Ich schreibe einfach gern:)
Ach, wer kennt sie nicht alle, diese Sprichwörter. Das ganze Leben verbringen wir oft damit. Man kann sie ernst nehmen, oder einfach drüber lächeln. Das Lächeln gefriert einem aber auch ab und zu, wenn man sieht, wie sie sich bewahrheiten. So in diesem Fall im weiten Bekanntenkreis.
Roland, keine Ahnung, war ein solcher Typ. Hochnäsig, hochmütig, von sich selbst überzeugt über die Maßen, sich selber nicht hinterfragend, klar, er hatte ne Menge Wissen, mußte er auch, denn er wollte immer alles kontrollieren, immer Recht haben, nie kleinbeigeben. Schien lange Zeit eine gute Strategie zu sein. Sein ganzes Leben hatte er sich daran festgehalten.
Es fing schon als kleiner Junge an, wobei nicht klar ist, was der Auslöser war. Vielleicht seine Mutter, die ihn ständig auf dem Präsentierteller herumzeigte und allen die Überzeugung vermittelte, Roland ist einfach klasse, er hat eine Klasse übersprungen, er ist stets überaus höflich, schon von klein auf, obwohl er noch gar nicht wußte, was das Wort Höflichkeit überhaupt bedeutete. Aber er hatte es kapiert, ist man höflich, versteckt er seine Negativgedanken hinter höflichen Floskeln, kommt man irgendwie weiter im Leben. Da hatte er in der Schule genug Erfahrung gemacht. Und so ging es dann auch immer steil bergauf in seinem Leben. Klassenbester, mit das beste Abitur, sofort Studienplatz und danach, man kommt auch hier gar nicht ins Grübeln, weil ja klar, er bekam einen Superjob in einer Werbeagentur. Und natürlich, auch hier ging es steil bergauf mit seiner Karriere.
Roland konnte also zufrieden sein mit seinem Lebenslauf! Was ihm fehlte, war die Dankbarkeit! Warum sollte er auch dankbar sein, wofür. Schließlich hatte er sich alles selbst erarbeitet, gut, ein bißchen hat es wohl geholfen, dass seine Mutter ihn von Anfang an protegiert hat. Na ja, manchmal, wenn er daran zurück dachte, war es ihm etwas peinlich. Aber da es ja Erfolg brachte, hatte er dieses Gefühl schnell unterdrückt.
Roland fand sich dann irgendwann selber klasse. Warum auch nicht, wenn ihm alles gelang. Bloß, er merkte seine Selbstüberschätzung nicht. Er merkte nicht, dass manches in seinem Leben doch nur ein glücklicher Zufall war. Gerade bei seinem Job, da hatte er vergessen, dass der Freund des Vaters und dessen Freund wiederum, ein Wörtchen eingelegt hatte für ihn, beim Chef der Agentur. Aber gut ist, warum drüber nachdenken. Schließlich hatte Roland Erfolg im Job, er war begabt, kreativ und hatte immer neue Ideen, die natürlich auch einschlugen.
Was Roland nicht merkte, trotz all seinem Erfolg, stand er ständig im Abseits. Es schien so, als wenn eine unsichtbare Wand ihn von seinen Mitmenschen trennte. Das war aber auch klar, denn wer ist schon gern mit einem Menschen zusammen, der immer alles besser weiß, der einen mit seinem intellektuellem Wissen so zutextet, das einem selber nichts mehr einfiel. Frauen! Ach ja Frauen, klar, die hatte er, aber merkwüdigerweise nie lange. Er konnte sich nicht vorstellen warum? Wieso auch, er spiegelte sich nie selber. Er war einfach, seiner Meinung nach, auch ein toller Partner, höflich, zuvorkommend, aufmerksam und charmant. Was er nicht merkte war, dass er nicht wirklich Nähe zuließ. Emotionen, Nähe anderer Menschen, prallten an ihm ab. Er gab die Schuldweisung den Frauen, dass sie nicht lange bei ihm blieben, es mit ihm nicht aushielten.
Wenn man Roland so beobachtete, wie er durch´s Leben schritt, immer ein Stückchen gerader gehend wie andere. Den Kopf immer ein wenig nach oben gerichtet, man konnte fast meinen, seine Nase will den Himmel berühren. Auch darüber hatte Robert sich nie Gedanken gemacht. Seine innere Haltung zeigte sich auch äußerlich.
Roland hatte noch nie was von Hochmut gehört. Er merkte gar nicht, dass er es war. Er nahm nicht wahr, dass er auf andere herabblickte, die es nicht so weit gebracht hatten, wie er. Wahrscheinlich, weil sie sich nicht so engagiert hatten. Es war ihm ein Greuel, wenn andere sich, seiner Meinung nach, durch Dummheit ausweisten, wenn ihnen die Argumente fehlten, weil sie über das Hintergrundwissen nicht verfügten.
Roland hatte eine Menge Schubladen, in die er die Menschen steckte, Faule, Charakterlose, Dumme, Ungepflegte, Gescheiterte, Irrende, usw.usw.. War ja auch einfach und paßte sich seinem eigenen Charakterbild und seiner eigenen Haltung an, bloß keine Nähe aufkommen zu lassen, sich bloß nicht mit dem Gegenüber zu beschäftigen, warum auch? Er fühlte sich einfach großartig und da brauchte er eigentlich Niemanden. Seine Anerkennung holte er sich über seine Arbeit und über den Erfolg bei Frauen, auch wenn diese nicht lange bei ihm blieben, aber das wiederum, das wußte er ja, lag nicht an ihm.
So kam es eines Tages ganz anderes, wie Roland jemals gedacht hatte. Eines Morgens fühlte er einen Schmerz in seiner linken Hüfte. Zuerst beobachtete er es nicht weiter. Aber als der Schmerz auch tagsüber immer wieder auftauchte, ging er zum Arzt. Es ging alles sehr schnell! Sofort Operation. Ein Tumor hatte sich in seinen Unterleib gefressen. Tumor! Er konnte das Wort kaum aussprechen! Tumor! Wieso er? Wie kann das passierern, wo er doch alles getan hat, Sport, Ernährung, Körperhygenie, gesunde Lebensweise halt. Er fiel in ein Loch, ein tiefes, hatte plötzlich keine Strategien mehr, wie er mit dem Scheitern seines Körpers umgehen sollte.
Qualvoll war der Weg für ihn durch wochenlange Therapien, einzig aufrecht hielt ihn der Gedanke, dass, wie die Ärzte sagten, es Erfolg haben könnte und dass er bald wieder arbeiten könne. Und so kam es auch.
Angeschlagen zwar, aber wieder ganz der Alte, erschien Robert nach einem halben Jahr wieder in seinem Job. Wollte weitermachen, wie er aufgehört hat. War nur ein kleiner Zwischenfall, eine Betriebsstörung sozusagen. Er ging ans Tagewerk, aber irgendwie schienen ihm die Dinge nicht mehr so zu gelingen. Außerdem war da der neue, jüngere Kollege, der mit großem Tatendrang vorpreschte, der, was ihm schwer fiel, zuzugeben, unglaublich einfallsreich war und seine Ideen in einer Geschwindigkeit umsetzte, wovon Roland nur geträumt hätte.
Aber Roland ging stoisch seinen Weg weiter. Er verschanzte sich weiter hinter seinem Hochmut, den er selber gar nicht bemerke, und den auch die Krankheit nicht zerstört hatte. Im Gegenteil. Roland war der Meinung, dass seine vorerstige Genesung nur seiner inneren Stärke, seinem unerbittlichen Kampf zufolge, eingetreten war. Und darauf war er stolz, das ist ja mal klar.
So war es ein Schlag ins Gesicht, als sein Chef ihn eines Tages ganz unvermittelt ins Büro rief und ihm nahelegte, er möge sich doch um einen anderen Arbeitsplatz bemühen. Es ginge so nicht mehr mit ihm. Er sei zu langsam geworden, seine Ideen schlugen nicht ein, sie seien zu konservativ, nicht dem Geist der Zeit angepaßt. Roland wußte nicht, wovon er sprach, sein Chef. Wieso hatte er ihm nie etwas gesagt, vorher, meinte er, er sei doch jetzt schon längere Zeit wieder dabei. Er fiel aus allen Wolken, als sein Chef ihm offenbarte, dass das ja gar nicht möglich gewesen wäre, dass alle kleinen Hinweise, die man ihm gegeben hätte, an ihm abgeprallt seien, dass Worte keinen Empfang bei ihm gehabt hätten. Jeder in der Firma hätte doch seinen Hochmut und seine Arroganz gesehen, hinter der er sich versteckt habe.
Für dieses Geschehen, für beide Geschehen, die Krankheit und die angeratene Kündigung, Lebenssituationen, mit denen er nie gerechnet hatte, hatte Roland keine Stratetgie. Plötzlich fiel alles von ihm ab, und er sackte zusammen, wie ein Häufchen Elend. Er wurde mit einem Gefühl konfrontiert, dass er nie zuvor in seinem Leben kennengelernt hatte:" Schwäche!" Ja, er fühlte sich auf einmal so schwach, so hilflos, so ausgeliefert.
Nach einigen Tagen erschien Roland nicht mehr bei der Arbeit. Ein Strudel von Gefühlen hatte ihn erfaßt. Man nannte sowas Depression, sagte ihm sein Hausarzt. Als Robert in den Spiegel sah, morgens, nach dem Aufwachen, erkannte er sich nicht mehr. Seine Mutter, die ihn sein Leben lang protegiert hatte, wußte auch keinen Rat mehr, er hatte keine Stütze im inneren, wie im äußeren.
Eines Tages schlenderte er gedanken- und motivationslos durch die Stadt und kam an einem Fenster einer kleinen Buchhandlung vorbei. Er studierte flüchtig die Auslagen, sein Blick haftete jedoch an einem kleinen Büchlein mit dem Titel"Sprichwörter!". Darunter stand in goßen Buchstaben:" Hochmut kommt vor dem Fall!"
Roland wußte nicht warum, wieso, aber dieser Spruch traf ihn bis ins innerste Mark. Hochmut! Dieses Wort hatte er noch nie gehört. Er ging in den Laden, kaufte sich das Büchlein und verschwand damit nach Hause.
Beim Lesen des Büchleins stieß er auf einen Verweis einer Geschichte aus dem alten Testament. Hiob war der Protagonist. Eine Geschichte des Scheiterns eines Mannes, der alles im Leben gehabt hatte, wovon andere nur träumten.
Wie die Geschichte seines Lebens weiterging? Ich laß es mal offen! Es gibt viele Möglichkeiten!
Übrigens! Hochmut ist einer der sieben Todsünden! 