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9. März 2021 2 09 /03 /März /2021 09:06

Heute wäre Bobby Fischer 78 Jahre alt geworden.  Aber schon mit 65 Jahren, genau am 17.01.2008 verstarb er. Ich erinnere mich noch genau an diesen Tag. Die Schachwelt hatte eine der eigenwilligsten Persönlichkeiten unserer Zeit verabschiedet. Bobby Fischer, der offizielle Schachweltmeister 1972-1975 war tot. Selbst wenn man vom Schachfieber noch nicht ergriffen war, kam man an ihm nicht vorbei. Im isländischen Exil, wo er Schutz gefunden hat vor den Nachstellungen der US-amerikanischen Justiz.

Sein Vergehen: Er hat 1992 noch einmal ein Schachduell gegen seinen alten Rivalen Borris Spasski ausgespielt. Dieses Match fand im ehemaligen Jugoslawien statt, und Fischer hatte damit ein Embargo der USA ignoriert, welches zu dieser Zeit jedem Bürger der Vereinigten Staaten geschäftliche Verbindungen mit Jugoslawien strikt untersagte. 

Bobby Fischer war ein Monomane, der vor allem in jungen Jahren fast nichts kannte außer Schach. Zur Institution Schule hat er sich als Erwachsener mal so geäußert:" I don´t remember one thing, I learned in school". Wenn auch diese Aussage von mir selber und vielen anderen Menschen nachvollziehbar war und ist, so hat er aber auch sehr merkwürdige Dinge von sich gegeben, die man besser gar nicht zitiert. 

Auf dem Schachbrett war er unumstritten ein Genie. Unvergleichlich ist die Art und Weise, wie er in den Kandidatenduellen, welche dem WM-Kampf 1972 vorangingen, seine Gegner an die Wand gespielt hat. Er hat dabei das phänomenale Kunststück fertig gebracht, 19 Wettkampfpartien in Folge zu gewinnen, ohne auch nur ein einziges Remis abzugeben. Und das gegen Großmeister, die allesamt der absoluten Weltspitze angehörten. Einige seiner Gegner haben berichtet, dass von Fischer eine ganz starke Wirkung ausging , wenn man ihn am Brett gegenüber saß. Fischer selbst hat aber gern betont, dass er in erster Linie an starke Züge glaubt und nicht an Psychologie.

1972 kam es im isländischen Reykjavik zum "Wettkampf des Jahrhundert". Bobby Fischer gegen den amtierenden sowjetischen Boris Spasski. Seit vielen Jahren hatte es eine Hegemonie der Sowjets im Weltschach gegeben. Und nun, mitten in der Zeit des kalten Krieges, schickte sich ein junger US-Amerikaner an, diese Hegemonie zu brechen und den Weltmeistertitel für sich zu erobern. Das Publikumsinteresse sprengte alles, was man im Schach bisher erlebt hatte. Dazu hat auch beigetragen, dass sich Fischer aufführte wie die launischste Diva, die man sich vorstellen kann. Er stellte immer wieder neue Forderungen, drohte ständig mit Abreise. Der Wettkampf hing permanent an einem seidenen Faden. Fischer, der stets den höchsten Einsatz riskierte, war auch am Verhandlungstisch äußerst unbequem. Bemerkenswert ist, dass das Preisgeld fast das 20 fache dessen betrug, was beim vorhergehenden WM-Kampf (Petrosian-Spasski 1969) gezahlt wurde. Insofern kommt Fischer das Verdienst zu, dass Schachprofis seitdem wesentlich bessere finanzielle Bedingungen vorfinden als zuvor. Letztendlich ging der Wettkampf über die Bühne und Fischer wurde Weltmeister. 

Doch "schwer ruht das Haupt,  das eine Krone drückt"? Jedenfalls zig sich Fischer von Stund an völlig aus dem offiziellen Schachbetrieb zurück, spielte bis zu dem zuvor erwähnten "Rentnermatch" (so qualifizierte es Garry Kasparow) keine einzige Turnierpartie mehr. Auch liebte er es unterzutauchen und sich geschickt den  Nachstellungen von Journalisten zu entziehen.  Über viele Jahre hinweg geisterte er wie ein Phantom durch die Gazetten, Niemand schien etwas Genaues über seine Lebensweise und seinen Aufenthaltsort zu wissen. 

Robert James Fische, so sein korrekter Name, wurde 2004 in Tokio wegen des US_Haftbefehls festgenommen und verbrachte daraufhin acht Monate in japanischen Gefängnissen. Ihm drohte die Abschiebung in die USA, wo ihn ein Strafprozess erwartete.  Die Angelegenheit nahm für Fischer eine glückliche Wendung, als ihm die isländische Staatsbürgerschaft angeboten wurde. Fischer ging darauf ein und ließ sich in Reykjavik nieder. Eine lange Zeit des beschaulichen Lebens war ihm jedoch nicht vergönnt, nach nicht einmal 3 Jahren verstarb er - vermutlich an einem Nierenversagen - 

Fischer verdankt man auch die "Fischer-Schachuhr", welche die Besonderheit aufweist, dass der Spieler mit jedem ausgeführten Zug einen Zeitbonus erhält, also eine kleine Draufgabe in der Bedenkzeit (ca. 15 Sekunden). Der große Vorteil: Hat sich ein Spieler auf dem Brett einen entscheidenden Vorteil herausgearbeitet, so scheitert die Realisierung dieses Vorteils nicht mehr daran, dass ihm gar nicht mehr genügend Zeit verbleibt, seine Züge rein physikalisch auszuführen. Allein das Rücken der Steine und das Betätigen der Uhr nimmt ja etwas zeit in Anspruch. Die Idee der "Fischer-Uhr" spiegelt somit in gewisser Weise den Sportgeist und die Fairness ihres Urhebers wider. 

Zudem kam von Fischer die Erfindung, dass man die Grundstellung im Schach verändern sollte, um so die große Bedeutung der ins Uferlose angewachsenen Eröffnungstheorie zu nicht zu machen. Seine Variante dieses Schachs hat sich, wie wir alle wissen, etabliert . Zuerst wurde sie einfach "Fischer-Schach" bezeichnet, heute aber unter dem Namen "Chess960" salonfähig ist. Bei dieser Art des Schachs wird - unter Beachtung gewisser Grundregeln - die Ausgangsstellung vor jeder Partie ausgelost. Der Name "Chess 960" rührt daher, dass 960 verschiedene Grundstellungen zulässig sind. Auswendig gelerntes Wissen, vorbereitete Varianten und routinierte Erfahrung verlieren unter diesen Voraussetzungen an Bedeutung, gefragt sind stattdessen Geistesgegenwart und die Fähigkeit, allgemeine Prinzipien auf sehr wechselnde Situationen anzuwenden. 

Selber spiele ich diese Variation des Schachs unglaublich gerne und hab hin- und wieder schon so manchem starken Spieler damit einen Sieg abgerungen. 

Bobby Fischer - Ja..eine Legende - 

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17. Februar 2021 3 17 /02 /Februar /2021 13:46

Da ich die letzten Tage immer mal wieder in einem Buch von Arno Gruen gelesen habe, möchte ich heute meine geneigten Leser auf diesen von mir geschätzten Psychoanalytiker, der leider am 20. Oktober 2015 im Alter von 92 Jahren verstorben ist, aufmerksam machen.  Für mich war er einer der wichtigsten Menschen, die unserer Welt etwas zu sagen hatte. Leider wurde er von den Medien, nach meiner Beobachtung, kaum beachtet. Selber war er kein Mensch, der sich aufgedrängt hat. Er betrieb seine Wissenschaft, schrieb seine Bücher, darin sagte er alles, was er zu sagen hatte zum menschlichen Sein in der Gesellschaft. 

Arno Gruen ist für mich also nicht irgendwer. Er ist der Autor von Büchern wie "Der Verrat am Selbst", "Der Wahnsinn der Normalität" oder "Der Verlust des Mitgefühls". Es sind diese Bücher, die ich immer wieder gelesen habe und lesen werde und deren Gedankenwelt mich seit Jahren beschäftigen. 

Wenn man versucht, diesen Arzt, Wissenschaftler und Schriftsteller mit ganz wenigen Worten zu charakterisieren, so verfällt man auf die Aussage, dass Arno Gruen im Wesentlichen zwei verschiedene Existenzweisen des Menschen sieht. Die erste steht im Zeichen der Macht, ist von Beherrschung und Kontrolle, von Abstraktion, von Stärke, von Erfolg im Wettbewerb geprägt. Die zweite Existenzweise basiert auf Liebe, auf Mitgefühl, auf Zärtlichkeit und auf dem Begriff einer Autonomie, der nichts mit der Behauptung der eigenen Wichtigkeit und Unverletzlichkeit zu tun hat, sondern der eine nicht entfremdete Harmonie mit dem eigenen Selbst zum Ausdruck bringt. Diesem Selbst sind Erfahrungen der Schwäche, der Hilflosigkeit, der Angst und des Schmerzes nicht fremd und verhasst, sondern als unvermeidliche Bestandteile des menschlichen Lebens wohl vertraut. Überflüssig zu sagen, dass Arno Gruen ein unermüdlicher Verfechter der zuletzt genannten Orientierung ist. 

Arno Gruen ging es nie um Gefühlsduselei. Und man glaubt es ihm einfach, diesem Menschen, der als kleiner Junge mit seiner Familie aus dem Hitler-Staat in die USA geflüchtet ist. Wenn man ihn an einem Rednerpult oder in einem Video zuschaut, kann man erkennen, dass er in jedem Augenblick den Ernst und die Sorgfalt eines Wissenschaftlers ausstrahlt. Der auf jegliche Show-Elemente verzichtet, der nicht einmal zur Auflockerung ein Witzchen einstreut. Das ist man nicht gewöhnt. Es handelte sich um einen Redenden oder Gesprächspartner, der sich keinerlei Sorgen um seinen "Marktwert" zu machen schien. Er wirkt glaubwürdig, die sachliche, fast demütige Form seines Auftritts korrespondiert vollkommen mit den Inhalten, die er teilweise schon seit Jahrzehnten zu vermitteln sucht. Man bemerkt mit einer Mischung aus Erstaunen und Dankbarkeit, dass in einem akademischen Umfeld plötzlich wieder Begriffe wie Liebe und Einfühlungsvermögen eine bedeutsame Rolle spielen. Welche angeblichen kritischen Geister in Deutschland haben es nach den 60er Jahren noch gewagt, sich in einer solchen Art und Weise zu äußern? 

Arno Gruen ist jedoch kein Ideologe, der da vorliest, keiner, der Realitäten setzen will. Sondern jemand, dem es in seinem ganzen Leben darum zu tun war, der menschlichen Wirklichkeit nachzuspüren. Sein Ausgangspunkt ist das Individuum, das er nicht vollständig von den Zwängen und Eigengesetzlichkeiten des Systems bestimmt sieht und dessen Wollen ein sehr persönliches Geheimnis sein soll. Die größte Gefahr für den Einzelnen sieht Arno Gruen in verzerrten und reduzierten Realitätsbegriffen, die nicht selten manipulativ und wie eine Waffe eingesetzt werden  - zum Beispiel von Erziehern. Wenn angepasste Menschen gern von freier Entscheidung oder von Eigeninitiative reden, sieht Arno Gruen häufig nur Gehorsamsakte, mit denen eine allgegenwärtige Angst beschwichtigt werden soll. Die Angst davor, den Leistungserwartungen nicht zu genügen, die Angst vor dem Versagen. Um Ängsten und Gefühlen der Schwäche aus dem Weg zu gehen, findet häufig eine Identifikation mit der Welt der Macht statt. Man halluziniert eine Teilhabe an der Macht und sucht Linderung seiner Leiden ausgerechnet bei denen, die einen überhaupt erst zum Leiden brachten. Stattdessen empfiehlt Arno Gruen der eigenen menschlichen Wahrnehmungsfähigkeit zu vertrauen und davon ausgehend immer wieder neue Lebenserfahrungen zu machen. 

Arno Gruen war eng mit Henry Miller befreundet und wurde nach eigener Aussage stark von diesem beeinflusst. Von Miller stammt das Zitat: "Arno Gruen ist der erste Psychologe, der von Nietzsche geschätzt worden wäre". Dieses Urteil erscheint zunächst überraschend: Nietzsche hatte doch einerseits eine ausgeprägte Abneigung gegen Schwäche, und andererseits nahm für ihn das Streben nach Machterweiterung fast den Rang eines Naturgesetzes ein. Berührungspunkte der beiden sehe ich jedoch in der Hochschätzung von Individuum, Authentizität und Lebendigkeit. 

Es fällt leicht Arnos Gruens Gedanken zu folgen in seinen Büchern oder in seinen Gesprächen. Doch immer mal wieder drängte sich mir die Frage auf, ob der ganze Betrieb der Welt von seinen Thesen Kenntnis nimmt. Wohl nur Wenige, wenn man sich darauf bezieht, wie wenig er von der Medienwelt beachtet wurde. Doch ist es jetzt fast 6 Jahre nach seinem Tod immer möglich, sich mit diesen auseinanderzusetzen und seine Bücher zu lesen, und  Gesprächen, die man bei you tube oder anderen Medien findet, zu lauschen. Es lohnt sich. Jedesmal wenn ich in eines seiner Bücher schaue oder mir etwas anhöre, kommt mir der Gedanke, gibt es noch Hoffnung? 

 

Der Verrat am Selbst, Arno Gruen .... https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13514175.html

Der Wahnsinn der Normalität, Realismus als Krankheit, Arno Gruen  

Der Verlust des Mitgefühls, über die Politik der Gleichgültigkeit

 Das Lesen lohnt sich, sowie alle von ihm erschienenen Bücher. 

https://de.wikipedia.org/wiki/Arno_Gruen

https://www.deutschlandfunkkultur.de/nachruf-auf-arno-gruen-vordenker-einer-politik-des.1013.de.html?dram:article_id=334815

https://www.deutschlandfunkkultur.de/zum-tod-von-arno-gruen-warum-sind-wir-so-gerne-gehorsam.970.de.html?dram:article_id=304094

 

 

 

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6. Februar 2021 6 06 /02 /Februar /2021 14:53

Sunbeam meet Goblin. Ein magischer Augenblick, die Bewegung zweier Welten.

 

Der letzte Sonnenstrahl

 

Als die Sonne ihre Tagesreise beendet hatte, 

blieb ein letzter Sonnenstrahl etwas zurück von seinen Geschwistern.

Dämmerung hatte sich schon über den Wald gelegt, 

und auch der letzte goldene Sonnenstrahl wollte gerade weichen,

als er einen Troll auf sich zukommen sah,

der wohl eben aus seiner Höhle gestiegen war.

Dieser Troll war eigentlich lichtscheu,

er durfte niemals vor Sonnenuntergang herauskommen.

 

Die Beiden schauten einander an.

Der Troll spürte in seinem Herzen eine heiße Sehnsucht.

Er sagte: "Du verbrennst meine Augen,

aber niemals in meinem Leben

habe ich so etwas Wunderbares gesehen!

Es ist mir gleichgültig, wenn Dein Glanz mich erblinden lässt, 

in der Dunkelheit kann man gut leben.

Komm mit mir, ich zeige Dir den Weg zu meiner Höhle,

und ich nehme Dich zu meiner Geliebten".

 

Der Sonnenstrahl antwortete: "Du süßer kleiner Troll,

die Dunkelheit nimmt mir das Leben,

und ich will nicht sterben.

Wenn ich nicht sofort ins Licht fliege,

werde ich keinen Augenblick mehr zu leben haben!"

 

So entschwand der schöne Sonnenstrahl

Aber noch heute, wenn sich der Troll des Nachts herumtreibt,

denkt er: Wieso ist der eine ein Kind des Lichts,

während der Andere die Dunkelheit liebt?

 

Original: "Päivänsäde ja menninkäinen"

Text und Musik: Reino Helismaa (1913-1965)

Freie Übersetzung aus dem Finnischen

 

https://www.youtube.com/watch?v=uogBJgnXgdc

 

 

 

 

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22. Januar 2021 5 22 /01 /Januar /2021 12:57

Es ist jetzt 11.00 Uhr. Freitag. Die Zeit an dem das Telefon klingelte und dann hatten wir uns. Wir redeten und redeten, 4, 5 Stunden und zumeist war es Dir immer noch nicht lang genug. Mir fiel fast das Ohr ab oft. Den Hörer nicht mehr halten können, sagte ich, Wolferl, wir machen Schluss. Ich hab auch Hunger. Ich muss was essen. Wir hören uns wie immer nächste Woche. Wenn irgendwas sein sollte, auch zwischendurch. 

 
Aber es gibt keinen Freitag mehr. Kein Zwischendurch. Kein *Ciao Röslein, pass auf dich auf* ...Nie mehr wieder wird Irgendjemand *Röslein mich nennen. 
 
Letzte Woche war es der letzte große Freitagsanruf. Du klagtest schon lange. Es ging Dir nicht gut. Auf alles Mögliche hast Du es geschoben. Es könnte dieses oder jenes sein. Projektionen. Zum Arzt wolltest Du nicht. Deine Angst vor einer Infizierung durch Corona jetzt in dieser Zeit war größer, als die Sorge um Dein Wohlbefinden, herauszufinden, was da mit Dir los ist.
 
Ich musste Dich lassen. Was sollte ich tun. Auf meine Bitten, auf mein Drängen, auf mein Schimpfen hast Du nicht gehört. Du musst nachdenken sagtest Du immer. Nachdenken? Worüber dachte ich. Alles liegt auf der Hand. Es gibt nur eine kluge Entscheidung und die ist, sofort zum Arzt. Du warst doch immer so klug. Unglaublich klug. Hast den Dingen ins Auge gesehen, sie analysiert und herausgefunden. Es entsprach immer der Wahrheit. Du hattest einen klaren Verstand, einen guten Blick für die Wirklichkeit. Nicht nur für das was geschah, sondern auch für den Menschen. Du hast immer Recht gehabt mit der Entzauberung der Menschen die sich immer als die *tollen* über alles Drüberstehenden präsentieren wollten. Wir dachten beide so und sahen das selbe. 
 
Das war das Wunderbare, was uns in der Freundschaft verbunden hat. Wir hatten so Vieles gemeinsam. Den Blick auf die Welt und den Menschen. Bücher verbanden uns. Wir konnten stundenlang darüber reden. Manchmal nur über eine einzige Aussage in dem Gelesenen. 
 
Jetzt sitze ich hier und schreibe Dir diesen Brief. Hier in meinem Blog steht dieser Brief an Dich. Wie hast Du Dich immer über einen Blog von mir gefreut. Schon damals beim Kölner Stadt-Anzeiger. Schreib Röslein, sagtest Du immer, schreib dir alles von der Seele. Erzähl den Menschen. Warum denn nicht. Lass die, die es dir nicht gönnen, dich angreifen, reden.
 
Genau zu der Zeit, in der wir telefonierten, schreib ich jetzt diese Zeilen an Dich.  Vielleicht siehst Du ihn ja, von da oben, unten, irgendwo, an dem Ort, wo Du jetzt bist bei Deiner Eila. Sie hat auf Dich gewartet und jetzt seid Ihr wieder beisammen. Mir war immer klar, dass Du ihren Tod nie überwunden hast. Es stimmt einfach nicht..Die Zeit heilt alle Wunden...Das hab auch ich immer und immer wieder erfahren. Ein Wort, ein Ort, eine Begegnung und schon ist das, was uns Schmerzen bereitet hat, wieder da. Manchmal auch nachts in den Träumen. Nichts ist jemals vorbei. Lass sie reden, die Leuts, die sagen, es ist rum. Sie machen sich nur was vor, wollen nicht hinschauen. 
 
Die Menschen belügen sich selbst. Spinnen sich eine Wirklichkeit zurecht, in der sie leben und an der sie festhalten. Klappt ja auch zumeist. Nur ist es nicht die Wahrheit ihres wirklichen Seins. 
 
Letzten Freitag ging es dann gar nicht gut mit Dir. Du konntest kaum noch sprechen. Ich war erschrocken, mutlos. Ich wusste nicht, was ich tun sollte, konnte. Von hier aus. 200 km entfernt von Dir. Ohne Auto. Und Du wolltest ja auch immer noch nicht, dass ich was tat. Mein Reden und Reden flog immer noch an Dir vorbei. Ich musste mich den eigenen Projektionen überlassen, Mutmaßungen, was Deinen Gesundheitszustand betraf. Woran das lag, dass Du plötzlich so schnell abgebaut hattest. 
 
Vielleicht, sagtest Du, hättest Du Dich im Dezember doch irgendwo mit Corona infiziert und das sind jetzt diese schrecklichen Nachwirkungen. Vielleicht. Ich teilte diese Mutmaßung nicht. Wo hätte das geschehen sollen. Du, der Du absolut isoliert von Allem lebtest. Es ist etwas anderes Ungutes, sagte ich Dir. Ich spürte das. Jedoch kann etwas dran getan werden. Noch. Du musst nur endlich. Ja Röslein sagtest Du, ich denke drüber nach. Jetzt ist Wochenende, mal sehen...Montag...
 
Den Freitag konnte ich mich nicht mehr konzentrieren auf Irgendwas. Was ist da los mit meinem Wolfi. Da ich weiß, wie wütend Du auch werden kannst, wenn etwas getan wird, wozu Du nicht Deine Einwilligung gabst, war ich verunsichert. Ich sah Dich ja nicht. Deinen Zustand. Und noch 3 Wochen zuvor, klagtest Du zwar, aber warst ganz mein Wolfi, wie immer. 
 
Alles was ich tat in diesen Tagen war von Unruhe begleitet. Meine Gedanken bei Dir. 200 km entfernt. Ich tat das Zwischendurch. Am Sonntagmittag rief ich Dich an. Du gingst nicht ans Telefon. Es dauerte 1 Stunde bis Du endlich zurückriefst. Röslein, sagtest Du, mach das doch nicht. Ich brauchte jetzt so lange, um an das Telefon zu kommen. 
 
Alles überschlug sich. Fassungslos vernahm ich diese Worte. Was war mit Dir los? Ok, ok, sagte ich, jetzt ist genug. Das mach ich nicht mehr mit. Am Montag ruf ich den Notdienst an, wenn Du nicht selber etwas tust und schick sie Dir nach Hause. Ich muss drüber nachdenken, sagtest du. Schon wieder. Wir legten auf. 
 
Montagmorgen rief ich an. Gefahr im Verzug sagte ich. Sie kamen sofort. Am Telefon, als ich Dir Bescheid gab, sagtest Du, danke Röslein, ciao Röslein. Eine Stunde später dann telefonierte ich mit der Uniklinik. Notaufnahme. Wir können noch nichts Genaues sagen. Sagten sie. Da hat einer ganz schön was verschleppt. Es wurde gewartet auf ein Bett auf der Station. 
 
Dann ging alles so schnell. Am Abend sagte die Ärztin mir, eine schwere Lungenentzündung verbunden mit einer Sepsis. Man müsste Dich ins künstliche Koma versetzen. Ich hatte keinen Gedanken mehr. Dachte nur, was passiert da mit Dir. Mit meinem Wolfi. Ich stand und stehe noch immer unter Schock. 
 
Dienstag morgen klingelte das Telefon. Die Ärztin. Sie sagte...Du möchtest mich noch einmal sprechen. Sie hielt Dir das Telefon ans Ohr. Du sagtest mir etwas. Sätze, die ich nicht mehr verstand. Nur einzelne Worte. Koma. Was passiert. Und dann. Röslein...danke...ciao Röslein...Das war das letzte was ich von Dir hörte. Dann warst Du weg. 
 
Mittwochmorgen sagten sie es stehe schlecht um Dich. . Ich müsste mit allem rechnen. Mit allem rechnen? Wieso denn? Warum? Das kann nicht sein. Das kann ich nicht fassen. Verstehen. Da war doch Hoffnung. Und jetzt nicht mehr? Was passiert da? Keine Gedanken mehr. Nur Leere in meinem Kopf.
 
Und dann hörte ich nicht mehr auf zu weinen. Weine immer noch. Ich ging spazieren. An diesem Mittwochmittag. Sah nichts mehr. Redete und redete mit Dir in meinem Kopf. Sah nichts mehr. Nahm nichts mehr wahr. 
 
Ich erzählte Dir...Wolfi weißt Du noch, wie wir die Katze beim Kacken erwischten und sie uns ganz empört anschaute und wir da vor ihr standen und lachten und lachten. Es war so wunderschön. Wir hatten den gleichen Humor.
 
Oder erinnerst Du Dich, wie wir auf der Kaimauer saßen am Main und dieser Typ kam vorbei. Ein junger Mann. Er hatte schulterlanges Haar. Es wippte beim Auftreten seiner Schritte. Und ich sagte, guck mal, der hat die Haare schön und gleichzeitig prusteten wir heraus, lachten und lachten, konnten nicht mehr aufhören. Er hatte die Haare schön und trug sie von Wettertaft gehalten da zur Schau. Niemals niemals werde ich dieses Bild vergessen.
 
Ich erzählte Dir von unseren Klettertouren rauf zum Altkönig, mal hattest Du Probleme mit der Überwindung der Höhe, mal ich, mal gelangten wir Beide im Gleichschritt ohne Beschwerden nach oben. Unser erstes Picknick dort auf der Höhe mit dem weiten Ausblick runter ins Taunusland und nach Frankfurt hinein. Im Sonnenschein. Zwischen den Tannen saßen wir und es war so herrlich still, ruhig. Die Zeit war stehengeblieben. 
 
Und unsere schönen Wanderungen hinauf zum Bahain-Tempel, wo wir im Sonnenschein unsere Jause vertilgten und uns dann weitermachten zum Kaisertempel. Eine riesige Tour war das mit vielen Höhenmetern die überwunden werden mussten. Ganz schön abgestrampelt haben wir uns, vor allen Dingen, wenn es heiß wurde, im Sommer. 
 
Und erinnerst Du Dich, sagte ich, an unsere Tischtennismatchs, an denen Du ehrgeizig wie Du warst, versuchtest eines zu gewinnen, was Dir selten gelang. Du warst eben schwerer als wie ich. Ich sprang und sprang an die unmöglichsten Stellen. Bekam den Ball immer und preschte ihn Dir zurück. Du warst sprachlos. Aber wolltest nie aufgeben. Was hatten wir für einen Spaß. Nur im Schach konnte ich Dich nie in die Knie zwingen. Dazu war ich zu schlecht.  Fing ja auch gerade erst an. Du warst lange Vereinsspieler. Ein sehr guter sogar. Du konntest mir noch erzählen, wie die Stellung auf einem Brett vor zig Jahren war und hast dich geärgert, wenn ich das nicht mal in einer vor Minuten zu Ende gegangenen Partie  beherrschte. Nach vielen Jahren kann ich es jetzt aber auch liebes Wolferl. Nicht immer, aber hin- und wieder. 
 
Dann wieder die Stunden, an denen wir in der Musik versunken waren. Du warst ein alter Rock´n Roller. Erzähltest mir immer wieder von Deinen Localheros. Knut Engemann mit seiner Band Puma & the Beutelratten....Hank Kerns & The Rockin Devils....The Rounders...Back to the roots....Und Matthias mit seiner All coulors´-Band...Du hast sie Beide vereehrt. Viele Konzerte haben wir auch gemeinsam besucht dieser Beiden. Das waren auch die einzigen Momente in Deinem Leben, wo Du Dir ein Bier gegönnt hast. Hast sonst nie getrunken. Aber Rock´n Roll... dazu gehört ein Bier und eine Kippe, waren immer Deine Worte. Geraucht hast auch Du sonst nie. 
 
Ich hab sie übrigens Beide angeschrieben. Knut und Matthias. Schließlich sollten Sie wissen, was mit Dir geschehen ist. Dass du gegangen bist. Hinüber. 
 
Ja, das passierte. Das ist geschehen. Genau in dieser Zeit, als ich am Rhein spazierte und mit dir redete. Ich war nicht ganz 10 Minuten zu Hause, da klingelte das Telefon. Du bist nicht mehr da. Fortgegangen. Von dieser Welt. Von mir. 
 
Das Weinen will nicht aufhören. Ciao Röslein....
 
Wenn wir jetzt reden würden...am Telefon..würde ich Dir erzählen, dass bei Menschen sich die chemische Zusammensetzung emotionaler Tränen von der Zusammensetzung der Tränen, die sich bilden, um das Auge zu benetzen oder zu säubern, wenn es gereizt ist. Dass es bekannt ist, dass die Freisetzung dieser chemischen Stoffe dem Weinenden wohltun kann, was wiederum erklärt, warum sich Menschen dann besser fühlen, nachdem sie sich ausgeweint haben. 
 
Ich weiß nicht, wie lange ich noch weinen werde, bis sich dieser Zustand einstellt. Das alles gut ist. Ich nichts ändern kann. Man kann nichts zurückgewinnen. Ich weiß nur, dass ich von dem vielen Weinen wie blind bin. Dass ich Dich vermisse und immer vermissen werde, solange ich selber lebe. 
 
Und weißt Du was, liebes Wolferl, Knut hat mir sofort zurückgeschrieben. Mir erzählt, wie Ihr Euch vor 40 Jahren kennengelernt habt mit Puma & the Beutelratten. Dass Euch Beide die Musik verbunden hat und dass er sich immer gefreut hat hat, wenn Du auf seinen Konzerten da warst. Zuletzt hattet ihr euch 2019 bei den Mainzer Weintagen gesehen.
 
Auch Matthias hat mir gerade eben, während ich Dir diesen Brief schreibe geantwortet. Dass er noch am gestrigen Abend mit Knut gesprochen habe, den er eigentlich nur über Dich kannte, weil Du ihm immer von ihm erzählt hast. Beide sind unendlich traurig, dass Du fort bist. Und dass sie schon lange vor hatten, einmal gemeinsam zu spielen. Wer weiß, vielleicht klappt das ja jetzt einmal. Und es wird Dich ganz sicher freuen, dass Du Deine beiden Localheros zu einer gemeinsamen Session zusammengebracht hast. Ich weiß, dass Du ganz außer Dir wärest, könntest du das dann miterleben. Ich bin mir sicher, du freust Dich auch jetzt, da oben, unten, wo auch immer Du jetzt bist. 
 
Liebes Wolferl, ich schreibe jetzt schon fast solange, wie auch unser Telefonat immer andauerte. Ich merke dass ich langsam etwas ruhiger werde. Dass mir das gut tut. Das ich vielleicht beginne, zu akzeptieren, dass Du nie wieder ..ach Röslein, ciao Röslein.. zu mir sagen wirst, niemals mehr am Freitag das Telefon klingeln wird. Du Dich nie wieder genau wie ich empören kannst, über die Dummheit der Menschen, über die Belanglosigkeiten, die sie austauschen, über ihre Herzlosigkeit und ihre dumme aufgezeigte Selbstoptimierung.
 
Weißt Du, am Dienstag als ich auf unserer Schachseite war, auf der Du ja auch spieltest, mich überhaupt dort hingelotst hattest, erblickte ich einen Satz in diesen oft jämmerlichen Chat...der hieß..Ach eigentlich ist das Leben immer schön, es kommt nur darauf an, was man daraus macht... Das war dieser Satz..Ein selten dümmlicher und phrasenhafter Satz...Wie eine Ohrfeige, die man Menschen erteilt, die nicht bevorzugt in einer schönen heilen Welt leben...Die gerade im Mittelmeer um ihr Leben kämpfen... oder 20 km zu einer Wasserstelle laufen müssen, um eine tägliche Ration Wasser zu ergattern...die in Kriegsgebieten leben, ihr Zuhause bombadiert wird, sie ihre Familien verlieren.... sie zusehen müssen, wie ihre Kinder vor ihren Augen vor Hunger sterben....Ein Satz wie eine Ohrfeige für sie...Sag das denen mal..kommt nur drauf an, was ihr daraus macht... Herjeh...
 
Nein! Das Leben hat Schönheiten zu bieten, ja..Das Leben kann gute und schöne Momente hervorzaubern und wir können uns daran erfreuen, auch nur, wenn wir in dieser bevorzugten Lage leben, dass wir es können. Aber das Leben ist nicht immer schön..Es ist überwiegend grausam, unbarmherzig, oberflächlich und desillusionierend....Wir leben in einer Welt des Zwielichts...hörte ich neulich einmal...
 
Doch bedeutet dass nicht, dass ich nicht darauf hoffe und daran glaube dass das Licht gegen die Dunkelheit Irgendwann gewinnen wird. 
 
Und weißt Du, worüber ich auch noch wütend bin. Ja wütend. Über diesen Menschen, der mich behandelt, wie einen Schwerverbrecher, weil ich ein vereinbartes Telefonat viereinhalb Stunden vorher abgesagt habe und um einen anderen Termin gebeten habe, weil sich ganz unvorhergesehener weise mein Sohn angemeldet hatte, den ich im letzten Corona-Jahr nur drei Mal ganz kurz habe sehen dürfen... Es keine Antwort gab, auf meine Mitteilung. Erst viel später...Barsch und mit Vorwurf...dass dieser Mensch ja keine Kinder habe. Was kann ich dafür... Und ich dachte, dieser Mensch sei mir freundschaftlich gesinnt. Und dieser Mensch sich Christ nennt und in die Kirche rennt und jammert, wenn er das nicht kann. Und sein Jesus, der hat am Kreuz doch denen vergeben, die ihn mordeten, ihn seinem Schicksal überlassen haben...Und ich jetzt wegen eines verschobenen Telefonats schlimmer behandelt werde, als diese Verbrecher. Was sagst Du dazu? 
 
Siehst Du Wolferl, jetzt bin ich ganz darin versunken, in all dem, was mir so geschehen ist, von dem ich Dir sonst immer habe erzählen dürfen oder Du mir, von dem, was Du gesehen und erlebt hast. Ganz wie in unseren Telefonaten. Das wird auch niemals aufhören. In meinen Gedanken werde ich weiter mit Dir reden und Dir alles erzählen... Vielleicht werde ich nur noch mehr Briefe an Dich  in diesem meinem Blog schreiben...Und dann werde ich ganz still sein auf meinen Spaziergängen und hören, was Du mir antwortest...
 
Liebes Wolferl...ich hoffe, Du bist gut angekommen, wo wir uns Irgendwann wieder begegnen werden. Davon bin ich überzeugt, wenn ich auch nicht weiß, wie das ausschaut. Das Einzige dass mich tröstet ist, dass es schön war, dass es Dich gegeben hat, in meinem Leben, wenn auch schwere Zeiten darin enthalten waren. Dennoch hat die Versöhnung gesiegt und unsere Freundschaft hat gehalten. Das war und ist mir immer wichtig gewesen. Nichts ist so tragisch, wenn auch für den Moment oder die Zeit, in der wir in einer Tragödie leben und es schmerzlich ist, als wenn nicht drüber weggekommen werden kann und am Ende übrig bleibt, was gut war und ist. Und es ist auch so, dass ganz sicher Dinge zwischen Menschen geschehen, die nicht vergeben werden können...soweit bin ich mittlerweile...Doch heißt das nicht, dass man nicht  weiter miteinander reden kann und sogar Freunde bleibt.  Niemand ist ohne Schuld oder Fehler. Niemand... Prägen wir uns das nur immer oft genug ein, dann ist das Leben leichter und einfacher. 
 
Ich muss jetzt ohne Dich weiterleben. Ich weiß, dass das schwer sein wird. Du wirst mir immer fehlen.  Ich bin dankbar, dass ich Dich über 12 Jahre Freund hab nennen dürfen. Wolferl, Trollo, Du alter Haudegen.. Trollo, erinnerst Du Dich...Mit diesem Nicknamen hab ich Dich kennen lernen dürfen. Damals beim Kölner Stadt-Anzeiger. Da begann unsere Freundschaft.  Du warst allerdings alles andere als ein Troll. Ein authenthischer Mensch der sich hinter einem lustigen Nicknamen verborgen hatte. Das hatte ich gleich erkannt. 
 
Ich werde den Finnen im übrigen schreiben. Denke, dass mein Englisch reichen wird... Aber vielleicht denken sie fast ein ganz klein wenig wie ich..dass Du es, wenn auch unbewusst, so gewollt hast. Das Weggehen...hin zu Deiner Eila...jetzt am Ende... Kein Kampfgeist mehr in Dir war, weil der Körper zu schwach wurde, wenn auch so plötzlich. 
 
Wer versteht schon das Leben...wie das Leben am Ende für einen ausgeht..Wieso und warum gerade so... Der Traum von einem schmerzfreien Loslassen am Ende wird wohl nur ein Traum sein und bleiben...Schmerz und Leiden gehört am Ende immer dazu, auch wenn wir ihn dann überwinden und es am Ende alles gut wird. So habe ich es oft auch erleben dürfen, bei all denen, die ich schon verloren habe. So wünsche ich es mir auch für mich selber...
 
Ciao Wolferl...Bleib da, wo Du bist, der Du gewesen bist... Denn hier wie dort...verrate niemals dein Selbst.
 
Dein Roeslein 
 
P.S. Ich wollte, dass ich Dich anschauen kann, daher das Foto
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
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28. November 2020 6 28 /11 /November /2020 18:36

Es fällt doch auf oder? Ich meine, dass die Menschen seit der Pandemie insgesamt alle entspannter und auch ein wenig weicher und freundlicher sind. Jedenfalls, mir ist das aufgefallen. Direkt schon. Als es alles begann. 

 
Heute hab ich das wieder gemerkt. Samstag in der Früh bin ich los. Einige Erledigungen standen auf dem Plan. Früh gehen ist das Beste jetzt in diesen Zeiten. Gerade an Samstagen. 
 
Hier bei mir machen die kleineren Geschäfte, bis auf den Supermarkt meines Vertrauens erst alle um 9.00 Uhr bzw. 9.30 Uhr auf. Das ist auch ok. Die müssen ja abends alle länger. Früher war anders. Da war der Einkauf um diese Zeit komplett erledigt. Aber ist ja rum. Das Früher. 
 
Es ist die erste richtige winterliche Kälte. 3 Grad sagt das Wetter. Schön ist das. Der Himmel ist blau, die Sonne lugt hervor. Was will man mehr. Beim Einkauf. Dick eingemummelt mit Schal und Mütze machts direkt gleich mehr Spaß. 
 
Beim Drogeriemarkt ist es noch leer. Auf Abstand braucht nicht geachtet zu werden. Die Bioprodukte, die auf dem Zettel stehen, sind schnell im Einkaufskorb. Jetzt noch die bestellten Kalender. Mist. Nur einer da. Komisch, dabei wurden die alle zur gleichen Zeit am selben Tag bestellt. Sagte ich schon, die Leuts sind alle so freundlich? Jedenfalls die Dame an der Kasse war es so was von. Tröstete mich mehrmals. Das kann schon mal passieren. Das nur eine Sendung kommt. Am kommenden Montag sind sicher auch die anderen da. Sie hatte echt Sorge, dass ich aufgeregt werde oder gar ärgerlich. Wurd ich aber nicht. Warum auch. Wenn man so freundlich bedient wird. 
 
Beim Biobäcker meines Vertrauens war auch Niemand. Und auch mein Brot *Roggen fein* war noch vorrätig. Herrje wie das alles klappte. 
 
In der Apotheke sollte ich für die Nachbarin Zink-Brausetabletten erstehen. Auch nur ich. Da drin. Zwei Damen waren zur Beratung da. Mit Masken. Eine junge, eine alte Dame. Die ältere Dame suchte nach meinem angefragten Produkt. Gabs aber nicht. Nur in Granulat meinte sie. Hm...ob ich mal telefonieren dürfe. Mit der Nachbarin. Muß ja wissen, ob das auch ging. Haben die gemacht. Mich telefonieren lassen. Kann man nun nicht erwarten. Echt freundlicher Kundenservice. Es passte dann auch. Bei dieser Gelegenheit erinnerte ich mich, wollte doch schon immer Müller-Wohlfahrts *Profelan* Arnika-Salbe. Für sie, die Nachbarin. Bring ich ihr jetzt mit. Gedacht, bestellt. 
 
Die ältere Dame suchte und suchte am PC, fand aber nix. Hm...Sie befragte ihre Kollegin. Die Junge. Diese suchte ebenfalls. An ihrem Pc. Nach der Salbe. Profelan, sagte sie, die heißt Profelan. Ach verdammt, hatte ich vergessen dazuzusagen. Genau, die iset, sagte ich. 
 
Aber dann passierte nix mehr. Ich stand da. Die beiden standen da. An ihren Computern. Ne ganze Weile standen wir da so rum. Die beiden wollten höflich sein, dachten, ich packe noch ein. Ich wollte höflich sein und nicht drängelig werden. Dann fragte ich sie aber doch, haben sie mir die Salbe bestellt? 
 
Als wenn sie aufwachen würden, schauten sie mich an und entschuldigten sich. Die eine dachte von der anderen..sie hätte. Sie wissen schon. Die Salbe bestellt. Für mich. Es war alles so entspannt. Macht ja nix, signalisierte ich. Dann machen sie es bitte jetzt. Die Junge übernahm. Tippte ein. Gab mir den Zettel. Montag könne sie abgeholt werden. Prima sagte ich. Steckte meine Geldbörse ein schaute die Damen nochmal an, sagte *Auf Wiedersehen und zu der jungen* Sie haben schöne Augen* War mir direkt aufgefallen, als sie mich das erste Mal hinter ihrer Maske anblickte. Schöne Augen hat die. Sagte ich ihr jetzt auch. War unverhofft. Nicht geplant. Sie hat sich aber gefreut. Das merkte ich. Sie hat nur Danke gesagt und mich angeschaut.
 
Ist wohl nicht selbstverständlich, dass von Fremden ein nettes Wort, man sagt ja auch Kompliment kommt. Warum aber nicht. Ich meine, zwischen Frauen ist das eher selten. Frauen sind ja meistens Zicken. Stehen ewig in Konkurrenz zueinander. Furchtbar ist das. Entweder sie behandeln dich dann schlecht oder sie kopieren dich. Das macht sie lächerlich. Als wenn man das nicht merken würde. Und die anderen ja auch. 
 
Bei Männern ist das ja auch so. Nur anders. Das mit dem Konkurrenzdenken. Obs das aber auch gibt, dass die sich mal was Nettes sagen? Glaub auch eher selten. 
 
Ein nettes Wort hat noch niemand geschadet. Und als ich weiter marschierte merkte ich, wie ich mich selber freute. Darüber. Dass ich ihr das gesagte hatte. Der jungen Frau. Sie haben schöne Augen. Ein wenig war der Tag damit schon fast vollkommen. Dachte ich jedenfalls. 
 
Hat sich die Freude jedoch einmal eingenistet, bleibt sie auch und es passieren einfach immer weiter, nette Dinge. 
 
Zuhause packte ich geschwind meine Einkäufe aus. Zog mich wieder an und machte mich auf zu meinem täglichen kantschen Spaziergang. Ihr wißt schon. Kant, der aus Ostpreußen/Königsberg. Der Filosof. Ging jeden Tag zur selben Zeit den gleichen Weg spazieren. Durch sein Dorf. Mach ich auch immer. Meistens jedenfalls. Am Rhein entlang. Eineinhalb bis zwei Stunden lang. Wenn ich nix anderes vorhabe. Mit dem Rad oder so. Kann das nur Jedem empfehlen. Wiederholungen. Tag für Tag. Erfrischung an Leib und Seele. Da kommen die besten Gedanken hervor. Denn denen, die, die im Sitzen entstehen, sollte man nicht all zu viel trauen. Sagte jedenfalls der olle Nietzsche. 
 
Kurz vorm Eingang zum Rheinufer fällt mein Blick auf das Straßenpflaster. Da hatte Jemand mit bunter Kreide geschrieben* Habt ein schönes Wochenende* mit Blümchen. Wie drollig. Wie nett. Nette Wörter. Einfach so. Dahin geschmissen. Auf die Straße. Nehmt sie Euch. Dachte Derjenige sicherlich. Ich nahm sie. Nicht nur für mich. Verschickte sie gleich an alle mit denen ich verbandelt bin. Auf diesem Gerät. Ihr wißt schon. 
 
Am Rhein war ich (fast) ganz allein. An diesem frühen Morgen. Also früh. Für die Meisten. Die waren jetzt mit ihrem Einkauf beschäftigt. Den ich schon erledigt hatte. 
 
Nach einem langen Marsch kehrte ich dann in die Zivilisation zurück. Über die Einkaufsstraße ging es zurück. Nur kurz jedoch. Bis ich in den Stadtpark gelange. Ich hörte sie schon von weitem. Die Musik. Standen da auf dem Bordstein vor dem Supermarkt meines Vertrauens. Spielten was das Zeug hielt. Ich kann da nicht anders. Ich steh da wie Gewehr bei Fuß. Musik zieht mich an. Immer. Egal wo. 
 
War schon schräg. Was die zelebrierten. Hatte aber was. Ne Trommel und ein Blasinstrument. Voll die Power. Der Rhythmus ging mir durch und durch. Während ich eine kleine Aufnahme mit meinem Gerät, ihr wißt schon, machte, trat eine alte Dame hinzu. Glaub, die war mindestens schon 80. Ganz sicher. Sah aber aus, kleidungsmäßig wie ein junges holländisches Meisje. Voll schräg. Lachend und voller Freude stand ich da und schaute mir alles an. Dann wollte die alte Dame mich noch mitziehen zu einem Hüpfer und Hopsasa. Die hatte anscheinend keine Sorge. Ihr wißt schon. Wegen der Pandemie. Maske hatte sie jedoch an. Schnappte mich am Arm und meinte, komm, mach mit...  Ein ganz klein wenig tat ich ihr den Gefallen. Dann zog ich jedoch weiter. Genug ist genug. Aber die Freude, die Freundlichkeit der Menschen heute, das war eine richtige Wonne. Ich nahm sie mit. Nach Hause.
 
Sie haben schöne Augen, damit fing alles an. Und ist es nicht so. Freude geben heißt Freude bekommen Das Leben kann so schön sein. Trotz allem. Solang es geht. Machen wir es so. Schatten und Dunkelheiten kommen eh von allein. 
 
Ich wünsche allen meinen geneigten Lesern einen schönen 1. Advent.  Der kann jetzt kommen. Die Kerzen stehen. Und der Weihnachtsstern leuchtet auch auf meinem Tisch. 
 
 
 
 
 
 

 

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16. November 2020 1 16 /11 /November /2020 14:52

Mein Lebensgefühl der Welt gegenüber ist überwiegend unaufgeregt. Ein Stoiker bin ich wohl noch nicht, jedoch ist es mein Ziel allumfassend mein  stoisches Gemüt den Dingen gegenüber zu haben, die mir so vor die Füße fallen, zu vervollkommen. 

 
Seit einiger Zeit pflege ich Tag für Tag in einem Jahrbüchlein *Der tägliche Stoiker* meine Morgenmeditationen zu verrichten. Oft stelle ich fest, dass die Betrachtungsweise auf die Welt und deren Geschehnisse, die die Philosophen dort empfehlen, in Verbindung mit einer kleinen Auslegung des Verfassers dieses Büchlein, auch ganz in meinem Sinne, will sagen in meinem Denken und Handeln vorhanden zu sein scheint. Bewusst bin ich mir selbstverständlich, dass das auch tagesformabhängig ist. Es gibt natürlich auch immer wieder neue Herausforderungen die einen auf die Probe stellen. Das ist mal klar.
 
Jedenfalls, ich bin schon ein ganz schönes Stück meinem Ziel im Laufe meines Lebens und fortgeschrittenem Alters näher gekommen. Denke ich jedenfalls.
 
Wissen tu ich aber auch, wo und wann ich aber nun wirklich nicht stoisch reagiere, sondern, wenn auch nicht direkt hysterisch, aber doch recht aufgeregt auf Geschehnisse reagiere. 
 
Diese Geschehnisse stehen in Verbindung mit Krabbel- und Flugtierchen. Nicht alle, Fliegen z.b. sind mir so was von egal und die hübschen,  wie z.B. die Marienkäfer oder Glühwürmchen, gar Schmetterlinge, denen kann ich gelassen zuschauen und mich an ihrer Art erfreuen.
 
Meine Contenance verliere ich  leicht bei Spinnen, die plötzlich in meiner Behausung auftauchen. Und zwar richtige Spinnen, so dicke, schwarze gruselige. Obwohl ich wissend bin, dass sie mir ja auch helfen, in dem sie anderes unliebsames Getier einfach wegfressen.
 
 Dennoch, wenn ich da schon mal eine erblicke und mir vorstelle, die könnte des nachts auch mal auf mir herumkrabbeln, dann läuft mir ein Schauer über den Rücken und mein ganzes Körpergefühl steht auf Alarm, nur allein schon bei dem Gedanken. Bewusst bin ich mir gerade bei den Spinnen, dass diese Abscheu ganz sicher mit unliebsamen Erfahrungen in meiner Kindheit zu tun haben, worauf ich nun aber nicht näher eingehen möchte. Nur kurz gesagt, sie waren wirklich nicht schön, gar quälend.
 
Immerhin kommt es nur selten vor, dass sich eine Spinne in meiner Wohnung ansiedelt. Und wenn, dann fange ich sie zumeist in einem Einweckglas und verfrachte sie dahin wohin sie gehört, raus in die Natur. Davon gibt es viel vor meiner Haustür. 
 
Eine neue Art von Plagegeistern, die ich in all den Jahren nicht wahrgenommen habe bzw. sie mir auch nicht über den Weg gelaufen sind, ist die Stinkwanze, auch Stinkkäfer, Marmorierte Baumwanze oder Halyomorpha halys genannt.  Lt. meiner Recherche treten sie tatsächlich erst seit dem Jahre 2017 in größeren Massen in unseren heimischen Gefilden auf. Sie kommt eigentlich aus China, hat sich jedoch als blinder Passagier in der Schweiz angesiedelt und von dort aus explosionsartig in ganz Europa ausgebreitet. 
 
Eben auch hier bei mir. In meinem Zuhause. Auf meinem Balkon. Kurz vor Herbstbeginn mit abnehmender Wärme habe ich sie Tag für Tag von meinem Balkon verscheuchen müssen. Von dort aus nämlich hatten sie ihr Ziel vor Augen. Nämlich meine hübsche, kleine wohlig warme Innenbehausung. Denn vorzugsweise verbringen diese Viecher den Winter gern an trockenen und warmen Orten. Sie fressen sich übrigens auch gern durch Birnen , Äpfel und anderes Obst. Sie sind also nicht bloß so Viecher, die mir persönlich eklig erscheinen, sondern echte Plagegeister, die in Massen auftretend, den heimischen Obstbaum heftig schädigen können und somit die Ernte gefährden. 
 
Die Entsorgung hab ich in unterschiedlicher Art und Weise getätigt. Also der Gedanke, dieses Getier mit bloßen Händen anzufassen, erzeugt in mir schon den reinsten Ekel, so wie ich ihn kaum gegenüber anderen Dingen bisher kennengelernt habe. Das liegt eben auch daran, dass, wenn man sie anfasst, sie ein widerliches stinkendes Sekret absondern. Das wollte ich mir auf jeden Fall ersparen. Es wird auch angeraten, falls man etwas von diesem üblen Sekret abbekommt, sich sofort die Hände waschen sollte, denn die Möglichkeit besteht, dass es sonst lange anhält. Igitt... Einfach nur widerlich. 
 
Hin- und wieder hab ich einer von den Stinkviechern in einem Einweckglas beim Sterben zugesehen. Das Glas stand dann draußen auf meinem Balkon und mehrmals am Tag habe ich geschaut, ob sie noch lebte. Sie halten lange durch.  Manche denken jetzt vielleicht, in mir stecke ein kleiner Sadist. Ich habe das jedoch ganz unschuldig getan. Zum einen ist dieses Viech ein Schädling, zum anderen habe ich ja auch schon oft Menschen beim Sterben zugesehen, wenn ihre Zeit abgelaufen war. Und für mich ist die Zeit einer Stinkwanze eben abgelaufen, wenn sie sich in meinen Gefilden bewegt und sich nach einem ruhigen Überwinterungsplätzchen umsieht. Der Gedanke, die haben sich hier bei mir in meiner Wohnung irgendwo niedergelassen und ich setze, lege oder trete unvorsichtigerweise nichtsahnend drauf, ne, das geht gar nicht. Da mach ich mir auch keine Sorgen um mein Karma, falls es eines geben sollte. Da hätte ich wenn denn dann ganz andere Sorgen. 
 
Manchmal hab ich jetzt beobachtet, sterben sie auch von ganz alleine einfach weg. Weil es in der Nacht zu kalt wurde. Sie werden stocksteif und liegen dann erfroren da. Da brauch ich sie nur mit einer Schippe aufzuschaben und über die Balkonbrüstung werden. 
 
Neulich ist jedoch passiert, dass sich eine solche gemeine, fiese, widerliche Stinkwanze über Nacht in mein Büchlein *Der tägliche Stoiker* in eine Seite hineingeschlichen hatte. Ich verrichte nämlich meine tägliche Stoikermeditation zumeist auf meinem schönen Balkon. Daher liegt das Büchlein manchmal auch nachts, weil ich es vergessen hatte mit in die Wohnung zu nehmen. Und gestern Morgen schlug ich ganz unbedachte die für den Tag passende Seite auf und da, da lag sie. Die Stinkwanze. Tot. Auf meiner Buchseite. Erfroren. 
 
Muss ja wohl. Obwohl... Ich weiß es nicht recht. Vielleicht hatte sie auch versucht aus der Buchseite herauszukommen und ist dabei zu Tode gekommen. Allerdings scheint es mir ein Rätsel zu sein, wie sie dabei hatte dem Tod erliegen können.  Denn beide Seiten waren verschmutzt mit ihrem dunkelbraunen stinkigen Sekret. Mit zwei Fingern hab ich ganz vorsichtig das Buch über die Balkonbrüstung gehalten, damit der sterbliche Überrest des Getiers hinunterfällt. Habe tüchtig geschüttelt. Ging gar nicht so ohne weiteres. Sie war da richtig angeklebt. Letztendlich hat es dann geklappt. Mit einem Tüchlein habe ich so gut wie es ging, die stinkige Spur abzuwischen versucht. Geklappt hat es nicht ganz. Mit der Nase ganz dicht ran stellte ich aber fest...es stank nicht. Gut. 
 
Aber ganz ehrlich, ich muss mich jetzt erstmal dran gewöhnen, dass sie da saß, diese Stinkwanze. In meinem Büchlein. Dass nun verschmutzt ist. Weil sie da gestorben ist. Wie auch immer. Vielleicht ist sie ja ganz stoisch, gelassen in der Nacht von dannen gegangen aus dieser Welt. Immerhin. Dies wird nun nicht jeder Stinkwanze zuteil und vergönnt, bei den großen Philosophen unserer Zeit (hoffentlich) stoisch das Zeitliche zu segnen. Ein ganz klein bisschen musste ich dann auch drüber lachen. Ein guter Tod war es jedenfalls. Besser als im Einweckglas so langsam... Ihr wisst schon... 
 
Und ja...es scheint so...Ihre Zeit ist nun vorbei. Seitdem hab ich keine einzige mehr gesehen. Hier bei mir. Auf meinem Balkon. 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
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7. November 2020 6 07 /11 /November /2020 15:55

 

Das Sportprogramm am frühen Morgen. Erledigt. Pflichten? Erledigt.Sonne scheint. Wonniges Herbstwetter mit güldenem Laub überall. 

 
Raus! Einfach mal nur so. Flanieren.
 
Warm anziehen. Trotz Sonne. Ausziehen geht ja immer. Mütze und Schal und Wolljacke. 
Die Hauseingangstür steht offen. Mal wieder. Irgendeiner lässt sie immer auf.
 
Mach die Tür zu, es zieht oder haste Säcke vor der Tür, pflegte mein Vater zu sagen, wenn ich es mal vergessen hatte. Wenn er richtig schlecht drauf war, gabs noch einen Schlag dazu. Man vergisst einfach nie. Immer kommen Bilder oder Erinnerungen hoch, wenn irgendwas ist im Jetzt, dass sie auslösen. 
 
Ein kleines Stück weiter auf dem Gehweg steht breit und sperrend ein Auto. Nicht irgend ein Auto. Ein Besonderes. Jedenfalls denken viele so. Der Besitzer ganz sicher. Er denkt, schaut her mein Auto, ein Porsche, den kann ich hinstellen wo ich will. Ihr sollt ihn alle bestaunen. Mir doch wurscht, ob da noch ein Kinderwagen oder Rollstuhlfahrer oder eben auch nur ein Fußgänger dran vorbei kommt. Egal. Ich zwänge mich vorbei und würdige es keinen weiteren Blickes mehr. Gehe weiter. Ganz unaufgeregt. Bringt ja auch nix.
 
Das Rascheln des Herbstlaubes unter meinen Füßen ist viel schöner und interessanter. Die Bäume sind fast kahl. Dachte ich neulich schon beim Hinausblicken vom Balkon. Im Frühling blühts, im Herbst stirbts, dazwischen Kälte und Hitze, Sommer und Winter. Und wieder ein Jahr vergangen.
 
Immer mal wieder liegen Zeugen der seit Monaten herrschenden Pandemie auf den Strassen und Gehsteigen herum. Masken. Wurden verloren. Oder einfach keine Lust mehr gehabt, weggeworfen. Vieles wird einfach weggeworfen oder abgestellt. Auf den Straßen, wenn es nicht mehr gebraucht wird. Manche ordern die Sperrmüllabfuhr. Manchen ists aber auch egal. Raus damit und fertig. Gerad schräg gegenüber steht ein uralter Fernseher. Schon seit Tagen. Da hat Niemand Irgendwen bestellt. Zum Abholen. Mal sehen, wie lang der da noch steht. 
 
Gemütlich gehts durch den Park. Menschen flanieren. Wie ich. Meistens allein. Überwiegend Frauen. Manche sitzen zu Zweit auf Bänken, mit Abstand und genießen die warme Sonne. Hin- und wieder ein Pärchen. Halten sich an der Hand. Wieder Erinnerungen. Bei mir. An die Zeit, wo ich nicht mehr an der Hand gehalten werden wollte. Es war zur Gewohnheit geworden. Mehr ein Hinterherziehen. Als wenn ich gar nicht da wäre. Stur wurde ich da. Bockig. Wollte nicht mehr. Wie ein Esel. Wurde nicht verstanden. Egal. Vorbei. 
 
Durchquere das Hundeterrain. Wo dem Hund sein Geschäft erlaubt ist. Keiner da. Heute. Auch keine Tretminen. Wundert mich immer. Die sind verantwortungsvoll. Die Hundehalter. Machen alles weg.
 
In den beiden abgesperrten großen Käfigen wird gespielt. In einem ein Vater mit seinem Sohn. Schießen den Ball aufs Tor. Im anderen Basketball. Sie haben Freude miteinander. Schön ist das. Das Wetter auch. Drinnen bleiben kommt schon noch.
 
An der großen Strasse muss ich warten. Es dauert lang, bis die Ampeln dort umschalten auf Grün. Ich laufe schnell bei Rot. Kommt ja kein Auto und auch keine Bahn. Warum soll ich da rumstehen. 
 
Auf einem Stromkasten am Weg wurde ein Gesicht gemalt. Ein buntes kleines Plakat klebt darauf. Irgendwas mit Merry Christmas 2020. Ein Weihnachtsmann schüttet von oben herab aus einem Sack lauter Spielkarten. Ich weiß nicht, was das bedeutet. Daneben ein kleiner Aufkleber: Blaw blaw steht drauf. Kenn ich. Stimmt. Viel blaw blaw in der Welt. Schrecklich. Das viele Reden über alles, von dem man gar nichts wirklich weiß oder Ahnung hat. Hauptsache reden. Lenkt ja auch ab. Wer viel redet, kann nicht in sich hineinhören. Nimmt auch weniger wahr. Meistens denk ich dann auch blaw blaw und wende mich ab.
 
Die lange Straße bis zum Rhein runter zieht sich. Noch einmal Straßen überqueren. Aus dem Hochhaus rechts klingt aus einem Fenster ruhige Musik. Schöne Musik. Irgendwas klassisches. Kann es aber nicht erkennen. Überlege, wer da wohl wohnt. Ob die so nebenher läuft oder ob sich da Jemand gemütlich auf dem Sofa platziert hat und sich versenkt. Leben hinter den Fenstern. Erinnerung als ich Kind war. Im Auto sitzend, abends wenn wir im  Dunkeln von irgendeinem Besuch nach Hause fuhren, dachte ich immer, was da wohl so passiert. Hinter all den erleuchteten Fenstern. Wie viel Leben. Und so viel Unterschiedliches. Oder sind alle Leben von Menschen gleich? So fragte ich mich. Damals. Als Kind.  Hat sich nicht geändert. Denk ich heute auch noch.
 
Das Cafe und die Pizzeria kurz vorm Eingang zum Rhein haben geöffnet. Tische und Stühle angekettet, aber verwaist. Es darf Niemand. Es wird gewartet. Auf Menschen, die kommen und einen Kaffee oder ein Mittagessen mitnehmen. Nach Hause. Es tut mir leid für die Inhaber. Das Cafe hatte gerade erst vor ein paar Wochen geöffnet. Es liegt schön mit Blick auf den Rhein, daher auch der Name *Rheinblick* 
 
Die Rheinpromenade ist gut besucht. Spaziergänger noch und noch. Auch hier spielende Kinder auf den Rasenflächen. Die Bänke besetzt. Radler strömen vorbei. Ich wundere mich. Weil doch Samstag ist und nicht Sonntag. Und die Geschäfte noch aufhaben. Und trotzdem so viele Flanierer. Wie ich. Den Herbst genießen mit der güldenen Sonne, die so warm das Gesicht umhüllt. Sonntags bleib ich immer zu Hause. Meistens. Höchstens in der Früh. Oder mit dem Rad weit weg. Dann sinds zu viele Menschen. 
 
Die Papierkörbe sind übergelaufen. Einiges liegt auf dem Weg. Wohl keiner gekommen, wie sonst, im Sommer, wo eifrig aufgeräumt wird nach einer durchfeierten Nacht. An einem erblick ich eine Krähe, die an etwas im Papierkorb zieht und zurrt. Sie suchen nach Nahrung und reißen alles heraus. Sind nicht immer die Menschen. Auch die Tiere machen Unordnung.
 
Ein Angler steht gelangweilt an der Brüstung zum Rhein. Einmal fragte ich einen, was er angelt. Er sagte, wäre ihm egal. Es geht ihm nicht ums Angeln. Nur einfach hier stehen oder sitzen und Ruhe haben. Merkwürdig. Ginge doch auch ohne Angeln. Vielleicht würde die Frau dann mit wollen. Beim Angeln dabei zu sitzen, ist Frauen bekanntlich ja zu langweilig. Also angelt er. Manchmal muss man was erfinden, um mal für sich zu sein. 
 
Ein Stückchen weiter steht ein altes Pärchen. Ich glaub sie sind wirklich alt. Uralt. 80 oder mehr. Stehen da auch an der Brüstung. Er hat einen Schokoriegel in der Hand und gibt ihn ihr zum Abbeißen. Wie drollig So vertraut wohl schon über Jahrzehnte. Und immer sich noch zugewandt. Kann mich freuen über den Anblick. 
 
Ein wenig verlauft es sich jetzt. Mit den Menschen. Ein Schiff fährt vorüber. Schaue auf den Namen. Es heißt *Ellen* Ach..wie vor 2 Tagen, da fuhr es hier auch. Ellen, wie meine Nachbarin und ich muss an sie denken. Gerade jetzt. Sie muss zu Hause bleiben. Hatte Kontakt zu einem positiv Getesteten. Abwarten. Und hoffen. Das nichts ist und wenn, nicht so schlimm. 
 
Habe zwei junge Frauen vor mir. Hatte sie eingeholt im Laufen. Fange ein paar Gesprächsfetzen auf, als ich sie überhole. Du musst loslassen, nicht immer festhalten. Du bist zu sensibel. Du nimmst alles viel zu ernst. Sie redet und redet, immer weiter. Die andere schweigt. Im vorbeigehen denke ich, die Arme. Aber sie ergibt sich dem Wortschwall. Sie kennt das sicher. Ich muss schmunzeln und laufe etwas schneller weiter. 
 
Die Bäume sind alle gestutzt. In der letzten Woche hatte ich es jeden Tag beobachtet. Baum für Baum war die Baumgärtnerei am Werk. Mit einem großen Kran lifteten sie sich hoch in die Wipfel und sägten. Alles fiel. Der Weg abgesperrt. Musste außen rum gegangen werden. Aber jetzt alles fertig. Im nächsten Jahr kommt alles hoffentlich gesund wieder. Nur einer musste ganz gefällt werden. 
 
Auf dem Rasen glitzern die Herbstblätter wie silbern im Sonnenlicht. So schön. Huch..am Himmel da über mir. Eine Drohne mit einem Plakatschwanz hintendran. Steht drauf: Tante Tomate first! Schau ihr hinterher. Werbung! Nur wofür. Make Tomate great again, denk ich und muss lachen. Komisch, wenn man allein vor sich her lachen muss und alle können es sehen und denken vielleicht..was isn mit der ..Ist mir wurscht. 
 
1 ganze Stunde bin ich unterwegs jetzt. Denke ans Umkehren. Soll ich durch die Einkaufszone nach Hause? Das ginge schneller. Nur eine halbe Stunde. Doch da wuselt es sicher noch. Zu viele Eindrücke. Dann lieber den gleichen Weg wieder zurück. Hier und da etwas sehen, Eindrücke, Gedanken, alles will seine Zeit haben. 
 
Fast zuhause, aus dem Park heraus, noch einmal über die Straße. Ein Auto kommt. Sieht mich und hält. Will mich rüber lassen. Ich winke ihm, er soll mal fahren. Ich hab ja Zeit. Er nickt freundlich. Ich zurück. Ich rechne ihm das hoch an, dass er gehalten hat. Machen die wenigsten, jedenfalls nicht an den Stellen, wo sie es nicht müssen, wie auf der Einkaufsstrasse Richtung Wiener Platz. 
 
In meiner Strasse ist der Porsche weg. Kein Mensch zu sehn. Die Haustüre ist verschlossen. Ich habe rote Wangen vom Laufen. Und Hunger. Tüchtig. Das Essen wartet. Hatte ich vorbereitet. Ich freu mich. Ein schöner Spaziergang. Knapp 2 Stunden. Sport war auch. Jetzt kann ich wieder sitzen. Oder liegen. Lesen oder Schachspielen. Vielleicht auch malen oder Schreiben oder einfach nur liegen und gucken. Ein gutes Leben. Nach einem Spaziergang fühlt es sich gleich noch besser an. Das Leben. Ohne Reden. Nur gucken, was so ist. Vor mir, neben mir. 
 
In einem Buch las ich, wie ein Literaturprofessor zu seinen Studenten sagte, statt über das zu schreiben, was ihr wisst, schreibt über das, was ihr seht. Geht davon aus, dass ihr sehr wenig wisst und nie viel wissen werdet, außer ihr lernt zu sehen.
 
Das habe ich jetzt gemacht. Es gibt so unendlich viel zu sehen. Immer. Beim Flanieren oder einfach nur so um sich herum. Ich wünsche allen einen schönen Sonntag. 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
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14. Oktober 2020 3 14 /10 /Oktober /2020 13:14

Nicht, dass ich es nicht schon seit Tagen bemerkt hatte. Eigentlich nicht gemerkt, eher gespürt, da ist was nicht in Ordnung. Irgendwas ist da komisch. Wieso verspüre ich am linken  Oberschenkel rückseits immer einen leichten kühlen Hauch. Jedesmal, wenn ich es bei einem Spaziergang allein oder mit meiner netten Nachbarin bemerkte, dachte ich, komisch, wieso ist es genau und nur da immer so leicht kühl. Unauffällig strich ich mit meiner linken Hand nach hinten über meine Hose um zu fühlen, ob da etwas ist. Merkte jedoch nix. Rein gar nix. Ich ging weiter und dachte, ok, dann ist das eben so. Ich meine, das ist ja wie mit den Dingen im Leben, die einem einfach so plötzlich geschehen, unerwartet, woran du nix aber auch gar nix ändern kannst, du akzeptierst es einfach und gehst weiter. 

 
Glaub das ging ne ganze Woche so. Das Procedere. Spazieren, den kühlen Hauch spüren, wieder fühlen, nichts, weitergehen. Merkwürdigerweise bin ich auch nicht auf die Idee gekommen, wenn ich mit meiner Nachbarin unterwegs war, sie mal zu fragen, sag mal, schau doch mal an mir hinterrücks links hinunter, ist das was? Siehst du etwas? Ich weiß auch nicht warum. 
 
Grundsätzlich sind mir die Fragen nach dem Warum vieler Dinge im Leben nicht fremd. Es stimmt aber auch, dass ich oft, falls es keine Antwort gibt, mir einfach sage, warum nicht? Dann ist das eben so, oder mach es einfach...wirst ja dann sehen, was passiert. 
 
Zu erwähnen ist, dass die Hose, die ich trug, ein Erbstück meiner verstorbenen Freundin ist. Sie wurde also geliebt wie nur etwas. Auch, weil sie ein Relikt aus den guten alten Zeiten ist, aus Samtcord und mit Schlag. Mir doch wurscht, was gerade in oder nicht in ist. Wenns gefällt und ich dran hänge, schrieb ich schon mal, trag ich es, bis es auseinanderfällt. Bin son Typ. 
 
Heute war sie wieder dran. Die schwarze Samtcordhose. Zum Anziehen. Während ich noch einige Dinge im Haushalt erledigte, spürte ich plötzlich das erste Mal auch diesen leicht kühlen Hauch an meinem linken Oberschenkel rückseits in meiner Behausung. Bis dahin noch nie vorgekommen. Unbeobachtet, wie ich mich  daheim fühle, griff ich also mit meiner linken Hand etwas fester an meinen linken Oberschenkel rückseits und da, verdammt noch mal, da erfasste ich es. Es befand sich ein Riss in der Hose. In der schönen Hose. In der von mir geliebten schwarzen Samtcordhose meiner Freundin. Sprachlos wie ich war, brauchte es eine Weile, bis ich es kapierte und akzeptierte. Sie war kaputt. Keine Ahnung wieso. Durchgesessen? Der Stoff dünner und dünner geworden an der Stelle, die Fäden gerissen. Das war´s dann mit der Hose. Der alten geliebten. Dachte ich jedenfalls. 
 
Doch dann kam wieder dieses warum nicht? Dann besorg ich mir nen Lederflicken und näh den drauf. Ist doch wurscht. Ist nun nicht mehr unversehrt, dennoch wie neu, nur anders. Genauso mache ich es.
 
Es ist doch wie mit dem eigenen Leben. Wie viele Risse gehen dadurch und dann ist nichts mehr wie es war. Die Kindheit und Jugend, die keine war, weil es keine Unschuld gab, nur das Erkennen, dass man letztendlich alleine ist in dieser Welt, in der man sich fremd fühlt, wie hineingeworfen, ohne es gewollt zu haben und gezwungen ist, zu ertragen was ertragen werden muss.  Dann heiratet man, bekommt Kinder, die aus dem Haus gehen, ihr eigenes Leben leben, der Partner geht, die Freunde sterben, eine Krankheit ereilt dich und alles ist anders als zuvor.  Wie oft diese Einbrüche, Risse geflickt werden mussten, um dennoch weitergehen zu können. Die Risse versteckt unter dem Mut und dem Willen, so lange weiter zu gehen, wie es einem vergönnt ist und die Trauer des Verlorenen zu überwinden mit dem Guten und Schönem was einem noch begegnet und was tatsächlich auch noch da ist. Bis der Faden des eigenen Lebens reißt. 
 
Risse gehen durch die ganze Welt. Plötzlich ist auch da nichts mehr, wie es vorher war. Kaputtgegangen, das vermeintlich Heile. Eine Pandemie, ein Krieg, eine Hungersnot, ein Klimawandel, ein Börsencrash usw.usw... Es lebt sich besser mit der Gewissheit, dass nichts bleibt, wie es ist, dass Alles der Veränderung unterliegt und es nur die Möglichkeit gibt, sich mit dem Neuen anzufreunden, was nicht bedeutet, dass auch die Trauer über das Gewesene seinen Platz hat im Leben. Denn die Trauer ist eines der wichtigen Dinge im Leben, die nicht verdrängt werden darf, weil nur sie bedeutet, dass verarbeitet wird. 
 
Heute gabs eine andere Hose. Zum Spazierengehen. Auch eine alte, aber nicht so alt. Aber auch mit Schlag. Während ich durch den Park lief, fühlte ich plötzlich einen leichten kühlen Hauch am linken Oberschenkel, rückseits. Da sonst Niemand sichtbar war, fühlte ich mit der Hand nach hinten, suchte und suchte. Ne, da war kein Riss. Wirklich nicht. Merkwürdig, wie lang der Körper sich merkt, was irgendwo mal nicht stimmte. Es kommt sicher aber auch hier mal einer. Irgendwann. Aber bis dahin....
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
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17. November 2019 7 17 /11 /November /2019 18:37

Schon beim Erwachen wusstest du es, nein nicht, dass Sonntag war, das war dir klar, aber dass es ein ganz besonderer Sonntag wird. Ein richtiger Sonntag. 


Was ist ein richtiger Sonntag für den Menschen? 
 
Ein richtiger Sonntag für mich ist, wenn du fühlst, dass die Welt für dich still steht. Kein Lärm, von nirgendwoher. Kein Mensch, der zu sehen ist. Kein Auto, das von hier nach dort fährt. Alles still. Noch. 
 
Auf dem Balkon stehend lauschst du dem leisen Rascheln der gelbroten Herbstblättern nach, die langsam zu Boden flattern. Wie liebst du diese Jahreszeit. November. Alle bangen sich wegen dieses Monats. Er sei traurig, sagen die einen. Er wirke bedrückend andere wieder.  Alles grau und trüb. Regen. Wolkenverhangener Himmel. Für dich war er niemals so. Nur eine Zeit die alles verabschiedet, eine kleine Weile noch, bis zeitgemäß das Neue aufbricht. Ein kurzer Moment doch nur, den du immer schon festhalten mochtest.
 
Du stehst da, auf Deinem Balkon, die Nase in die frische Herbstluft gestreckt, atmest durch und selig glücklich denkst du, wie schön, ich...ich lebe...das Leben ist schön. 
 
Von anderen, den Freunden und Bekannten weißt du, sie sind unterwegs. An diesem Sonntag. Nach einer Woche mühsamen Arbeitens heute das Programm. Du hast es vergessen, was es war. Irgendwas mit Kultur, Ausstellung, Kino, Musik. Ja Musik, hätte es vielleicht sein können. Auch für dich. Du solltest ja mitkommen. Aber du hast dich anders entschieden. Allein zu bleiben. Nur für dich und diesen Sonntag. Dem richtigen Sonntag. Für dich.
 
Du schlurfst in die Küche. Machst dir ein Frühstück. Sitzt da am Tisch, die Kerze flackert. Draußen immer noch die fallenden Blätter von den Bäumen und Stille. 
 
Behaglich, danach, das Sitzen an deinen Schachbrettern. Ein kleiner Plausch mit den manchmal unbekannten und bekannten Spielpartnern am Brett. Ein paar Worte nur, ausgetauscht. Was zum  Lachen. Was zum Nachdenken. Anteil genommen. Am Leben. der/des Anderen. Auch das so schön. Aber du willst da nicht verharren. An den Brettern des Spiels. Obwohl du es so unendlich liebst.
 
Jetzt einfach nur Sitzen. Da, auf dem Sofa und still werden, wie der richtige Sonntag. Der stille. Und das Buch betrachten. Das da liegt und auf dich wartet. Fast bis zur Mitte hast du es verinnerlicht. Vielleicht schaffst du es heute bis zum Ende. An diesem mittlerweile immer noch stillen Nachmittag. Auf deinem Sofa. 
 
Du machst dir ein wenig Musik an. Anour Brahem soll es sein. Dann liegst du und liest. Die Geschichte, die im *Alten Land* spielt. Die Gegend, die dir selber so ans Herz gewachsen ist im Laufe deines Lebens. Vielleicht auch deswegen, weil die Mutter, deine, auch dort gestrandet ist. Wie die Flüchtlinge in dem Buch. Im Krieg. Geflohen von überall her. Wie deine Eltern. Vater. Mutter. Und die Zeilen berühren dein Herz. Wegen dem Gefühl des Gestrandetseins. Dem Hinausgeworfen zu sein, aus der Heimat. Wie deine Eltern. Als wenn du sie jetzt noch besser verstehen kannst. Dass sie immer mit diesem nicht hierher gehören-Gefühl gelebt haben. Ein bisschen haben sie das an dich weitergegeben. Dieses, nicht so ganz irgendwo hinzugehören. Ein Fremder doch immer zu bleiben. Und Heimat für dich nur da ist, wo es Menschen gibt, die dich verstehen und die du magst, so wie sie dich mögen. Der Ort ist egal.
 
Du erinnerst dich daran, wie sie auch dich beschimpft haben. Damals. Dort, wo du aufgewachsen bist. Keine gute Gegend. Ein Übergangsort. Du Pollackenkind, haben sie dir manchmal hinterher gerufen. Und du wußest gar nicht, was das bedeutet. Damals. Es ist auch nicht mehr wichtig. Jetzt.
 
Jetzt liegst du hier. Auf dem Sofa. Versunken in die Geschichte. Gleichzeitig spielt die Musik. Du hattest dir Arvo Pärt ausgesucht. Für den nun spät gewordenen Nachmittag. Die Symphonien fügen sich ein in die gelesenen Zeilen. Beides wird in dir eins. Sie passen zur Geschichte. 
 
Doch dann, ganz plötzlich, Eine Melodie, die dich innehalten lässt. Du legst das Buch fort und hörst nur noch. Klavierklänge so zart, so leise, so bezaubernd. Sie dringen tief in dich ein, die Töne. Sie lassen Tränen in Dir hervorbrechen. Die kommen einfach so. Ungewollt. Es ist gar nichts da, über dass du weinen müsstest. Gerade jetzt in diesem Moment beim Hören dieser wunderbaren Klänge. Obwohl es genug zum Weinen gäbe. Das Gestern, der Freund, erst kürzlich verstorben. Und nun noch der letzte, der im Sterben liegt, jetzt. In diesem Moment. Wo du hier liegst und diesen Tönen nachhörst. Der es schwer hat. Sehr schwer. Nein, darüber weinst du gerade tatsächlich nicht. Denn du hast es ja akzeptiert. Es ist so. Das Leben ist so. Auch du wirst gehen. Irgendwann. 
 
Nein du weinst einfach so. Weil das *Tabula rasa* von Arvo Pärt einfach so unglaublich schön ist. Violine und Klavier. Musik die die Zeit anhält. Ein Zauber von Ewigkeit im Raum. Und das alles gut ist, wie es ist und wie es sein wird. Dass alles zusammengehört in der unendlich großen und langen Welt- und Menschheitsgeschichte, auch deiner eigenen. 
 
Du bist so glücklich in diesem Moment. Draußen hat nun der Regen begonnen. Es tropft an deine Fenster. Es ist dunkel geworden. Die Kerze flackert vor dir. Und du denkst, es ist spät geworden. Du hast es gar nicht bemerkt. Wie der Tag sich dem Ende zugeneigt hat. Einfach so. Obwohl du gar nicht viel getan hast. Am Ende diese unfassbare Schönheit, die dir diese Musik von Arvo Pät geschenkt hat. 
 
Du wirst nun nicht mehr viel tun. Immer noch nicht viel tun. Noch die letzten Seiten deiens Buches zu Ende lesen. Vielleicht noch ein wenig an deinen Schachbrettern sitzen.  
 
Ja, das war ein richtiger Sonntag. Für mich! Ich hoffe, für meine geneigten Leser, dass ihr ebenfalls einen *richtigen Sonntag* erlebt habt. So, wie er zu euch passte. 
 
Arvo Pärt                   https://www.youtube.com/watch?v=7YqF69HLkj8
 
Das Buch: Dörte Hansen *Altes Land* Knaus Verlag.
 
 
 
 
 
 
 
 
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5. August 2019 1 05 /08 /August /2019 18:02

Fragt Ihr Euch auch, nach vollendetem Tagewerk, am Abend dann, wenn Ihr zur Ruhe kommt: Was war eigentlich der schönste Moment meines Tages?

 
Ich schreibe bewusst nicht *der glücklichste Moment* Ich hab es meistens nicht so mit den Superlativen, obwohl es da natürlich einige zu erzählen gäbe. Ich weiß ja, dass Glück im Leben des Menschen ist reduziert, sei es für eine längere Zeitspanne oder gar für einen Moment. Ich bin ganz zufrieden, wenn  keine Abstürze, körperlich oder  seelisch, in das Wohlbefinden herein brechen  oder gar irgendetwas von außen mich verunsichert. 
 
Daher bin ich sehr zufrieden am Abend in der Reflexion auf das Gewesene des Tages mich am *schönsten Moment* festzuhalten, ihn zu erinnern und obwohl er vorbei ist, ihm noch mal tief in mir nachzuspüren. 
 
Manchmal ist es auch so, bei mir jedenfalls, dass, wenn etwas geschieht, ich schon weiß, das ist der schönste Moment des Tages, obwohl er noch gar nicht vorbei ist. Das ist einfach so. So wie heute.
 
Nach einer Pflichterfüllung, dem Absolvieren meines Sportprogramms fuhr ich auf dem Rad Richtung nach Hause. Die Luft war herrlich frisch, die Sonne gar nicht so erbarmungslos heiß und mir kam spontan der Gedanke, ach was, was soll ich zuhause, da kennt mich ja Jeder. Fährst in den Park Roeschen, an deine Lieblingsstelle auf die Bank und vertiefst dich noch in dein angefangenes Büchlein.
 
Denn wisst ihr was? Es gibt außer dem wohligen Platz daheim auf dem Sofa oder dem Balkon noch einen weiteren *schönsten Platz* zum Lesen, und das ist die Parkbank an meiner Lieblingsstelle in meinem nahe gelegenen Stadtpark. Da sitze ich öfter. Nicht immer zum Lesen, manchmal auch nur zum Muße üben, gucken, staunen, auf mich wirken lassen, den Gedanken Raum und Zeit geben. All das eben, wozu ich früher nicht unbedingt immer die Zeit hatte.
 
Ein so herrlich friedlicher Ort, dieser Stadtpark. Gerade heute habe ich das wieder  stark empfunden. Sitz ich da im Schatten, der leichte Wind lässt die Blätter von den Bäumen schwanken, fast schon eine vorherbstliche Stimmung. Ich weiß natürlich, dass es noch nicht so weit ist, mit dem Herbst. Es ist die lang anhaltende Trockenheit, die die Blätter schon verfrüht von den Bäumen sinken lässt. Aber das ist eben so. Daran können wir ja nichts ändern. 
 
Das schöne Büchlein, in dem ich gerade lese, hat zum Thema den selbstbestimmten Tod dreier alter Männer, die sich von der Gesellschaft verabschiedet haben und sich in einem Wald drei Hütten gebaut haben. Aber vom Buch will ich gar nicht erzählen. Vielleicht, wenn ich es zu Ende gelesen habe. 
 
Dennoch kann ich natürlich nicht verhehlen, dass, wenn ich das Büchlein für eine kurze Zeit vor mir sinken ließ, mir eigene Gedanken um meine Vergänglichkeit, dem Älterwerden und dem sich Abfinden damit, dass ich auf den Tod zuschreite, durch den Kopf gehen.  Das machte mir heute keine Angst. überhaupt nicht. Es gibt natürlich schon Momente im Leben, Alltag, Tagesverlauf, wo mich der Gedanke noch ein wenig schreckt. Ich bin noch nicht soweit wohl, für immer keine Angst zu haben vor dem Unausweichlichen. Aber wie alle Entwicklungs- und Erkenntnisprozesse, geht es Schritt für Schritt und eh man sich versieht, oft unbemerkt, ist man soweit. 
 
Entspannend ist es auch, so einfach dem Treiben um mich herum, dass heute recht spärlich daher kam, zuzusehen. Den Radlern die an mir vorbei fuhren, wohin auch immer, zur Arbeit, nach Hause, einfach so in der Gegend herum oder zu anderen Terminen. Die anderen Menschen wahrzunehmen, die ebenfalls über das Glück verfügten, so wie ich, zu diesem Zeitpunkt auf einer Parkbank sitzen zu dürfen oder denen, die mit ihren Hunden oder ihren Kindern, seien es welche, die noch nicht lange auf ihren eigenen Beinen durch die Welt spazieren oder im Kinderwagen gefahren werden. 
 
Ich finde das so schön, so friedlich, diesen Menschen dann zuzusehen, wie sie ohne Hetze da herumwandeln. 
 
Als ich mich gerade wieder für einige Seiten in mein Büchlein vertieft hatte, die Umwelt fast ganz vergessen, hörte ich schon wie sich Schritte auf meine Parkbank zu näherten. Ich blickte hoch und sah ein junges Ehepaar mit einem Kinderwagen. Das Kind war gar nicht mehr so klein oder so jung. Ich kann mich natürlich auch täuschen. Vielleicht war es einfach nur schon so groß für sein Alter. Es sah auf jeden Fall sehr fröhlich aus. Das Kind. Da in seinem Kinderwagen. Wie es da so thronte und von ihrem Vater geschoben wurde. Die Eltern, sahen auch ganz fröhlich aus, fast schon glücklich. Also, das ist auf jeden Fall eine glückliche Zeit, denke ich, wenn mit seinem Kind um diese Zeit durch einen friedlichen Park spazieren gegangen werden kann, keine Sorgen und Nöte irgendwas das kleine Familienglück belasten und sich ganz dem Moment des Miteinanders hingegeben werden kann. 
 
Der Vater ulkte und spaßte mit dem kleinen Mädchen, ja es war ein Mädchen, dass es nur so gluckste vor Freude. So schön. Er redete jedoch in einer Sprache, die ich nicht verstand. Ich machte mir auch nicht weiter Gedanken über ihre Nationalität oder ihrem Kulturkreis, in dem sie beheimatet waren. Das ist nicht wichtig für mich. Vielmehr erfreute ich mich an ihrer Art wie sie miteinander umgingen und wie dem kleinen Mädchen sichtbar alle Liebe ihrer Eltern zuteil wurde. Als sie auf meiner Höhe waren, fing der Papa gar an zu singen. Laut und deutlich. Ohne Scheu, sang er seiner kleinen Tochter ein Lied vor. Das Lied kannte ich sogar. Aus früheren Zeiten. Aus einem Film mit Doris Day. Ich konnt gar nix mehr denken in dem Moment. Doch, doch den einen Gedanken hatte ich, so junge Leuts und kennen dieses Lied. Vielleicht ist es jedoch gar nicht so ungewöhnlich, weil es ein Lied ist, dass zeitlos ist und dass jeder irgendwann in seinem Leben einmal zu hören bekommt, wo auch immer.
 
Es handelte sich um den hübschen Song* Que sera sera. Es war so schön, so unbeschreiblich schön, wie der Vater seinem kleinen Töchterlein dieses Lied vorsang. Ich hatte regelrecht eine kleine Gänsehaut vom Mitfreuen und ich sags ehrlich, auch wenn das der ein oder andere jetzt überhaupt nicht versteht oder gar denkt, hm..bisserl übertrieben, aber es war so, mir wurde so was von warm ums Herz. Es war ein absolut schöner Moment, diese Begebenheit, die ich da miterleben durfte. Und die Freude der Eltern sprang auch auf mich über, durchdrang mich und ich lachte stillvergnügt vor mich hin, den Dreien noch noch mitsummend nachblickend.
 
Wahrscheinlich ist dem Vater dieser Song eingefallen, weil das Töchterlein ihn vorher mit Fragen die mit  "wann wird das sein und was kommt dann* bombardiert hatte. Ich kenne das ja von meinen Kindern, als sie in dem Alter waren. Und schwups fiel dem Vater das Lied ein. Das kenne ich auch. Wenn irgendwo, irgendwas gesagt wird, erinnert mich das manchmal auch an einen Song, der genau das Thema zum Inhalt hat, worüber geredet oder wonach gefragt wurde. Ich bin son Typ. 
 
Und worum geht es in dem Song?  Da erinnert sich eine Frau daran, wie sie als kleines Mädchen ihre Mutter nach der Zukunft fragte, die sie einmal haben wird und was die Mutter darauf antwortet. Aber hört selbst:
 
 
Alle fragen nach der Zukunft. Große und kleine Menschen. Sei es bezüglich ihres eigenen kleinen Lebens oder dem großen gesellschaftlichen und politischen Werdegang in der Welt.  Jedenfalls ab und an gehen die Gedanken durch den Kopf. Am Ende ist es wirklich besser zu der Erkenntnis zu gelangen, die in dem Lied auch aufgezeigt wird. Wir wissen es nicht. Es kann nur ein *Heute* geben. Und jeder Tag ist ein neues *Heute* Und Tag für Tag entwickelt sich alles, man selber, das Leben, das man lebt und die große weite Welt. So ist es. Mehr nicht. 
 
Lassen wir uns also nicht unterkriegen von Unheilsprophezeiungen. Tun wir, was wir tun können und leben unser Leben, unseren kleinen Alltag, mit dem was uns wichtig und lieb ist.
 
Ach, es war richtig schade, dass die Drei so langsam entschwanden. Ich hätte dem Vater noch gern ein wenig zugehört. Nun hab ich jedoch den Ohrwurm behalten und das Geschenk des *schönsten Moment* meines Tages. Das war er und ist er auch geblieben. Den hab ich meinen geneigten Leser jetzt erzählt. Und vor dem Einschlafen heute Abend werd ich bestimmt ganz still vor mich hin singen.
 
Und was war Ihr schönster Moment des Tages? 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
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