Ich schreibe einfach gern:)
Warum mich in dieser Jahreszeit immer Kindheitserinnerungen überfallen? Ich weiß es nicht. Vielleicht die frühe Dunkelheit, die einlädt sich zurückzuziehen. Den Kamin angezündet. Ja, wir haben einen alten Kachelofen, mit dem man zwar nicht mehr die ganze Wohnung beheizen kann, jedoch für ein paar Holzscheite, das Ofenfenster geöffnet, reicht es. Einfach davor sitzen, ein Gläschen guten Weins und in die lodernden Flammen hineinversenken, dem Knistern des Holzes lauschen.
Draußen tropft der Regen auf die Fensterbänke, ab und zu hört man das Vorbeirauschen eines fahrenden Autos, kleine Lichtpunkte tanzen an den Fenstern, wenn die Scheinwerfer ihr Licht durch die Straßen werfen. Nur eine Kerze an, sonst kein Licht, still sitzen und genießen, diesen Moment. Dann spüre ich sie immer, diese Sehnsucht nach einem richtigen Winter, so, wie ich ihn in der Kindheit erlebt habe. Aber vielleicht ist diese Sehnsucht auch angeregt durch die vielen Gespräche mit dem Töchterchen, die jetzt in Insbruck verweilt. Schnee, haben wir Mama, aber die Sone scheint. Jede freie Minute raus in die Berge, Wanderungen und ab und zu, wenn es reicht, finanziell meint sie, eine Tour mit dem Snowboard. Es gibt für jeden Monat ein anderes Vergnügen, denn der Schnee verändert sich, sagt sie. Mal ist er für´s Skifahren geeignet, mal für´s Snoaboadfahren, mal für´s Schlittenfahren! Vielleicht sind es diese Gespräche, die die Erinnerungen wachrufen. Schlittenfahren? Wann hab ich das dass letzte Mal getan. Welch ein Vergnügen.
Schnee? Ich weiß, es ist alles erklärbar, klimatechnisch, es wird keinen Schnee mehr geben, zumindetens nicht in unserer Stadt und wenn, wie im letzten Jahr, mal für ein paar Tage, ist er schnell wieder weg, durch die Wärme, die aus den Poren der Stadt dringt.
Aber früher, da war das noch anders. Selbst in Duisburg, in dieser häßlichen Kohelnpott-Stadt, vom Ruß der Schornsteine der Himmel grau-in-grau, die eingeatmetete Luft verschmutzte Lungen, setzte sich tief in die Poren der Haut. Dennoch, der Schnee fiel noch, blieb liegen und nichts wie raus. Wenn ich am Fenster saß, die Wolken sich verdichteten, die Nässe der bald fallenden weißen, herrlichen, nassen Flöckchen spürend und erwartend lauschte. Ich vermisse diese Stille der sich ankündigenden weißen Schneepracht. Merkwürdig, oder? Obwohl ich es solange nicht mehr geschaut und erlebt habe. Manchmal, morgens, wenn ich früh wach wurde, weil ich schon als Kind nie lang geschlafen habe, weil der Wasserhahn ständig tropfte, klack, klack, und mein Bett, dass ich mit meinem Bruder teilen mußte, und dass in der Küche stand, dann ging ich ans Fenster, setzte mich auf die Fensterbank und schaute in den frühen Morgen hinaus. Dann sah ich die Pracht der weißen Landschaft vor meinem Auge. Schneelandschaften verbreiten eine merkwürdige, anheimelnde Stille, fast so, als wenn sie die Trostlosigkeit des Lebens verdecken sie neu bekleiden wollen, ihnen ein anderes Gewand geben wollen.
Dann spürte ich in meinem Herzen auch einen Funken Hoffnung auf ein anderes Leben, aber noch mehr die Ungeduld des Herzens, hinauszugehen in diese Landschaft, mich von den weißen Flocken umhüllen, einhüllen zu lassen, die Kälte auf meiner Haut zu spüren, den Schnee in der geöffneten Faust zu halten, zu fühlen, zu schauen, wie er sich durch die Körperwärme auflöste, wie ein Zeichen, dass aller Schmerz sich ebenfalls irgendwann auflösen und verheilen würde. Ja, und sogar mit der Zunge hab ich ihn dann berührt, den Schnee, wußte ich denn damals, von Umweltverschmutzung, Chemikalien, die sich niederlaßen, die sich nicht verbieten lassen wollten, wohin sie ihr Gift fallen ließen? Dieser Moment des kühlen Nasses auf der Zungenspitze, der Geschmack nach nichts. Es war dieser Geschmack, der an nichts erinnerte, an nichts denken ließ, was ihm irgendwie ähnlich war.
Ja, und dann war es endlich soweit, den Haferbrei, der jeden Morgen dampfend auf dem Tisch stand, lecker, gesund, aber vor allen Dingen auch billig, verschlingend, beim Essen die Augen auf das Fenster gerichtet, ob die Flocken wohl noch fallen würden, die Schulbrote eingepackt in den Ranzen, den Schal flüchtig um den Hals gewickelt, die Wollstrumpfhosen, die ständig rutschen, nochmal kräftig hochgezogen, den Rotz aus der Nase mit dem Handrücken schnell nochmal abgestreift, wie man das so macht als Kind, mit dem Ärmel des Mantels, die Türe hinter mir zugeschlagen und da stand ich, fasziniert, ehrfürchtig, mich nicht trauend einen kleinen Schritt über die noch unberührte Pracht zu gehen. Es tat mir im Herzen weh, die weiße Schneedecke zu berühren, ich wollte gehen, sie berühren, aber sie nicht verletzen, beschmutzen, mit meinen Schritt, ich hätte mir gewünscht, damals, ich hätte über den Schnee wandeln können, ohne ihm die Unschuld zu rauben. Die Kälte schmerzte, beim ersten Atemzug, verschlug mir den Atem, aber nur eine kurze Weile, dann war ich daran gewöhnt, ich zog die Fäustlinge aus und und faßte hinein und spürte zuerst die Kälte, wie kleine Nadelstiche, die sich nach einigen Sekunden in heiße Wärme verwandelten. Und ich war allein, meistens damals, auf dem Schulweg, vorbei an den Kohlehalden, die wie kleine Berge am Weg entlang zogen. Ich wich ab vom Bordstein, erklettere die weißbemalten Halden und träumte mich weg in ein anderes Leben und vergaß Zeit und Raum, dennoch pünktlich in der Schule, wie in Trance die Zeit spürend, wenn auch nur ein paar Minuten mich noch vom Unterricht trennten. Da standen sie noch, die anderen in einer Schlange, immer zu zweit, hintereinander und warteten auf den Lehrer, der uns in die Klasse leitete.
Im Unterricht dann selbstvergessen, den Blick wieder aus dem Fenster gerichtet, der mahnende Ruf der Lehrerin, wo ich sei mit meinen Gedanken. Woanders, wo niemand mir folgen konnte, wo ich geschützt war. Und dann endlich Pause, alles fallengelassen und raus auf den Hof, in die weiße Pracht, die sich wieder erneuert hatte, zwischenzeitlich, die Spuren des vorher verwischt hatten und wieder einluden zu neuem betasten, erforschen und in Beschlag nehmen. Schneeballschlachten, Schneemänner bauend verbrachten wir die Pause und innerhalb von einer Viertel Stunde war ich durchnäßt und verbrachte den Rest der ersten folgenden Schulstunde schlotternd und zitternd, nichts bereuend, nur wartend, dass endlich die Zeit vorbei war und ich wieder raus konnte, nach Hause, schnell essen, hektisch, unruhig, nicht anwesend, um wieder hinaus
zu können, den Schlitten schnell aus dem Keller geholt und dann ab auf die Berge der Kohlenhalden, rein ins Vergnügen. Rauf, runter, rauf, runter, den ganzen Nachmittag, bis die Dunkelheit den Abend einläutete, einer nach dem anderen verschwand, nur ich, ich wollte nie, nach Haus, ins Haus, hinein, wo ich mich fremd fühlte. Immer schon!
Ich würde gerne noch einmal einen solche Winter erleben, meine Nase an das eiskalte Fenster drücken, den herumstiebenden Schneeflocken zuschauen, die Eisblumen am Fenster beobachten, wie sie zu Blumen wachsen und Muster zeichnen, der Stille lauschen und mich einer anderen Art der Geborgenheit hingeben. Ich würde so gerne noch einmal durch den schneeverhangenden Wald spazieren, die kleinen Eiszapfen in den Tannenwäldern beobachten, wenn sie glitztern, weil die Sonne ihr Licht durch sie fluten läßt. Ich wünsche mir noch einmal einen solchen Winter.