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Alter Sack


Vor ein paar Tagen hab ich mich empört! Ja, manchmal kann ich nicht anders. Es gibt Zeiten, da schau ich mir an, was so passiert, gesagt und geschrieben wird und denke mir meinen Teil. Ich bin son Typ. Urteile oder Verurteilen kommt mir nicht in den Sinn. Warum auch, das bringt ja nix.

Aber manchmal platzt mir einfach die Hutschnur. Wenn eine Hutschnur platzt, dann ist erst mal Ende im Gelände. Dann sitzt der Hut nämlich nicht mehr. Er fällt auseinander. Die Hutschnur sorgt nämlich dafür, dass der Hut gut auf dem Kopf sitzt und er nicht auseinanderfällt. Und so geht es mir manchmal eben auch, da fühle ich mich wie ein Hut. Da muss ich aufpassen, ob des Gesagten nicht etwas in mir entzwei bricht, weil es so unerhört ist, dass meine Seele rebelliert und ich muss sehen, dass sie im Gleichgewicht und stabil bleibt. Und mit einem kaputten Hut herum zu laufen, ist nicht unbedingt leicht, weil man ständig aufpassen muss, dass er nicht vom Kopf fällt.

Jedenfalls, mir ist sie geplatzt, die Hutschnur. Weil...es ging in einem Gespräch um das alt sein oder älter werden. Da sagte plötzlich einer *Alter Sack* zu einem anderen. Das hat mir einfach nicht gefallen. Ich konnte das nicht so stehen lassen. Das ging gar nicht. Ich sagte dann auch, ich finde diese Ausdrucksweise unschön. Genau, unschön!

*Alter Sack* ist fast wie Altersrassismus, finde ich jedenfalls. Warum sagt ein Mensch so was zu einem anderen, manche gar zu sich selber. Vielleicht ist das ja auch eine Portion Zynismus ob des eigenen Prozesses des Älterwerdens, ich weiss es nicht.

Für mich ist es eine Form der Respektlosigkeit des Menschen am Anderen oder eben auch an sich selber. Als wenn er das älter werden nicht respektiert, nicht einsehen oder verstehen will, dass es nun mal der Lauf der Dinge ist, dass ein Mensch älter wird. Beim *Alten Sack* sind ja immer Männer gemeint. Es kann ja wohl auch nur auf den Mann angewendet werdne, all die weil Frauen nun mal keine Säcke haben, also Hodensäcke,-) Also echt, wie unschön so was überhaupt zu denken, geschweige denn noch auszusprechen. Bei Frauen ist das ja anders. Die werden dann einfach mal *Alte Schachtel* genannt. Bedeutet nun auch nix anderes, als dass sie wohl nicht mehr zu gebrauchen sind.
 

Es gab eine Zeit, da war das anders in der Gesellschaft. Und es soll auch noch Gemeinschaften geben, irgendwo in fernen Landen, bei anderen Völkern, da ist das Älterwerden eine hohe Kunst und  die Älteren werden hoch angesehen und gewertschätzt. Ihre Lebenserfahrung, ihre Weisheit wird benötigt, sie werden um Rat und Ansichten gefragt. Sie haben einen ganz besonderen Platz in der Mitte ihrer Gemeinschaft.
 
Und, da sag ich ja nun nichts Neues für alle die, die noch richtig sehen und erkennen können. Das läuft mittlerweile anders in unserer Gesellschaft. Da ist für Alte oder das alt werden kein Platz mehr vorhanden. Ausquartiert aus dem System der Herrlichkeit und des Jugendkults. Ist doch so. Ob das im Berufsleben ist oder ganz einfach im normalen Alltagsgeschehen. Wenn du nicht mehr so schnell bist irgendwo an der Kasse im Supermarkt oder beim Überqueren der Strasse, kannst du recht schnell hin- oder her geschubst werden, im übertragenen Sinne.
 
Und ein Blick in die Altenpflegeheime sagt ebenfalls alles. Ausquartierte Menschenleben, die man mit möglichst hoher Effiziens und niedrigen Kosten irgendwie am Leben hält, bis es zu Ende ist. Ich kenne solche Pflegeheime aus meinen ehrenamtlichen Tätigkeiten sehr genau und ich habe mich einfach nicht an diesen Alltag gewöhnen können, schon gar nicht an den Anblick des Dahindämmerns so mancher dieser Menschen. Das zerbricht mir immer noch das Herz. Ich möchte dann am liebsten...ihr wisst schon...aber das geht ja nun nicht. Kein Mensch kann der Retter für alle sein, das muss auch ich einsehen und beschränke mich dann eben auf einen dieser Menschen.
 
Und zu all dem Verhalten gegenüber alten Menschen oder älter Werdenden trägt eine solche Ausdrucksweise anderer oder sich selber gegenüber bei, finde ich jedenfalls. Es zeugt für mich von Respektlosigkeit und Geringschätzung. Und ich habe was gegen Geringschätzung einem Menschen gegenüber. Jeder Mensch egal, ob jung oder alt, hat seinen eigenen Wert. Niemand ist perfekt, alle haben Macken, Ecken und Kanten. Wenn das eingesehen würde, wäre die Welt zumindestens im eigenen Umfeld ein wenig friedvoller.
 
Vor zwei Tagen ist unser Oppa 90 Jahre alt geworden. Wenn ich ihn anschaue, da geht mir das Herz auf. Seine Zerbrechlichkeit, ich kenne ihn ja nun schon fast 40 Jahre, habe gesehen, was der Prozess des Älterwerdens mit ihm gemacht hat. Wie sein Körper gebrechlicher, runzeliger und anfälliger wurde. Jedoch sein Geist stärker wurde und natürlich er das Glück hat, selbst jetzt, in diesem hohen Alter gerade geistig noch unglaublich aktiv ist und man mit ihm über alle Themen reden kann. Er sagte einmal zu mir, Roeschen, im Grunde ist es so, der Körper altert, aber der Geist bleibt jung. Der Kopf will immer noch zwei Stufen auf einmal nehmen, beim Treppensteigen und schnell sein, aber der Körper will nicht mehr. Daran muss sich gewöhnt, letzten Endes damit abgefunden werden. Es geht beim Älterwerden um nichts anderes als loszulassen, was nicht mehr geht und anzunehmen was ist. Das hat mir eingeleuchtet, verstehen tue ich es erst jetzt, wo ich selber älter werde und genau diese Dinge an mir erfahre.
 
Ich käme nie auf die Idee unseren Oppa als *Alten Sack* zu bezeichnen.
 
Fast zwei Jahre hab ich eine alte Dame von 94 Jahren betreut, jeden Tag vier Stunden lang. Sie konnte kaum noch laufen. Eine grosse stattliche Frau war sie aber immer noch. Meistens lag sie in ihrem Bett. Wenn ich das Essen zubereitet hatte am Mittag kam sie mit ihrem Treppenlift heruntergefahren an den Mittagstisch. Ich half ihr beim Waschen und Anziehen, sorgte für ein angenehmes Umfeld, ging einkaufen, hielt ihren Haushalt in einem guten Zustand. Es war nicht immer leicht, denn auch sie hatte schlechte Tage, wo ihr das alt sein schwer fiel, weil es nicht mehr so ging, wie es eben immer gegangen ist. Das hab ich dann zu spüren bekommen. Manchmal hat es mir Mühe gemacht, auszuhalten, was dann gesagt wurde es gab auch Momente wo ich ihr dann kontra gegeben habe. Letzten Endes darf der Respekt vor dem Älterwerden sich nicht darin zeigen, dass alles geschluckt wird, was kommt. Ich hab ihr dann manchmal auch gesagt, dass sie undankbar sei. Und nach solchen Tagen hab ich dann aber doch meistens gespürt, dass es ihr dann leid tat. Manchmal kann der Mensch eben nicht aus seiner Missmutshaut heraus und da fallen eben Worte, die lieber nicht gefallen wären, sie aber nun auch nicht zurückgenommen werden können. Und da kommt es dann darauf an, das alles nicht so wichtig zu nehmen und weiter zu machen.
 
Also, ich bin froh, dass ich älter werden kann und darf. Das ist ja schliesslich auch nicht selbstverständlich. Im Laufe meines Lebens bin ich dem Tod schon das eine oder andere Mal von der Schippe gesprungen. Aus verschiedenen Gründen. Daher ist in mir eine grosse Dankbarkeit für mein Leben. Und weil ich weiss, was das Leben mit Menschen so anrichten kann von Kindheit an, habe ich jedenfalls auch einen anderen Blick auf das Älterwerden. Und meine Abneigung richtet sich gegen jede Art von Diskriminierung alter Menschen in unserer Gesellschaft, seien es Männer oder Frauen. Diese ganze Herabwürdigung ab einem bestimmten Alter, was ja bei Frauen noch mehr zutrifft, als beim Mann, ist so würdelos und unanständig. Als wenn das Leben nichts mehr bedeutet, wenn der Mensch nicht mehr auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten und des Aktionismusses mithalten kann. Als wenn Leben nur Sinn macht, wenn der Körper jugendlich, glatt und dem Bild von Schönheit entspricht, das uns die Gesellschaft gerade vorgibt. Pfui deibel, das alles ist schon schlimm genug, und dann noch selber daherkommen und sich selber respektlos herabzusetzen, wie dumm ist das denn...
 
Ein altes Gesicht, ein Körper, auch die geistige Gebrochenheit hat viel mehr Zärtlichkeit, Wohlwollen und Achtung verdient. Oder denken die noch Jungen, ein ater Mensch braucht das nicht mehr. Und es ist überhaupt nicht schrecklich, eine runzlige faltenreiche Haut zu streicheln, sie zu liebkosen und sie zu pflegen. Mir jedenfalls hat das nie etwas ausgemacht, im Gegenteil. Weil in jeder Berührung war in mir ein tiefes Spüren, eine Empfindung für das Leben desjenigen Menschen. Als wenn ich das ganze Leben in diesem Augenblick in den Händen halte.
 
Älter werden, alt sein ist eine hohe Kunst und anstatt diesen Prozess, egal in welcher Weise, ob mit Worten oder Taten, herabzuwürdigen, wäre es,  gerade weil unsere Gesellschaft so ist wie sie ist, wichtig dass jeder Einzelne ein Gegengewicht schafft, sich einmal bewusst macht, dass alt werden zum Leben gehört, und das alte Menschen ihren Platz in unserer Gesellschaft haben.
 
Und kommt mir keiner mit: Es war nur ein Scherz! Ich glaube das nicht.

Ich habe fertig!
 
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