kleines Mädchen ihre Mutter nach der Zukunft fragte, die sie einmal haben wird und was die Mutter darauf antwortet. Aber hört selbst:
 
 
Alle fragen nach der Zukunft. Große und kleine Menschen. Sei es bezüglich ihres eigenen kleinen Lebens oder dem großen gesellschaftlichen und politischen Werdegang in der Welt.  Jedenfalls ab und an gehen die Gedanken durch den Kopf. Am Ende ist es wirklich besser zu der Erkenntnis zu gelangen, die in dem Lied auch aufgezeigt wird. Wir wissen es nicht. Es kann nur ein *Heute* geben. Und jeder Tag ist ein neues *Heute* Und Tag für Tag entwickelt sich alles, man selber, das Leben, das man lebt und die große weite Welt. So ist es. Mehr nicht. 
 
Lassen wir uns also nicht unterkriegen von Unheilsprophezeiungen. Tun wir, was wir tun können und leben unser Leben, unseren kleinen Alltag, mit dem was uns wichtig und lieb ist.
 
Ach, es war richtig schade, dass die Drei so langsam entschwanden. Ich hätte dem Vater noch gern ein wenig zugehört. Nun hab ich jedoch den Ohrwurm behalten und das Geschenk des *schönsten Moment* meines Tages. Das war er und ist er auch geblieben. Den hab ich meinen geneigten Leser jetzt erzählt. Und vor dem Einschlafen heute Abend werd ich bestimmt ganz still vor mich hin singen.
 
Und was war Ihr schönster Moment des Tages? 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

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13. Juli 2019 6 13 /07 /Juli /2019 12:06
Früher war es ja so...Ärzte wurden als Halbgötter in weiß betrachtet. Wenn einer redete, dann waren sie es. Wenn man Glück hatte, kam man auch mal zu Wort und durfte Fragen stellen. Worauf als Antwort sogleich ein medizinischer Vortrag kam. Da verstand man dann  gar nix mehr und war so schlau wie vorher.  Man saß da, schaut den Halbgott an, nickte, nahm sein Rezept und die Diagnose demütig entgegen, um in die nächste Apotheke zu eilen,  damit die empfohlene Medikation schnellst möglich zur Hand war. Das wars dann. Interessiert haben sich Ärzte zumeist nicht, welcher Mensch da vor ihm saß. Keine Zeit. Kein Interesse. Oder einfach so in ihrem medizinischen Denken und Praxisabläufen involviert, dass darüberhinaus gar kein Platz für den Menschen war. Diagnose! Diagnose zählte und das wars dann auch. Naja, immerhin. Ist ja nun auch wichtig. Wenn ich zum Arzt gehe, will ich schließlich wissen, was mir fehlt. Und das mit den Diagnosen ist ja auch nicht immer so einfach. 
 
Jedenfalls...mir ist es beim Arztbesuch auch wichtig, dass ich, wenn ich schon mal da bin, auch angesehen werde. Also angesehen werden im Sinne von...welcher Mensch sitzt da vor mir, was führt ihn zu mir, welche Beschwerden hat er und wie kann ich ihm helfen. Ich kann mich auch nicht groß beklagen eigentlich. Der Arzt, mein Hausarzt, der mir der Wichtigste ist, ist perfekt. Er hat Zeit, er hat mich in all den Jahren kennen lernen dürfen, er weiß Bescheid über alle Diagnosen gewesener Krankheitsabläufe und was mich sonst auch so beschwert. Denn, das kann ja nun nicht geleugnet werden, Psyche, Seele, wie auch immer stehen im Zusammenhang mit den körperlichen Gebrechen. Oft muss der Körper sprechen, weil der Mensch nicht hinguckt, was ihm sonst außer dem Schmerz, der ihm zu schaffen macht, noch so in seiner Lebenssituation zu schaffen macht. Ist es doch so, dass der Mensch in seinem Hamsterrad kreist und nicht sieht, was dieses mit ihm macht.
 
Also, es ist schon gut, wenn der Hausarzt wirklich der Arzt des Vertrauens ist, da kann man bei den Fachärzten für bestimmte Bereiche schon mal ein Auge zu drücken, wenn man nicht angesehen wird und es schnell husch husch gehen soll oder muss. 
 
So einen Facharztbesuch hatte ich vor ein paar Tagen. War schon lange angemeldet, genauer gesagt, seit einem halben Jahr vorgemerkt.  
 
Ein Augenarzt. Vor einem halben Jahr stellte er die Drohung in den Raum wegen eines festgestellten Grauen Stars, scheint häufig vorzukommen beim älter werden, stehe möglicherweise eine OP ins Haus. Oha! Das hat mich schon tüchtig erschreckt. Augenlicht. Ohweia...Da kriecht schon mal die Angst in einem hoch. Ich weiß da ja bescheid aus meinen Betreuungen blinder Menschen. Um das, was es mit dem Menschen macht. Ehrlich...eine kleine Angst webte da schon in mir. Jetzt gibts ja Leuts, die sagen einem immer, wenn du vor was Angst hast, brauchste doch nicht. Angst haben. Ich find das blöd. Ehrlich. Schon als Kind wurde mir immer gesagt, wenn ein Alp mich nachts hoch schreckte oder irgendwas im Raum stand, wovor kleine Ängste hoch stiegen, dann kam immer von den Erwachsenen...du brauchst oder musst keine Angst haben. Hatte ich aber. Ist so. Was soll denn auch der Kwatsch. Ein Mensch, der vor nichts Angst hat, ist mir jedenfalls nicht geheuer. Neulich, ich weiß es nicht mehr, in einem Film oder einem Buch, hörte ich den Satz: Nur, wer auf alles verzichten kann, hat vor nichts mehr Angst. Und das wissen wir doch, Verzicht muss geübt werden, am Ende eben auch auf das eigene Leben. Aber dahin muss man erst mal kommen. 
 
Egal, ich schweife ab. Wie so oft. Der Augenarzt. Ich hatte Termin. Wie immer gab es dennoch eine Wartezeit. Ist nicht schlimm für mich. Notfälle kann es schließlich geben. Zudem musste wegen der Untersuchung der Netzhaut ja auch ein drei maliges Träufeln einer Flüssigkeit in die Augen vorgenommen werden. Das dauert halt. Schließlich war es dann aber soweit. 
 
Ich wurde ins Sprechzimmer gerufen. Da saß er, der Halbgott in weiß für das Augenlicht. Vor seinem Computer und studierte. Was weiß ich. Die Daten des Patienten, der vor mir war oder meine. Keine Ahnung. Er studierte jedenfalls. Er hat nicht mal Morgen gesagt. Jedenfalls ich hab nix gehört. Ich hab ihn angeschaut, bin an ihm vorbei zum Untersuchungsstuhl und habe beiläufig *hallo* gesagt. Kam immer noch keine Antwort. Er blieb weiter vertieft in seinen Studien vor seinem PC. 
 
Na ja, war mir jetzt auch wurscht. Ich wusste eh, was kam und setzte mich bequem auf den Stuhl.  Plötzlich aber sagte er was. Oha. Er sagte was, aber ohne mich anzuschauen. Hätt ich nun gar nicht mit gerechnet. Er fragte: Alles gut? Ich war völlig geschockt von dieser plötzlichen Frage. Gefasst und munter zugleich, wie es so meine Art ist, hatte ich die Antwort aber direkt parat: Ich sagte: Es ist nicht immer alles gut! Tja, ist doch so. Mehr wollte ich auch gar nicht zum Ausdruck bringen. Also jetzt nicht jammern oder heulen, was bei mir gerade nicht gut lief. Das war hier bei ihm ja nun nicht der richtige Ort. Ich weiß schon, wo was hingehört. Aber immerhin, immerhin hatte ich mit meiner Antwort etwas erreicht. Er drehte sich spontan von seinem PC weg und schaute mich an. Und...er lächelte. Kam sicher nicht so oft vor, dass er solche Antworten bekam. Ich freute mich. Wir verstanden uns, merkte ich,
 
Als er zur Untersuchung herüber zu mir kam sagte er dann, ja sie müssen eigentlich immer eine Brille tragen. Och, erwiderte ich, mach ich nur wenns nötig ist. Ich kann schon noch ganz gut über die Strasse gehen. Beim Autofahren zieh ich sie ja auf, beim Radeln auch, wenns nötig ist. Ich sage das vorweg, ich weigere mich nicht, sie immer zu tragen wegen der Eitelkeit. Es verhält sich eher so, dass ich sie nicht gut vertragen kann auf der Nase. Wie Handschuhe, wenn es kalt ist oder einen Schirm, wenn es regnet. Ja so ist das. Und es ist ja so, sagte ich ihm: Ich muss ja nicht alle sehen. Hihi , ich hatte ihn schon wieder aus der Reserve gelockt mit dieser Antwort. Er schmunzelte. Sagte aber nix. Wir verstanden uns eben. 
 
Die Untersuchung folgte und ich konnte Aufatmen. Ne, eine OP sah er jedenfalls jetzt nach einer halbjährigen Überprüfung doch nicht für nötig an. Dem Himmel sei Dank. Sagte ich ihm auch. Da bin ich aber froh. Verstehe er, eine OP, wie auch immer, birgt immer Risiken und was nicht muss, das muss ja auch nicht. Herrlich, so eine erlösende Nachricht. 
 
Wir prüfen das weiter. In einem halben Jahr, sagte er. Ob mir der so und so vielste Januar 2020 recht wäre. Klar, sagte ich, ich komme, falls ich dann noch lebe. Und wie schon zuvor bei meinen vorherigen unverhofften beiden Antworten schnellte sein Kopf wieder zu mir herüber, weg vom PC und schaute mich an und...was denkt man...sein Lächeln sagte mir wieder...recht hat sie ja. Wir verstanden uns eben auch ohne viel Erklärungen ob des Gesagten. Es kann doch so viel passieren in einem halben Jahr, ach was rede ich, selbst an einem einzigen Tag. Das will ich jetzt hier aber nicht weiter philosophieren.
 
Ich wollte einfach nur erzählen, wie es gelingen kann, einen Halbgott in weiß auch mal aus der Reserve zu locken und am Ende zum Fazit zu kommen, der ist eigentlich ganz sympathisch und ich fühl mich hier gut aufgehoben. Und was wichtig ist, kommuniziert er ja auch und dann, wenn ich nachfrage, bekomme ich auch Antworten, die ich verstehe.
 
Zu Hause musste ich noch lange nachsinnen ob meiner Begegnung mit ihm und vor mich hinschmunzeln. Mein Hausarzt des Vertrauens sagte einmal zu mir, Roeschen, Roeschen, manchmal haben die Menschen Angst vor Dir. Vor Dir und Deinen unerwarteten Sätzen, die so plötzlich aus dir herausschießen und mit denen Niemand gerechnet hat und über die man schon auch nachdenken könnte, wenn man wöllte:)
 
Übrigens, ich hab dann auch mal zu Halbgöttern in weiß gegoogelt und nachgeforscht. Es ist schon lange nicht mehr so, dass sie so angesehen werden. Bei einer statistischen Umfrage ist herausgekommen, dass nur noch 7 von 10 Menschen, sie als solche betrachten. Es ist auch nicht mehr in Stein gemeißelt, was ein Arzt dem Menschen sagt. Überwiegend holen sich Patienten heute eine zweite Meinung. Sie sind selbstbewusster geworden und lt. Studienergebnis sehen sich 60% der Befragten auf Augenhöhe mit ihren Ärzten. Es herrscht kein blindes Vertrauen mehr in *eine* Meinung. Patienten können heute ihre Daten, Laborberichte, Befunde und Diagnosen, sammeln und Zugriff auf sie haben. Das Internet ermöglicht auch, sich weitergehend zu informieren. Das ist besonders wichtig dann, wenn Diagnosen nicht so ohne weiteres gefunden werden. Wie ich las, gibt es in Deutschland rund 4. Mio. Menschen die unter 8000 seltenen Erkrankungen leiden. Diese Menschen machen oft eine lange Tortur durch, bis sie endlich die richtige Diagnose bekommen. Das bedeutet aber nicht, dass die Ärzte inkompetent sind, sondern das sie unzureichend informiert sind. 
 
Nein, die Zeit der Halbgötter in weiß ist abgelaufen. Eine andere Zeit hat sie abgelöst. Eine Zeit, in der Arzt und Patient sich selbstbewusst gegenübertreten und wenn es gelingt, ein Vertrauensverhältnis aufbauen, der für Beide wichtig ist, um dem Übel, von dem der Patienten befallen ist, auf die Spur zu kommen und es richtig behandeln zu können. 
 
Ich wünsche allen meinen geneigten Lesern gute Ärzte, wenn sie sie denn mal brauchen. Ärzte, denen sie vertrauen können. 
 
 
 
 
 
 
 

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15. Oktober 2018 1 15 /10 /Oktober /2018 09:10
Es gab eine Wanderung. Eine spontane Idee von mir. Ich wurschtele in meinem Leben immer so rum, gern gehe ich meine Wege allein. Aber immer möcht man auch nicht allein sein. Da gibts eine schöne Wandergruppe, der ich mich angeschlossen habe. Regelmäßig finden geführte auf den schönen Kulturpfadwegen statt. Manchmal klappt es nicht, zeitlich oder eine andere Unternehmung steht dem Termin entgegen. Das geht nicht nur mir so, sondern auch anderen ab und an mal.
 
In der großen Gruppe hat sich eine nette Truppe gefunden, die dann, wie auch an diesem Tag, die Touren nachholt, die in der großen Gruppe nicht mitgemacht werden konnten.
 
Also, spontaner Gedanke von mir über meine Wandergruppen-whats-app-Einrichtung die Leuts zu mobilisieren. Sollen wir nicht am Sonntag. Ein kleines Hin- und Her, welche der verpaßten Route wir gehen sollen, einigten wir uns sehr schnell. Da ist Niemand bei uns, der die Oberhand behalten will oder sich durchsetzen möchte. Das paßt richtig gut miteinander.
 
Also, Sonntagmorgen vor der großen 2020 am Wiener Platz trafen sich vier Menschen, um diese schöne Etappe des Kölnpfades zu laufen. Als ich ankam, stand da ein Mann mit Rucksack, den ich nicht kannte, dachte, huch..ein Neuer... sprach ihn an und fragte, ach gehören sie auch zu uns, der kleinen Wandergruppe? Es hätte ja sein können, dass einer der Mitläufer ihn mobilisiert hatte. Jedoch stellte sich heraus, es war nur ein KVB-Mann, der vor Antritt seiner Arbeit ein Zigarettchen rauchen wollte. Er lachte übers ganze Gesicht und meinte, gern würde er mitlaufen, aber die Pflicht. Und Dienst ist nun mal Dienst. Wir plauderten noch eine Weile, dann zog er von dannen. Meine netten Leutchen trafen ein und wir fuhren mit der Bahn zur Endhaltestelle Thielenbruch. Von dort sollte der Weg beginnen.
 
Übrigens, ich weiß nicht wieso die Bahnen unserer Kölner KVB so unendlich laut daherschrammeln. Das ist der helle Wahnsinn. Man kann kein Wort wechseln während der Fahrt. Gut, muss ja auch nicht sein. Dennoch ist der Lärm ohrenbetäubend. Die Technik scheint da weit hinterher zu hinken, wenn ich an Bahnfahrten in anderen großen deutschen Städten denke, von Wien, der Stadt, der ich erst kürzlich einen Besuch abgestattet hatte, ganz zu schweigen. Nunja, in unserem schönen Deutschland ist halt die Automobilindustrie der Herrscher und die Politik tut wenig daran, das zu ändern, den Menschen in ihren Möglichkeiten zu pendeln oder aus anderen Gründen Wege zurückzulegen, Erleichterung zu schaffen. Ist einfach so.
 
Egal, in Thielenbruch angekommen, die Sonne scheint vom Himmel herab, der blau leuchtet und wir maschieren los. Am Waldrand entlang ziehen wir an einer kleinen Häusersiedlung vorbei, lassen Dellbrück seitlich liegen, überqueren ein paar Strassen um wieder in den Wald, der unter Naturschutz steht, zu gelangen. Kleine Bäche müssen überquert werden.
 
Ich will jetzt auch gar nicht den gesamten Weg beschreiben, das kann ja alles nachgelesen werden in dem schönen Büchlein *Kölnpfad*...Aber zu erwähnen ist sicherlich auf jeden Fall der wildromantisch gelegene Rübezahlwald. Da wir wissen, dass der olle Rübezahl ja seine Heimat im Riesengebirge hat, fürchten wir uns gar nicht, sondern juchzen innerlich vor Freude über die verwunschenen kleinen Wege, die oft über umgestürzten Baumriesen überklettert werden oder von kleinen bergauf-bergab-Hindernisse überwunden werden müssen. So verwunschen dieses kleine Wäldchen, das es der Phantasie genügend Raum gibt, sich kleine Märchenwelten zu erfinden. Aber es wird auch gebabbelt, so daß dem Geist nicht all zu viel Raum gegeben wird.
 
A bisserl erschrecken wir uns dann doch, als wir nach der Durchquerung des kleinen Wäldchens einen etwas merkwürdig ausschauenden älteren Mann mit langem Bart , der da ein wenig unheimlich an einer Ecke einer Lichtung steht, bevor es hinauf in die Höhen geht. Vielleicht war es ja doch der Rübezahl. Ich jedenfalls hatte ein wenig Ehrfurcht vor ihm und war froh, dass ich die Wanderung nicht alleine gemacht hatte. Allein wär ich ihm nicht so gern begegnet. Wie der da stand und uns alle anschaute, still und regungslos wie ein Denkmal. Und der olle Rübezahl ist ja bekannt dafür, dass er einen großen Widerspruchsgeist in sich trägt. Einmal kann er freundlich und hilfsbereit sein, dann wieder bös und arglistig. Und man weiß ja nie, in welcher Gemütsverfassung sich so ein Rübezahl befindet, wenn man ihm unverhofft begegnet. Manchmal gibts auch Menschen, also echte, keine Naturgeister, mit denen man Tag für Tag zu tun hat und du hast das Gefühl, du kannst sie nicht richtig einordnen. Mal sind sie freundlich, zugänglich, hilfsbereit, ja gar liebevoll und dann plötzlich aus heiterem Himmel scheinen sie unerreichbar, kurz angebunden und du überlegst, liegt es nun an dir, hast du ihnen auf die Füße getreten oder ist ihr Leben gar zur Zeit etwas in Unordnung geraten, so daß du selbst nur der Empfänger ihrer Laune bist.
 
Ich halte es dann immer so. Die Zeit wirds zeigen. Entweder sagt derjenige dann, Roeschen ich hab mich über dich geärgert, sollte dies der Fall sein und er tut es nicht, dann wirds wohl nicht so tragisch gewesen sein und alles spielt sich wieder ein. Und im günstigsten Fall, davon geh ich zumeist aus, wenn ich mir nun gar keiner Schuld bewußt bin, halte ich mich einfach still, trete ihm wie immer mit all meiner Freundlichkeit und Wohlwollen entgegen und warte bis sich die Wolken wieder verzogen haben. Was soll auch anderes getan werden. Es muß ja nicht alles auf die Goldwaage gelegt werden. Und wenn ich einen menschen mag, dann mag ich ihn, auch wenn er mal grantig daherkommt.
 
Übrigens diesem *Rübezahl* begegnen wir tatsächlich auf der Höhe noch einmal in der Nähe der Rochuskapelle, ein wirklich hübsches kleines Bauwerk mit einem Ruheplatz und einer schönen Aussicht. Wieder steht er da ganz plötzlich vor uns und schaut still und unheimlich in unsere Richtung. Alle guten Dinge sind drei, so wird gesagt, aber wir trafen ihn kein drittes Mal, genauso wenig wie ich auch kein drittes Mal über im Boden verwachsenem Wurzelwerk gestolpert bin, sondern es bei zwei Malen belassen habe. Und es ist auch gar nichts passiert. Und ausserderm sind nicht alle Dinge, die dreimalig eintreten sollen immer gut, nur dass das mal klar ist. Man könnte also genauso gut sagen, alle unguten Dinge sind drei.
 
Wir haben jetzt fast 2/3 der angegebenen Strecke hinter uns gelassen. Es ist heiß, die Getränkevorräte sind zusammengeschmolzen und wir freuen uns aufs Milchborntal, das kenn ich gut, da gibts das Naturfreundehaus, da wollen wir rasten und ein wenig ruhen, uns laben, die einen mit Apfelschorle, die anderen mit einem Bierchen. Bier geht gar nicht für mich, sowieso, da ich kein großer Biertrinker bin und schon gar nicht auf einer Wanderung, da würd ich sofort ins Koma fallen und keinen Schritt mehr laufen können. Aber vieles ist Gewohnheit, auch bei Biertrinkern, wie das Zigerattchen bei den Rauchern oder das gute Essen bei Molligen oder anderem gewohnheitsmäßig Geliebtem.
 
Ich freue mich schon deswegen aufs Milchborntal, weil es so was wie eine kleine Heimat für mich ist. Jetzt war ich schon seit Jahren nicht mehr hier, auch weil ich ja einige Jährchen in einer anderen Stadt gelebt habe. Aber hier verbrachte ich viele vergnügliche Stunden beim Laufen mit meinem Hund zu in jungen Jahren, später dann mit den Kindern, die dort Bäume erkletterten, beim Töchterchen erstmalig der Wunsch geäußert wurde, wenn sie mal groß ist, dann wird sie Bergsteigerin.l Gut, professionell ist da nun nichts draus geworden, aber die Berge hat sie schon so einige Male erklettert in überschaubaren Größenordnungen oder eben auch höhenerwandert. Also die Liebe zu Natur haben wir ihr wohl dadurch vermitteln können. Auch Baumhäuser sind hier in verwunschenen Ecken gebaut worden, die wir übers Jahr hin immer mal wieder überprüft haben, ob sie noch da stehen, wo sie errichtet worden sind. Jedenfalls viel Freud haben wir im Wäldchen rund ums Milchborntal erlebt. Und Erinnerungen sind ja immer der Beweis dafür, dass Leben gelebt wurde und nicht alles nur ein Traum, ein schöner, manchmal auch ein böser, war. Denn manchmal gibt es Momente, da denk ich das. Ich wär gar nicht hier in dieser Welt, alles nur ein Traum und dann muß ich mich mal kneifen, um zu spüren, dass ich Wirklichkeit bin und die Welt um mich herum ebenso.
 
Aber nun lag es endlich vor uns, das schöne Naturfreundehaus im Bensberger Wäldchen. Erfrischung naht. Endlich. Der Durst konnte gestillt werden. Ein Blick rundum. Alle Tische besetzt. Einen Augenblick stehen wir da so rum, schauen hier und dorthin, ob nicht vielleicht irgendeine Geselligkeit an einem der Tischchen sich auflöst. Ich weiß das genau. Der schöne Ort hat sich herumgesprochen in den Jahren. Da sitzen nicht nur Wanderer auf dem Weg, sondern auch einige Hundespaziergänger, die dort verweilen wollen oder einfach nur SUV-Fahrer, ihren Wagen auf dem Parkplatz abgestellt und dann die schöne Sitzgelegenheit bei billigem Essen genießen. So, wie man vor den Discounter-Läden ebenfalls die SUV´s mit Bullengitter oder große Mercedesklassenautos stehen sieht. Von nix kommt ja bekanntlich nix. Wenn das Auto schon teuer, dann wenigstens woanders die Schnäppchen ergattern. Naja, mir egal, sollen sie machen, wenns sie glücklicher sein läßt.
 
Wir entscheiden uns dafür, einfach eine nahegelegene Bank unser eigen zu nennen und wollen uns was *to go*, wie man heute sagt, kaufen. Ein Mitnehmgetränk. Also nix wie rein in die gute Wirtsstube. Vor dem Tresen hantieren eifrig die Kellner/innen, sogar der Inhaber ist vor Ort. Als ich an die Reihe komme, geb ich meine Wünsche auf. Huch...die Antwort: Wir bedienen nur an den Tischen. Aber die sind alle besetzt sag ich. Wir wollen uns einfach was mitnehmen und uns auf einer Bank vergnügen. Geht nicht, die Antwort. Wir haben zu viel mit der Tischbewirtung zu tun. Hallo! meine Antwort. Das ist doch wohl nicht ihr Ernst. Wir sind eine Riesenstrecke von Köln aus gewandert, haben Durst und sie verweigern uns  eine Getränkeausgabe! Ja, ist so, wir können leider nichts für sie tun, tut uns leid. Ich bin so was von empört, mehr als empört. Fassungslos, nicht glauben wollend zetere ich vor mich hin. Das mach ich selten, ehrlich, ich schwöre. Aber das ist der absolute Oberhammer. Wanderern nicht mal ein Glas Wasser anzubieten. Das macht doch keine Mühe. Wenigstens das hätten sie tun können. Aber nichts da. Lassen uns einfach stehen. Das nennt sich Naturfreundehaus sag ich. Sie werden noch von mir hören, meine Empörung weiter.
 
Aber wir ziehen ab. Was sollen wir auch anderes tun. Ungelöscht unser Durst, vertrösten wir uns auf eine vielleicht noch kommende Einkehrmöglichkeit. Nein, ich bin nicht launisch. Nie gewesen. Aber empört bin ich noch lange. Jetzt noch einmal, krieg ich die Antwort von meinen Mitwanderern, dann ist es gut Roeschen. Ich kann mich einfach nicht beruhigen ob einer solchen Unverschämtheit. Das passiert mir selten. Und von nun an ist alles einfach nur noch bescheuert. Der ganze Ort Bensberg. Das liegt auch nicht nur an meiner Empörung, sondern entspricht der Wirklichkeit. Wer will denn hier wohnen. An Autostraßen, Möbeleinrichtungshäusern, Sanitär- und anderen merkwürdigen ansässigen Firmen. Kein Mensch zu sehen auf den Straßen, alles liegt da steril vor uns und von einer Einkehrmöglichkeit ganz zu schweigen. Naja egal, eigentlich sind wir trotz allem guter Dinge, scherzen und lachen, meiner Wanderhose, die ich schon auf dem Jakobsweg getragen habe, bekommt sogar einen Namen. Sie heißt jetzt *Jakob*, die einzige Hose auf der Welt die einen Namen hat. So. Und wir müssen lachen.
 
Die Haltestelle der KVB ist nicht mehr weit, müde, aber selig fahren wir davon Richtung Köln, aus dem Fenster schauend ob da nicht am Wegesrand doch noch ein netter kleiner Biergarten liegt. Da wären wir sofort ausgestiegen. Aber laufen wollen wir nicht mehr, weit jedenfalls. Der zurückgelegte Weg hat weit mehr Meter verschlungen, als der eigentlich angegebene Kilometerstand. Aber das macht ja nichts. Wir sind erfüllt vom Waldbaden. Freuen uns jetzt auf Zuhause. Dann eben nicht. Trinken wir ein ander Mal noch was zusammen. Irgendwie haben wir kein Glück mit den Einkehrmöglichkeiten auf unseren Wandertouren, denn ich erinnere mich, auf der letzten sind wir ebenfalls einmal abgewiesen worden wegen geladener Gäste. Auch hier wurde uns nicht mal ein Gläschen kühler Erfrischung angeboten. Geld regiert halt die Welt. Und ich muss ehrlich sagen wieder einmal...Deutschland ist eine Servicewüste. Ich bin schon viel rumgekommen, aber so was ist mir noch nie irgendwo auf der Welt passiert. Naturfreundehaus! Ich sage nur Naturfreundehaus! Pffff... Niemals mehr geh ich da hin. Aber das wird denen egal sein. Denn es gibt ja genug SUV-Fahrer, die das Geld bringen. Ich will nochmal empört sein, jetzt, wo ich meine Gedanken an meine geneigten Leser preisgebe. Aber dann ist gut. Letzten Endes gehört ja alles zum Leben, zum Erleben, auch das, was man nicht will und wenn zurückgeschaut wird, ist alles für irgendwas gut gewesen. Zumindestens ist der Mensch an Erfahrungen reicher und hat daraus gelernt.
 
Und am Ende kann ich wirklich sagen. Diese 8. Etappe des Kölnpfades ist wirklich eine Königsetappe wegen der vielen unterschiedlichen Wegqualitäten, kleinen Wäldchen, Wiesen und Auen, kleinen Sehenswürdigkeiten und ja, fast hätte ich es vergessen. An einem schönen Oldtimer-Treffen sind wir auch noch vorbeigekommen. Haben auf unserem Weg kurz innegehalten und haben uns die schönen alten Karossen, die mit viel Liebe und Sorgfalt gepflegt werden, angeschaut und ich hab mich tatsächlich daran erfreuen können. Die alten Herren zumeist standen stolz davor um ihre Karren zu zeigen. Das waren doch noch Autos. Dagegen ein SUV mit Bullengitter....schwarz, weiß oder grau... Ich sag jetzt nichts mehr.
 
Viel Vergnügen auf dem Kölnpfad Nummero 8. Es gibt immer was zu entdecken. Und es wird nicht geglaubt, wie schön es rundum Köln sein kann, wenn es nicht erlebt worden ist.
 
 

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26. April 2018 4 26 /04 /April /2018 12:05
ein aufmerksamer Beobachter seiner Umwelt sieht einfach alles, natürlich auch alles, was ihn selber betrifft. Manchmal eben auch das nicht so Schöne. Das ist nicht immer einfach, so ein Leben, ständig bist du damit beschäftigt, zuzulassen oder auszusortieren, was ist wichtig und was brauchst einfach nicht. Fakt ist immer erstmal, du sieht alles, einfach alles. Und das macht es schwerer, manchmal das Leben. Vielleicht aber auch reicher, manchmal bin ich mir gar nicht so sicher, ob es ein Vor- oder Nachteil ist. Jedenfalls ein Gar-Nix-Merker möcht ich niemals sein. Denn wer nix merkt, kann auch nix verstehen. Das ist doch so, oder?
 
Neulich, da spazierte ich mal wieder so gemütlich vor mich hin. Das ist schön, wenn du Zeit hast, selbst wenn eine Pflicht vor dir liegt, diese ungemein drucklos oder hektisch erledigen zu können.
 
Ich spazierte also, weil ich noch Zeit hatte, zuerst einmal eine kleine Runde durch die Strassen. Die Sonne schien, es war warm, endlich,  und schaute mal hier mal da in die Umgebung. Da näherte ich mich einem mir voranschreitenden Päärchen. Vorausgeschickt, ich konnte nicht wissen, was es für ein Päärchen wahr. Daher nahm ich an, es war ein frisch verliebtes. Jedenfalls, alles, was sie so miteinander taten, wie sie da so Arm in Arm daherschritten und sich erzählten und neckten, pufften, sich los ließen, wieder in den Arm nahmen, hin- und wieder, legte er den Kopf auf die Schulter der Frau, naja, eben alles, was man so tut, wenn man miteinander spazieren geht, sich mag und die Nähe des Anderen genießt.
 
Sie fielen mir auch deswegen auf, weil sie so gar nicht dem *üblichen Schönheits- und Perfektionnismusideal des Menschen* in unserem Zeitgeist entsprachen. Ich persönlich verdreh ja immer die Augen, wenn ich so manche, vorwiegend Männer, über das Bild, dass sie von einer Frau haben, reden. Wer wie und warum und wo schön ist und wer nicht. Denke oft, meine Güte, so haben meine Kinder nicht geredet, in keinem Stadium ihrer Entwicklungsstufen. Manche Leuts werden einfach nie erwachsen bzw. reich an Geistesgröße. Was nicht bedeutet, dass auch ein Erwachsener das Kind in sich bewahren sollte. Aber damit ist ganz sicher etwas anderes gemeint. Frauen hört man weniger urteilsmässig über das Schönheitsempfinden bei Männern reden. Mich persönlich interssiert das Aussehen eines Menschen recht wenig, Es gibt andere Kritierien, warum ich einen Menschen mag oder nicht.
 
Jedenfalls, um ein Bild von den Beiden mir da Voranspazierenden zu geben, er war sehr kompakt, was die Körperfülle anbelangt und hinkte mit einem Bein neben der Frau her. Kleidungsmässig nun auch nicht nach der neusten Mode ausgestattet, eher so zweckerfüllend. Jeanshose, lockeres, weites, graues T-Shirt oben drüber, fertig. Sie ebenfalls mehr als kompakt, besonders die untere Hälfte schien vom guten Essen zu profitieren. Auch ihre Kleidung betreffende Angezogenheit reduzierte sich auf bequem und unspektakulär. Eine schwarze weite Hose und eine locker graue Bluse bedeckten ihren recht fülligen Körper. Und während ihres Neckens und Knuffens, stießen ihre fülligen Körper, auch bedingt durch die Gehbehinderung des Mannes, immer mal wieder aneinander und ich hatte das Gefühl, sie mussten Beide ihr Gleichgewicht im Nebeneinander und Miteinander Hergehen immer mal wieder erneut finden.
 
Aber das ist ja alles nicht so wichtig. Also, das Aussehen der Beiden, aus den anfangs geschilderten Gründen. Für mich jedenfalls. Daß die sich mochten, das war doch das Schöne. Mir wird immer ganz warm ums Herz, wenn ich Verliebte, Liebende sehe. Ich kann mich da so was von mitfreuen.  Wenn ein Mensch einen anderen gern hat, ihn liebt, dann ist es wurscht, ob er dick oder dünn ist, klein oder groß und ganz und gar eben, ob er dem Urteilsmaß des allgemeinen Bildes, dass die Zeit von Schönheit vorgibt, entspricht.  Das wichtige, was ich erzählen will, ist eigentlich die Geste, die der junge Mann plötzlich tat und das, was daraus folgte.
 
Ich lief also eine ganze Weile ganz still hinter ihnen her, einfach auch, weil ich nicht schneller war, aber auch ein wenig, weil es mir gefiel, einfach urteilslos die Beiden da vor mir zu sehen. Nur sehen, was sich da so abspielte.
 
Wir kamen an einer Stelle vorbei, die rechts ein langgezogenes abgrenzendes Blumenbeet aufwies, in dem kleine Pflanzen aber auch große Büsche, wie Rhododendron und Hortensien wuchsen. Der Rhododendron blühte in voller Pracht. Herrlich anzuschauen, in allen Farben, weiß, rosa, dunkelrot.
 
Der junge Mann löste sich plötzlich aus der Umarmung der Frau und pflückte, haste nicht gesehen, blitzschnell eine Blüte des Rhododendrons ab und reichte sie der Frau. Ach wie nett, dachte ich so bei mir und lächelte stillvergnügt vor mich hin. Wirklich liebenswert, wildromantisch diese kleine Geste, so empfand ich sie jedenfalls. Die Frau nahm die Blüte, ich konnt ja nun nix von vorne sehen, und ebenso blitzschnell wie der junge Mann sie gepflückt und ihr sie überreicht hatte, gab sie ihm sie wieder zurück. Ob sie jetzt nun daran gerochen hatte und der Duft ihr nicht gefiel, ich weiß es nicht, warum auch immer, sie sie ihm zurückgab. Ich überlegte kurz, ob sie etwas dazu gesagt hat, hören konnte ich ja auch nichts, dafür war die Entfernung zu weit. Es passierte nun aber genauso, er nahm die Blüte zurück, hielt sie noch einen Moment und dann warf er sie mir nix dir nix einfach wieder neben sich in das Blumenbeet. Danach gingen die Beiden auch nur noch einfach so nebeneinander her. Geredet haben die auch nicht mehr, jedenfalls kontne ich das anhand ihres Gebahrens nicht annehmen. Ich weiß ja nun nicht, wie das zwischen den beiden weitergegangen ist, danach.
 
Ich war richtiggehend geschockt. Ehrlich. Warum, dachte ich so bei mir. Das sind ja so Momente, wo du wirklich aufpassen musst, dass da jetzt nicht geschwind ein Gedanke kommt, ein Urteil oder einfach so ein * was biste du für eine blöde Kuh*, ist doch so, manchmal will einem das wenn nicht über die Lippen gehend, aber im Kopf ist das da schon mal drin. Ich hab zwar nicht blöde Kuh gedacht, sondern einfach nur, *wie doof von der* So. Erwischte mich natürlich sogleich auch mit den Entschuldigungsgründen ihres Handelns. Vielleicht hat se Allergie, oder kann Rhododendron einfach nicht ausstehen, Himmel Herrgott, so ging es hin- und her in meiner Gedankenwelt, Roeschen, Roeschen, mach hier nen Punkt, überhol jetzt die Beiden und gut ist. Geht dich eh nix an und wissen warum es so geschah, wirst du nie herausfinden. Könnte ich natürlich, einfach mal fragen beim Überholvorgang, wieso wollten sie die Blume nicht. So frech kann ich ja schon mal sein, in diesem Falle hatte ich jedoch davon abgesehen. Man weiß ja nie, was da auf einen zukommt an Lebenspotential, das einem dann erzählt wird oder natürlich auch ein* Das geht sie ja mal gar nichts an und grimmig angeguckt wird.
 
Ich hatte da jedenfalls in diesem Moment keine Lust drauf. Ich zog mit meiner Gehgeschwindigkeit an, überholte sie von links, wie ein schnelleres Auto, drehte mich kurz um und fiel dabei jetzt aus allen Wolklen. Das war gar kein verliebtes Päärchen, hahaha, sondern wohl Mutter und Sohn. Den jungen Mann schätze ich auf kurzen Blick so um die 16 Lebensjahre, die Frau dagegen so Anfang 50. Konnt ich ja schließlich von hinten nicht sehen. Ich sah ja nur ihr Gezärtel miteinander. So kanns gehen. Ist ja auch so, manchmal geht man hinter einer Frau her, mit langem wallenden Haar und denkt, wow , was hat das junge Ding für schönes Haar und dann sieht man sie von vorn und ist ganz überrascht, wenn sich hinter dem langen Haar eine alte Dame oder jedenfalls eine mindestens 50 oder 60jährige präsentiert. Kann man ja nicht erkennen, von hinten, nur am langen Haar. Langes Haar sagt noch gar nix aus über den Menschen, jedenfalls von hinten. So erliegt man Täuschungen. Da ist ganz sicher schon so mancher der Herren, die sich von der langen Pracht von hinten haben einfangen lassen, dann beim Vorderanblick enttäuscht gewesen,-) Selber schuld, sollen sie nicht immer ihren Projektionen erliegen. So wie auch ich an diesem kleinen Geschehnis meiner Projektion erlegen war in Bezug auf verliebtes Päärchen.
 
Ich will jetzt ja auch nicht darüber philosophieren, inwieweit der Mensch warum und wieso immer seine Projektionen braucht, woher das eigentlich kommt, welchen Ursprung das in seinem innersten Sein hat, das würde ja zu endlosem Geschreibsel führen, sondern ich sags jetzt mal ganz einfach, was ich sagen will:

Das war einfach lieblos von ihr, das nicht Annehmen des Blümchens, ebenso wie das Wegwerfen desselben.
 
Das Leben der Menschen besteht so oft aus jahrelang erlittenen Lieblosigkeiten, dass sie am Ende selber zu einem lieblosen Menschen werden, einfach einer der vielen *Erkalteten* weil es zu schmerzhaft wäre, all diese Lieblosigkeiten an sich heranzulassen und sie zu ertragen, gar auszusprechen, wie sie sich beim Erlittenen fühlen.
 
Ich bin dann weiter und weiter gegangen und haben beiden mir unbekannten Menschen von Herzen gewünscht, dass das eine Ausnahme in ihrem Miteinander ihres Lebens war und sie ansonsten ebenfalls wie jkeder Mensch lernen, gut miteinander umzugehen und wenn es mal nicht gelingt, sagen zu können, wos brennt und sich verzeihen können.

 

 
 

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8. April 2018 7 08 /04 /April /2018 14:14
Ich suche nicht und finde doch
oder...aus meinem Tageserlebnistagebuch
 
Gestern war wieder so ein Tag. Ja ein ganz besonderer Tag. Frühling, Wärme, Sonnenschein, blauer Himmel. Endlich raus, nicht nur für ein, zwei Stunden, sondern auf dem Rad den Tag verbringen, rundherum durch die Lande. Wie ich das liebe. Ich könnte auf meinem Rad schlafen, ehrlich. Manchmal wird mir gesagt, wie kannst du das nur so lange aushalten, dieses stundenlange Sitzen. Aber es ist wirklich so, ich hab da null Probleme, daher, wenn es alleine fahren würde, ich könnt auf meinem Sattel schlafen. Stell mir das gerade herrlich vor. Also, in einem selbstfahrenden Auto hätt ich nie die Ruhe, einfach so vor mich hinzudämmern, nur, um das mal gesagt zu haben.
 
Ich hab mich also aufgemacht. Natürlich viel zu warm angezogen. Weil...trete ich auf meinen Balkon hinaus, ist es dort immer viel viel kühler, als vor dem Haus. Ich unterliege da, egal welche Witterung vorherrscht, immer einem Irrtum. Aber das Zwiebelmusterprinzip hab ich verinnerlicht. Also erstmal alles angelassen, abstreifen geht ja immer.
 
Die Leuts sind ausser Rand und Band stell ich schon nach einigen Minuten fest. Alle scheinen ein wenig glücklicher und zufriedener zu sein. Wintermonate sind halt hart. Da muss man durch.
 
Es geht am Rhein entlang. Ziel, erstmal, ist der Aachener Weiher. Dort soll es *umsonst & draussen* geben, Musik- und Tanzfestival. Dacht, fahr ich mal hin und schau mir das an. Ich möcht durch den Rheinpark fahren und fahr bergauf die kleine Hafenbrücke am Mülheimer Hafen. Da gehts steil auf. Erster Gang, paß schon. Ok, ich gebs zu, die letzten 10 Meter musste ich doch absteigen, ging nicht mehr. Es war ja Winter, sag ich mir. Das kommt schon wieder.
 
Oben angekommen, seh ich da im Sonnenschein 5,6,7, ich kanns nicht sofort erfassen, andere Radler stehen. Machen da wohl Pause. Stehen am Geländer und schauen um sich herum. Ich hab das nicht geplant. Ich plane nie etwas. Nicht mal, ob ich einen Menschen anspreche oder nicht. So war das auch diesmal. Es war irgendwie so etwas wie ein von was weiß ich woher *gesteuertes* Soll oder Muß. Wie auch immer. Ich blieb da vor ihnen stehen und sagte mal guten Tag. Fragte, sind Sie eine Radgruppe, die sich regelmässig zum Ausfahren trifft oder einfach nur Freunde, die ab und an was zusammen unternehmen. Ich gestehe, immer wenn ich so direkte Fragen an mir völlig Unbekannte stelle, schweigen die erstmal für einen Moment. Überraschung wohl.
 
Jedenfalls, die haben sich schnell gefangen, lachten dann übers ganze Gesicht und klärten mich auf. Ja, sie seien eine kleine Truppe, die sich einmal im Monat zu einer gemeinsamen Radtour treffen würden. Manchmal rund um Köln, aber hin und wieder auch mit dem Zug irgendwohin, an die Ahr oder ins Bergische und dann dort herumfahren. Ich hab das ja nun nicht geplant. Ich bin ja meistens auch lieber alleine unterwegs. Da muss man keine Kompromisse machen, kann rasten, wann und wo man will. Aber in diesem Moment dachte ich, Roeschen, Roeschen, du kannst nicht immer nur jammern über die verlorenen Freunde, trau dich, mach mal einen Schritt auf neue Bekanntschaften zu. Und so fragte ich, ob ich da mal mitmachen könnte. Ich wäre zwar ein Eigenbrödler, aber wenns drauf ankommt, kann ich auch ganz gut in Gemeinschaft, ich geb mir jedenfalls Mühe. Eigenbrödler, meinten sie, das traut man ihnen gar nicht zu, so wie sie uns hier entgegengekommen sind. Natürlich, Neue seien immer willkommen. Und so tauschten wir unsere Telefonnummern aus, ich sagte ihnen meinen Namen und sie versprachen mir, den nächsten Termin telefonisch per whats app durchzugeben. Schön, dachte ich. Der Tag fängt ja gut an. Tschüss Roeschen sagten sie. Ich weiß auch nicht warum, so, wie sie mich verabschiedeten, das war so freundlich und warmherzig, dass ich mich jetzt richtig auf ein gemeinsames Radtourchen mit dieser kleinen Gruppe freue.
 
Ich fuhr weiter und dachte, siehste, Roeschen, nie suchst du, aber finden tust du doch etwas. Es ist doch so, ich stell mir das schrecklich anstrengend vor, wenn ich ständig nach irgendetwas suchen müßte. Ich leb eigentlich da einfach so vor mich hin. Erfülle meine kleinen und großen Pflichten, schaffe mir meine selbstgebauten Inseln und hin und wieder erfülle ich mir einen kleinen oder größeren Traum. Meistens ist es so, plötzlich hab ich eine Idee, und da spring ich dann drauf an. Was da eigentlich genau für Faktoren eine Rolle spielen, die mich dazu bringen, aus dem Nichts heraus an irgendeinen Ort zu fahren oder einen fremden Menschen anzusprechen, kann ich gar nicht so genau erklären. Bei Menschen wird ja gesagt, die Chemie muss stimmen. Aber bei völlig Fremden ist es ja nicht möglich die Chemie zu kennen. Da muss es etwas anderes sein. Irgendeine Ausstrahlung, ein Blick, eine Haltung des Körpers, jedenfalls irgendetwas das für von jetzt auf gleich neugierig macht, was das wohl für ein Mensch ist. Ich komm da nicht raus. Das war schon immer so. Und auf diese Weise hab ich eben schon sehr viele interessanten Menschen mit ihren Lebensgeschichten kennengelernt. Der ein oder andere ist mir sogar verblieben, wenn auch keine große Freundschaft daraus entstanden ist, verloren hab ich sie nun aber nicht.
 
Das schönste an meinen Ausflügen sind die kleinen Dinge, die ich entdecke. Keine Sensationen, nein, wer will schon Sensationen erleben. Es sind nun mal die oft nicht beachteten Dinge, für die ich gern ein Auge habe und die mir ebenso zufallen, obwohl ich sie nicht suche.

So gleich ein Stückchen weiter, kommt mir ein Päärchen entgegen. Mit nem Hund an der Leine. Obwohl... Hund, ich kann das gar nicht Hund nennen. Sagte ich auch, dem Ehepaar. Die waren aber nicht beleidigt. Ich sagte, hahaha, sie haben einen 400 Gramm Chihuahua  und lachte sie dabei an. Immerhin war der an einer Leine und lief selbst. Denn, mein geneigter Leser fragt sich nun wohl, wieso ich auf 400 Gramm Schwere des kleinen Dings da kam. Nun ja, es verhielt sich so, dass ich am Tage zuvor, ich machte eine Rast nach meinem Einkauf für eine alte Dame an einer Frittenbude. Das ist nämlich ebenfalls so. Manchmal überfallen mich Gelüste, einfach so. Die haben auch nicht schon vorher in mir geherrscht. Die sind plötzlich ganz einfach da. Und so erlaubte ich mir den Genuß einer Portion Pommes in der Schale. Jedes Mal, wenn ich die Pommes in einer Schale serviert bekomme, überfallen mich wehmütige Gedanken. Früher, ja früher, da war alles anders. Selbst die Frittenverpackung. Die gab es nämlich in einer fettfreien Tüte. Ich erinnere mich noch genau daran, als Kind, im Winter, wenn ich mit meinen Eltern spazieren ging, manchmal eine solche Tüte Pommes von ihnen spendiert bekam. Die kalten Finger umschlossen die warme Tüte und ich war stolz wie Oskar, sie mein zu nennen dürfen und verspeiste sie mit Hochgenuß. Und wie das duftete. Einfach herrlich. Ich trauere den Pommestüten wirklich nach, ehrlich, so bin ich. Aber was solls, egal wem oder was du nachtrauerst, Erinnerungen sollen bleiben, doch die Trauer darf dich nicht lähmen, sie hindert dich sonst am guten Erleben im Heute. Das ist so. Das weiß ich, auch wenn ich mich oft schwer tue. Dinge verändern sich nunmal. Etwas vergeht, dafür kommt etwas Neues oder Anderes. Und so lange du dein Leben hast, musst du mit den Veränderungen leben, klarkommen, sie manchmal ja auch bereichernd erleben. Wer zu macht für alles Neue, der blockiert sich selber. Ist so.
 
Aber wo war ich nun stehen geblieben. Ich stellte mich also mit meiner Schale Pommes an ein kleines Tischchen, das in der Sonne stand. Da war schon Jemand. Eine alte Dame, wirklich uralt, so sah sie jedenalls aus, klein und hutzelig. Hatte auch eine Schale mit Pommes. Ich sagte schön guten Tag. Da standen wir Zwei nun, gedankenverloren, labten uns an den köstlich knusprigen Pommesstangen. Die waren nämlich saugut, da, wo es sie gab. Plötzlich schaute ich neben die alte Dame und sah dann den Kinderwagen. So ein altes Modell, von früher, auf hohen Beinen, dick gepolstert. Fährt heut kein Mensch mehr mit herum. Auch die Kinderwagen haben sich weiterentwickelt und verändert. Ich mochte diese alten hochbeinigen Kinderwagen. Sie hatten was Stolzes an sich. Als wenn der Stolz der Eltern, ihr Kind spazieren zu fahren sich in ihm spiegelte.
 
In diesem Kinderwagen war aber kein Kind. Da lag ein Tier. Ein Hund, genauer gesagt. Jedenfalls nennt sich das Ding *Hund* ich sag das ein wenig belustigt, weil, selber Hundenarr wie jeck, fängt ein Hund für mich erst immer ab mindestens 50 cm Widerristhöhe an. Ist ja auch wurscht. Die alte Dame fand ihren Hund schön und liebte ihn. Jedenfalls sah man das. Sie hatte das Tierchen da in dem Kinderwagen eingebettet wie eine Prinzessin auf der Erbse. Von unten gepolstert mit einem Lammfell ausgestattet, rundherum mit Kissen und Deckchen verkleidet, lag das Hundeprinzesschen wohlgebettet in dem Kinderwagen und schaute zu mir hoch und ich es an. Oha, sagte ich zu der alten Dame, der Hund hats gut bei ihnen, besser als so mancher Mensch. Ich kontne mich nun mal des Gedankens nicht erwehren, der mir plötzlich kam und ich auch gleich die Bilder vor Augen hatte, von den vielen Menschen, die da einfach auf der Strasse obdachlos sitzen, gar schlafen müssen. Wie traurig das alles. Das waren nur meine Gedanken, ich sagte das nicht. Man muss ja nicht alles sagen, ist meine Devise, nur diesen einen Satz, der purzelte so aus mir heraus. Sie nahm mir das aber nicht krumm. Sie nickte stolz und meinte, 400 Gramm sei sie schwer, die kleine Tschischi (ich weiß nun nicht, ob das so richtig geschrieben wird, ich hatte ja nicht vor, darüber nun in meiner Geschichte hier zu erzählen, daher fragte ich sie auch nicht nach der Schreibweise des Namens) und hört aufs Wort. Sie fahre ihn meistens in dem Kinderwagen spazieren. Nur zum Austreten lasse sie ihn mal kurz laufen. Ich beließ es dabei, wollte auch nicht weiter von ihr und ihrem Hundeleben hören. Ich schmunzelte in mich hinein und dachte, nun ja, manche Menschen haben eben an 400 Gramm Hund ihr Glück gefunden. Das ist ja auch voll in Ordnung. Nur ein ganz klein wenig musste ich daran denken, dass es ja auch heißt, manche Menschen lieben ihren Hund mehr als ihren Nächsten. Vielleicht ist das ja auch einfacher, einen Hund zu lieben, die geben selten Widerworte. Und ich geb es ehrlich zu, manchmal ist mir ein Hund auch tausend mal lieber, als so mancher Zeitgenosse.
 
Das 400 Gramm schwere-Hundebesitzerpäärchen lauschte vergnügt meiner Erzählung von der gestrigen Begegnung mit der alten Dame, von der ich nun wußte, wie schwer ungefähr so ein kleines Hundetierchen ist und fragte, wollen sie es mal auf den Arm nehmen. Sie sagten, bei ihnen wäre es so gewesen, als sie es das erste Mal auf den Arm genommen hatten, wollten sie es nicht mehr hergeben. Gott bewahre, dachte ich, gut, dass Gedanken nicht lesbar sind, war dann jedoch nicht abgeneigt, die 400 Gramm mal zu nehmen. Sie hoben es von der Erde auf und drückten es mir in den Arm. Da zappelte es nun, das Tierchen, warum weiß ich auch nicht, wahrscheinlich weil es merkte, wie hilflos ich mich mit ihm fühlte. Selbst mein Kichern war etwas brüchig und verlegen. Ich fühlte mich nicht so recht wohl, obwohl, so sagt man doch, es zu niedlich war, das 400 Gramm schwere Tierchen.  Ich weiß nicht, ich hab bei der Bezeichnung für *niedlich* immer so ein Gefühl der Ablehnung. Wer oder was will schon niedlich sein. Naja, ich streichelte es mal zur Beruhigung ein wenig und übergab es ihnen wieder. Nä, ich  habe das gern wieder zurückgegeben, das 400 Gramm schwere Tierchen. Nicht mein Ding. Es war mir einfach zu niedlich. Groß, stürmisch und ein wenig rauh, das ist mir lieber, bei Mensch und Tier, nur ehrlich muss es sein.
 
Ich radelte weiter im herrlichen Sonnenschein, das Rheinufer nun zu meiner rechten Seite, dass mich dazu einlud ein wenig auf dem Mäuerchen vis a vis des Doms zu sitzen ud den Ausblick zu genießen. Dann ging es weiter und nun wollt ich erst einmal eine lange Weile nicht aufgehalten werden. Einfach fahren und fahren. Bis nach Zündorf ging die Fahrt, den Weg den ich in- und auswendig kenne, dass der  Muße des Schauens aber keinen Abbruch tat. Je mehr man etwas anschaut, um so dichter wird das Erkennen der Beschaffenheit. Das ist nicht nur bei einem Ort so, sondern auch mit den Menschen. Situationen wo man etwas sofort in ihrer wahren Größe und Schönheit entdeckt, gibt es wohl nur selten.
 
Mit der Fähre gings dann rüber zur richtigen Seite Kölns und über Rodenkirchen, das linke Rheinufer entlang bis zur Deutzer Brücke. Von dort aus radelte ich durch die Inenstadt Richtung Rudolfplatz, Aachener Weiher. Dort sollte ja nun mein nächstes größeres Ziel sein. Während ich fröhlich auf meinem Rad fuhr, beäugte ich die mich überholenden Autos, die für einen Einkaufsbesuch aus dem Umland nach Köln auf der Suche nach einem noch freien Parkhaus waren. Selbst schuld dachte ich, stehen sie da wie blöd in der Schlange. Wären se mit der Bahn gefahren, hätten sie es gemütlicher gehabt und sicher auch mehr erlebt. Aber so sind sie halt die Autoleuts, die fahren halt auch zum Brötchenholen zum Bäcker. Ein buntes Gewimmel von Menschen am Neumarkt, raus in die Läden, rein in den nächsten. Die sind alle auf der Suche, dachte ich. Nach irgendwas Neuem, was sie meinen, was sein muss. Was bin ich so froh, dass ich nichts suchen muss.
 
Schnell hatte ich den Rudolfplatz erreicht und musste sehen, dass der mit einem Flohmarkt besetzt war. Also vom Rad absteigen. Früher ging ich oft auf Flohmärkte, stöberte, nach alten Büchern oder Schallplatten und nach manch anderem kleinen alten Tand. Seitdem ich nach dem Prinzip weniger ist mehr lebe, hab ich das Interesse verloren. Der ganze Kwatsch, den der Mensch ansammelt, irgendwann, wenn du nicht mehr da bist, muss das alles entsorgt werden. Und das meiste Zeug, dass du angesammelt hast, interessiert eh keinen Menschen mehr. Was bleibt sind vielleicht ein paar Fotoalben, ein paar Bücher und wenige andere echten persönlichen Dinge des Verstorbenen. Ist doch so. Selber schon so oft erlebt. Ich hab wirklich immer Sorge. Neulich sagte ich noch zu meinen Kindern, man man, wenn ich nicht mehr bin, behütet meine Bücher, wirklich, das sind doch meine allerliebsten Schätze. Mutter, sag nicht so was, meinten sie dann. Du lebst noch lange. Und dann sehen wir weiter. So sind die Kinder halt, jung, mitten im Leben stehend, wer will da schon an den Tod denken. Es ist aber besser, sich vorzubereiten, hin -und wieder jedenfalls. Wer an den Tod denkt, denkt gleichzeitig auch mehr an das Leben, das er hat.
 
Vom Rad absteigend dachte ich mir, ist ja nicht voll, es ist warm, die Sonne scheint, spazierste halt mal mit deinem Rad an den Ausstellungstischen vorbei. Und muss gestehen, es war wirklich ein schöner Trödelmarkt. Nicht son Plunder. Kleinode, Mobiliar, Bücher, Schallplatten, alles alt aber vom Feinsten. Ich hab den Blick für so was. An einem Stand mit allen Radios und Grammophons blieb ich wie verzaubert stehen. Der Besitzer hatte auf einem alten Grammophon eine alte Jazzvynil aufgelegt. Herrlich, erinzigartig dachte ich. Stand da ganz versunken und fühlte mich plötzlich in eine andere Welt verzaubert. Aber sich in diese andere alte Welt verzaubern zu lassen, bedeutet auch die Schatten dieser Zeit sofort vor Augen zu haben. Bei mir ist das jedenfalls so.  Klasse auch die alten Röhrenradios noch. Wirklich schöne Dinge hatte er da.
 
Und noch ein weiterer Ausstellungsplatz hatte mich fasziniert. Schöne alte Möbel waren da zu besichtigen. Ich liebe diese alten mit lauter Lebensgeschichten behafteten Möbelstücke einfach, auch wenn ich nichts von ihnen weiß, aber ich kann es mir ja zurechtfantasieren. Sie haben noch Rundungen, Ecken und Kannten gemeinsam, wie beim Menschen, sind nicht funktionell alle gleich ausschauend, damit sie überall reinpassen. Ganz besonders waren zwei Stühle interessant. Mit Bildern verblichener zweier Schauspielerstars waren sie verziert, Sitzfläche und Anlehne. Schwarz-Weiß-Bilder, es gab den weiblichen und den männlichen Stuhl. Zu sehen waren Marylin Monroe und James Dean. Leider kam ich nicht dazu, mal zu fragen wie das technisch wohl gemacht wurde. Ich kann nur vermnuten, dass die Bilder aufgeklebt wurden, und dann mit Lack übersprüht wurden. Vorsichtig fuhr ich mit der Handfläche über die Oberfläche der Stühle und dachte, so muss es wohl gemacht sein. Es war einfach zu viel Andrang an diesem Stand. Ganz sicher gehen die heute weg, da war ich mir sicher. Irgendein Cineastfan wird sie mitnehmen  und zu seinen anderen Fetischen Film betreffend in seiner Wohnung haben wollen.
 
Für mich war da noch ein anderes erspähtes Glanzstück, welches zu einer meiner lieben kleinen Leidenschaft paßte. Ein Schachtisch. So was sieht man ja selten. Schwarzlackiert prangte er da unter den vielen anderen Sachen heraus und lachte mich an. Mitten auf der Tischplatte ein kleines Schachbrett eingraviert. Sagenhaft. Mir fehlten die Worte. Und ich dachte an meine schönen mir geschenkten Schachfiguren zuhause, für die ich immer noch kein Brett habe und kam in die Versuchung gedanklich, ihn zu erwerben. Fragte nach dem Preis. 85 Euro sollte er kosten. Da wäre sicherlich noch was drin gewesen mit Handeln. Nun hatte ich aber erst vor kurzem einen schönen alten Retro-Tisch aus den 50er Jahren erstanden, länglich mit schwarz-weiß-braunen Mosaiksteinchen auf der Platte. Ganz stolz bin ich auf ihn und erfreu mich jeden Tag seines Anblickes und dass ich der Besitzer dieses schönen alten Tischchens sein darf. Aber wirklich, ehrlich, ungelogen, den hätt ich auch gern gehabt. Was soll ich jedoch mit zwei Tischchen in meiner kleinen Höhle. Der Mensch kann eben nicht alles haben. Und so wünschte ich mir immerhin, dass dieser schöne Schachtisch einen würdigen Besitzer fand.
 
Nun endlich weiter zum Aachener Weiher. Draussen und umsonst, da wollte ich ja hin. Aber da war nix los. Warum weiß ich auch nicht. Jedenfalls, ich hatte noch nie ein solches Festival besucht. Das war das erste Mal. Es gab gar keine Bands. Nur DJ´s, die auflegten. Wie langweilig. Doch am Aachener Weiher ist es sonst schön. Idylle mitten in der Stadt. Die Sonne glitzert im Wasser und da sitz ich nun auf der Treppe und schaue den Sternchen im Wasser zu und lausche den Gesprächen der rund um mich herum versammelten Grüppchen oder Päärchen zu. Junge Leuts allemal. Ein junger Mann meint, nachdem (seine Freundin wohl ) vor Vergnügen kwitscht, ach guck mal Entchen, hör mir mit denen auf, da hab ich Angst vor. Das meint er ehrlich. Er beteuert es jedenfalls noch eingie Male. Ich hab noch nie ne Schlagzeile gelesen, Ente greift Mensch an, aber wer weiß, vielleicht verheimlicht uns die Presse ja so etwas. Ich sag nur Verschwörungstheorien. Hütet Euch vor den Enten. Sie wollen die Herrschaft übernehmen, in Köln wird das beginnen. Ich muss doch schmunzeln über die Dinge, die manche Leuts so von sich geben.
 
Mich ziehen die vier Schwäne an, die da auf dem Weiher ihre Runden drehen. Drei von ihnen sind nah beieinander. Wovon zwei irgendwas miteinander haben. Ich weiß nicht was. Schließlich kann ich nicht erkennen, sind es weibliche oder männliche Schwäne. Also eine von denen attackiert eine andere immer. Vielleicht sind es Weibchen und Männchen. Vielleicht mag er sie und will sie anflirten, wozu ist ja klar. Möglicherweise sind es aber auch Rivalen um die  oder den Dritte(n)  im Bund. Die liefern sich eine sich ständig wiederholende Prozedur. Der eine schwimmt davon, der andere hinterher. Zwischendurch nimmt einer einen Anlauf und rast mit einer Geschwindigkeit mit seinen zwei Beinen über das Wasser, dass ich es kaum glauben will. Wie schnell die sind zu Fuß auf dem Wasser. Bisher gab es doch nur einen, der übers Wasser laufen konnte. Ihr wißt schon. Aber die zelebrieren das wie jeck. Einholen kann der eine den anderen jedoch. Er ist einfach immer schneller, im übers Wasser laufen, im kurzen Flug und im Fortschwimmen. Nun ja, aufgeben ist nicht jedem gegeben. Ehrlich gesagt, nach einer gewissen Zeit widme ich mich lieber dem Einzelgänger zu. Der hat mit all dem Gerangel um, wer ist der Beste, Größte, Schnellste, Begehrenswerteste nix zu tun. Der dreht da abseits von den anderen seine Runden und macht sein Ding, taucht mal unter, hat wohl was zu fressen gefunden, schwimmt weiter, aber niemals in die Nähe der Anderen. Der gefällt mir. Warum wohl. Der ist halt schlau. Der weiß, dass das in den meisten Fällen nix bringt, sich anzunähern. Da muss schon großes Glück vorherrschen, dass er wohl mal auf Jemanden trifft, der ähnlich gesinnt ist wie er selbst. Unzufrieden schaut der überhaupt nicht aus. Natürlich weiß ich nicht, was in seinem Kopf vorgeht. Vielleicht ist da ja auch der Wunsch, einem solchen einmal zu begegnen, damit er nicht ständig seine Kreise alleine ziehen muß. Jedenfalls mir hat es Freude gemacht, das alles zu beobachten. Beobachten ist Meditation. Aber nun wird es Zeit, der dumpfe Rythmus des wabbernden Technos wird lauter. Ich kann mich darin nicht finden, in den Menschen, die dort nun mehr und mehr sich versammeln auch nicht und ziehe weiter meines Weges mit meinem Rad.
 
Fahre durch den Grüngürtel, durchs belgische Viertel, Mediapark, weiter nach Nippes, meiner alten Heimat. Es lockt mich der Gedanke, mich in meinem Lieblingscafe niederzulassen und eine Kleinigkeit zu essen und in mein Buch versunken die Welt um mich herum ein wenig zu vergessen. Voll ist es. Klar, alle sind raus und wollen diesen ersten schönen warmen Frühlingsboten genießen. Ich erwische noch einen Tisch und mach es mir gemütlich. Es gibt ein leckeres Tabuleh und eine Apfelschorle. Was will ich mehr vom Leben. Neulich las ich einen Satz, den die gerade verstorbene Frau von Imre Kertez, einem ungarischen Autor, den ich sehr mag, sagte: Das Leben, das uns gegeben wurde, müssen wir in vollen Zügen leben, das ist unsere Aufgabe, wo immer wir auch sind. Den fand ich richtig und schön. Und es ist sicher ein Geschenk, das zu können, ohne nach dem Großen und Sensationellem zu trachten.  Ich bin mir dessen bewußt und dankbar dafür.
 
Mit einem alten Ehepaar, dass sich zu mir an den Tisch setzt komme ich noch ein wenig ins Gespräch und radele dann zu meiner Lieblingsfussballkneipe, um das entscheidene Spiel gegen Mainz anzuschauen. Meistens schau ich ja zu Hause allein. In so einer Kneipe ist es allemal ein zusätzliches Erlebnis. Die Leuts um mich herum. Die Herren der Schöpfung, wie sie gröhlen und lamentieren und die Gesichter verdrehen, wenns nicht so geht, mit dem Verein da auf dem Spielfeld, wie sie meinen es gehen müßte. Aber das kennt man ja.  Zuschauer sind immer schlauer als die Beteiligten und wissen, wie und wo es lang gehen muss. Ich halte mich da einfach an das, was ich sehe und gut ist. Das ist viel unaufgeregter. Und am Ende gibt es dann ein Fazit. Ich bin einfach son Typ. Es gibt nen Topf mit Erdnüssen und drei Drecksäcke für mich. Bisserl Bier muss sein in einer Kneipe beim Fussball, auch für mich. Nun denn, das Ende hat gezeigt, das war es wohl für den Heimatverein. Die zweite Liga ist so gut wie sicher. Der Kölner-Fan an sich ist da relaxt, zu feiern gibt es immer was, dann eben im nächsten Jahr wieder den Aufstieg.
 
Genug ist genug. Der Tag war voll mit Bewegung, Hören, Riechen, Schauen, Erleben. Ich fahre nach Hause. Es ist 18.00 Uhr mittlerweile. Hier mache ich es mir gemütlich und schreib wie so oft ein kleines Tageserlebnisbuch, dass ich meinem geneigten Leser heute mal nicht vorenthalten will.
 
Ich bin da einfach unterwegs gewesen wie immer, ohne etwas zu erwarten und dennoch hab ich viel geschenkt bekommen, nicht gesucht und doch gefunden. Und beschäftigen wird es mich wie immer noch ein wenig. Die Menschen, die ich wiedersehen werde, um mit ihnen zusammen zu radeln, aber auch über die anderen Dinge kann ich nachdenken. Welche Menschen das wohl sein werden, die diese beiden hübschen Möbelstücke erwerben werden. Wie sie wohl sonst leben und ob sie sich ebenso wie ich mich über meinen schönen Tisch so freuen können, den ich erwarb,  oder ob es für sie nur ein weiteres Sammlerstück wird. Und über Schwäne und Enten und dem Rausch des Fussballspiels, in den Menschen so gerne eintauchen, es gibt ja immer etwas, das einen nachhaltig beschäftigt, auch in den kleinsten Dingen, denen begegnet wird. Dafür hab ich ja nun heute am schönen Sonntag, der ohnehin nicht so sonnig erscheint wie der gestrige Tag genügend Zeit. Und die braucht es doch auch am Ende um Erlebtes zu verarbeiten.
 

Also, es heißt ja...Wer suchet der findet...ich halte mich lieber an ..ich suche nichts und finde doch...In diesem Sinne bis zum nächsten Erlebnistagebuch:)

 
 
 
 
 

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29. März 2018 4 29 /03 /März /2018 09:26
Gestern hatte ich einen Termin auf der anderen Rheinseite. Wie immer lege ich meine Wege, wenn es nicht unumgänglich ist und mein Rad, wie zur Zeit, sich in der Werkstatt befindet, zu Fuß zurück. Ich lebe einfach dem Motto * Wer zu Fuß geht, erlebt mehr* Und Leben heißt ja auch nichts anderes wie *erleben*
 
Manchmal erlebe ich Dinge, über die ein Roman geschrieben werden könnte. Es bräuchte nur ein wenig Drumherum fantasiert zu werden und schon fertig. Leider fehlt mir dazu der nötige Ehrgeiz, obwohl ich ja gern schreibe. Ich schreibe wirklich sehr gern. Es gibt Zeiten, da fließt es aus mir heraus. Manches ist auch nur versteckt, im Verborgenen verblieben, hier bei mir zu Hause in meinen unzähligen kleinen Heftchen, die überall herumliegen und mir immer zur Verfügung stehen für kleine und große Einfälle. Manchmal gibt es aber auch Geschehnisse, die mich für eine lange Weile blockieren. Dann ist da viel drin in mir, dass ich erzählen möchte, aber es will nicht heraus kommen, weil das, was geschehen ist, so tief und fest in mir ist, dass ich warten muß, bis die Blockade sich löst und ich wieder loslassen kann. Ist einfach so. Ich schreibe deswegen so gern, weil ich immer denke, beim Reden kann ich gar nicht alles sagen, was in mir ist. Mir fehlt oft der Mut oder vielleicht ist es das Mißtrauen in mir, weil ich denke, wen interessierts schon. Und wenn ich so denke,  dann wollen die Worte nicht kommen und ich sitze da und bleibe stumm. Ja der Mensch, auch ich, ist ein merkwürdiges Wesen.
 
Gestern also, ich war auf dem Weg. Erst einmal rüber kommen, über die Brücke, die die beiden Seiten Kölns verbindet. Ich gehe gern über Brücken, obwohl ich immer ein wenig Angst habe. Das ist so seit meiner Kindheit. Immer ziehen in mir Gedanken hoch, was ist, wenns hier in der Brücke irgendwo eine brüchige Stelle gibt, die ich nicht sehe, und dann..Versinken in den Wogen und Wellen, Strudeln des Wassers. Ich weiß, diese kleine Ängstlichkeit ist ein wenig kindisch, doch hab ich im Laufe meines Lebens erfahren, dass es viele kleinen kindischen Ängste im Leben der Menschen gibt, warum also sollte nicht auch eine in mir sein. So akzeptierte ich irgendwann diese kleine Ängstlichkeit, muss aber auch jedes Mal ein klein wenig schmunzeln über mich selber, wenn ich sie denn dann mal wieder bemerke.
 
Während mein Blick hinunter aufs Wasser fällt, den Strom der sich in alle Ewigkeit von Ort zu Ort bewegt, versuche ich den um mich herum tösenden Lärm des Autoverkehrs zu verdrängen, ohne den Gedanken los zu werden, dass das alles doch eine große Verrücktheit ist mit dem Autoverkehr. Obwohl ich neulich, vor ein paar Tagen wegen einer Fahrt zu einem Abschied eines mir lieb gewordenen Menschens selber für eine Zeit mit einem Auto, um über die lange Entfernung über Autobahnen und Bundesstrassen zum erwünschten Ziel zu gelangen,  unterwegs war.
 
Müde fühlte ich mich, unsagbar müde. Gestern auf meinem Fußweg, der ca. 1 Stunde wohl in Anspruch nehmen würde. Woher sie kam die Müdigkeit. Ich weiß es nicht. Vielleicht vom schlechten Schlaf in der Nacht, von den aufwühlenden Träumen, die mich mehrmals weckten oder einfach nur von der Schwere der Dinge die in den letzten Tagen über mich hereingebrochen sind. Es ist ja auch egal. Es galt die Müdigkeit zu überwinden. Einfach laufen, laufen und weiter. Irgendwann wird sie schon verschwinden.
 
An den alten Gebäuden der Riehler Heimstätten, einem Altenpflegeheim, vorbei, den Mauern abgrenzenden Zoo, dessen Geruch ich schon aus der Ferne wahrnehme, gelangte ich fast an mein Ziel, als ich an einem kleinen Park, der mich noch von der Neusser Strasse trennte eine alte Dame stehen sah. Ich gestehe mein Blick fiel zuerst auf ihren an der Leine gehaltenen kleinen drolligen Hund. Ich weiß nicht, was es für eine Hunderasse war. Ich habe auch nach unserem Gespräch total vergessen sie zu fragen. Aber alt war er. So sagte sie. 15 Jahre genau.Sah aber gar nicht so aus. Eher quicklebendig und wendig der kleine drollige Hund. Eine Hundemadam war sie. Und wie es so meine Art ist bei solchen Gelegenheiten sprach ich sie an, die alte Dame. Ihr Hund ist aber niedlich, sagte ich ihr.
 
Als wenn sie, die alte Dame darauf gewartet hatte, war sie sofort in ihrem Element und begann zu erzählen. Ja alt sei er, so wie sie auch. 74 Lenze zählte sie schon. Sie habe den Hund mit einem Jahr bekommen. Er kam aus dem Tierheim, war ausgesetzt worden. Ihre Tochter meinte damals, sie solle sich einen Hund anschaffen, damit sie erstens Bewegung habe und zweitens Gesellschaft. Sie lebte nämlich allein. Ihr Mann vor einigen Jahren verstorben. Sie hätte lange überlegt und dann zugestimmt. Probeweise erstmal für drei Monate. Dann habe sie gemerkt, dass das Hundchen ihr gut tue. Sie komme schneller raus an die frische Luft und ausserdem hie und da begegne sie einem anderen Menschen mit Hund oder einem wie mir, der einfach mal stehen blieb, um mit ihr ein paar Worte zu wechseln.
 
Jeden Tag ginge sie die selbe Strecke mit ihrem Hundchen. Seit längerer Zeit hatte sich auf diesem ihren Weg ein kleines Ereignis zugetragen. Sie hatte bei ihrem täglichen Spaziergang immer einen kleinen Beutel in der Tasche, in dem sich Rosinen und Nüsse befanden. Ab und an passierte es nämlich, dass sie an Unterzuckerung litt und da bräuchte es von jetzt auf gleich etwas, dass die damit verbundene Störung behoben werden könne. Und sie habe sich für Rosinen und Nüsse entschieden, der Gesundheit wegen. Als sie eiens Tages einmal von einem solchen kleinen Anfall beherrscht wurde, blieb sie stehen, holte ihr Beutelchen heraus um eine Handvoll davon zu essen. Und da sah sie, wie nur ein Stückchen weiter vor ihr eine Krähe ihr zuschaute. Sie schaute eine Weile ebenfalls zu ihr hin. Es war wohl so wie ein stilles Zwiegespräch zwischen ihr und der Krähe. Ich konnte diese ihre Schilderung sehr gut nachvollziehen, all die weil auch ich des öfteren einmal solch kleinen Zwiegespräche führe, mit Vögeln, einem Eichhörnchen oder einer vor mir herschleichenden Katze, die erschrocken über meine plötzliche Anwesenheit stehen blieb und mich abwartend anstarrte.
 
Und dann sei sie einfach auf die Idee gekommen der kleinen Krähe etwas von ihrem leckeren Proviant abzugeben und warf ihr ein paar Brocken hinüber. Krähen, wie wir wissen, sind recht schnell zutraulich, empfinden wenig Scheu oder Ängstlichkeit, besonders wenn es darum geht, sich einen Vorteil zu verschaffen. Da sind sie sogar sehr erfinderisch. Da hab ich schon so manche vergnügliche Zeit verbracht beim Zuschauen über ihren Einfallsreichtum, wenn es darum ging, an etwas Begehrenswertes heranzukommen. Diese Krähe hatte Glück. Sie musste sich nicht mal besonders anstrengen um etwas Leckeres zu ergattern. Die alte Dame warf es ihr genau vor die Füße.
 
Der alten Dame gefiel das. Sie hatte ihre Freude an diesem kleinen Geschehnis. Und schon am nächsten Tag blieb sie wieder an der selben Stelle stehen und sie wollte es kaum glauben, aber die Krähe war wieder da, wie am vorherigen Tag. Sie schien da zu wohnen oder jedenfalls war es ein Stützpunkt auf ihrem langen Tagesflugweg auf der Suche nach Brauchbarem oder einfach nach einem Rastplätzchen. Und so geschah es ganz einfach, dass die Beiden sich seit nun schon längerer Zeit Tag für Tag dort trafen. Die alte Dame meinte, sie hätte sogar das Gefühl gehabt, als sie hin -und wieder mal, aus gesundheitlichen Gründen, ihren Weg für ein oder zwei Tage unterbrechen musst und sie der Krähe danach wieder begegnete, diese sie ganz aufgeregt flügelschlagend begrüßte. Obd as stimmt, es ist ja auch egal, wenn die alte Dame es so empfunden hat und sie sich darüber freute, genügt das ja.
 
So habe hier ihre Freundschaft mit einer Krähe begonnen, die ihr in ihrem täglichen Alleinsein etwas gab, das vielleicht Niemand zu verstehen vermochte, aber das war ihr auch egal. Für sie hatte es eine Bedeutung. Und es ist ja so, wer kann schon nachvollziehen, wer oder was für einen anderen Menschen von Bedeutung ist, wenn es für ihn selber keine ist.
 
Jetzt mache sie sich tatsächlich schon ein wenig Sorgen. Es fiele ihr schon immer schwerer jeden Tag mit ihrem Hund hinaus zu maschieren. Die Knochen, der Kreislauf, all das, was nun mal so ist im Älterwerden. Und der Hund, wenn er nicht mehr ist, einen neuen wolle sie sich auf keinen Fall mehr anschaffen, Wo soll der hin, wenn sie dann plötzlich sterbe. Das wäre doch zu traurig, sich an das Tier gewöhnt zu haben und umgekehrt und dann ist man plötzlich nicht mehr da. Das wolle sie einem Tierchen nicht antun.
 
Und sie erzählte mir nun noch eine Geschichte, die ich ebenfalls sehr berührend empfand. Vor eineinhalb Jahren war sie einmal heftig gestürzt, zu Hause beim Versuch an eine obere Stelle in ihrem Wandschrank etwas hinauszufischen. Da sie alleine war, musste sie sich heftig quälen, um wieder auf zu stehen und sich bewegen zu können. Es ging, war aber sehr schmerzhaft. Als die Schmerzen nicht aufhörten nach ein paar Tagen, musste sie einen Arzt aufsuchen, der meinte, es sei wohl ein Bruch in ihrem Knöchel und sie müsse damit ins Krankenhaus. Sie war tüchtig erschrocken. Was sollte denn dann mit ihrem Hund passieren. Wer würde sich denn um ihn kümmern. Ihre Tochter lebte seit Jahren in Paris. Freunde hatte sie keine mehr. Alles weggestorben. Und die Nachbarn, fragte ich sie. Hätten die sich nicht um ihren kleinen drolligen Hund kümmern können.
 
Ach hören sie doch auf, entgegente sie mir. Die Menschen sind nicht mehr so nett! Da wäre keiner. Die einen gingen tagsüber arbeiten, die anderen ihr aus dem Weg. So sei es nunmal. In jungen Jahren sei das noch anders gewesen. Da hätte noch jeder auf den anderen geachtet. Heute könnte man einfach weg sein, es würde Niemandem auffallen. Traurig sei das, sagte sie, aber so ist es nunmal geworden in der Welt. Nun ja, das ist halt ihre Erfahrung dachte ich bei mir. Und wird wohl auch großenteils so zutreffend, wie auch von mir ja schon des öfteren beobachtet bei meinen Besuchen alter Menschen und ihrem Umfeld.
 
Jedenfalls sie stand vor dem Problem wohin mit ihrem Hundchen, wenn sie jetzt ins Krankenhaus müsse. Und da wäre ihre eine Idee gekommen. Manchmal auf ihrem täglichen Spaziergang begegnete sie einem Obdachlosen. Obwohl, der hatte wohl auch eine klitzekleine Behausung, aber war doch immer draussen. Er trank auch wohl. Nicht so schlimm, dass er nicht ansprechbar war, aber er hatte sein tägliches Pensum, das er vertrank. Hatte er ihr erzählt und so nahm sie ihn auch wahr. Aber es war immer nett mit ihm ein paar Worte zu wechseln. Sie wußte nicht viel über ihn. Warum er in dieser Situation lebte. Wie es dazu gekommen sei, habe ihn auch nie gefragt und er auch nichts erzählt. Und so blieb es bei ihren Gesprächen immer nur beim Heute, was gerade ist und war und gedacht und gefühlt wurde. Ja, sagte sie, man könne es so sagen, ein klein wenig habe sie sich mit ihm angefreundet. Und so hätte sie den Entschluß gefaßt, ihn einfach zu fragen, ob er sich nicht um ihren kleinen Hund kümmern könnte, wenn sie für ein paar Tage ins Krankenhaus müsse.
 
Und man stelle sich vor, der Mann habe sofort eingewilligt. Selbstverständlich würde er das tun, gerne sogar. Und so kam es, dass sie ihm ihren Hund anvertraute. Und mit einem Schmunzeln und funkelnden Augen erzählte sie weiter, dass der Mann sie doch tatsächlich im Krankenhaus besuchen gekommen wäre. Mit dem Hund in einem Körbchen auf sie im Cafe wartend, damit sie ihn sehen und knuffeln konnte. Und stellen sie sich mal vor, sagte sie mir, wie er daherkam plötzlich aus seinem sonst so etwas verwahrlosten Aufzug, wie er da Tag für Tag auf der Parkbank saß. Mit Schlips und Kragen angezogen habe er sie besucht. Richtig fein habe er ausgesehen. Sie sei ganz überrascht gewesen. Ja, der Mensch ist ein merkwürdiges Wesen, sagte sie und ich musste schmunzeln, weil ich das ja selber einige Zeit vorher gedacht habe. Es stimmt einfach. Man schaut nie in einen anderen herein. Und es taugt nicht Schubladen aufzumachen in die man einen Menschen hineinstecken will. Denn letzten Endes ist jeder doch für eine Überraschung gut, die einem das ganze Bild, das von ihm gehabt wurde, auf den Kopf stellt.
 
Ich fand diese Geschichte, erlebt von dieser netten alten Dame, richtig schön, so daß ich sie hier meinen geneigten Lesern erzählen wollte. Die alte Dame sagte noch, sie habe ihm abgesehen vom der Gewißheit, dass es keinen Lohn gibt für eine solche freundliche und liebe Geste, dennoch etwas Geld gegeben und zwei Stangen Zigaretten. Ist doch auch in Ordnung sagte ich ihr. Sie wisse ja darum, dass die wirklichen Dinge, die ein Mensch für einen anderen tut nicht bezahlbar sind und das habe sie wohl ja auch erkannt und weiß es zu schätzen.
 
Ja, sagte sie. Die Menschen sind nicht mehr so nett. Dabei bliebe sie. Aber ab und an fände man doch einen kleinen Diamant, eine Perle oder wie immer man das nennen möchte oder gar selber ist man einer für einen anderen. Daran will sie sich die letzten Lebensjahre, die ihr verblieben, festhalten und dann versuchen den Dingen, die geschehen, die ihr widerfahren werden beim noch Älterwerden und Sterbenmüssen, eine Gelassenheit zu geben. Denn was geschehen soll, geschieht und ist selbst mit größter Anstrengung nicht aufzuhalten.
 
Ich weiß nicht, aber es war so, wir verabschiedeten uns, ich bedankte mich für dieses schöne Gespräch, dass ich mit ihr führen durfte und über das Vertrauen das sie mir schenkte, mir etwas von ihrem Erleben zu erzählen und ging nun weiter. Dabei mußte ich weinen. Aber auch lachen.
 

Und ein wenig hat mir diese Begegnung tatsächlich geholfen all das, was die letzten Tage geschehen ist, ein wenig besser zu verstehen und anzunehmen. Die schönsten Geschichten werden doch immer im Leben geschrieben.

 

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28. Januar 2018 7 28 /01 /Januar /2018 10:02

 
Sonntagmorgen. Wie immer, ist es um mich herum still und freundlich, trotz des grauen Himmels und dem Regen, der leise vom Himmel fällt.
 

Und wie immer, nach meinem kleinen Lauf am Rhein entlang, im frühen Morgengrauen, überall nach Wegen suchend, denn das Hochwasser hat immer noch die Macht über so manche Wege. Gegen die Natur kommt der Mensch halt nicht an. Sie macht, was sie

will.

Zuhause angekommen. Still in der Wohnung. Das ganze Haus scheint noch zu schlafen. Wie immer an einem Sonntagmorgen. So viele Menschen wohnen in meinem Haus, doch zumeist höre ich keinen. Jeder lebt wohl still, so wie ich, in seiner kleinen Höhle. Mir gefällt das.
 
Ich mache Musik an. Chopin. Nocturnes. Meine Sonntagsmorgenmusik. Ich spüre, wie allein ich bin, hab gar nichts dagegen. Ich spür mich ganz und gar.
 
Nach dem kleinen Frühstück trete ich auf meinen Balkon. Von dort hab ich auch einen Blick auf eine kleine Kirche. Nein, keine Kirche im üblichen Sinne. Die Kirchenräume sind in einem ganz normalen Mietshaus untergebracht. Es ist eine evangelische Freikirche, wie ich nach einer kleinen Inspektion bei einem Spaziergang festgestellt und das Haus umrundet habe. Mein Blick vom Balkon aus läßt mich ein riesengroßes hell erleuchtetes buntes Kirchenfenster sehen. Es war sicherlich mal ein Herrschaftshaus für die gehobene Klasse, die einen solches wohl hat bewohnen dürfen. Ich schaue gern dieses bunt erleuchtete Kirchenfenster an.
 
Dort findet gerade ein Gottesdienst statt. Nur dann sind die Fenster hell und bunt erleuchtet. Gottesdienst...  Ich denke an die Zeit zurück, wo ich ebenfalls Sonntagmorgen für Sonntagmorgen und nicht nur an diesen, in ein Gotteshaus getreten bin, um mein Leben zu feiern. Aber die Dinge haben sich geändert. Es gab zu Vieles, das mir mißfiel. Am Ende konnte ich das viele Reden, teils mit erhobenem Zeigefinger nicht mehr hören. Zu laut, zu mahnend, zu viele *muß* und *soll*. Ich wollte meinen Weg allein gehen. Selber erspüren, was richtig oder falsch ist. Am Ende bin ich zu dem Ergebnis gekommen, dass es weder das eine noch das andere gibt. Der Mensch geht seinen Weg und alles hat Konsequenzen. Und mit denen muss er dann leben. Im besten Falle sind die Konsequenzen das Ergebnis eines gutes Weges. Sind es problembereitende, schwierige, traurige, wie auch immer, dann müssen sie halt überwunden werden, versuchen auch aus diesen das Gute herauszufinden. Zumeist sind es die Erfahrungen, die dann bereichert haben. Du weißt jetzt bescheid. Dieser Weg nicht noch einmal.
 
Jetzt stehe ich hier. Das ist jetzt mein Gottesdienst. Hier zu stehen, allein, das alles um mich herum beobachtend und wahrnehmend und meinen Gedanken freien Lauf lassend.
Wenn ich meinen Blick um mich herum, nach oben in den Himmel oder einfach nur auf die Bäume und Sträucher werfe, dann sage ich oft so vor mich hin, wenn es etwas gibt, einen Gott oder wie immer man es auch benennen möchte, dann steh ich hier. Hier bin ich. Ich. In dieser Welt. Ich stehe hier, allein und gehe meinen Weg. Vielleicht, es gibt so viele *vielleichts* im Leben eines Menschen, gibt es etwas, das mit mir geht. Manchmal glaub ich es, ganz stark und fest, manchmal bin ich mir unsicher.
 
Unsicher bin ich mir nie, dass mir etwas geschenkt worden ist, was ich behüte wie meinen Augapfel. Und das ist ein kleiner Schatz. EIn Kleinod, oder wie immer man es auch bezeichnen mag. Dieser Schatz ist meine ganz ureigene Gabe, Schönes und Berührendes zu entdecken, mitten im Leben, im Alltagsgeschehen. Ich bin so froh darüber. Ich sag das nicht aus Eitelkeit, sondern aus Dankbarkeit, weil es nunmal so ist. Warum soll der Mensch nicht auch mal sagen, was ihm an sich selber am meisten gefällt und was er an sich schätzt. Denn ich brauche diese Wahrnehmungen wie das Brot gegen den Hunger. Diese kleinen, oft von den meisten unbemerkten und wenn doch, übergangenen kleinen Wundern von Schönheit in der Natur oder Begebenheiten im zwischenmenschlichen. Sie sind für mich ganz wichtige Botschaften. Botschaften die lebendig sind und nicht nur aus Worten bestehen.
 
Und wie ich da stehe und schaue und einfach nur da bin fallen meine Gedanken wieder zurück auf ein kleines Erlebnis, dass ich diese Woche bei einem Einkauf hatte. Ich stand in einem Supermarkt meines Vertrauens für Kosmetik- und Hygenieartikel, der mit den zwei Buchstaben, an der Kasse in einer kleinen Schlange. Alle hatten es scheinbar, wie immer, eilig. Immer hat der Mensch es eilig. Ich lebe in der Entschleunigung, stellte ich wieder einmal fest, in diesem Moment, wo ich in die teils gehetzten und unmutigen Gesichter des einen oder anderen schaute.
 
Stoisch stand ich da, beobachtete, wartete, dass ich an die Reihe kam. In dem Moment, wo die Kassiererin meine Waren scannen woltle, trat von hinten an sie heran eine kleine, verhutzelte alte Dame. Ich schätzte sie so mitte 80. Mit einem Rollwägelchen kam sie angeschlurft, unbeholfen, mühselig kam sie ihres Weges. Entschuldigung, sagte sie zu der Kassiererin, ich habe gerade von ihnen diese Fotos abgerechnet bekommen. Schauen sie doch bitte einmal auf den Kassenbon. Da stimmt was nicht. Sie haben mir zu wenig berechnet. Die Kassiererin im ersten Moment sehr unlust5ig. Ich sah es ihr richtig an. Sie wollte eigentlich weiter machen. Die Schlange war recht groß. Aber die alte Dame ließ nicht locker. Was soll denn da falsch sein, meinte die Kassiererin zu ihr. Merkwürdig, dachte ich, immerhin sagte die Dame ja, der Irrtum würde zu ihren Lasten fallen. Aber das schien sie wohl nicht zu interessieren. Die Dame holte ungehindert ihres für den Moment sichtbaren Unmuts, Unlust, wie auch immer, die Bilder zum Vorschein und erklärte ihr, dass die Fotos, die sie hat machen lassen, einen Preis hatten, der deutlich höher war, als der, den sie, die Kassiererin, ihr berechnet hatte.
 
Die Kassiererin holte nun endlich alle Fotos heraus, ihre Preisliste, klärte es auch mit der Kollegin an der gegenüberliegenden Kasse durch Zurufen ab und musste eingestehen., stimmt. Sie hatte der alten Dame genau 6,95 Euro zu wenig berechnet. Oha! Kein großes Ding, also kein großer Betrag. Dennoch, in dem Moment veränderte sich ihr Gesichtsausdruck zu einem warmen freundlichen Lächeln der alten Dame gegenüber. Das ist aber sehr nett von  ihnen, sagte sie ihr, dass sie extra noch einmal zurück kommen, um das klar und richtig zu stellen. Die alte Dame erwiderte, sie will sich nicht bereichern, das sei nicht ihr Ding. Ordnung muss sein. Alte Schule halt.
 
Auch ich musste während der ganzen Prozedur lächeln und auch mir war es ganz warm ums Herz, wie sie da stand, diese kleine alte hutzelige Dame um dem Kaiser zu geben, was dem Kaiser ist. Ich hab mir auch gar keine Projektionen gemacht, ob die alte Dame finanziell gut gestellt oder eher das Gegenteil der Fall ist und sie es trotzdem tut. Das ist doch alles unerheblich. Was zählte, war diese unglaubliche Ehrlichkeit, die da aus ihr hervorbrach. Ich dachte, ob es wohl so angewandt werden kann: Wer im Kleinen ehrlich ist, dem kann man auch getrost in großen Dingen vertrauen. Ich weiß es nicht. Ich kenn die alte Dame ja nun nicht persönlich und somit auch nicht ihr Leben.
 
Die alte Dame zahlte nun den ihr zu wenig berechneten Kaufpreis und die beiden verabschiedeten sich mit netten Wünschen und einem feinen Dankeschön seitens der Kassiererin an die alte Dame, die diese bescheiden mit einem kleinen *keine Ursache* beantwortete, es ginge letzten Endes ja auch um sie in dieser Aktion. Das war schon eine kleine Überraschung für mich, diese Antwort. Denn natürlich hatte sie recht, es geht vor allen Dingen bei allem was der Mensch tut, um ihn selber. Er will sich ja am Ende des Tages noch in den Spiegel schauen können und am Ende seines Lebens ebenfalls. Nicht, dass ich ein Typ bin, der sich zermatert, wenn er tatsächlich mal was Unrechtes getan hat, das ist dann eben so gewesen. Das steckt in jedem Menschen. Wichtig ist nach der Erkenntnis, dass es in Zukunft besser gemacht wird.
 
Die Dame ging, ich war an der Reihe, die hinter mir verbliebene Schlange teils mit einem *endlich geht es weiter* in den Gesichtern, schauten nervös, ob ich wohl jetzt auch noch ein längeres Procedere einleitete. Jedenfalls hatte ich das Gefühl. Aber bei mir gabs ja nichts. Ich sagte der Kassiererin, das war aber eine nette Begebenheit, das erleben sie sicherlich auch nicht alle Tage. Und sicherlich wird sie dieses noch eine kleine Weile in Gedanken begleiten. Vielleicht können sie es heute Abend ihrer Familie oder den Freunden erzählen. Solche Dinge muss man einfach weiter erzählen. Das Gute muss man weitergeben als, wenn auch ein kleines, Gegengewicht gegen all den Betrug, den Verrat, den Haß, den Menschen sich aus Eigennutz und Gier gegenseitig antun. Die Welt ist voll von schlechten Nachrichten und an den guten fehlt es zumeist.
 
So war diese kleine Begebenheit n einer Supermarktkasse ein kleiner lebendiger Gottesdienst. Keine großen Worte, sondern eine Tat, die mehr ist, als Worte sagen können. Genau, an diese Worte aus der Schrift erinnerte ich mich tatsächlich auch jetzt in diesem Moment, als ich auf meinem Balkon stand und diese kleine Begebenheit in mir wider lebendig wurde:
 
An den Taten sollt ihr sie erkennen!
 
Nicht viel reden, sondern tun. Und so hatte ich auch ohne dass ich ein Gotteshaus betreten hatte, in diesem Moment meinen ganz persönlichen Gottesdienst. Es braucht keinen Zeigefinger, keine ständigen Litaneien von Worten, kein Gebäude. Es braucht nur ein klein wenig Achtsamkeit für das, was vor der eigenen Nase geschieht und für sich selbst.
 
In diesem Sinne....meinen geneigten Lesern einen stillen, geruhsamen Sonntag!

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3. Dezember 2017 7 03 /12 /Dezember /2017 13:09

 

 

 

Heute war ich früh auf den Beinen. In schummriger Morgendämmerung erwachte ich. Mit langsamen Füßen schritt ich zur Balkontür, die ich langsam öffnete und ein feiner weißer Flaum von Schneeflöckchen und liegengebliebener weißer Pracht auf den Dächern verzauberte mich. In Meinem Blumenkasten entdeckte ich eine vom Sommer übrig gebliebene aufgegangene gelbe Blüte, wie ein eigenes kleines Leuchten hinein in die weiße Winterwelt. Wie ein Zeichen oder Mahnung, warte, warte Winter, ich, der Frühling, komme wieder, du wirst nicht ewig hier verweilen.

Der Zauber verführte mich zu einem morgendlichen Lauf hinaus in die stille Welt. Schnell zog ich mir die Laufsachen an, nahm meine Stöcke in die Hand und schloss leise die Tür hinter mir. Niemand sollte von mir gestört werden, auch die Stille des Morgens nicht.

Mit sanften, dennoch schnellen Schritten lief ich los, hinein in die vor mir liegende Welt. Kahle Bäume schauten mich an, sagten  nichts. Alle Vögel hielten ihre Schnäbel. Hie und da hüpfte ein Eichhörnchen über die Straße. Die Einzigen, die wohl immer beschäftigt sind.

An den Fenstern manchmal, bunte Lichterketten, manche großspurig, andere still und verschämt, wie wir Menschen auch oft, die einen laut und eitel, die anderen leise und zart ihr Wesen zum Leuchten bringen.

Ein warmes Herz und Winter am ersten Advent. Wie kann das nicht gemocht werden. Ich bin selig während all meiner Schritte im einsamen Morgen und nur das Klack Klack meiner Stöcke, das jedoch nicht entzaubert, ist das einzige Geräusch um mich herum.

Der Rhein plätschert still vor sich hin. Die Frachtschiffer hatten wohl auch keine Lust zu reisen, egal wohin. Einige seh ich ankern im Hafen weit vorne. Die Möwen sitzen friedlich auf den Brüstungen des Geländers und haben ihre Köpfe weit ins Gefieder gesteckt. Sind wohl nicht mal morgenhungrig.

Es wird nur eine kleine Runde heute Morgen, mir hats jedoch gereicht. Wohlig durchwärmt vom Lauf und von der Vorfreude aufs Anzünden gleich der ersten Kerze trabe ich heim durch die Verlassenheit der Welt. Von mir aus könnte sie so bleiben.

Da sitze ich an meinem Tisch, der schon so viel erlebt hat. Vor mir der Kranz mit den roten Kerzen, bunt geschmückt. Feierlich ist mir zu mute. Ganz herrlich still und friedlich ist es in mir.

Die Streichholzschachtel beäugend, innerlich vorgenießend, wenn ich sie zur Hand nehme und das Kästchen öffne über das Geräusch, dass sie macht. Sandig ist der Klang des Öffnens. Ein chrrrrr ganz leise, macht es, als ich die Lade herausziehe. Ich mache sie noch einmal zu, um es noch einmal zu hören. Den Klang,  chrrrr,  wie er sich da lang durch die Stille meiner Wohnung zieht.

Ich habe mir das gar nicht vorgenommen, es war ganz einfach plötzlich da. Die Welt steht noch mal mehr still, wenn du sie still stehen läßt. Nur jede kleine Bewegung, jeden Handgriff nur langsam vollziehen. alles spüren, alles wahrnehmen.

Da lagen sie in der geöffneten Lade vor mir. Prall gefüllt, kleine Hölzer mit roten Köpfen. Manche Menschen müßten solche roten Köpfe beim Lügen und Betrügen bekommen, damit sie besser erkennbar sind, schon von weitem.

Dem Hölzchen in meinen Fingern spüre ich seiner Beschaffenheit nach, ganz rauh fühlt es sich an, ein wenig splittrig an manchen Stellen. Gibt es wohl einen Qualitätsunterschied bei Streichhölzern?  Gibt es gute und schlechte? Diese hier, die vor mir liegen, habe ich noch von einem Freund. Er hat sie mir geschenkt zum Abschied als Erinnerung. Ich habe nicht mehr viel von ihnen. Sie neigen sich dem Ende zu. Habe sie alle verbraucht, weil ich das Anzünden mit Streichhölzern seit längerer Zeit dem Klicken eines Feuerzeuges vorziehe.

Auch mein Zigarettchen zünde ich mir mittlerweile mit einem Streichholz an. Die Zigarettchen, die ich sparsam über den Tag verteilt, hie und da genieße. Es hat ein ganz anderes Geschmäckle, das Zigarettchen mit einem Streichholz anzuzünden. Es hat etwas Erotisches,  ja, so empfinde ich es. Es zeugt von Weile, nicht von Eile von Genuß und nicht von Muß.

Jetzt aber, will ich nicht rauchen, sondern das Streichholz entzünden, um die erste Kerze an meinem Adventskranz leuchten zu sehen. Ich reibe es mit einem langsamen, aber doch starkem ratsch an der rauhen Reibungsfläche ab und zack hab ich eine kleine Flamme am Hölzchen. Mit langsamer Hand führe ich es zu meinem Kerzchen und sofort ist sie da, die Flamme des ersten Adventslichts. Dann ziehe ich die Hand zurück, halte die Flamme vor meinen Mund und blase sie langsam aus. Ein leichter würziger Brandgeruch steigt in meine Nase, den ich aufsauge. Mir ist es wohl zu mute. Die kleine Streichholzzeremonie hat etwas heimeliges, etwas, was nur mir gehört, was die Zeit hat still stehen lassen. So ist es.

Jetzt sitze ich da vor meinem Lichtlein und bin ganz still. Wieder still. Immer noch still. Schön ist das. Auf meinem kleinen smarthphone summen die Nachrichten von denen, die ich kenne. Ich verspüre keine große Lust zu antworten.  Wie ich das sowieso oft nicht zugleich tue. Manchmal nicht, weil ich nicht will, sondern weil ich nicht kann. Sofort immer eine Antwort parat haben. Erst viel später schaue ich nach.

Die Streichholzschachtel liegt da, obenauf das abgebrannte Hölzchen. Oft lasse ich es dort liegen. Ich mag es, wenn es da noch etwas verweilt und mich erinnert, an das, was da vorher war.  Manchmal auch an gelebtes Leben, meines, vergangenes. Auch an Menschen, die ich vermisse, die nicht mehr da sind, plötzlich oder vorbereitet.

Und so bleibt es heut den ganzen Tag in und bei mir. Still und friedlich. Schon ist der Tag fast rum. Das Buch, liegt jetzt neben dem Adventskranz. Es ist ausgelesen. Alle Worte herausgenommen hab ich und wieder ein Stückchen reicher geworden.

Das nächste wartet schon auf mich. Die Bücher, meine allerbesten Freunde. Während ich sitze und meinen Gedanken hier dem virtuellen Äther überlasse kommt die Frage in mir auf: Hast du heute schon was erlebt Roeschen? Ich weiß nicht, woher sie plötzlich kam, diese Frage in mir.

Vielleicht weil ich am Morgen von einem lieben Schachemailpartner eine Antwort auf eine kleine Erzählung meinerseits bekam, die da lautete: "Da hast Du mal wieder sehr viel erlebt"

Und sofort kann ich die Frage mit Ja beantworten, auch wenn gar nix passiert ist und doch so viel. Das verstehe, wer kann! Erleben kann so Vieles sein.

Eine friedliche und stille Adventszeit, so gut wie es geht, wünsche ich allen meinen geneigten Lesern.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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