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Nächte in einem Hinterhof!

Die Nacht bricht herein. Es wird ruhiger im Haus. Die Musik über dir verklingt, du hörst noch ein paar Geräuschfetzen, hektisch und schrill, wohl aus einer Fernsehsendung, aber auch der wird endlich ausgeschaltet. Genug Berieselung. Genug Katastrophen, genug schlechte Nachrichten, genug der banalen, witzemachenden Entertainer der Volksbelustigungsszenerie.
 
Du genießt das plötzliche Still werden, nebenan, wohl die Küche, noch hier und da ein Klirren von Geschirr, abgeräumt, vom Tisch, an dem eben noch Gäste saßen. Ein Lachen, Gesprächsfetzen, wie der Abend war. Du hörst alles!
 
Du gehst ins Bad, die Kleider, die den Tag in sich tragen, abgelegt, mechanisch verrichtest du das eigene Abendritual. Über Dir scheint auch jemand da zu sein, du hörst die Schritte auf dem Holzparkett, sie, die Nachbarin, die von ihrem Dienst gekommen ist. Ein Wasserhahn wird angestellt, du hörst das Wasser rauschen, das Quitschen beim Einsteigen in die Wanne. Du hier, sie da oben, beide braucht ihr jetzt Ruhe!
 
Du löschst das Licht, Dunkelheit umgibt dich, aber du kennst jeden Schritt bis zu deinem Bett, weißt wo du lang mußt. Jedesmal, wenn du in dieser Dunkelheit durch die Wohnung gehst, ganz bewußt, ohne Licht, gefällt es dir und du denkst, genauso gehst durch die die Dunkelheiten des Lebens, machst die Augen zu, und vertraust, dass du die richtigen Schritte tust!
 
Du sinkst in deine Kissen, ein wenig erschöpft, der Körper dankt es dir. Du wirst ruhig, lauschst, schaust die Dunkelheit, die nach wenigen Sekunden gar nicht mehr so undurchsichtig ist. Die Augen gewöhnen sich schnell.
 
Jeder Muskel deines Körpers entspannt sich und Gedankenfetzen rasen in deinem Kopf, Bilder des Tages, Gesichter, Gespräche werden wieder lebendig, ein ganzes Durcheinander der Gefühle vom Tag meldet sich noch einmal, alle auf einmal, du mußt sie sortieren.
 
Draußen, am Efeu an der Häuserwand ist noch Leben, welches wohl? Eine Haustür geht auf, wer da wohl noch kommt oder geht? War sein Tag erfüllt? Wie geht er zu Bett, mit Trauer oder mit Freude?
 
Dann wird alles schwer, du hast das Gefühl, als lege sich die Nacht auf dich, umfängt dich, hüllt dich ein, will dich mitnehmen, in ein anderes Abenteuer, dass du nur im Schlaf erlebst, in deinen Träumen, wo das Unbewußte seinen Weg sucht, deine Sehnsucht, die du selber oft gar nicht kennst, zeigt dir Bilder, von dem, was du vielleicht noch erleben willst.
 
Es gibt einen Moment, wo du das Gefühl hast, du bist nicht in dir, aber auch nicht im Außen, in einem Schwebezustand, den du genießt, die sanfte Stille, die dich in Watte packt. Manchmal gibt es Momente, wo du dich selber siehst, von außen, da liegend, so ruhend, und vertrauend, dich übergebend.
 
Im Hinterhof brennt noch hier und da ein Licht in den Häusern, du siehst noch, obwohl du es gar nicht willst, wie sie mehr und mehr verlöschen.
 
Du stehst kurz davor, merkst, wie dein Leben im Schlaf entschwinden will und schreckst auf. Was war das? Wo kommen diese Stimmen her? Du hörst die Aggressivität im Ton, es scheinen zwei zu sein, eine männliche und eine weibliche.
 
Du hörst Vorwürfe! "Wo warst Du" "Was hab ich Dir gesagt" "Laß mich doch in Ruhe" wird entgegenet. "Nein, ich laß Dich nicht in Ruhe!" "Schrei nicht so", die Antwort. "Ich schreie, wann es mir paßt" "Du hast getrunken!" "Na und!"
 
Du willst das nicht hören, willst endlich schlafen, aber dein Herz fängt wild an zu klopfen, du wirst wieder lebendig.
 
Plötzlich hörst du einen Knall, etwas ist gefallen, ein Stuhl?, ein Sessel ? "Komm hoch", brüllt die Stimme, die männliche. "Steh auf!"
 
Sie weint! Sie schluchzt! Dein Herz scheint still zu stehen, du hälst den Atem an! Was tut er, der Mann! Was Hat er ihr angetan?
 
Dann hörst du sie weinen! "Hör auf mit dem Gejammer! Er schreit wieder, seine Wut schein außer Kontrolle zu geraten. Ihr Schreien geht in ein Wimmern über. Du siehst Blut! Deine Phantasie? oder Wirklichkeit?
 
Du nimmst deine Decke ziehst sie dir übers Gesicht, willst dich verstecken, fühlst die Schläge auf deinem eigenen Körper. Das darf nicht sein, denkst du! Wo ist er! Er, der so etwas tut. Du stehst auf, weil, du kannst so nicht einschlafen! Du gehst in die Küche, schaust aus dem Fenster, du frierst, es ist nicht kalt, es sind die Schläge, die sie ins Gesicht treffen. Du siehst ihre Hände, die sich schützend davor halten, aber er hört nicht auf. Du wirst immer unruhiger, läufst hin- und her! Was kannst du tun?
 
Es hört nicht auf. Du greifst zum Hörer des Telefons und rufst die Polizei. "Worum geht es?" die Antwort am anderen Ende. "Ja! worum geht es? "Es gibt Streit, irgendwo, in einem unserer Hinterhäuser", sagst du! "Na und", die Antwort, "was sollen wir da tun?" "Es wird jemand geschlagen, eine Frau, sagst du!" "Wo?" fragt der Mensch am anderen Ende? "Ich weiß es nicht", sagst du,"ich höre es nur."
 
"Aber wir können nichts machen, wenn wir nicht wissen wo", so die Antwort. "Aber es muß in einem der Häuser in unserem Hinterhof passieren!", sagst du!
 
Sie versprechen zu kommen, zu suchen, zu finden!
 
Du legst dich wieder ins Bett, es geht weiter, noch lange! Du fühlst dich verzweifelt, wegen ihr, wegen all dem, was du hörst und was passiert. Und du kannst nichts machen, du mußt einfach abwarten, dass es aufhört. Du mußt es einfach geschehen lassen, das Unfaßbare.
 
Du denkst, so ist das, einer, den du vielleicht kennst, der dir am Tag auf der Straße freundlich Guten Tag sagt, einen Witz reißt, er schlägt seine Frau! Wer mag es sein? Warum? Wieso kann es dazu kommen? Welche Gefühle sind so verletzt, dass man nur noch um sich schlägt? Welche Gewalt tobt im Körper dieses Mannes?
 
Du gibst auf, das Grübeln hat keinen Zweck, du bist müde, sehr müde, aber nicht von deinem Tag, sondern von dem, was geschehen ist, in dieser Nacht.
 
Endlich, irgendwann bist du eingeschlafen. Als du am Morgen erwachst, ist der Schrecken immer noch da. Du stehst auf, gehst ans Fenster, siehst die Häuser im Hinterhof, schaust von Fenster zu Fenster, wo war es wohl gewesen? Wo kamen die Stimmen her. Es ist nicht einzuordnen gewesen, in der Nacht.
 
Du schaust versunken, und stellst Dir vor, sitzen sie jetzt beide am Frühstückstisch? So, als wäre nichts gewesen! Und wenn sie es nicht verdrängen können, was machen sie damit. Wie gehen sie in den Tag? Was führen sie für ein Leben? Wird man es ihr ansehen? Und Er? Wie kann er damit leben? Wie kann er seine Hände noch anschauen, die vielleicht auch zärtlich sein können? Was macht er mit seinen Händen am Tag? Tut es ihm leid? Vielleicht bereut er, vielleicht möchte er lieber seine Hände abhacken, als dass sie es nochmal tun.
 
Und Sie? Kann sie ihm verzeihen. Wie lange noch, wird sie den Schlag in ihrem Gesicht spüren? Was hat der Schmerz in ihr ausgelöst? Wohin mit ihm?
 
Schluß aus, denkst du! Das geht nicht, du mußt dein Leben leben, aber du wirst jedem, dem du begegnest an diesem Morgen in deiner Straße, wenn du aus der Haustüre gehst, ins Gesicht schauen und auf die Hände. Aber du wirst dich hüten, zu denken, der oder der war es bestimmt! Denn es könnte jeder sein!
 
Mit diesem Gedanken gehst du in deinen Tag! Ja, es könnte jeder sein. Sogar der, dem du gleich ein Buch verkaufst oder den du beim Bäcker triffst, oder der Zeitung lesend neben dir in der Bahn sitzt.
 
So ist das Leben! So ist der Mensch!
Es geht alles weiter, so als wäre nichts gewesen.
 
Sagt man nicht "Der Lauscher an der Wand, hört seine eigene Schand!"
 
Aber es war nicht deine Schand! Und du wolltest sie nicht hören!

 

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